Thema: lieber Zerd
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Alt 17.05.2006, 09:37
Zerd Zerd ist offline
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AW: lieber Zerd

liebe anouk, der wein scheint dir ganz offensichtlich gut zu bekommen. ich kann dich nur dazu ermuntern, dir haeufiger das eine oder andere glas zu genehmigen und anschliessend den gang zur tastatur anzutreten.

auch ich denke, dass es zahlreiche parallelen zwischen mars und meiner sichtweise gibt; vor dem hintergrund der in unserer zeit weit verbreiteten vorstellungen sind es wohl sogar weit mehr gemeinsamkeiten als unterschiede. unsere ausdrucksweisen moegen sich unterscheiden, was wohl auch mit unseren unterschiedlichen ausgangspunkten zusammenhaengen mag. aber dennoch wuerde ich meine argumentationsstraenge nicht als linear oder in naturwissenschaftlicher tradition sehen. gerade in meinem letzten beitrag weise ich wieder auf meine vorbehalte gegenueber der vorstellung einer linearen entwicklung hin.

fuer die vorstellung einer geschlechterspezifischen betrachtungsweise kann ich mich auch nicht so recht erwaermen. es mag zwar gewisse unterschiede in den subjektiven erfahrungswelten geben und dadurch resultierend auch in der bewertung gewisser fragen. aber gibt es diese nicht auch zwischen mann und mann und frau und frau. wie sollte es moeglich sein zu beurteilen, dass die einen unterschiede bedeutender seien als die anderen. abgesehen davon, meine ueberaus intelligente erste frau hielt mich gerade auch wegen meiner gedankenwelt immer schon fuer einen verkappten schwulen.

die frage nach der summe von eins und eins finde ich ueberhaupt nicht kindisch, sondern von zentraler bedeutung. es ist eindeutig so, dass es dieses konkrete "=" der mathematik in der welt ueberhaupt nicht gibt. gleichheit scheint eine auf theoretische konstrukte beschraenkte illusion zu sein. im grunde gleicht kein baum dem anderen, kein mensch dem anderen und kein stein dem anderen. es muss klar sein, welches ausmass an vielfalt und komplexitaet durch hilfsmittel wie sprache und mathematik in hirngerechte einfache happen reduziert wird. als ein ebensolches hilfsmittel bin ich auch geneigt die zeit anzusehen. wir haben es hier also in jedem fall mit stark vereinfachten naeherungen zu tun. und weil dem so ist, erweisen sich weltbilder auch so haeufig als self-fullfilling prophecies, der glaeubige entdeckt gott hinter jedem gartenzaun, fuer den astrologen bestaetigen sich immer und ueberall die sterndeutungen und der wissenschaftler erhaelt bei seinem experiment genau das vorhergesagte ergebnis.

noch kurz zu deinem vorletzten beitrag: ich bleibe dabei, ein genussvoller angenehmer moment, ganz gleich, ob in tiefer einsamkeit und ruhe oder in ausgelassener hektik, wird dem menschen wohl kürzer vorkommen als ein unangenehmer langweiliger moment. und ich denke auch, dass der mensch in der regel eher die momente ersterer art als die letzterer art anstreben wird. aber da wir hier von subjektiven eindruecken reden, kann ohnehin eine endgueltige entscheidung gar nicht getroffen werden und so kann man sich ganz den farben und klaengen hingeben, die einem - eben!- genehmer und willkommener sind.

ich halte nichts davon, noch nicht geschehenes im voraus zu bedauern und ich gehe davon aus, dass ich nach meinem tod zu keinem bedauern in der lage sein werde. von diesem standpunkt aus kann ich also, trotz dem jedem meiner einzelnen zellen innewohnenden triebs zum ueberleben, von einer gewissen gleichgueltigkeit gegenueber meiner lebensspanne sprechen. ich denke, ich muss das sogar tun, um einen authentischen bezug zu meinem leben aufzubauen, der nicht von verlustaengsten oder irgendeiner sonstigen weise vom bevorstehenden tod gepraegt ist, sondern ganz allein vom leben selbst.
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