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Alt 20.01.2008, 17:15
vorzimmerdame
 
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pdd Beitrag I

Black and White / siyah ve beyaz
Teil 1


Es war einmal eine Frau, nicht jung, aber nicht alt. Zusammengekauert saß sie auf einer Bank am Fluss, die nackten Füße hochgezogen und das Gesicht auf die Hände aufgestützt. Ihr Blick war auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, den nur sie sehen konnte. Die Vögel in den Bäumen über ihr zwitscherten, einige kleine freche Spatzen hüpften über ihre Schuhe. Von all dem bekam sie nichts mit. Ihr Blick blieb in die Ferne gerichtet, unendlich traurig.

„Darf ich mich zu ihnen setzen?“ Erschrocken schaute die Frau hoch und blickte in ein freundlich lächelndes Gesicht. Es gehörte zu einer Frau, die pure Lebensfreude ausstrahlte. Sie mochte so um die sechzig sein und hatte, obwohl nicht klassisch hübsch zu nennen, sehr ausdrucksstarke, eindrucksvolle Gesichtszüge, umrahmt von kupferroten Haaren. ‚Haarfarbe wie Omas alte Gießkanne’, dachte die Frau auf der Bank, während ihre Lippen ein: “Aber bitte, gerne“ hauchten und sie etwas zur Seite rückte. Verstohlen musterte sie die neu Dazugekommene. Was sie sah, gefiel: Ein sandfarbener, wadenlanger Rock aus Leinen, dazu ein dunkelgrünes Oberteil, ebenfalls aus Leinen, mit Rundhalsausschnitt und halblangen Ärmeln umschmeichelten gefällig eine vollschlanke Figur. Denn obwohl die Sonne schien, kam von Zeit zu Zeit ein etwas kühler Wind vom Fluss herüber und so richtig warm war es nicht. Schon den ganzen Tag nicht. Eine passende Kette aus verschieden grünen und hellen Steinen vervollständigte dieses geschmackvolle Ensemble. Nur die Schuhe, nun ja, die fielen etwas aus dem Rahmen. Man könnte sie eher Richtung Bequemschuh einordnen.

„Ich möchte keinesfalls stören, aber es ist leider nirgendwo mehr ein Platz frei.“ ließ sich die Rothaarige vernehmen. ‚Du störst aber, du störst, und wie du störst’ fahrig strich sich die Andere eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und drehte sich ein Stück zur Seite. Die Rothaarige setzte sich, zog ein Buch aus einer ihrer riesigen Taschen und machte es sich bequem. Die Spatzen zwitscherten frech und die Sonne malte freundliche Muster auf den Weg. Eine friedliche Stimmung. Es hätte so eine friedliche Stimmung sein können.
Die Rothaarige schaute erschrocken hoch. Was war das? Die andere Frau hatte ihr jetzt den Rücken völlig zugekehrt und kauerte wie ein Häuflein Elend auf der Bank. Ein Spatz pickte wütend auf der Schnalle eines der grünen Ballerinas herum, jetzt aufgescheucht von der Bewegung der Rothaarigen suchte er laut schimpfend das Weite. Sie nahm ihre Banknachbarin etwas näher in Augenschein, unsicher, wie sie sich verhalten sollte. Ein Blick zur Seite: Jeans, grasgrünes Polohemd, über den Schultern eine hellgrüne dünne Jacke. ‚Unspektakulär’, dachte die Rothaarige, ‚aber trotzdem nicht schlecht. Und mein Gott, was für ein Taille! Das waren noch Zeiten!’
Die Andere hat mit einem Aufstöhnen wieder den Kopf sinken lassen.

„Geht es Ihnen nicht gut, kann ich Ihnen helfen?“ Langsam, unendlich langsam drehte sich die andere zu ihr herum. Die großen blauen Augen blickten erstaunt. „Danke, das ist sehr nett von ihnen, aber mir ist nicht mehr zu helfen.“ fast flüsterte sie die Antwort, von einem traurigen Lächeln begleitet.
„Das dürfen Sie nicht sagen.“ Die Rothaarige ergriff instinktiv die Hände der Anderen. „Es gibt immer einen Ausweg.“ Ihr Blick folgte dem der Blonden Richtung Fluss. „Nein, so meine ich das nicht, das ist keine Lösung.“
„Warten Sie, ich habe etwas für Sie. Das hebt den Blutzuckerspiegel und wird Ihnen gut tun. Gerade erst eingekauft, wo ist es denn?“
Die Rothaarige suchte in ihren Einkaufstüten herum. „Da ist es ja. Hier, schauen Sie. Frische Datteln aus der Türkei!“ Strahlend hob die Rothaarige das Päckchen mit den Datteln hoch und wandte sich zu ihrer Banknachbarin. Diese fuhr hoch: Türkei?! Geh’n Sie mir bloß weg damit. Ich kann es nicht mehr hören.“ „Ja aber……….Das verstehe ich jetzt nicht. Die Türkei ist doch so ein tolles Urlaubsland. Und die Menschen sind sooooo freundlich. Ich habe nette Freunde in der Türkei.“ Fassungslos ließ die Rothaarige ihr Päckchen wieder in die Tüte fallen.


„Freunde?! Freundliche Menschen, ja zuerst.“ Fast wütend stieß die Blonde die Worte hervor. „Freund, ja, hab ich auch gedacht. So viel Pläne, so viel Träume….diese ganzen Sprüche…..Askim, askim, hat er immer gesagt, wenn du kommst, machen wir uns eine schöne Zeit, ich zeige dir mein Land. Wenn ich dann da war, hieß es Askim, I’m sorry, ich muss arbeiten, verstehst du? Trotzdem, er war immer so lieb. Askim hier, askim da. Und ich habe ihm geglaubt, und jetzt………..Mein Gott! und jetzt ……… Alles vorbei, alles aus!“
Sie ließ den Kopf in die Hände sinken und strich sich durchs Gesicht, als müsste sie unliebsame Gedanken vertreiben.
„Möchten Sie mir nicht erzählen, was geschehen ist. Oft ist es schon eine Erleichterung, sich die trüben Gedanken von der Seele zu reden.“ „Sie meinen es ja nett. Ja, und auch wohl aufrichtig. Ach, es ist so traurig.
Ich war auch mal glücklich, sehr glücklich! Und fröhlich und lebenslustig und voller Pläne, das Leben zu genießen, auszukosten, was es noch so zu bieten hat. Das war, bevor mein Mann krank wurde!“
Sie wurde lebhaft, die blonde Frau in Jeans und wandte sich der Rothaarigen zu. „Sie glauben mir nicht, wenn Sie mich jetzt so sehen“, wieder strich sie sich mit dieser typisch fahrigen Bewegung eine halblange Strähne aus dem Gesicht. „Ich habe mich in einem Urlaub in einen Einheimischen verliebt. Mein Mann musste die Reise in letzter Minute absagen, aber ich hatte mich schon so lange darauf gefreut. Ich bin dann alleine gefahren. Wir dachten, in einem guten Hotel, All Inklusive, könnte mir nichts passieren. Das sei völlig ungefährlich. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war, ein sehr großer Fehler. Aber damals- wer konnte das ahnen, der Urlaub war so schön. Dieser Mann, gut, er ist jünger als ich, aber ich dachte, nicht so viel, vielleicht zehn Jahre, war von Anfang an sehr freundlich und zuvorkommend. Immer so höflich und um mich bemüht. Nicht aufdringlich, nicht so penetrant wie der jüngere der Animateure. Glauben Sie mir, dass hat mir richtig gut getan. Ich bin richtig aufgeblüht in dem Urlaub. Jahrelang hab ich mich nur als graue Maus gefühlt.“ „Graue Maus, also das glaube ich nicht!“ die Rothaarige schüttelte den Kopf. “Na ja, nicht wörtlich.“ Die Blonde lächelte verschämt. „Nur in Bezug auf Männer. Ich war ja nur meinen Mann und seine Freunde gewöhnt. Alles gestandene Ehemänner, wenn Sie verstehen, was ich meine!“
Die Anderer nickte. „Man hat doch eher so eine neutrale Basis miteinander.“
„Genau so. Und dann kam einer daher und gab mir das Gefühl, wieder begehrenswert zu sein, Frau zu sein. Ach, das war so schön!“ Ein sehnsüchtiger Blick tat in ihre Augen. „Er hat auch immer so Scherze gemacht. Wir haben viel gelacht. Sein Englisch war nicht so gut, Deutsch konnte er gar nicht. Na ja, wir haben eben mit Händen und Füssen geredet. Wenn er dienstfrei hatte, trafen wir uns noch kurz unten am Strand. Aber heimlich. Er hatte viel zu viel Angst, gesehen zu werden und den Job zu verlieren. Der Urlaub war viel zu schnell zu Ende. Er hat dann immer gefragt, ob ich wiederkommen würde. „Wann kommst du wieder, bitte, komm zurück. Im Sommer, ich möchte dich wieder sehen.“ Zu Hause war dann wieder alles Routine, grau, schlechtes Wetter. Natürlich bin ich im Sommer dann noch mal hin. Mittlerweile hat er woanders gearbeitet. In Antalya. Diese Woche war die schönste Zeit überhaupt. Er hat mir viel erzählt, von sich, seiner Familie, den Arbeitsbedingungen und den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. So wollte er eine Operation machen lassen, die hier jede Krankenkasse zahlt. Er konnte sich die nicht leisten, das muss man sich mal vorstellen. Irgendwann hat er gefragt, ob ich ihm nicht das Geld leihen würde, ich bekäme es auch ganz sicher im nächsten Sommer zurück. Nein, hab ich gesagt, woher soll ich das nehmen? Es geht nicht. War aber auch nicht schlimm, er hat sich dann entschuldigt für die Idee. Es war trotzdem eine schöne Zeit. Na ja, meist hab ich bezahlt, aber das hat mich nicht gestört, es waren ja kleine Beträge. Und er ist nie unverschämt geworden, hat immer ganz bescheiden gefragt und sich sehr zurückgehalten. Er hat sich dann mit seinem Chef zerstritten, den Job verloren und ist am gleichen Tag wie ich abgereist. Er hat mir erzählt, er habe Heimweh nach seiner Familie und wolle jetzt erst mal zu seiner Mutter, die er schon ewig nicht mehr gesehen habe. Das Geld für den Bus? Woher er das hatte? Woher wohl. Damit fing es an. Zurück zu Hause hielten wir noch Kontakt, übliche Wege. Unregelmäßig, denn er hatte oft kein Kontör. Dann verstärkten sich die Fragen nach dem Geld für die OP. Irgendwann hab ich dann gedacht, o.k., leih ich es ihm, warum auch nicht, der arme Teufel. Dann geht es ihm besser und wenn er dann wieder arbeitet, bekomm ich es zurück. Er war dann eine Woche off, auch kein Handy, ein Dankesanruf – es ginge ihm so toll, alles wäre gut, er klang richtig glücklich, fast bekifft.
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MemoSan (26.01.2008)