IDENTITÄT & INTEGRATION
Schatten über Almanya / Norbert F. Pötzl, SPIEGEL special 2/2008 vom 25.03.2008.
Der Islam wird in Deutschland oft mit Fundamentalismus und Fanatismus gleichgesetzt - eine schwere Bürde für die über drei Millionen Muslime hierzulande. Deren Verhältnis zur westlichen Gesellschaft ist gespalten zwischen Anpassung und teils selbstgewollter Ausgrenzung.
Über dem Friseursalon prangt zwar ein deutscher Name: Goldene Finger. Aber im Schaufenster werden die Dienstleistungen mit arabischen Schriftzeichen und auf Türkisch angepriesen. Vorn im Laden, von der Straße aus sichtbar, schneidet Toufic Al-Rifae, 40, ein Palästinenser, Männern die Haare und stutzt ihre Bärte. Verschleierte Frauen verschwinden in einem Extraabteil hinter einem Vorhang, wo ihnen weibliches Personal Hochsteckfrisuren verpasst und sie mit kräftigen Kajalstrichen arabisch schminkt.
Schräg gegenüber wirbt das Grillrestaurant Ris A mit "halal", nach islamischen Vorschriften, geschlachtetem Geflügel. Das Lokal erinnert an eine McDonald's-Filiale mit bunten Plastiktischen und -stühlen und gekacheltem Fußboden. In der offenen Küchenecke drehen sich auf einem riesigen Rost gleichzeitig 72 Hähnchen über der Holzkohlenglut. Der Name des Lokals, erläutert der Geschäftsführer, ein 35-jähriger Libanese, "bedeutet im Islam: ,Was mir Allah zuteilwerden lässt'".
Sonnenallee im Berliner Stadtbezirk Neukölln.
Eine bunte, quirlige Einkaufsmeile. Spötter nennen sie den Gazastreifen.
(...)
. Hier sei "Klein-Istanbul", sagen die arbeitslosen Türken, die sich im Taxi-Café die Zeit vertreiben.
Deutsche Sprachkenntnisse sind in dieser Gegend fürs tägliche Leben nicht erforderlich, man ist ja unter sich. Bärtige Männer mit Strickmützen und Frauen mit Kopftüchern bestimmen das Straßenbild. Die Alt-Berliner Eckkneipe Zum Ambrosius, wo sich dienstags deutsche Senioren zum Tanzabend treffen, wirkt in dieser Umgebung exotisch. Aber auch das Traditionslokal hat vor kurzem ein gebürtiger Libanese übernommen.
Man kann den Suk mitten in Berlin pittoresk finden. Das Museum Neukölln, eine Einrichtung des Bezirksamts, veranstaltet bereits Führungen durch den Muslimkiez Geleitet wird die "orientalische Entdeckungstour" von Abeer Arif, einer Irakerin mit deutschem Pass.
Das morgenländische Geschäftsviertel hat aber auch etwas Beklemmendes, Ghettohaftes. Es liegt inmitten von Deutschlands am dichtesten besiedelten Muslimquartier.
Im Bezirk Neukölln leben 300 000 Einwohner, die Hälfte davon in seinem nördlichen Teil, in dem auch die Sonnenallee verläuft. Ein Drittel sind Migranten, darunter etwa 60000 Muslime, fast ausschließlich in Neukölln-Nord.
Allein in diesem Stadtteil gibt es 20 Moscheen, von rund 80 in ganz Berlin. Nur wenige der Gebetshäuser sind von außen als solche zu erkennen. Die meisten erreicht man durch Toreinfahrten über Hinterhöfe, wo in ehemaligen Werkstätten und Fabriketagen Gebetsräume mit farbig gemusterten Teppichen ausgelegt sind. Nebenan werden Süßigkeiten, Tee und Softdrinks verkauft.
[...]Fatal für die Integration klangen da freilich auch die Töne, die der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan zwei Wochen zuvor angeschlagen hatte. Unter dem Jubel von fast 20 000 - teils eingebürgerten - Türken in der Köln-Arena warnte er vor allzu viel Anpassung: "Niemand kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich einer Assimilation unterwerfen. Denn Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."
Assimilation, die totale Auslöschung kultureller und religiöser Identität, hatte niemand gefordert. Wohin aber die Verweigerung führt, sich einzufügen in die deutsche Mehrheitsgesellschaft, lässt sich im Umkreis der Neuköllner Sonnenallee studieren.
Die Gegend ist ein Musterbeispiel für einen sozialen Brennpunkt. Fast jeder zweite Einwohner ist arbeitslos. Seit 1990 hat sich die Zahl der Raubdelikte und Körperverletzungen mehr als verdreifacht.
Hier ist sie hautnah zu erleben, die vielbeschworene und oft geleugnete "Parallelgesellschaft". Es war der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, 59, ein gestandener Sozialdemokrat, der das Tabuwort aussprach und sogleich für den Verstoß gegen die Political Correctness gerügt wurde. Der Berliner Soziologieprofessor Hartmut Häußermann belehrte den Lokalpolitiker pikiert, dass man die muslimischen Migranten besser als eine "ethnische Kolonie" bezeichne. "Ja, ist das denn nun ein schönerer Begriff?", fragte Buschkowsky zurück.
Der Ausdruck "Parallelgesellschaft" gehöre zu einer "Paniksemantik", die auffällige Ausnahmen generalisiere, sagt der Osnabrücker Historiker und Migrationsforscher Klaus J. Bade. Allenfalls treibe die "lange Zeit desintegrative deutsche Immigrationspolitik" Einwanderer in Enklaven: "Ein widerwilliges Einwanderungsland braucht sich über widerwillige Einwanderer manchmal nicht zu wundern."
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So unübersichtlich wie die Kopfstärke der Muslime ist die Vielfalt der vertretenen Glaubensrichtungen. Die Zuwanderer sind, wie der Bremer Politikwissenschaftler Stefan Luft unterstreicht, "keine homogene Gruppe, weder in religiöser, ethnischer, politischer noch in kultureller Hinsicht". Das Spektrum reiche von vergleichsweise weltoffenen Bosniern und westlich orientierten Akademikern aus Metropolen wie Istanbul oder Teheran über konservative anatolische Bauern bis zu militanten Islamisten aus Saudi-Arabien oder Afghanistan.
Die große Mehrheit der immigrierten Muslime lebt weitgehend unauffällig unter den eingesessenen Deutschen.
Trotzdem fällt es vielen Einheimischen schwer, die schleichende Veränderung ihrer Gesellschaft zu akzeptieren und in Tuchfühlung zu sein mit einer Kultur, die durch die Regeln des Korans bestimmt ist. Denn der Islam, so Autor Lüders, "ist gläubigen Muslimen Religion und Lebensform zugleich".
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Dabei halten es viele Muslime in Deutschland "eher lax mit der Religion", wie die Berliner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur weiß. Im Alltag spiele die Religion "keine allzu dominante Rolle". [...]
Der Neuköllner Bezirksbürgermeister kann ein Lied davon singen. "Ob der Islam nach Europa gehört, darüber sollen andere reden. Dit is mir zu hochjestochen", berlinert Buschkowsky. Er spricht von den Alltagsproblemen: von Vätern, die ihren Töchtern die Teilnahme am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten verbieten; oder von 18-jährigen Frauen, die als "Importbräute" aus der Türkei eingeflogen werden, "weil der Patriarch mit der aufgeklärten türkischstämmigen Sparkassenangestellten aus Neukölln nichts anfangen kann".
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http://www.spiegel.de/spiegelspecial...g-4277,00.html
der gesamte artikel steht noch nicht online, deshalb hier ein großer teil des textes aus dem artikel . ....es ist
ein artikel von vielen aus dem sonderheft spiegel special.