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Alt 17.09.2006, 12:01
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mar mar ist offline
TT-Schreck
 
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AW: Umstrittene Rede von Papst Benedikt XVI.zum Islam

Ich verstehe garnicht so ganz das hochkochen der papstrede. Das zitat, welches offensichtlich für empörung sorgte, entstammt aus einem philosophischen streitgespräch aus dem jahre 1391 !!!! also dem frühen mittelalter. byzanz , das spätere konstantinopel, wo ein kultureller , politischer und religiöser schmelztiegel war, zur zeit des mongolensturms, wo machtkämpfe , militärische und religiöse noch eine ganz andere qualität hatten , ( qualität= beschaffenheit, eigenart) .
Nach gestrigen debatten auf diversen tv medien habe ich mir noch einmal die rede angeschaut- und hier hat sich mir einiges ganz anders präsentiert
Das zitieren manuel II hat mich veranlasst, doch noch einmal die historischen hintergründe zu beleuchten, derer sich der papst bediente.
Ich habe mal die wikipedia bemüht und dabei folgendes entdeckt:
Zitat:

Manuel II. gilt als einer der gebildetsten byzantinischen Herrscher und hinterließ zahlreiche rhetorische und theologische Schriften. Mit Entschiedenheit vertrat der Kaiser dogmatische Positionen der
Orthodoxie gegenüber dem Katholizismus, allerdings ohne Fanatismus. Aus den wahrscheinlich im Spätherbst 1391 in Ankara, dem damaligen Militärlager des osmanischen Sultans, geführten theologischen Unterredungen mit einem persischen Gelehrten (einem Mudarris) erwuchsen seine Dialoge mit einem Perser.


Um dem rhetorischen aufbau dieser rede zu folgen , sollte man nicht nur einige passagen herausfiltern, auf die dann sofort am gleichen tag oder am folgetag ziemlich heftig reagiert wird ( presse etc) , sondern man könnte eben die neugier stillend, die auf eine universität zugeschnittene rede einmal versuchen , anders zu beleuchten.
Wie auch weltliche oberhäupter es tun , bedient sich der papst der zitate als metapher als gleichniss, als eine möglichkeit, den zeitenlauf der hoch und tiefs im streit um g’tt oder des eines religiösen weltanspruchs sichtbar zu machen . die aufforderung zum dialog ist ja keine erfindung des papstes – sondern der ureigenste wunsch seit jahrtausenden, in gewaltlosen auseinandersetzungen den kontroversen und missverständnissen eine rahmen zu geben, in dem man sich diplomatisch , aber bestimmt bewegen kann. Es ist eine tatsache, das wir in einer welt leben, die vielen angst macht, sei es die angst um gesundheit, um ökonomische belange, sei es der verlust der werte, der verlust von ethischen grundsätzen, angst um das ganz normale leben, angst vor einem gewaltsamen tod.... all das sind dinge, die man ansprechen muss. Es sind tatsachen, die gerade auch geistliche/ religiöse oberhäupter bewegen sollte. In der rede des papstes wird vor allen dingen ein zitat manuel’s II aus einem über mehreren bänden existierenden philosophischen gespräches herausgelöst. Hätte der papst seine rede reduziert auf die bloße erwähnung eines byzantinischen gelehrten, ohne den wortlaut wiederzugeben, hätte bis heute wahrscheinlich keiner auch nur im geringsten anstoß genommen, weil keiner diese buch nachgeschlagen hätte.... Wir hätten darüber weggelesen, wenn da gesagt worden wäre: auf seite sowieso des gelehrten manuel stand da mal was über krieg und frieden.... ganz ehrlich: wer hätte sich die mühe gemacht, auf spurensuche zu gehen?
Auf dem zitat aufbauend ( wohlmerklich noch einmal: ein zitat aus einem werk von 1391... ! ) kommt letzendlich der für mich interessante teil der rede, nämlich die aufforderung zum dialog .
Zitat
"Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden[...]
Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. Denn bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten aufsteigen und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können. Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen. In diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein."




Ganz gleich, wie ich als nichtchrist und als nichtmoslem dem vatikan gegenüber stehe, ob ich menschlich , wissenschaftlich oder religiös mit dem papst auf einer wellenlänge liege oder nicht- der dialog ist zwischen den menschen ist hier gefordert- ich lese hier kein kriegsgeheul oder eine neuerliche bloßstellung religiöser anschauungen heraus. Im momenten und zeiten wie diesen, wo jeder liegengebliebene koffer auf einem bahnsteig zur bombe deklariert wird , oder wo jeder bärtige mann an der grenze gefilzt wird mit worten: because you have the look, - also in solchen zeiten sollte man nicht so ganz unreflektiert den dingen ihren lauf lassen. Angst macht klein, in der angst hockt die vergangenheit... die aufforderung zum dialog mit den kulturen und religionen aber betrifft die zukunft.
Der brückenschlag zwischen 1391 und heute ist zwar ein recht weitausgeholter, aber er war eine ansage gegen fanatismus .
http://www.n-tv.de/710839.html

Es ist wie immer ein brisantes thema, immer wenn religion, politik und philosphie aufeinanderprallen – macht und ohnmacht des unerklärlichen menschlicher beweggründe , dieses oder jenes zu denken und zu tun. ich hoffe doch nicht , das ich jetzt die arena im alten rom wiederbelebt habe....
Mit sonntäglichem gruß
MAR


Ps: im zusammenhang ein nicht so ganz abstraktes beispiel: was würde geschehen, wenn ich jedesmal , wenn ich mich persönlich wegen meines jüdischseins so angegriffen fühlte , an die decke springen würde...ich erinnere mich an eine begebenheit als meine nachbarin ihrer tochter verbieten wollte, mit meiner tochter kontakt zu haben, nachdem sie nach 15 !!!! jahren mich kennens und freundlich grüßens das verbot begründete " ... weil ihr ja unseren herrn jesus gerichtet habt".....( kann man mir folgen , was ich meine? Wir reden von einer zeit vor 2000 jahren...)
Aber ich bin ganz gerne ein moderner mensch....
Himmel: wo kommen wir denn hin, wenn wir der dummheit haus und tor öffnen
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Geändert von mar (17.09.2006 um 12:11 Uhr).
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