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Alt 10.01.2008, 19:30
vorzimmerdame
 
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beitrag 2. teil 1

Mein Liebster Freund,

wie bang wird mir um mein Herz, das jetzt, da ich nun Stift und Papier zur Hand nahm um Dir zu schreiben, anfängt zu schlagen als wolle es vor Aufregung zerspringen. Ich kann das rhythmische pochen selbst an meinem Halse spüren, das pochen, welches mit jedem neuen pulsieren das Leben meines Körpers nach vorne treibt – so wie du mein lieber Freund mich in meinen Gedanken zu dir treibst. Ich Frage mich nun, da ich mich in meinem tiefsten inneren dazu entschieden habe dir deine ersehnte Antwort auf all die offenen Fragen zwischen uns zu geben, wie wirst du es aufnehmen ? Wird dies zarte Band zwischen uns, welches gesponnen ward über Jahre der innigen Vertrautheit und Freundschaft, zerreisen bei so viel Offenheit ? Ich habe Angst mein Freund . Freund das klingt so belanglos im Anbetracht der wahren Bedeutung dieses so mächtigen Wortes. Vielleicht sollte ich bevor ich zu meinem eigentlichen Versuch der Erklärung komme hier eine Weile verweilen. Vielleicht sollte ich mich genau hier an diesem Punkt zu aller erst einmal bedanken. Ach diese Erinnerungen an all unsere gemeinsamen Augenblicke und Erlebnisse, sie lassen einem, neben der tief empfundenen Dankbarkeit und Freude auch erkennen – wie die Zeit verflog. Wie auf Vogelschwingen trug sie uns durch die Stunden sinnlicher Momente. Momente die wie Fotographien festgehalten wurden in unseren Gedanken. In Bildern deren Farben so leuchtend und lebendig sind, wie man sie niemals auf Papier gestalten könnte.

Ich denke hier ganz besonders an unsere erste Begegnung – damals ! Du warst ein junger Offizier voller Tatendrang standest du auf der Brüstung. Das Sonnenlicht spiegelte sich in deinen blankpolierten Knöpfen wieder. Deine stramme und ernste Haltung entspannte sich nicht einen Augenblick – nicht einmal als du mich mit einem flüchtigen Blick wahr nahmst. Nach der Parade stellte uns dein Freund einander vor. Oh welch Traurigkeit überkommt mich nun da mir bewusst wird, welch schreckliche Erinnerung dies nun in Dir auslösen muss. Glaube mir der Verlust dieses wunderbaren Menschen hat auch mich zu tiefst betrübt. Hätte ich deine Zeilen früher erhalten, so hätte mich nichts und niemand daran hindern können, in dieser schweren Stunde meinen Platz an deiner Seite einzunehmen. Vielleicht tröstet Dich der Gedanke ein wenig daran, das er auch für mich ein feiner Geist war. Offen für all das Abenteuerliche – und doch so bodenständig und verlässlich. Bei einem seiner letzten Besuche hier in Deutschland, schenkte er mir einen Kupferstich mit dem Abbild Atatürks. Eine sehr schöne und für mich wertvolle Arbeit, die mich immer an einen Menschen erinnern wird, zu welchem ich die allerhöchste Hochachtung empfinden werde. Wenn sich nach diesem für mich sehr schwierigen Briefwechsel die Gelegenheit eines Besuches in Deiner Heimat ergeben sollte, so möchte auch ich ihm die letzte Ehre erweisen und abschied nehmen.

Mein lieber Freund es wäre mir nicht nur eine besondere Ehre gewesen sondern hätte mir auch außerordentlich Freude bereitet, wenn du die Möglichkeit eines letzten Besuches hier bei mir, in meiner Heimat gehabt hättest. Aber nichts desto trotz erkenne auch ich leider die Einschränkungen des Alters und die damit verbundene Beschwerlichkeit des Reisens. Dennoch hätte es mir viel bedeutet dich noch einmal in meinem Heim begrüßen zu dürfen, welches ich nun schweren Herzens auflöse. Vor einigen Tagen, als meine Nichte kam um mir behilflich zu sein, stiegen wir auf den Dachboden. Dort standen unzählige Kisten und Truhen von meinen verschiedenen Reisen rund um die Welt. Dabei viel mir die Truhe meiner Mutter ganz besonders ins Auge. Wie du von meinen Erzählungen weißt bewahre ich in ihr nur sehr besondere Gegenstände von meinen Reisen auf. Ich öffnete sie voller Wehmut. Schon beim öffnen der Truhe bekam ich den Geruch von Meerwasser in die Nase, ich konnte das Meer riechen und spüren. Es war als wäre ich dort – dort bei Dir. Ich nahm jeden Gegenstand einzeln in meine Hand, und jede einzelne Berührung erweckte wunderbare Erinnerungen in mir. Ich schloss die Augen und tauchte hinab in ein anderes Land, und als ich sie öffnete, erwachte ich in Istanbul. Die Stadt aus 1001 Nacht. Ich befand mich auf der Galatabrücke. Ach diese Geschäftigkeit der Straße – die Händler, die Restaurants. All diese Menschen – wunderbar mein Freund einfach wunderbar. Noch nie zuvor erlebte ich ein Stadt wie diese. Erbaut auf zwei Kontinenten. Verzeih meine leichten Worte, aber erinnert dich mein Freund , Istanbul nicht auch an eine schöne und sinnliche Frau ? Schön und Geheimnisvoll, so Fremd und doch vertraut. So riesengroß und doch so klein, das es einem in die Hand passt. Diesen vergleich würden jetzt sicherlich viele für Träumerei und .Poesie halten und anzweifeln aber nicht du. Nicht wahr ? Bei meinem ersten Besuch in Istanbul nahmst du einen Haufen Erde von Boden, öffnetest meine Hand und legtest mir die Erde hinein. Auf meine Frage was dies sei, sagtest du nur – Das ist Istanbul !
Ich habe diese Erde damals mit hierher gebracht und einen Kirschbaum darin gepflanzt. Du weißt ich liebe Kirschen vor allem aber die Blüten. Sie erinnern mich an tanzende Farbkleckse die Gott selbst gemalt haben muss. Und sie erinnern mich an Dich, und an deine Zuneigung zu mir mein Freund. So federleicht, und doch bestimmt. Nicht erdrückend aber immer anwesend. Wieder bin ich in Gedanken in Istanbul. Weißt du noch mein erster Besuch in der Moschee ? Süleymaniye Camii – du wusstest nicht wie du mir erklären solltest, das ich einen Schleier anlegen musste, wenn ich das innere dieser Moschee betreten wollte. Aber ich verstand dich auch so. Weißt du noch dort im Garten der Moschee erblicken wir einen Kirschbaum der in voller Blüte stand. Du hast mir geholfen den Schleier anzulegen, und genau in diesem Moment löste ein Windstoß unzählige dieser Blüten. Sie wirbelten tanzend um uns herum, und wären keine anderen Menschen anwesend gewesen, hätte auch ich mit dir tanzen wollen. Unbeschwert und sorglos. Wie Kinder eben. Aber dieser Windhauch löste nicht nur den Wunsch nach Tanzen in mir aus. Es war ein magischer Moment. Obwohl das leben um ums herum pulsierte hörte ich für einen Augenblick keine Stimmen. Nur die Stimme des Muezin drang zu mir hindurch. Er rief zum Gebet. Nie zuvor habe ich etwas derart schönes gehört. Diese Stimme nahm meinen Geist gefangen und versetzte mich in Trance. Diese Hingabe, diese Sinnlichkeit – Ich glaube Gott war mir nie näher als an diesem Ort. Dann war plötzlich alles vorbei. Es waren nur Sekunden die vergangen waren. Aber diese Sekunden haben mich in jedem Augenblick der Verzweiflung meines Lebens und der Trauer begleitet. Sie trockneten meine Tränen als ich den Mut verlor an das Leben zu glauben. Sie gaben mir die Hoffnung auf ein Morgen. Getragen auf den Säulen von Freundschaft und Frieden. Dann fand ich Deine Briefe, die mir um die ganze Welt nachgesandt wurden. Mich berauscht immer noch der duft deines Briefpapier -. Lavendel. Ich glaube hätte der Baum damals bei seiner Fällung gewusst welch zarten Worte der Freundschaft einst auf ihn geschrieben werden, so wäre er sicherlich nicht traurig gewesen, als man ihm das leben aushauchte. Ich glaube sogar, er hätte sich gewünscht noch größer gewesen zu sein, damit Menschen die in tiefster Zuneigung zu einander standen sich dies schreiben könnten. Für das Papier muss es ein rausch der Sinne sein, wenn die schwarze Tinte durch die Feder geführt auf das reine Weiß trifft. Ein Konzert der Buchstaben, melodisch und Klangvoll wie ein Streichkonzert. Mal sanft und kaum wahrzunehmen - gefühlvoll um dann mit Trommelwirbel aus sanftem schlaf zu erwachen. Ich nahm die Briefe in die Hand, die gebündelt und mit schleifen gebunden waren. Öffnete einen nach dem Anderen und taumelte zwischen Glück und Trauer, gefolgt von herzlichem lachen und ganz ganz stillen Tränen. Als sie über mein gezeichnetes Gesicht rannen, über die Furchen des Lebens wurde mir bewusst, wie die Zeit verflog. Ja die Zeit – ein unberechenbarer Gegner, weil man nie weiß wie viel man eigentlich davon hat – wie viel Zeit einem bleibt, wichtiges zu tun. Während ich deine Briefe las erkannte ich auch, das ich dir Zeit gestohlen habe. Zeit um zu leben, Zeit um eine Familie zu gründen, vielleicht auch die Zeit, in der du einfach du selbst sein konntest.
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