Als sie 12 war, erschoss ein Neonazi ihren Vater. Mit 23 wurde sie Miss Germany. Jetzt spielt die Deutschtürkin Asli Bayram die Jüdin Anne Frank.
Von Jana Simon
Sie betritt die Hotellobby nicht wie eine Schönheitskönigin. Sie läuft mit kleinen, schnellen Schritten, ihr Gesicht unter einer blauen Ballonmütze verborgen, wie jemand, der nicht auffallen mag. Dabei behält sie ihre Umgebung im Blick, als rechne sie jeden Moment mit etwas Unvorhergesehenem. Vergessen geht nicht, ist unmöglich. Auch wenn sie es wollte.
Wenn sie ihren linken Oberarm bewegt, zieht es ein wenig. Wie Rheuma. Und wenn sie jemand nach der Narbe fragt, sagt sie, das ist von einer Impfung. Sie hat keine Lust, darüber zu sprechen, was an jenem Abend des 18. Februar 1994 geschah. Sie denkt jeden Tag daran, warum sollte sie den Schmerz teilen? Sie hat die Erfahrung gemacht, dass reden nicht hilft, dass sie sich vor der Erinnerung schützen muss. Wahrscheinlich ist Asli Bayram die einzige ehemalige Miss Deutschland mit einer Schusswunde. Wahrscheinlich ist sie auch die einzige, deren Geschichte wie die Überschrift aus einer Boulevardzeitung klingt: "Neonazi erschoss Vater von Schönheitskönigin."
Asli Bayram öffnet die Tür zu ihrer Suite im Berliner Adlon-Hotel, setzt sich auf den Sessel am Fenster. Unter ihrem Make-up schimmert die Müdigkeit. Sie kommt gerade vom Münchner Filmfestival, hat ein paar Leute getroffen, die einmal wichtig sein könnten für sie als aufstrebende Jungschauspielerin. Sie ist ein wenig erkältet, fröstelt, im Zimmer ist es kühl.
Asli verabredet sich oft in Luxushotels. Sie ist 26, hat eine Wohnung in Berlin, findet aber über Monate hinweg immer einen Grund, warum man sich dort nicht treffen könne – sie zieht entweder gerade um, oder es ist nicht aufgeräumt. Diesmal wird renoviert. Andere würden bei Freunden oder in einer Pension übernachten. Asli mag Luxushotels. Sie zeigen, dass es einem gut geht, und sie sind schön. Schön unpersönlich. Jeder kann das hineinlesen, was er will. Perfekt, um sich nicht erinnern zu müssen. Wohnungen erzählen zu viel über ihre Bewohner, und sie bieten keinen Schutz, das weiß Asli seit jener Nacht im Februar.
http://nurtext.zeit.de/2008/13/Asli-Bayram-13
.