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Alt 22.03.2006, 09:10
 
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Zeitges(ch)ehen

Gestern war der Tag der Poesie ! Hier ein Berliner Beitrag von mir:

Zeitges(ch)ehen
Berlins Strassen wecken meine Neugier. Strassen, die gezeichnet sind von Fußabdrücken, Rissen und Narben der Vergangenheit. Und nirgendwo als auf Trödelmärkten in diesen Strassen ist Vergangenheit so gegenwärtig. Wie durch einen Türspalt versuchen meine Augen von dieser Vergangenheit etwas zu erhaschen. Trödelmarkt. Hier türmen sich Dinge, gestrandet an der Endstation ihres Gebrauchtseins zu kunstvollen Gebilden auf wackligen Tischen; die gegenwärtige Vergangenheit aufgeschichtet zu einem Fundament von Zeitlosigkeit. Wenn meine Blicke jene alten Gegenstände streifen, die mit ihren Geheimnissen so einfach die Erinnerungen die sie in dieses Heute hinüber gerettet haben, lebendig werden lassen , dann kann es geschehen, dass meine Gedanken entlang an den Grenzen der Zeit zurückwandern.... " Was ist denn das hier?“ Zwei Teenager erfragen sich die Dinge und staunen über alles, was es auch noch vor geraumer Zeit im Hause ihrer Eltern gab. Weggeworfen; Dinge, die man früher von Generation zu Generation weitergereicht hatte und die in dieser High-Tech-Zeit und dem schnell vergänglichen Alltag keine Brauchbarkeit mehr finden . Ohne die Antwort des Händlers abzuwarten schlendern sie davon. Ob sie wohl ahnen, wie sehr sie Fremde im eigenen Haus sind und dass ihre Frage , während sie Davoneilen selbst schon ein Bruchstück ist; ein Rest von allem, was ihre eigene Zukunft ausmachen wird, irgendwann? Hier und Heute braucht man Zeit. Ich möchte Gast an diesem Heute sein , Gast im Leben einer alten Frau, die Kleider, Gürtel und Hüte feilbietet. Die Frau selbst scheint wie ein altes Kleidungsstück zu sein, wie ein guter alter Tuchmantel mit einem Seidenfutter. Solide. Jedes Kleidungsstück ist eine Episode, ein Schicksal. Nur wenig kann ich von der Vergangenheit der Frau erhaschen . Ich erahne nur, dass sie mit dem Plaudern die eigenen Erinnerungen in sich abfragt, und das die Dinge, die sie hier verkauft, etwas mit ihrem Lebensinneren zu tun haben. Ihr munteres Schwatzen erleichtert ihr möglicherweise das Weggeben und Verkaufen . Erinnerungen solcher Menschen sind die eigentlichen Gravuren in unserer Zeit; sie sind verwoben mit den Substanzen aus Idealem und Existenziellem und sie öffnen mir Türen zu einer anderen Welt. Für Sekunden. Ob wohl Erinnerungen fremder Menschen anders sind? Nein, nur ihre Lebensläufe sind anders. Im Verborgenen entfaltet sind diese Lebensläufe Raumabstraktionen, sind für mich Zeitreisen, sind Teilhaben am Leben. In diesen Zeitsprüngen kann ich den einzigartigen Flair des Gestern und Vorgestern erspüren. Trödel hat nichts Morbides und Zerfallendes oder an sich;
nein, es trägt dieses Lebendige der Zeitlosigkeit mit sich, die wir als Kinder
an unseren Großeltern entdeckten; denn Großeltern altern nie in unseren Augen. Wir kennen sie so , wie sie geworden sind mit der Zeit: gereift, erfahren, wissend und wahrhaftig. Hier auf einem Trödelmarkt scheint diese Wahrhaftigkeit jedes Ding zum Leben zu erwecken . Hier ist es möglich , dass die Erinnerungen die Sekunden zu einer Lebenszeitspanne dehnen, und die Vergangenheit für mich "bewohnbar" machen. Ein Flohmarkt schreibt seine eigene Geschichte. Er hat keine Kalenderbögen , die über Wochen hinaus die Zukunft sicherstellen wollen. Alles hier ist spontan. So wie das Leben. So wie meine Neugier, die mich am Vergangenen teilhaben lässt. Märkte wie dieser ,unter freiem Himmel haben nichts von ihrem Reiz verloren, haben nichts verloren von der Ursprünglichkeit aus ihrer eigenen Kraft zu leben . Märkte gleichen einem Kaleidoskop, welches die Bilder von Sekunde zu Sekunde verwandelt und doch stets ein Gleiches bleibt. So wie die Zeit ...
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