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Alt 27.03.2006, 02:38
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Ja, da bin ich mal wieder. Tut mir leid wegen der längeren Abwesenheit, aber ich hatte fast eine Woche einen Freund zu Besuch.
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Du (Homer) hast ja meinen Beitrag in einem verschlungen. Alta, reschpekt!
Über Identität: Du schriebst:

"Ich bin mir bewusst, dass ich selbst auch manchmal dieses Klischeedenken besitze, natürlich gibt es genauso deutsche Prollos bzw. Straftäter, aber ich denke von diesem Klischeedenken kann sich keiner ganz freimachen."
und:
"Tatsache, wie auch DameTR richtig vermutet hat, dass ich als Deutscher aufgewachsen bin, mit einem komplett deutschen Umfeld. Auf meinem Gymnasium waren so weit ich weiss auch überhaupt keine Türken"
Als ich klein war und den Diskriminierungen ausgesetzt war (in der Zeit hatte ich noch Unterstützung von meinem Vater) war es so:
Angriffsziel waren ja meistens meine geringe Körpergrösse und meine schwarzen Haare, dunkle Haut. Mein Vater sagte dann so Dinge wie:
"Aber du bist doch viel wendiger, beweglicher weil du klein bist. Du kannst doch viel besser durchs Gestrüpp laufen und turnen etc."
Ich hab mich dann quasi mit dem "Indianer/Dschungel"-Jungen identifiziert. Es hätte natürlich auch der turkmenische Reiter sein können. Das Image war aber nicht existent leider
Ich kenne jemand anders der ist halb-deutsch und die andere Hälfte ist kenyanisch/portugiesisch/indisch. Jau! Er hat sich immer mit Mowgli identifiziert und sich als Kind quasi mit dem Dschungelkind identifiziert. Er hat das ganz ähnlich berichtet.
"Dann kann ich eben gut rumspringen in der Natur etc."
Und irgendso eine Unterstützung braucht man, wenn man sich denn auch "wertvoll" und auch "schön" finden will. Er hat sogar sowas wie Schwimmhäute zwischen den Zehen und denkt, dass das vielleicht an seiner Vermischung liegt. Auf jeden Fall konnte er dann natürlich auch besser schwimmen (hat er sich dann eingeredet)!
Ein koreanisches Mädchen wollte auch nie diese hohen Wangenknochen haben, und wenn sie ihrem Vater dann erzählte: "Papa, wir wollten durch einen schmalen Spalt im Zaun und ich bin da wegen meinem breiten Kopf nicht durchgekommen" Und der Vater sagte seinem Mädchen: "Denk doch mal nach: Grösserer Kopf, mehr Gehirnmasse, deswegen bist du doch viel schlauer!"
Also so`n bisschen positive Diskreminierung war ganz hilfreich.
Nun sind wir ja keine Kinder mehr, aber trotzdem hilfts bestimmt, wenn wir hören "Assi-Türken", dass wir sagen können: "Ist aber so und so, ätsch!"
Sedef52 schrieb, warum Du nicht sagen würdest,
"das du ein halber türke bist?
du müsstest so stark sein, über die reaktionen einiger leute hinwegzusehen."
Das kannst Du meiner Meinung nach nur, wenn Du mit einem anderen Bein etwas fester stehst, etwas mehr kennenlernst auf was Du "stolz" sein kannst. Das Ergebnis muss ja nicht sein, dass Du Dich als Türke fühlst. Aber wenn Du ein bisschen erfährst über Land und Leute, wirds Dich wahrscheinlich nicht so verletzen (oder nicht auf DIE ART). Du weisst ja kaum wofür Du Dich schämen sollst, nicht?
Und das mit dem Italiener, Spanier, Inder...Das vergiss mal ganz schnell. War ich schon alles für andere Leute...
Und Du siehst gar nicht so aus, wie ein Türke! Alter willst du mich beleidigen?! Sag ich da nur noch.
Du wirst immer bunt, anders sein. Da kannst Du so erstmal nichts gegen machen, aber vielleicht was dafür.
Ich bin auch mein Leben lang auf Identitäts-Suche. Ich hab ne Zeit lang geglaubt, meine ethnische Herkunft wär nicht DAS Identitätsproblem, ich fand das lange überbewertet aus MEINER Weltsicht. Ich war auf Identitäts-Suche als Mensch. Fand das wesentlich essentieller, existenzieller, meinte DAMIT sollten sich mal alle Menschen beschäftigen.
Aber die Realität hat mich immer wieder eingeholt.
Du schriebst:
"Die Angst ist einfach da vor abfälligen Bemerkungen, wie ich sie, auch ohne dass man was über meine wahre Identität wusste, erfahren habe, z.b. Ausdrücke wie Kanacke usw."
Da gibts ja ne ganz gute Methode schon öfter angewandt:
Die Schwulen (so wurden sie ja erst von den Anderen genannt), nannten sich irgendwann einfach selber schwul.
Die Schwarz-Amerikaner nannten sich irgendwann selber Nigger, Und die deutschen Kanaken nannten sich irgendwann selber so.
Natürlich nicht alle "Nigger" und auch nicht alle "Kanaken".
Angefangen hat in meinen Augen ein türkischer Sänger, der leider vor einiger Zeit verstorben ist: Cem Karaca.
Er kam in den 80ern nach D-Land ins Exil (war zu politisch) und sang:
"Du bist Kanake, ich bin Kanake, wir sind alle Kanaken."
Heisst bei den Neukaledoniern "Mensch"
http://de.wikipedia.org/wiki/Neukaledonien
http://de.wikipedia.org/wiki/Kanake_%28Schimpfwort%29

Also, du musst in die Türkei fahren, sag ich mal. Optimal wäre natürlich, wenn Du jemanden zumindest teilweise dabei hättest, der türkisch kann.
Aber auch ein ganz normaler Touristen-Urlaub würde Dir bestimmt schon ne Menge Spass machen. Du kannst hier bestimmt auch viele gute Tipps bekommen, wo man schön Urlaub machen kann. Lykien z.B. soll schön sein. Da war ich noch nie, habe aber riesig Bock:

http://www.olymposturkmentreehouses....es_olympos.htm
http://www.olympos.de/
http://www.kelebekvadisi.com/
http://www.geocities.com/kelebekvadisi/kelebeking.html
http://www.zevzek.com/special/butterfly.htm

Nochmal zum Klischeedenken, von dem ich mich als "aufgeklärter Europäer" früher auch nicht frei machen konnte. So habe ich meinem Vater auch nicht Dinge glauben wollen, dass Yogurt türkisch ist, oder Jacket, Tasse und Cake aus dem arabischen kommen.
"Ne, ne, den hat bestimmt jemand wie Danone erfunden, oder das kommt aus dem Englischen..."
Tja. Man wird einfach total beeinflusst von dem was sowohl Medien einem vorgaukeln oder auch die Auffassung unserer Lehrer ist.
Was die "Disco-Prolls" angeht, erklär ich mir das etwa so:
Wird man von der Umwelt als "hässlich" stigmatisiert, übertreibt man das oben erwähnte Mowgli-Schema vielleicht, und legt sich nen bisschen zu viel unter die Sonnenbank, und kombinert das vielleicht noch mit orientalischen Tendenzen zu "Ausschmücken, Spieltrieb" etc.
Ein anderes Beispiel: Den Juden wurde in älteren Zeiten verboten bestimmte Nachnamen zu tragen (ich weiss jetzt nicht genau welche).
Dann haben sie sich besonders schöne ausgesucht: Rosenbaum, Rosenfeld, Stern....etc
Das war dann natürlich auch wieder nicht in Ordnung.
Also tragen wir unsere schönen schwarzen (Brust-)Haare zur Schau, und Gold sieht auf dunkler Haut auch viel besser aus! lol.
Was aber auf jeden Fall ein Unterschied ist, dass Türken einen auf jeden Fall wesentlich weniger wegen Äusserlichkeiten diskriminieren, hab ich zumindest noch nicht erlebt.
Ich kann mich erinnern, als ich beim muttersprachlichen Ergänzungsunterricht war, dass dort ein sehr unattraktives Mädchen war (ich möchte heute gar nicht mehr hässlich sagen).
Das sagte ich einem andern Schüler. Und der sagte in etwa "Das ist aber nicht in Ordnung, deswegen darf man jemanden aber nicht anders behandeln. Das ist "ayip" (unanständig/schändlich).
Auch einem "Penner", Bettler wird in der Regel nicht respektlos begegnet.
Und wenn ein kleines Kind sich nicht ordentlich verabschiedet, oder z.B. kein Luftkuss wirft, ist es eben auch "ayip" das zu tun.
Der Respekt ist ein ganz anderer. Wenn die Familie zusammensitzt, bekommt jeder seinen Raum und Aufmerksamkeit. Wenn das Kind etwas erzählen will, hören alle zu und ermutigen es. Andererseits lernt es auch selber Rücksicht zu nehmen. Es gibt eigentlich ständig dieses "ayip".
Im Gegensatz zu vielen Eindrücken, die ich hier sammel, wo Kinder oftmals nur disziplinert werden, ohne dass man es ihnen erklärt, oder respektlos (!) behandelt werden, empfinde ich es in der Türkei als wesentlich liebevoller.
Ich seh z.B. auch wesentlich weniger türkische jankende Kinder.
Ich habe viel als Verkäufer gearbeitet. Da kommts dann schonmal vor, dass Eltern sich 2-3 Stunden lang eine Video-Kamera anschauen, um ihr Familienglück festzuhalten. Das Kind verreckt derweil schonmal fast, weil es Durst hat, oder ist völlig jankig, weil es Langeweile hat.
Da kommts dann schonmal vor, dass wenn ich das Kind ablenken will, ihm zulächel, zuzwinker, dass die Mutter kommt, es am Handgelenk packt und vor mir wegzerrt.
Da bin ich nur sprachlos vor so viel Dummheit. Wäre ja nicht so, dass das Kind, dass sich gerade beruhigen wollte, nicht wieder losplärrt.
Es gibt in der Türkei viel mehr Regeln. Es gibt einen Spruch für alles mögliche. Wenn Du bei der Arbeit gesehen wirst, solls Dir leicht fallen, wenn Du aus der Dusche kommst, Du neue Kleidung hast etc.
Vielleicht empfindet der ein oder andere das auch als lästig.
Ich denke, dass einige feste Regeln, Normen ganz gut für die Menschen sind.
Man kommt z.B. viel schneller ins Gespräch.
Alle sind bestimmt auch nicht toll, wenn sie z.B. die persönliche Freiheit von Mädchen/Frauen einschränkt, aber man sollte das beste zusammenwerfen, find ich. Wenn ich sehe wie viele deutsche Frauen, die Gutmütigkeit oder Harmonie-Bedürfnis ihrer Männer ausnutzen, und scheinbar mit ihrer gewonnenen Macht nicht umgehen können, ist es das eben auch nicht!
Bei Türken wird wesentlich mehr gelobt! Und Sachen positiv, grossartig dargestellt.
In der Schule hiess es meistens "Das (Lied) find ich gut.Oder: Nicht schlecht"
Selten aber :"Schön".
Wenn ich jemanden lobe, passierts oft, dass der oft verdutzt guckt, um dann kurz drauf loszulegen, ja warum er das natürlich gut kann und so. Arrrgh!
Da setzt dann nämlich wieder genau der Effekt ein, den viele Türken bei Deutschen als überheblich bezeichnen, oder "von oben auf den Kopf spucken"
Z.B. immer mal nen Witz auf anderen Leuts Kosten machen, oder Du erzählst ne interessante Geschichte, und er muss unbedingt sofort seine noch coolere Geschicht erzählen.
Oder die Freundin kommt gerade, braucht nen Küsschen, und Dein erzähltes ist sofort weggewischt.
Oder du lernst mit einem Freund zusammen 1-2 Frauen kennen, checkst mit deinem Freund noch eben wie die Interessenslage ist, oder im anderen Fall sagst Du: "Hör mal, an der hab ich aber Interesse", aber er kann sich trotzdem nicht ein einziges mal zurücknehmen. Braucht alles für sich. Mein Yugo-Freund erzählt mir auch, dass es da einfach öfter mal so ist, dass der nicht betroffene Freund, sich einfach mal zum Idioten/Kasper macht, damit sein Freund schön dasteht. Hier läufts oft umgekehrt.

Ich habe hier oft Leute connectet, nach dem Motto: "Oh, du machst das und das. Da kenn ich aber jemanden, mit dem solltest du mal Kontakt aufnehmen,"
So etwas erlebe andersrum äusserst selten.
Dann streif ich durch Istanbul, und komme überall ruckzuck auf die selbe Art und Weise mit den Leuten zusammen. An der Bushaltestelle. Du fragst nur nach dem Bus. Was macht ihr? Ah, Handtücher! Ich kenn jemanden....Zack Telefon-Nummer, email, gleich noch den Anruf mit dem Handy zum Cousin in D-Land hinterher.
Oder so praktisches Verhalten oder Handgriffe.
Ja, das sind alles so Sachen, die ich oft als meine persönlichen Eigenarten angesehen habe, und sie dann in der Türkei wiederfinde. Woher kommt das, frag ich mich oft, sind das nicht
Eigenschaften, die ich mir selber angeeignet habe? Oder meine "Multi-tasking-Fähigkeit" z.B.? Haben da aber fast alle drauf. Gleichzeitig telefonieren, noch mit jemandem anderen reden und Wechselgeld rausgeben. Das machen die Araber hier im Telefon-Cafe aber genauso.
Ich denke es ist ein Misch-Masch. Vieles ist wahrscheinlich nicht speziell türkisch.
Vielleicht sind hier einfach nur viele Dinge verschütt gegangen.
Ein Unterschied für mich ist aber, dass ich dort dazu gehöre. Und lustigerweise habe nicht nur ich dieses Gefühl, sondern mein deutscher Freund erlebt es in der Türkei ähnlich (wenn auch mangels Sprache eingeschränkt).
Dieses Zusammengehören ist eine unserer grössten Stärken. Kann mir niemals vorstellen, bei einer Schlägerei z.B. meinem Schicksal überlassen zu werden. Ist bestimmt auch ein grosser Reibungspunkt für Deutsche ("Die halten ja immer zusammen"). Ja, aber bist du auf unserer Seite, hast du nichts zu befürchten.
Wie auch immer Deine Identitätssuche aussehen wird, denke ich aber, es kann Dir nur von Nutzen sein, etwas von den Leuten, der Kultur kennenzulernen. Mach es, mach es, mach es!
Hab keine Angst wenn Dich jemand anfasst. lol. Klingt vielleicht erstmal platt, hatte ich aber auch so, dass ich mit deutschen Freunden/innen bei meinem Onkel sitze, sein Freund ist auch gekommen, den ich noch nicht kenne, und nach 10 Minuten legt er auf dem Sofa seinen Arm um mich, und sagt "Na was macht die Liebe". Also ich hatte nicht Angst. Aber ich dachte: "Der kennt mich doch gar nicht" Schon eine Stunde später dachte ich: "Mann, warst du ein Idiot. Der ist TOTAL nett!" Dann kommt die Rede auf seine Liebe. Sie war in London. Sie haben sich schon lange nicht gesehen, und er fängt hemmunslos zu weinen an! Mein Onkel sagt (und damals war das noch unbezahlbar), "Los, ruf sie an!"
Das sind eben auch Türken.
Du merkst, ich könnte immer so weiter schreiben. Wir sollten halt voneinander lernen. Vielleicht gelingt es Dir wertvolle Erfahrungen, Eigenschaften dazu zugewinnen. Es wird nicht so schwer sein.
Türkisch ist eine komplett andersartige Sprache, ein völlig anderes System, und sie mag für europäische Ohren auch ungewohnt klingen. Und Vokabeln kannst Du auch nicht viele ableiten (ausser nem Haufen französische).
Aber: Ich kenne keine andere Sprache, die so logisch aufgebaut ist, und so regelmässig ist (d.h. wenig Ausnahmen). Da kann nichts gegen anstinken, auch nicht lateinisch. Du musst erstmal nur Endungen lernen, und dass Prinzip der Vokalharmonie verstehen.
Fast alles wird aus diesen Endungen abhängig von der Vokalharmonie gebildet: Zeit, Passiv, Plural, Ortsangaben, Hauptwörter...
Du würdest bestimmt noch zu dem Punkt kommen, wo Dir auch für die deutsche Sprache hier und da ein Licht aufgeht.
Bleib weiter neugierig, machst Du einen Schritt auf Türken zu, wirst Du doppelt zurückbekommen.
Was ich sehr interessant finde:
Ich habe das Gefühl, dass in der deutschen Kultur Neugier oft negativ behaftet ist.
Im türkischen heisst "merak etmek" - neugierig sein auf, sich Sorgen machen um...

In diesem Sinne,
übrigens, ich sehe, Du bist aus NRW, ich auch, wenn Du Lust hast, kann man sich ja auch mal treffen. Nur keine Hemmungen!
Tschüssi,
canseven
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