
02.12.2006, 23:47
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Mr. Turkish Talk 2008
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Das Wort zum Sonntag
@sultansleyman
Hat sich den Beitrag: Wort zum Sonntag angeschaut, und sich über einige Stellen
der Ansprache von Stefan Jürgens geärgert.
Ich bin ihrer Bitte nachgekommen und habe diesen Thread dazu reingestellt.
Die ganze Rede dazu:
Stefan Jürgens
Mail an Stefan Jürgens
Das Wort zum Sonntag vom 02. Dezember 2006, gesprochen von Stefan Jürgens
Benedikt und die Türkei
Kein Badeurlaub am Strand. Meine Reise in die Türkei war eine Pilgerfahrt. Fernab von den Hochburgen der Touristen. Mit einer Pilgergruppe bin ich den christlichen Spuren nachgegangen, von Istanbul aus durchs ganze Land. Denn Kleinasien war in der Antike christlich. Viele Orte der Bibel liegen in der heutigen Türkei. Der heilige Nikolaus kommt von dort. Selbst das christliche Glaubensbekenntnis ist in der heutigen Türkei formuliert worden: "Ich glaube an Gott, den Vater Jesu Christi, und an den Heiligen Geist."
All das kam mir diese Woche wieder in den Sinn, als der Papst die Türkei besucht hat. Mein Türkei-Aufenthalt damals war sehr beeindruckend, aber er hat mich auch nachdenklich gemacht. In Ephesus hätten wir gerne eine Messe gefeiert, aber das war nicht erwünscht. In Izmir ging es für uns nur durch die Hintertür in die Kirche, damit keiner was merkt. Als wir einmal draußen Gottesdienst feiern wollten, hielt unser Reiseleiter aufmerksam Wache, schirmte uns ab. Er hatte wohl doch ein mulmiges Gefühl, wenn Christen ihren Glauben bekennen. Religionsfreiheit?
Wie der Papst am Donnerstag haben auch wir eine Moschee besucht. Der Imam begrüßte uns freundlich und hörte gar nicht mehr auf zu erzählen. Von seinem Glauben und seiner Hingabe an Gott. Und wir haben ihm tausendundeine Frage gestellt. Seltsam, habe ich gedacht: Wir Christen stellen ihm Fragen, aber welche Fragen haben denn er und seine Glaubensbrüder an uns? Das Interesse war nur einseitig – diese Erfahrung habe ich schon oft gemacht. Und immer wieder gedacht: Hätten wir denn überhaupt Antworten gewusst?
Denke ich an Deutschland, frage ich weiter: Sind die Christen hierzulande wirklich so tolerant, wie sie sich geben? Oder sind viele bloß gleichgültig, weil sie kaum noch Bescheid wissen über ihren Glauben? Ich meine, als Christ braucht man Standpunkte, die man vertreten kann. Wer aber für nichts mehr steht – worüber sollte man mit dem reden, geschweige denn streiten? Umso wichtiger ist es, eine eigene Meinung zu haben. Damit man als Gesprächspartner überhaupt ernst genommen wird.
Darum habe ich eine Meinung. Und stehe dafür ein, dass Europa christlich bleibt. Ich wünsche mir, dass überall die Menschenrechte gelten, auch in der Türkei. Dazu gehört, dass die Christen dort genau so frei leben und glauben dürfen wie Moslems hier bei uns in Europa; das ist Menschenrecht. Und gerade deshalb, weil ich diese Meinung habe, kann ich mit anderen diskutieren, kann sie wertschätzen und sogar lieben, ohne sofort alles gleichzumachen.
Der Besuch des Papstes in der Türkei hat mich darin bestärkt. Benedikt ist für den Frieden eingetreten, für Verantwortung, und besonders für den Dialog der Religionen. Schließlich haben Christen und Moslems gemeinsame Wurzeln, wenn auch Jesus und Mohammed sehr verschieden von ihrem Gott sprechen. Ich selber glaube nicht, dass Allah der Vater Jesu ist; dafür ist die Offenbarung zu unterschiedlich. Es ist eben nicht alles immer sowieso dasselbe mit den Religionen, vieles passt einfach nicht zusammen in Bibel und Koran: Darüber muss man reden. Und wenn dann man miteinander spricht, darf es ruhig Unterschiede geben. Gleichmacherei macht nur gleichgültig, interessant ist das Unterscheidende!
Das Auftreten von Benedikt XVI. empfand ich darum sehr angemessen: Bescheiden, zurückhaltend, aber – und das ist wichtig – mit klarem Profil. Er steht für ein Christentum, das weltoffen ist, tolerant, aber erkennbar. Ich meine: Ein guter Weg!
Quelle: http://www.daserste.de/wort/sendung.asp
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