Thema: lieber Zerd
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Alt 16.05.2006, 22:24
Anouk
 
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AW: lieber Zerd

So, nach einem ausgedehnten Abendessen auf dem Balkon mit viel Vogelgezwitscher kommt mir ganz etwas anderes in den Sinn: - kann es sein, dass Eure Sichtweisen sich eigentlich gar nicht so sehr unterscheiden, wie Zerd es zuletzt herausstellte? Tatsächlich fühle ich mich provoziert, zwischen den Zeilen zu lesen, mir einen Reim auf Eure (laut Zerd) "unterschiedlichen" Herangehensweisen zu machen - und dabei musste ich einfach - lächeln...
Ein stillvergnügtes, lächelndes Wiedererkennen, das sich gewöhnlich erst aus dem Kontext eines langen Gespräches, einer zunehmend vertrauten Zwiesprache ergibt.

Ist das nicht seltsam? Denn in Wahrheit ist es ja eher ein Herantasten und Beschnuppern, und subjektive Assoziationen, die Vorstellung, über Zeit und Raum hinweg geistig Brücken schlagen zu können, tun dann ihr Übriges, das Gefühl einer Verbundenheit hervorzukitzeln, die objektiv, d.h. ohne die Kraft der Phantasie, gar nicht denkbar wäre.

Ihr merkt, ich bin skeptisch. Oder vielleicht auch nur: nicht entschieden. Denn Phantasie ist ja per se ein Geschenk, ein Wunder, für das ich mich täglich aufs Neue begeistern kann - aber sie kann auch, ganz janusköpfig, ein Fluch sein, wenn man sie nicht zu bändigen weiß. - Sowieso glaube ich, dass sämtlichen Eigenschaften, Leidenschaften, Fähigkeiten und Talenten immer eine gewisse Ambivalenz zu eigen ist: nicht in einem dualistischen, sondern in einem vieldeutigen und komplexen Sinne wie es in klassischen Trägödien aufscheint. Aber ich will nicht abschweifen; es ist nur ein Thema, das mich immer wieder und wieder und wieder fasziniert. Denn: (und jetzt schweife ich doch ab!): wenn man zum Beispiel eine an sich völlig neutrale Eigenschaft wie Intelligenz betrachtet, müsste man nach gängiger Meinung davon ausgehen, dass das etwas ungemein Positives, in jedem Fall Begrüßenswertes ist. Aber wie viele Menschen nutzen ihre Intelligenz einzig, um ausschließlich sich selbst (und niemandem sonst) Vorteile zu verschaffen - bis hin zum Begehen eines scheinbar perfekten, kaltbütigen Kapitalverbrechens?

Okay, das hat hier nichts mit dem Thema zu tun, und daher werde ich den Gedanken jetzt auch ganz schnell unredigiert wieder einsammeln und mich vom Acker machen - aber faszinierend und für mich bis heute immer wieder unergründlich ist es doch, dass jede an sich positiv konnotierte Eigenschaft auch zugleich ihr Gegenteil in sich trägt: den Keim ihrer eigenen, äußersten Zerstörung - vollkommener Destruktion...

Und genau das, meine ich, unterscheidet den Menschen vom Tier. Nichts weiter. Aber das war nun ein weitschweifiger und etwas ketzerischer Exkurs, der hier eigentlich gar nicht hingehört.

Eigentlich wollte ich auf Eure beiden letzten Postings antworten und glaube, zweierlei herausfiltern zu können: Während Du, Mar, ein (zumindest nach meinem Empfinden) ein sehr ganzheitliches Fließen von Zeit in den Mittelpunkt Deiner Überlegungen stellst und im Rückgriff auf Schwangerschaft und Geburt ausgesprochen "weiblich" argumentierst, stellst Du, Zerd, sofort ein lineares, logisches, naturwissenschaftlich begründbares Modell dagegen. Klassisch "männliche" Denke ... wenn ich das mal ganz zart anmerken darf.
Denn Du bist Zerd!, das hab ich verstanden und nehme Dich als solches (solchen? solche?) auch wahr. Trotzdem muss ich nochmal da nachhaken, völlig unabhängig und unbeleckt von mathematischen Interessen (geschweige denn Kenntnissen): WER, zum Kuckuck, beansprucht eigentlich diese ungeheuerliche Arroganz zu behaupten, dass 1 + 1 tatsächlich 2 ist?! Warum nicht von Fall zu Fall 7 oder 10, 20, 100?
Eine kindische Frage, das gebe ich zu! Aber eine, die zu stellen mich bis an mein Lebensende sehr wahrscheinlich begleiten wird - und zwar mit Genuss!!

Aber siehst Du, Zerd, das ist es, was einem nicht nur die Mathematik sondern auch die Freude am Dualismus dauerhaft vergällt: Dieser Wahn, alles zu definieren! Und das ist es, was ich mit meiner anfänglichen Bemerkung meinte: dass Mars und Deine Sichtweise nicht so unterschiedlich sind. Ich wage zu behaupten: sie sind ähnlich!

Und überhaupt: Müssen wir denn alles im Leben benennen? Scheibchenweise in gedankliche Partikelchen zerlegen, etikettieren und neu erfinden? Du selbst gibst die Antwort: Nein. Du schreibst (sinngemäß): Du seiest ein Gegner dualistischen Denkens und belegst das sehr eloquent.

Aber wenn das so ist: Warum konterst Du Mars Beschreibungen dann mit einem trockenen mathematischen Modell, statt ihr einfach Recht zu geben? Das scheint mir intellektuell, entschuldige bitte, nicht übermäßig geschickt. Denn: Wir sind alle nur Menschen. Wir alle wissen um die sich ewig wiederholenden Zyklen von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst, die sich im Kleinen wie im Großen wiederholen. Frauen werden aufgrund ihrer Biologie schon immer wieder mit der Nase darauf zurückgestoßen (obwohl ich ansonsten, weiß Gott nicht!, zu den Verfechtern biologistischer Modelle gehöre). Und Männer wissen das, glaube ich, auch. Falls sie nicht das Frühjahr zum steten Maßstab ihres Daseins erheben.

Aber das tun, so weit ich es überhaupt überschauen kann, doch wohl nur die Wenigsten. Narren, wenn Du mich fragst. Und Du beschreibst und empfindest es ja auch durchaus anders.

Verzeih, Zerd, ich will Deine Gedanken weder in Frage stellen noch Dich in irgendeiner Weise provozieren, aber angesichts von mars Überlegungen kam mir Deine Replik, auch wenn sie nicht so gemeint war, unfreiwillig dualistisch vor. Aber das ist, wie gesagt, nur mein persönlicher Eindruck, nach einem Glas Wein, nachdem die Gesänge der Vögel längst verstummt sind, an einem mondlosen und verregneten Abend.

Liebe Grüße

anouk

Geändert von Anouk (16.05.2006 um 23:02 Uhr).
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