Thema: lieber Zerd
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Alt 15.05.2006, 18:08
Zerd Zerd ist offline
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AW: lieber Zerd

liebe anouk, ich versuche, die dinge aus der perspektive des gelebten augenblicks aus zu betrachten. und da scheint es mir durchaus so, dass ein spannender moment subjektiv schneller vergeht als ein langweiliger, ganz unabhaengig davon, ob dieser moment nun innerhalb einer alltaeglichen handlung vorkommt oder einer gaenzlich aussergewoehnlichen (auch wenn ich nur einmal in fuenf jahren in einer kilometerlangen schlange stehe, kann das furchtbar langweililg und langwierig sein und auch bei der taeglichen arbeit kann es durchaus eine sehr interessante aufgabe geben, die die zeit im flug vergehn laesst). aber natuerlich ist es auch so, dass wenn man auf eine phase zurueckblickt, die hauptsaechlich von staendig sich wiederholender routine gepraegt war, diese phase einem leer und nur aufgrund dieser ereignislosigkeit schnell vergangen vorkommen muss, obwohl dem meiner ansicht nach im gelebten augenblick gar nicht so gewesen ist.

liebe mar, ich will dir gar nicht widersprechen, sondern kann nur versuchen, auf die unterschiede unserer ansaetze hinzuweisen, die dann zwangslaeufig zu den unterschiedlichen ergebnissen fuehren. beim versuch, zu einem bild des ganzen ohne weit gehende qualitative gegensaetze zu gelangen, bin ich bestrebt dualismen aufzuloesen wo es geht und sie ansonsten nicht weiter zu kultivieren, indem ich sie zu unumgaenglichen bestandteilen oder voraussetzungen meines bildes mache. zu diesen dualismen gehoert auch die aufteilung der erkenntnisse in apriori und aposteriori erkenntnisse. ebenso halte ich es auch mit der vorstellung einer linearen entwicklung sowohl im historischen massstab als auch im Masstab eines einzelnen menschen. der gedanke der linearitaet setzt kriterien und massstaebe voraus, anhand derer wir den linearen verlauf auftragen koennten und die uns absolut gesehen fehlen. aber selbstverstaendlich laesst sich diese linearitaet denken, wenn an einem bestimmten punkt der gedankenkette subjektive kriterien zu absoluten erhoben werden. und daraus entsteht dann wiederum die notwendigkeit, die zeit zu denken.
grundsaetzlich muss ich immer wieder dazu sagen, dass ich fuer meine sicht der dinge keinen anspruch auf vollstaendigkeit erhebe. im gegenteil, gerade die unvollstaendigkeit jeder mir bekannten sichtweise ermutigt mich dazu, sie nicht nur in kauf zu nehmen, sondern sie geradezu zum prinzip zu erheben.
was das beispiel mit der schwangerschaft betrifft, moechte ich nur anmerken, dass jede frau diese erfahrung auf ihre ureigene weise zu machen scheint, je nachdem, wie und wie sehr sie sich auf diesen prozess einlaesst. und genau dasselbe trifft auch fuer den mann zu, der ebenfalls ganz erheblichen hormonellen schwankungen und veraenderungen unterworfen sein kann in dieser zeit. aber gerade diese individuellen abweichungen wuerden doch wiederum fuer den ansatz sprechen, dass sich jeder mensch seine welt selbst schafft. waren es nicht die strukturalisten, die selbst geschlechterspezifisches auf gesellschaftliche konditionierung zurueckfuehren zu koennen meinten.
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