Hallo Omo!
Zitat:
|
Die meisten Menschen kritisieren den MGK gerade wegen der durchwachsenen Struktur des Militärs. In meinem Seminar habe ich deutlich gemerkt, dass die Türken in Österreich eine Ablösung oder wenigstens eine Schwächung der militärischen Strukturen in der Politik sehr begrüßen würden.
|
Deine Reaktion hat mich gefreut, zeugt sie doch davon, daß Du nicht zu denjenigen gehörst, die irgendwelche Dinge wiederholen, weil sie irgendeiner Propaganda aufgesessen sind.
Selbstverständlich wird die Rolle des MGK auch in der Türkei diskutiert. Die politische Diskussion in der Türkei allgemein geht wesentlich mehr ins Grundsätzliche, als z. B in Deutschland. Der Entwicklungsprozeß und der Weg des Landes in die Zukunft unterliegt einer ständigen Debatte in verschiedenen Medien, vor allem in der Presse. Ein wichtiges Thema hierbei ist die weitere Entwicklung einer zivil bestimmten Gesellschaft und der Reform der Institutionen in dieser Richtung. Echte Änderungen haben sich dabei erst ergeben, nachdem die alte Nomenklatura durch den Erdrutschsieg der nun herrschenden Partei beseitigt wurde. Erst ab da entwickelte sich langsam ein wirksames Gegengewicht zum innenpolitisch übermächtigen Militarismus.
Es besteht nur ein Unterschied zwischen den Interessen der Türken, die ihr Land voranbringen wollen, sich eine moderne Zivilgesellschaft und eine besser funktionierende Demokratie wünschen, und der stereotypen Kritik aus dem Westen an den politischen Strukturen der Türkei, die unter dem Vorwand der Verteidigung der Menschenrechte und der Demokratie hier gegen die Türkei vorgebracht wird.
Die Demokratisierungsdebatte in der Türkei hat andere Sichtweisen, als diese im Westen gewünscht werden. Die Integrität des Landes und die nationale Souveränität werden nämlich ín dieser Debatte von niemandem in Frage gestellt, egal, welchen Standpunkt er vertritt. Das Thema Religionsfreiheit ist ebenfalls ein Punkt, bei dem speziell die deutsche Position sehr moderat mit "doppelzüngig" bezeichnet wird. Türken sind ja höfliche Menschen, deshalb sprechen sie nicht von "Verlogenheit".
Hier bei uns wird bei weitem unterschätzt wie groß die Bandbreite der politischen Richtungen in der Türkei ist, die im öffentlichen Raum tatsächlich diskutiert werden. Einerseits akzeptiert man bei uns nicht die gemeisame Basis, auf der das geschieht, andererseits erkennt man bei uns den Mangel an Perspektiven und Dynamik im eigenen System nicht. In der Türkei wird das alles genau erkannt und dies ist auch eine Ursache für die ständige Rede davon, Europa messe mit zweierlei Maß. Dies geht schon seit mindestens Anfang der 90er-Jahre so.
Grüße
Xan