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AW: Im Netz - DER TEXT
Joelle schreckte auf. Irgendein Geräusch hatte sie geweckt, das sie im ersten Moment nicht einordnen konnte, dazwischen mischten sich Bruchfetzen eines Traumes. Noch bevor sie ganz wach war, schrillte es wieder, und als sie begriff, worum es ging, war sie für einen Moment versucht, das Telefon einfach zu ignorieren. Stattdessen tastete sie im Dunklen nach dem Mobilteil, das außerhalb ihrer Reichweite irgendwie unter das Bett gerutscht war und beharrlich weiter lärmte, während sie bäuchlings aus dem Bett robbte und sich prompt die Fingerknöchel am Bettpfosten stieß.
"Autsch!, verdammt!... ja, hallo?!"
"Tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe", meldete sich eine ruhige Männerstimme, "Polizeipressestelle, Oldenburg am Apparat. Frau Mardin?"
"Ja?"
"Ich wollte nur Bescheid sagen, wir haben einen Großbrand in der Engelsgrube. Das Haus brennt in voller Ausdehnung."
Joelle war schlagartig wach.
"... welches Haus ?!"
"Mehrstöckiges Wohngebäude über einem Restaurant, Hausnummer 113, mehr kann ich zur Zeit nicht sagen."
"Menschen in Gefahr?"
"Bis jetzt zwei Tote und mehrere Verletzte. Ein Hausbewohner wird noch vermisst."
"Oh Gott... seit wann?"
"Der Notruf kam... warten Sie mal... gegen halb drei. Die Feuerwehr ist mit mehreren Löschzügen vor Ort. Einige Ihrer Kollegen wissen auch schon Bescheid. Ich fahre jetzt raus. Sie können mich über Handy erreichen."
"Danke..."
Die Nacht war mal wieder gelaufen. Joelle hätte am liebsten das Telefon gegen die Wand geworfen. Stattdessen atmete sie tief durch und versuchte sich darauf zu besinnen, wo sie am Vorabend ihre Handtasche und den Autoschlüssel abgelegt hatte. Sie schlüpfte in ihre Jeans und einen dicken Wollpullover, tappste in die Küche, füllte den Wasserkocher bis kurz unter den Rand, stellte ihn an und hielt, während das Kaffeewasser langsam zu brodeln begann, das Gesicht unter einen kalten Wasserschwall über dem Küchenbecken. Dann putzte sie hastig die Zähne.
Als der Wasserkocher sich ausschaltete, waren die Fenster in der Küche beschlagen. Joelle nahm ein Glas Instant-Kaffeepulver vom Regal, verzog das Gesicht, kippte die Hälfte des Glasinhalts in eine Thermoskanne, goss das kochend heiße Wasser darüber und schraubte die Kanne zu. Die ganze Prozedur hatte nicht länger als fünf Minuten gedauert, trotzdem war sie spät dran.
Die Küchenuhr zeigte fast drei Uhr zehn, als sie nach ihrer großen Umhängetasche griff und samt Thermoskanne zur Haustür eilte. Dann stutzte sie. Irgendetwas stimmte nicht. Oliver hätte längst zu Hause sein sollen. Aber als der Anruf von der Polizei kam, war die Betthälfte neben ihr leer gewesen. Wie so oft in letzter Zeit. Unschwer zu erraten, wo er sich herumtrieb. Joelle presste die Lippen zusammen. Wir müssen reden, dachte sie, unbedingt.
Während sie die Schuhe zuschnürte, strich ihr Grisella mit hochgerecktem Schwanz leise maunzend um die Beine. Aber Joelle hatte für die Liebesbezeugungen der grau-gestromerten Katze im Augenblick weder Zeit noch Sinn. Sie schob Grisella beiseite, öffnete die Tür, schlüpfte hindurch und zog sie rasch hinter sich zu, bevor die Katze entwischen konnte. "Ciao bella", flüsterte sie, als sie den Haustürschlüssel zweimal umdrehte. Von drinnen kam nur ein beleidigtes Maunzen.
Hoffentlich sprang das Auto wenigstens an. Es hatte zu schneien begonnen, und während Joelle hastig die Frontscheibe freikratzte, schickte sie ein Stoßgebet in den Himmel. Kurz darauf rollte sie in ihrem alten Saab die Straße hinunter Richtung B 75. Die Straßen waren noch frei, keine Menschenseele unterwegs, und die tanzenden Schneeflöckchen, die Joelle im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen entgegen stiebten, tauchten die breite Ausfallstraße in ein unwirkliches Licht.
"... well, I've been afraid of changing, 'cause I've built my life around you..."
Stevie Nicks. Joelle summte leise mit. Der vor ihr liegende Einsatz würde vermutlich lange dauern und alles andere als lustig werden; da kam jede Ablenkung recht.
Sie hatte sich längst abgewöhnt, darüber nachzudenken, was wohl auf sie zu kam. Es war fast immer das Gleiche, irgendwie, und doch jedes Mal anders. Als Reporterin konnte man bei solchen Tragödien nichts Sinnvolles tun – nur dabei sein, beobachten, Fakten zusammentragen, alles notieren und anderntags die Story erzählen. Irgendwie bescheuert, sinnlos.
Das fiepende Handy riss sie aus ihren trüben Gedanken. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, wühlte Joelle mit der Rechten in der Tasche auf dem Beifahrersitz und ärgerte sich, dass sie nicht eher auf den Idee gekommen war, Carl anzurufen, den diensthabenden Fotografen. Er würde zu Recht wütend sein.
“Ja, hallo?”
“Verdammte Naht, Mädchen, wo steckst du denn - ?!”
“Beruhige dich, bin längst unterwegs”, schnappte sie mit schlechtem Gewissen zurück, “im übrigen hättest du mich ja auch anrufen können, statt es der Polizei zu überlassen.”
“Glaubst du, ich hab Zeit, dich aus dem Bett zu schmeißen? Mensch, hast du ‘ne Ahnung! Kann nur sagen: gib Gas, hier ist die Hölle los!”
“Und die anderen…”
“… alle längst da”, schnitt Carl ihr das Wort ab, “hier ist alles dicht, park die Karre gefälligst am Markt, sonst kommst du nicht durch. Bis gleich.”
Zack!, schon hatte er eingehängt.
Joelle seufzte. So sehr sie Carl schätzte: ein übellauniger Kollege war so ziemlich das Letzte, was man sich bei solchen Einsätzen wünschte.
Die schwarze Rauchsäule über der Altstadt war unübersehbar. Ein gespenstischer Anblick; in das Chaos aus zuckenden Blaulichtern von Polizei- und Rettungsfahrzeugen mischten sich gellende Martinshörner. Joelle, die Carls Rat in den Wind geschlagen und das Auto kurzerhand am Fluss abgestellt hatte, hetzte im Laufschritt quer durch die Gassen zur Engelsgrube. Ober- und unterhalb der Straße hatte die Polizei das Quartier bereits mit rot-weißen Flatterbändern abgesperrt, aber die Querstraßen waren glücklicherweise noch offen. Ein Pulk von Schaulustigen stand dichtgedrängt am Ende der Gasse und versperrte den Weg. Joelle drängte sich wortlos dazwischen und weiter voran. Den bulligen Polizeibeamten, der sich bei ihrem Anblick sofort in Bewegung setzte, nahm sie erst wahr, als er sie am Arm packte: “Wo wollen Sie hin? Gehen Sie sofort zurück hinter die Absperrung!”
“Erstens ist da noch keine Absperrung, zweitens arbeite ich hier”, erwiderte sie und kramte ihren Presseausweis aus der Jackentasche: “Ich bin vom Abendblatt, Joelle Mardin. Mein Kollege wartet auf mich. Svensson, Carl Svensson.” Der Polizist warf einen Blick auf das Foto in ihrem Ausweis, dann auf sie, wieder auf das Foto und zuckte gleichgültig die Achseln. “Ja und? Ich darf Sie hier trotzdem nicht durchlassen.”
Verdammt, das hatte gerade noch gefehlt. Ein praxisferner Sesselpupser, na toll! Joelle kramte in ihrer Tasche und zog das Handy heraus: “Sie können sehr wohl!”, fauchte sie. “Tun Sie mir einen Gefallen: Lassen Sie mich bitte durch, oder rufen Sie, falls es Sie beruhigt, Ihren Pressesprecher an. Oldenburg, der Name sagt Ihnen sicher was. Er müsste hier sein. Er hat mich angerufen. Und die Nummer ist eingespeichert, ich spendiere Ihnen sogar das Telefonat. Ich verstehe Ihren Standpunkt, das ist Ihr Job, aber lassen Sie mich jetzt durch, so schnell wie möglich.”
Der Polizist musterte sie und grinste herablassend. “Na, na, na, junge Frau, wir wollen doch nicht ungemütlich werden…”
“Oh doch!”, sagte sie. “Keine Ahnung, was Sie wollen, aber ich werde sehr ungemütlich, wenn Sie mich jetzt weiter hindern, meinem Job nachzugehen. Vielleicht überzeugt es Sie ja wenigstens, dass ich auf eigene Gefahr hier bin. Falls was passiert, zahlt ausschließlich die Presseversorgung, nicht Ihre Landes- und Pensionskasse. Falls Sie das beruhigt. Also, falls Sie jetzt telefonieren wollen…” Joelle streckte ihm ihr Handy entgegen. Er warf ihr einen irritierten Blick zu, kopfschüttelnd. Joelle unterdrückte ein Grinsen und steckte ihr Handy ein: “Fein, ich glaube, dann sind wir uns einig. Bis später.”
Bevor er irgendetwas erwidern konnte, war sie schon auf halbem Weg über die Straße. Carl kam ihr entgegen. “Na endlich!”, rief er und hieb ihr mit voller Wucht auf die Schulter, “dachte schon, das wird heute nix mehr!” Nachtragend war er nicht, das musste man ihm lassen.
“Und?”, fragte Joelle. “Hast Du schon was?”
“Massig Bilder”, sagte Carl. “Sonst noch nicht so viel. Schreib mal auf, einer der Toten heißt ??? *. So weit ich begriffen hab, ist das der Vorname. Nachnamen weiß ich nicht."
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(* Name der Leiche wird später eingesetzt, siehe Diskussion "Im Netz - Prolog" )
Geändert von Anouk (27.12.2006 um 07:00 Uhr).
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