Thema: lieber Zerd
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Alt 14.06.2006, 01:18
Anouk
 
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AW: lieber Zerd

Liebe Mar,

was für ein Tag! Es war so warm, dass mein kindliches Es (gar nicht japanisch) andauernd aufstampfte und nach Abkühlung verlangte: zum Strand! Ans Meer oder wenigstens ins nächste Freibad radeln! Eis essen, lesen, ausgiebig Füße und Seele baumeln lassen.
Nichts davon geschah. Auch die nächsten Tage werde ich abgesehen von kleinen Abstechern in die Außenwelt wie angenagelt am Schreibtisch verbringen und sehr erwachsen tun müssen. Soviel zum Stichwort Freiheit: letztlich ein sehr relativer Begriff. Darüber könnte man nun juxen oder – tragisch, bedeutungsschwer, sotto voce – Nikos Katzanzakis zitieren: "Ich hoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei." Aber das wird dem Satz nicht gerecht. Und sieh es mir bitte nach, wenn ich in relativer Freiheit, die zu manchen Zeiten auch eine absolute Unfreiheit beinhaltet, ein wenig herumstöhne, mit den Ketten rassele und mich überhaupt anhöre wie ein ganzer Gefangenenchor. Das legt sich wieder, versprochen, sobald die Nächte wieder kühler und die geistigen Galeerenarbeiten vollbracht sind.

Vor meinem inneren Auge sehe ich dich ungeachtet der Tageszeit auf einer Wiese, umschwirrt von Schmetterlingen. In Wahrheit hockst du vermutlich ganz prosaisch in der Küche, in irgendeinem Berliner Gartenlokal oder liegst schon im Bett. Unser Austausch, denke ich inzwischen, gleicht einem langen Fluss voller Krümmungen und Stromschnellen, der sich durch vielgestaltige Landschaften windet und mit immer mehr Treibholz anreichert: Treibholz nicht im wegwerfenden, sondern - im Gegenteil - wertschätzenden Sinne und übertragen auf Ideen, Bilder und Erinnerungen. Hier und da möchte man die Hand ins Wasser tauchen und etwas herausfischen, was den Strom der Erzählungen fortzusetzen geeignet scheint –

Du schreibst von Japan, Deinem „kleinen japanischen Ich“, das sich bescheiden zurückzieht und erst einmal beobachtet. Das versuche ich auch, oft, aber sag mir, liebe Mar: Kann man Leben und Beobachten einfach so trennen? Und wenn ja: Ist das abgesehen von situativen Verhedderungen, in denen man für sich selbst erst mal Klarheit gewinnen will oder muss, als Gesamthaltung wirklich erstrebenswert?

Früher hätte ich die Frage aus vielerlei Gründen mit Ja beantwortet. Inzwischen schon lange nicht mehr. Und auch das, meine ich, bedeutet Freiheit: langgehegte Überzeugungen über Bord werfen und, ohne zu wissen, wohin die Reise geht, sich aufmachen zu können zu etwas Neuem. Nicht in einem ahistorischen, verleugnenden Sinne, sondern im Bewusstsein, dass ein integraler Bestandteil der eigenen Biographie, Identität, des eigenen Selbst, sich mehr und mehr überlebt hat. Für das Morgen nicht unbedingt taugt, es sei denn als Ballast. Ein altes Prinzip: Panta rhei, alles fließt. Und ist es nicht viel einfacher, sich dem Wasser zu überlassen und darauf zu vertrauen, dass es trägt (denn Wasser trägt immer!), statt sich mit erlahmenden Kräften an die Wurzeln eines Baumes am Uferrand zu klammern? Man kann's sogar ausprobieren. Es gibt fast nichts Schöneres, als rücklings mit verschränkten Armen völlig bewegungslos auf dem Wasser zu liegen wie auf einem Bett, den Himmel zu beobachten und das Meer zu belauschen. - Okay, das klingt verrückt. Vielleicht ist es sogar verrückt, aber im Wesentlichen eine Frage der Atemtechnik.

Man kann gar nicht untergehen. Völlig unmöglich. Es sei denn, man will es; aber das ist was anderes.

Ja, Mar - auch das ist Freiheit, obwohl das jetzt gnadenlos subjektiv und kein bisschen philosophisch daherkam. Verzeih. Theoretisch geht es auch anders. Ein andermal...

Liebe Grüße

anouk

Geändert von Anouk (14.06.2006 um 01:21 Uhr).
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