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Alt 22.09.2007, 18:34
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mar mar ist offline
TT-Schreck
 
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TEIL1 : der tag an dem ich das E und das I verlor...

Es ist Zeit , scheint der Wecker zu sagen . Und rasselt los. Müde und unlustig stehe ich auf. Es ist ein ganz normaler Werktag, der mit einem starken Kaffee beginnt und dem Rennen nach der U-Bahn.
Ich bin immer sehr glücklich , wenn ich das Schnurren der U-Bahntüren höre, denn das bedeutet für mich, das ich mich für 20 Minuten aus dem Zeitgefüge der Eile und der Hast ausklinken kann.
Es ist schon merkwürdig , wie sich die Wirklichkeit eines Tages verkleiden kann . Sie kommt daher als ein Kinderwagen, den eine noch schläfrige Mutter schiebt, als Mann, der die Zeitung hastig durchblättert, als junges Mädchen mit dem Kaffee to Go , als Wichtigtuer, der einen teuren Laptop auf seinen Beinen plaziert…..keine Zeit! Immer in Eile! alles mit Tempo! So zeitmessend die Worte klingen, so unklar sind ihre Bedeutungen auch. Der Mensch und die Hast im Alltag, das ist fast untrennbar…

Solche Gedanken gehen mir durch dem Kopf , als am Hermannplatz eine Frau einsteigt. Eine weiße Umhängetasche, die Träger teilen die schwarze Kleidung längs, wie ein großer zeiger einer Uhr . Ich sehe kurz auf, registriere sie und will weiter vor mich hin träumen. Plötzlich höre ich ein Klicken. Stille. Wieder ein Klicken, und das in regelmäßigen Abständen. Meine Neugier lässt meinen Blick heben und der bleibt haften an den Händen dieser Frau. Sie hält eine runde ,glänzende Stoppuhr in der Hand. Im Minutentakt drückt sie mit dem Daumen den Timer und das klickende Geräusch, so sehe und höre ich nun, kommt von dieser Mechanik. Das ist schon sehr eigenartig, denke ich. Ich sehe zum ersten Mal früh am Morgen jemanden mit der U-Bahn fahrend die Zeit stoppen!
Die Geräusche der Stoppuhr geben einen Takt vor, der mich ja eigentlich immer und zu jeder Zeit begleitet. Die lautlosen Minuten, die Stunden, die diese Minuten bündelt und die Tage, die sich aus diesen gebündelten Minuten zusammensetzt. Still und unsichtbar gleitet die Zeit an uns vorüber oder sie macht sich dann bemerkbar, wenn wir zu wenig von ihr zu haben scheinen. Klagend geben wir dann kund, das die Zeit verrinnt, entflieht oder irgendwo verschluckt worden sein muss, von einem Ungeheuer, das uns genau unsere Zeit stehlen will…


Ich frage mich, was wohl diese Frau bezweckt, das sie in einem fahrenden Zug die Zeit bemessen will , die doch außerhalb des Wagens im Tunnel an uns vorbeirast, während sie hier im Wagen träge und gleichbleibend ihre 60 Sekunden braucht , um wieder auf der Zwölf der Stoppuhr anzukommen.
Welche Art von Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit scheint sie hier zu demonstrieren? Muss sie denn pünktlich sein; irgendwo ankommen, wo Zeit plötzlich nichts mehr zählt, weil der Moment, auf den sie zu warten scheint, seit Ewigkeiten herbeigesehnt wurde…Wonach sehnt man sich am frühen Morgen?
Ich lasse die Frau erst einmal „ihre“ Zeit, ihre Stunden und Minuten zählen und wende mich wieder meinen Gedanken zu. Doch ich stelle fest, das es schon gar nicht mehr meine Gedanken sind, die ich vor wenigen Minuten noch hatte…. sie sind verflüchtigt und das, was von ihnen noch vorhanden ist, krallt sich beharrlich an den Moment, wie diese Frau die Zeit in den Händen hält. Eigentlich will ich es nicht so genau wissen, was in meiner fremden Weggefährtin vor sich geht, ich denke, sie hat ihre Gründe, warum sie dies macht, auch wenn diese sicher vielen absurd erscheinen mögen.


Auch ich muss ja pünktlich sein, muss mich dem Gefüge von gezählter Zeit beugen, muss mich sogar entschuldigen, wenn ich die Zeit vergessen habe, muss mich entschuldigen, wenn ich nicht einmal dafür kann, wenn ich mitten auf einer Strecke stehen bleibe, und mir die zeit davonläuft… Sie läuft sogar so davon, das ich es spüre, wie in mir eine Eile einsetzt, obwohl ich ruhig und fast gelassen aussehe auf meinem Sitz im Wagon… So kann man sich täuschen. Eile kann nach außen hin durchaus so aussehen, als ob sie still stünde.
Zeit ist ein Phänomen. Nicht nur, das sie Philosophen beschäftigt und Wissenschaftler zu weitausufernden Werken verhilft. Nein, ich denke auch, weil sie, obwohl mechanisch sichtbar gemacht, sie doch etwas Unsichtbares , Besonderes und Durchsichtbares ist. Ganze Welten machen sich an der Zeit fest, Planeten und Galaxien sind Lichtjahre von uns entfernt, Meere haben ihre Gezeiten, Zivilisationen benennen sich nach Jahrhunderten und auch Kriege , die 30 Jahre dauerten ,er-„zählen“ ihre Geschichte. Ganze Kulturen etablieren sich am 21. Jahrtausend als moderne und fortschrittliche Ordnungen…


Was ist die Zeit? Was ist meine Zeit ? Ist sie meine Uhr, die erst erfunden werden muss?
Ich erinnere mich an eine Reise, mit Aufenthalt in Kyoto. Ich wollte mich einfach etwas von der Arbeit in der Papiermühle erholen und konnte einfach nicht die innere Uhr abschalten, die sich im Laufe des Arbeitsalltages in mir manifestiert hatte. Also stand ich 4 Uhr morgens auf , nahm das Fahrrad und fuhr zum Eikando-Tempel, der in der Nähe meiner Unterkunft war. Die Stadt war still. Die alten , kleinen und in sich verschachtelten Häuser ruhten wie sauber verpackte Geschenke auf einem großen Tablett. Ab und zu hörte man jemanden hüsteln, ein alter Suppenhändler schob seinen Karren nach Hause, eine Katze miaute…
Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Eine Stadt, eine Anreihung aus Häusern und Fenstern, die mit matten Papiershoji die äußere Welt von der innen stattfindenden Welt abgrenzte. Beim schwachen Lichtschimmer fand fremdes Leben statt, Ereignisse, die durch Zeit und Raum eine Bedeutung erlangten. Ewigkeiten oder Sekunden- das war hier egal. Die Zeit war aufgehoben in einer Schattenwelt und diese Schatten schienen sich an mir festzuhaften. Mir war, als würde ich mit den Umrissen dieser Menschen auch einen Teil dieser Zeit mit mir mitzunehmen auf meinem klapprigen Fahrrad, welches mir Imamura-san ausgeliehen hatte.
Vielleicht war es auch dieses Gefühl von Erhabenheit, die diese Anonymität so an sich hatte. Die Menschen , deren Schatten sich auf den Shojis abzeichneten sind mir bis heute fremd . Sie waren Erscheinungen eines frühen Morgen, und doch waren mir ihr Sein durch die Momenthaftigkeit so vertraut, als hätte ich schon immer an ihrem Leben teilgenommen. Mir schien, als würden der Sog und die Eile, die Hast und das Gedränge und der Lärm dieser großen Stadt hier im Morgengrauen gefiltert, und übrigblieb die Stille und Größe einer alten kaputten Turmuhr, die würdevoll die Häuser überragt. So, als würde dieser einzelne , freistehende imaginäre Turm die Unendlichkeit der Zeit wie ein Tuch über diese Menschen legen, die wie ich am frühen Morgen Nachtzeit und Tagzeit voneinander trennen wollen.

Ich fühlte mich ganz frei und beschwingt und so in Gedanken erreichte ich den Eikando, klopfte an die Tür und der Prior öffnete. Ich hatte mir in der Zeit meines Aufenthaltesden morgendlichen Zugang aushandeln können und saß stundenlang, sogar noch, als die Besucherströme nach 10 Uhr einsetzten im Tempel.

HIER gehts weiter TEIL 2
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Geändert von mar (22.09.2007 um 18:43 Uhr).
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sdost (23.09.2007)