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Alt 09.07.2007, 08:47
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AW: in 28 Tagen um die Welt

Dritte Etappe: Tonga

Teil-1
Ich schaffte es, einigermaßen kostengünstig, weiter in Richtung Osten zu reisen, mit Air New Zealand (NZ) in der Economy auf stand by basis. Also, mal ehrlich: ich war ja schon ein wenig verwöhnt, vom letzten Trip mit EK. Aber was mir hier als Dinner (Abflug war am Abend) angeboten wurde, habe ich zuletzt aus einer Hundefutterdose geholt. Angeboten als Beefsteak, bekam ich eine dunkelbraune geleeartige Fleischmasse im Blätterteigmantel vorgesetzt. Ich bin nun wirklich schon viel in der Gegend herum gekommen, aber so eine Fehlinterpretation des Begriffes „Essen“ war mir bis dato nicht zuteil geworden. Der Flieger, eine etwa hundert Jahre alte Boeing 767, war dermaßen verschlissen und heruntergekommen, dass man nur hoffen konnte, dass sie niemals ohne den Willen der Piloten herunterkommen möge. :vogel)

Aber der Weg ist das Ziel, oder das Ziel der Zweck des Weges. Also, Augen zu und durch, bis nach Tonga.
Beim verlassen des Flugzeuges blickte mich die Purserette etwas verschwommen an. Ob ich denn sicher sei, dass ich nicht doch noch eine Etappe weiter fliegen wolle? Der nächste Stop wäre Samoa, da könne man sich ein paar schöne Tage machen und dann weiter nach Los Angeles fliegen. Aber ich war mir sicher, ich wollte hier raus, auch wenn außer mir lediglich drei weitere Touristinnen ausstiegen. Es war bereits nach Mitternacht, als ich durch die Emigrations marschierte. Da ich mich nicht an die Citizens Schlange anstellen musste, ging es wirklich schnell. Das Gepäck dauerte zwar ein bisschen und beim Geldwechsler gab es auch noch die eine oder andere Unklarheit, aber dann konnte ich endlich in den bereitstehenden Minibus steigen, der nur auf mich und drei junge Chinesinnen, die anderen Touristen aus der NZ, gewartet hatte. Die Fahrt durch die tiefschwarze Nacht dauerte eine gute Stunde und erst kurz vor unserem Ziel, dem "Harbour View Motel Nuku'alofa Tonga" etwas außerhalb der Hauptstadt „Tongatapu“ leuchteten die ersten Straßenlaternen. Trotz der nächtlichen Stunde war es angenehm warm, als wir aus dem Bus stiegen und zur Rezeption gingen. Ein freundliches Hallo eine nette Begrüßung ein Bier an der Hausbar und dann ins Bett. Nicht wirklich einladend, aber auch nicht wirklich schmuddelig.

Der nächsten Morgen erwartete mich, mit einem leichten Frühstück aus Papaya, Mango, Annanas, Pancakes und einem abscheulichen, weil löslichen Kaffee. Ich bin für den Rest meiner Südseerunde auf Tee umgestiegen, da kann man nicht so viel falsch machen. Aber das frische Südseeobst zum Frühstück sollte mich bis ans Ende meines Tonga und Samoa-Aufenthaltes begleiten. Wie bereits bei meiner ersten Etappe: man muss sich die Städte erlaufen…. Also, los geht’s. Aber wie bereits erwähnt, das Motel lag etwas Außerhalb, so etwa dreißig Minuten bis zur Stadt. Aber ich laufe gerne und viel. Es waren an diesem Tag viele Wolken am Himmel, als Vorbote der nächsten Tage, die tatsächlich sehr verregnet und Buchverbindend werden sollten. Nun ja, es war warm, was solls. Der Weg in die Stadt, der Ort daselbst: ernüchternd. Ich kann mich nicht annähernd erinnern, jemals so viele große Kirchen auf so kleinem Raum gesehen zu haben. Später sollte ich erfahren, dass die Methodisten inzwischen mehr als 65% des öffentlichen Lebens ausmachen. Sie sitzen einfach überall, in den Kirchen, den Schulen, den Behörden, den Geschäften.

Aber was noch viel erschreckender war: es gab keine Touristen. Ich schlenderte vorbei an Geschäften, die zum Verkauf standen. An Restaurants und Bars, in denen niemand saß, vorbei an Läden ohne Kunden und an Autovermietungen mit überfüllten Parkplätzen. Um etwas in meinen Magen und Infos in meinen Kopf zu bekommen, steuerte ich ein kleines Lokal an. Zu meiner Überraschung waren die Besitzer Deutsche aus dem Osten der Republik. Sie erzählten mir, dass sie vor zehn Jahren hierher kamen, um es sich in der Sonne gemütlich zu machen. Als sie das Restaurant eröffneten, begannen sie mit zehn Mann Personal und immer vollem Haus. Heute steht Er am Grill und Sie an der Theke, für manchmal Gäste. Tonga sei unmittelbar vor einer Revolution. Der etwas übergewichtige König Taufa’ahau Tupou IV sei im Krankenhaus in Neu Seeland, sein Sohn verschleudere das Silber und die Tochter sei dabei, das Land an die meistbietenden zu veräußern. Sie empfahlen mir dringendst, das Land zu verlassen, solange es noch Flüge gäbe. Von ehedem 300 Deutschen seien noch etwa 12 Familien im Land, er Rest sei zurück nach Europa, oder nach Neu Seeland geflohen.

Äh, naja, mein Flug war für den übernächsten Tag gebucht, vorher gab es ja eh keine Verbindungen. Warum also verrückt machen lassen, dachte ich mir. Und trottete von dannen. Die Einladung zum Grillabend nahm ich natürlich und trotzdem an, es würden auch noch ein paar Freunde kommen, die auf einem Segelboot lebten. Ich schlenderte also durch die Stadt, begutachtete das einzige Königsschloss der Welt, welches ausschließlich aus Holz gebaut ist, fotografierte Gotteshaus um Gotteshaus und Friedhof um Friedhof und kehrte erst am Abend wieder zum vereinbarten Grillabend zurück. Es gab Neuigkeiten vom König. Es hieß, er solle in den nächsten Tagen nach hause kommen, um in Frieden in sein entgültiges Königreich übertreten zu können. Allerdings sei das für die sich im Land aufhaltenden Touristen nicht ohne Risiko. Sollte er König sterben, sagten viele Politiker einen Aufstand vorher, die Einheimischen würden schon mit den ersten Hamsterkäufen beginnen.
Rosige Zeiten, kann man da nur sagen. Aber nach dem sechsten Bier (in der Südsee trinkt man für gewöhnlich aus Literflaschen) wagte ich mich auch ohne Bodygards auf die Straße und in das nächste Taxi...

Der folgende Tag war hell und freundlich und der/das Zimmerboy/mädchen lächelte unverstohlen in mein großes Herz. Wer kann da noch Angst haben wollen? Ich mietete mir ein Fahrrad und vergrößerte so meinen Radius erheblich.
Erst jetzt viel mir auf, dass der Junge vom anderen Ufer nicht alleine war, auf dieser Insel. In Tonga und auch in Samoa, dem Ziel meiner langen Anreise, gibt es eine etwas gewöhnungsbedürftige Tradition. Gibt es in einer Familie nicht genügend Mädchen, wird der Letztgeborene einfach umerzogen. Das heißt tatsächlich, dass der kleine ab dem Zeitpunkt seiner Geburt ausschließlich Mädchenkleidung angezogen bekommt, wenn er größer wird im Haushalt hilft, kochen putzen waschen lernt und im Teenie alter anfängt sich zu schminken. Männer helfen nicht im Haushalt, sagt die Tradition und auf diese wird großen Wert gelegt, in der Südsee. Die“ tangata fakafefine“ , kurz: Fakaleiti ,hingegen werden auch im Erwachsenenalter von der Gesellschaft respektiert. Bei uns in Europa (und ich zähle die Türkei bereits dazu), werden Transsexuelle ja eher von der Seite angeschaut, in Kabaretts zur Belustigung ausgestellt, zumindest aber mitleidig belächelt. In Tonga hingegen gehören sie genauso zum Straßenbild, wie zum Beispiel der LavaLava, das ultimative Kleidungsstück der Inselwelten. Von der inneren Zerrissenheit redet allerdings niemand, als Hotelangestellte sieht man sie hingegen gerne, da sie nicht nur putzen, sondern auch Koffer tragen können. Als ich einmal fragte, ob er/sie einen Freund, oder eine Freundin habe, wurde in der Runde nur freundlich unverbindlich gelächelt.
Ich erkundete also den „Großraum“ Tongatapus per Pedes. Nicht die allerbeste Idee, wie ich feststellen musste. Autofahrer sehen hier die anderen Verkehrsteilnehmer noch weniger, als bei uns und der am Nachmittag einsetzende Regen verwandelte die Schlaglochpisten in Wasserlochteermatten. Aber ich kam mit Einheimischen in Kontakt und erfuhr so, unter anderem, dass die im Hafen vor sich hinrostenden Schiffe der chinesischen Hochseefischerei gehörten. Weil sie in tonganischem Hochheitsgewässer fischten, wurden sie kurzerhand beschlagnahmt. Nun rosten sie vor sich hin und keiner will sie mehr haben. Am Abend setze ich mich in ein Steakrestaurant im zweiten Stock eines Geschäftshauses in der Mainstreet, mit Blick auf das nächtliche Treiben der Stadtjugend. Nun ja, der Laden war nicht wirklich überfüllt. Nach mir kamen noch zwei einheimische Geschäftsleute, die mich auch unvermittelt an ihren Tisch baten. Man könne doch nicht alleine zu Abend sitzen. Wir unterhielten uns über die Lage in Tonga und dem Rest der Welt und auch die beiden Tonganer bewerteten die Situation am Königshaus eher kritisch. Man strebe eine ganz neu zu erfindende Demokratie an, weshalb der Neffe des Monarchen sich derzeit in den USA aufhielt, um demokratische Politiker zu Rate zu ziehen. (Dieser Neffe kam übrigens nicht mehr nach Tonga zurück, er starb in einem Krankenhaus nach einem Verkehrsunfall in Kalifornien.)

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Daß alle Menschen Brüder sind, erinnert nicht zuletzt an Kain und Abel.
(Hans Kasper (*1916))


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