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AW: feminismus neu definiert ?
Guten Morgen, liebe Mar (und alle!),
Frau Herman, Eva, interessiert mich nicht die Bohne, und ihr Prinzip ebenso wenig. Heilige Mutter Gottes, muss denn gleich jede/r, der/die ein Sabbatjahr plant, das ideologisch verbrämen? Natürlich war's clever von ihr, das so einzufädeln, dass die Augen ihrer (männlichen, bitteschön!) öffentlich-rechtlichen Senderchefs weiterhin wohlgefällig auf ihr ruhen - diese Frau hat kapiert, wo's langgeht, sie wird das Patriarchat gewiss nicht gefährden...
Wir Übrigen, die es noch nicht kapiert haben oder vielleicht auch gar nicht kapieren wollen, dürfen es uns derweil irgendwo zwischen Skylla und Charybdis gemütlich machen: hier die Eva-Falle, dort die mit bezaubernder Natürlichkeit vorgelebten sieben-Kinder-und-trotzdem-Karrierefrau-alles-eine-Frage-der-Organisation-Ideale aus dem Haus von der Leyen.
Liebe Mar, ich halte das alles für Schwachsinn. Eine gigantische Kampagne, um die Geburtenrate wirksam anzukurbeln; wir Deutschen sind bekanntlich vom Aussterben bedroht, das macht betroffen. "Bild" hat versagt, jetzt muss was passieren. Ein Ruck muss durch's Land gehen, endlich, und verdiente DinosaurierInnen wie Alice Sch. sind da nur hinderlich (zumal längst jenseits der klimakterischen Schallgrenze angelangt).
Nee, liebe Mar, das kann ich alles nicht ernstnehmen. Auch wenn ich zugeben muss, dass der kürzlich in der "Zeit", dem angestammten Bildungsblatt der vereinigten PädagogInnenschaft, unternommene Versuch, die Frauenbewegung wiederzubeleben, durchaus charmant war. Anne Will, Karen Duve, und, damit es nicht allzu blaustrumpfig daherkam, unter anderem auch eine Betriebsrätin eines großen Drogerie-Discounters, durften sich ausnahmsweise mal ganz frei und über Seiten hinweg den eigentlichen Frauenleiden widmen: dem, in Deutschland im Jahre 2006 weiblich und womöglich auch noch Mutter zu sein. Das hatte Witz, Eleganz - und vor allem: einen hohen Wiedererkennungswert. Auch wenn das Lustigste an dieser eher trübseligen Bilanz die Kolumne des einzigen Mannes in, nein: außerhalb der Runde war, der sich wortreich und greinend darüber beklagte, frau habe ihn diesmal aus Platzgründen an den Seitenfuß verbannt, und obendrein sein bestes Stück abgeschnitten (die Kolumne!).
Schön fand ich das. Tröstlich fand ich das. Und besonders tröstlich fand ich das zumindest in meinem Alltag immer aufs Neue bestätigte Wissen, die Erfahrung, dass es uns allen im Grunde nur am allereinfachsten mangelt: mehr Kindergartenplätzen, mehr Ganztagsschulen und flexibleren Arbeitszeitmodellen, zum Beispiel. Ich persönlich habe keinen Bock mehr, schon lange nicht mehr, geschweige denn die Zeit, mich mit feministischen Theorien und überflüssigen Fragen des Geschlechterk(r)ampfs auseinanderzusetzen: ich will nur eine Schulkantine, jetzt!, Unterrichtszeiten, die nicht ausschließlich an den Bedürfnissen von BeamtInnen ausgerichtet sind, und vielleicht, bitte, eine nachmittägliche Hausaufgabenbetreuung in der Schule. Das kann doch nicht so schwierig sein?
Aber es ist schwierig, zumindest in Deutschland, und im Jahr 2006 noch immer, und wundern tu ich mich darüber schon lange nicht mehr. Hier hat der Mutti-Kult schon immer besonders seltsame Blüten getrieben, und gesellschaftliche Aufgaben zwecks Entlastung öffentlicher Etats in die Privatsphäre zu verschieben und als Individualproblem zu definieren, gehört zu dem Spielchen dazu. Es ist ja im Übrigen auch sehr en vogue, auch auf anderen Gebieten.
Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht sehr anspruchsvoll, ich rufe nicht bei jedem Pipifax nach "mehr Staat", mehr Service, und ich glaube auch nicht, dass es die Aufgabe des Staates wäre, mein Kind zu erziehen, obwohl ich zum (im übrigen stetig anwachsenden) Heer der Alleinerziehenden gehöre. (Das wäre ja wohl auch noch schöner!) Es macht mir nichts aus, notfalls einen Schulbasar mit auf die Beine zu stellen, den Schulgarten mit umzugraben, und alle paar Wochen im Wechsel mit anderen Müttern den Klassenraum durchzuputzen, weil auch da (mal wieder) gespart wird. Geschenkt, Leute. Ich will nur, dass sich endlich was bewegt, und ich erwarte, dass mit meinen Steuergeldern nicht nur der nächste Teilabschnitt irgendeiner Autobahntrasse oder der Transrapid finanziert wird. Und zwar jetzt!, nicht erst übermorgen oder im Jahr 2021.
Okay, womit sich die Frage nach Frauenbewegung eigentlich erledigt hätte; Du merkst, liebe Mar, ich sehe das alles ernüchternd (oder bloß ernüchtert?) pragmatisch. Interessant finde ich die Überlegung, was vielleicht schiefgegangen sein könnte, seit 1968, und ich kann es Dir sagen. Leider. Aber dazu ein andermal mehr.
;)
anouk
Geändert von Anouk (18.09.2006 um 08:56 Uhr).
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