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Alt 22.09.2007, 18:41
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mar mar ist offline
TT-Schreck
 
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TEIL 2 ... der tag an dem ich das E und das I verlor

HIER fängt es an TEIL 1


Der Grund meiner Anwesenheit war da ein ganz anderer als der , das Phänomen Zeit zu ergründen, und trotzdem erinnere ich mich gerade heute daran, als wäre es gestern gewesen, das ich die Stufen erklomm, hinauf in das rotbedachte Holzgebäude. Stundenlang saß ich auf den alten Tatamis , den Blick auf diese Statue gerichtet, die ich studieren wollte, oder vielmehr die Historie ihres Dortseins. In den Nebengebäuden hörte ich das Murmeln der Mönche und die leisen metallenen Gongs . Im Takt und mit der Melodie einer fremdem Sprache verknüpften sich mein Zeitempfinden und die Phantasie um die Geschichte dieser Amida-Statue zu einer Reise entlang der Jahrhunderte.
Ich glitt auf imaginären Schienen in die Vergangenheit zurück und das leise Singen der Mönche verwob sich auf dieser Zeitreise zur unmittelbaren Realität. Die Vergangenheit schien aufgehoben, die 900 Jahre , die seither vergangen waren, schienen den Raum zu füllen mit Erzählungen und die Geschichte dieser alten Zeit tastete sich mit mir zurück auf diesen phantasiebeladenen Wegen . Was ist Zeit ? Ist sie der schemenhafte Morgen in Kyoto oder die übervolle U-Bahn in Berlin? Zeit ist die Leere, das Nichts. Ja , tatsächlich ist Zeit doch NICHTS, bis zu dem Moment , wo ich sie bevölkere mit meinen Gedanken, sie auffülle mit Erklärbarem, Absurden, verrückten Dingen. Zeit ist eine Leere, bis ich ihr Gestalt gebe mit allen möglichen Umschreibungen und Bezeichnungen. Zeit als Moment …und egal, welche Bedeutung man solchen Momenten beimisst, sie sind auch ein Fragment meiner Zeit.


In dieser einen Erinnerung an Kyoto sehe ich mich sehr oft und ich denke, das vieles von dem, was ich dort unbewusst oder bewusst aufgenommen habe, mich immer wieder in die Mitte der Zeit stellt. Mir scheint, als hätte ich durch mein Dortsein einen Moment die Zeit angehalten und immer, wenn es mein Leben erfordert, katapultiert mich die Erinnerung zurück , so als wolle sie sagen: jetzt zieh aber mal die Uhr auf, sie steht schon seit geraumer Zeit …
Und dann geht es auch weiter, dieses Leben. Mit all den tickenden Uhren um mich herum .

Die Frau mit der Stoppuhr sitzt immer noch auf ihrem Platz. Vielleicht ist das ihr eigener innerer Protest gegen das Nichtmessbare, was Zeit ja auch sein kann. Ihre Zeit ist wie ihr Spiegelbild, welches sich im dunklen Hintergrund in den Scheiben abzeichnet. Der U-Bahn-Tunnel wird zum Taktmesser, zum Minutenzähler. Eigentlich Sekundenzähler, denn mancher Weg von Station zu Station dauert tatsächlich weniger als eine Minute, also nur Sekunden.
Ich werde das Rätsel um diese Frau nicht lösen können. Nicht heute. Und nicht morgen. Dafür brauche ich Zeit. Ich denke, das ich diese Zeit haben werde. Jeden Tag betrete ich so einen Bahnhof im Untergrund, jeden Tag öffnen sich die Türen mit einem leisen Seufzer - Zt Zt Zt Zt.
Wie lustig, denke ich, das klingt fast so, als hätte das Wort ZEIT das E und das I „verloren“ und das Öffnen der U-Bahn- Tür ist wie eine Einladung, auf die Suche zu gehen . Ich weiß nicht so recht, ist die U-Bahn eine Zeitschleife ?
Immerhin bin ich für 2,40 Euro 10 Jahre zurück bis nach Kyoto gereist. Nun ja, es war nur in Gedanken, in meiner Erinnerung, aber immerhin habe ich wieder einmal die Zeit angehalten!

MAR 2007
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Geändert von mar (22.09.2007 um 18:46 Uhr).
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sdost (23.09.2007)