Thema: lieber Zerd
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Alt 08.06.2006, 22:43
Anouk
 
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AW: lieber Zerd

Liebe Mar...

sieht so aus, als wärst du virtuell heiser geworden vor lauter Platon...
Aber man kann ja auch nicht immer in den schwerfüßigen Themen des Lebens herumstapfen; mir gelingt das nur begrenzt - sehr begrenzt, zumal der Sommer so schön ist und viel zu kurz, um die Zeit mit tiefschürfendem Zeugs zuzubringen. Aber beim Aufklaren des mit Papier übersäten Schreibtisches fand ich heute ein Notiz-, genauer: Tagebuch wieder, mit einem Text, den ich vor Jahren mal im Internet gefunden, ausgedruckt und vorn reingeklebt hatte, weil ich ihn so schön finde... und den möchte ich dir hier - Philosophie hin, Sommerabend her - nicht vorenthalten, weil er zumindest in meinen Augen viel Allgemeingültiges widerspiegelt. Einfache Weisheiten, denen auch ich in meinem Leben immer wieder begegne und an die sich zum passenden Zeitpunkt zu erinnern sehr viel wohltuender ist als, zum Beispiel, ein völlig unnützer Disput oder eine Kraftprobe zum falschen Zeitpunkt.

Denn ähnlich wie dir geht es mir auch; auch ich muss mich gelegentlich "bremsen" und innerlich ein bißchen an die Kandare nehmen. Aber Übung macht den Meister. Lange hab ich z.B. geglaubt, alles mit Kraft lösen zu müssen und hielt hochmütig für einen billigen Sieg, was nicht mit 200%igem Einsatz gewonnen war. Die - zugegeben widerwillige, aber doch sehr befreiende - Erkenntnis, dass es auch wesentlich filigraner und einfacher geht, betrachte ich persönlich als echten Gewinn. Der Druck, sich täglich neu beweisen und durchsetzen zu müssen, hat sich auf rätselhafte und ungeheuer beglückende Weise verflüchtigt. Streng objektiv gibt's ihn noch, ja. Aber für mein persönliches Erleben spielt das keine große Rolle mehr; es ist ja nur das Äußere...
Verstehst du, was ich meine? Oder drücke ich mich zu schwammig aus? Es geht, wie bei dir, um das kluge Sich-Zurücknehmen. Du hast dir ja z.B. vorgenommen, andere Menschen nicht mit deinem Denken und deinen aus Erfahrung gewachsenen Lebenseinstellungen zu "überfahren" - zumindest so habe ich dein letztes Posting verstanden (wobei ich mich allerdings, falls dich das beruhigt, von dir noch nie überfahren gefühlt habe). Schau, und mich fasziniert die Idee von einer zunehmenden, freiwilligen Reduktion aufs Wesentliche, damit das Eigentliche um so klarer hervortreten kann - auch wenn die Länge unseres Gedankenaustausches aus mancher Sicht vielleicht dagegen spricht...

Lass uns ein andermal darüber reden, wenn du magst! Hier erst einmal besagter Text, der mir immer wieder das Herz wärmt:

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Desiderata

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann. Stehe, so weit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen.

Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen ruhig zu, auch den Geistlosen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte. Meide laute und aggressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist.


Wenn du dich mit anderen vergleichst, könntest du bitter werden und dir nichtig vorkommen; denn immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als du. Freue dich deiner eigenen Leistungen wie auch deiner Pläne. Bleibe weiter an deinem eigenen Weg interessiert, wie bescheiden auch immer. Er ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten.


In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lasse Vorsicht walten; denn die Welt ist voller Betrug. Aber nichts soll dich blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale; und überall ist das Leben voller Heldentum.


Sei du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung, noch sei zynisch, was die Liebe betrifft, denn auch im Augenblick aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie Gras. Ertrage freundlich gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber erschöpfe dich nicht mit Phantasien. Viele Ängste kommen aus Ermüdung und Einsamkeit. Neben einer heilsamen Selbstdisziplin sei freundlich mit dir selbst. Du bist ein Kind Gottes genauso wie die Bäume und Sterne; du hast ein Recht, hier zu sein. Und, ob es dir bewusst ist oder nicht, es besteht kein Zweifel: das Universum entfaltet sich wie vorgesehen.


Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung du auch immer von ihm hast. Was auch immer deine Arbeit und dein Sehnen ist, erhalte dir den Frieden deiner Seele in der lärmenden Wirrnis des Lebens. Mit all der Schande, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist es dennoch eine schöne Welt. Strebe behutsam danach, glücklich zu sein.


(Die meisten Quellenangaben verweisen auf einen Eintrag in einem Kirchenbuch der alten St.-Pauls-Kirche, Baltimore, von 1692. Anderen Angaben zufolge wurde der Text im 20. Jahrhundert von dem amerikanischen Autor und Juristen Max Ehrmann verfasst und nach dem Abdruck in Broschüren der St.-Pauls-Kirche bekannt.)


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So viel zur guten Nacht.


Schlaf schön


anouk


P.S. Ist Zerd uns eigentlich abhanden gekommen? Das fände ich sehr schade...
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