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Schwarzmaler und andere Helfer
Manchmal landet man unversehens an einer der typischen Weggabelungen des Lebens. Einerseits könnte man bequem weiter die gewohnte Routine pflegen und auf der Oberfläche des Schicksal dahingleiten - auf die Gefahr, sich in zehn Jahren in den Hintern zu beißen, bloß weil man ihn in Wahrheit nicht hochgekriegt hat. Die andere Version ist meist mit Arbeit, noch mehr Arbeit oder nervenaufreibender Action verbunden. Wie anstrengend! Was mich betrifft, weiß ich meistens zwar halbwegs, was ich will, aber wenn der innere Schweinehund fröhlich die Zähne bleckt und mir verschwörerisch zuzwinkert, bin ich wehrlos. Dann muss was passieren. Meist tut es das auch. Denn als nächstes schlägt die Stunde der Miesepeter.
Inzwischen bin ich sicher, dass solche Typen ziemlich verbreitet sind. Sie tauchen grundsätzlich auf, wenn man sie am wenigsten brauchen kann, versuchen einem die tollsten Projekte madig zu machen und sind überhaupt die fleischgewordenen Bremsklötze. Manchmal meinen sie es wirklich gut. Manchmal weniger oder auch gar nicht. Und bis man merkt, wo der Unterschied liegt, vergeht mitunter viel Zeit.
Bei mir kommt verschärfend hinzu, dass ich eigentlich fast immer einen enormem Zeitdruck brauche, um in die Schwünge zu kommen und bedarfsweise zu Höchstform aufzulaufen. Von Null auf Hundert in drei Sekunden: kein Problem. Das hat sich schon zu Schulzeiten bewährt. Und beruflich ist es ganz einfach: Mit dem Damoklesschwert eines unmittelbar bevorstehenden Abgabetermins über und stapelweise unsortierten Notizen neben mir kann ich geradezu titanische Kräfte entfalten. Davor und danach dümpelt die Zeit vor sich hin, und eine sinnfreie Übersprungshandlung löst die nächste ab.
Weswegen ich, nebenbei, Menschen ganz aufrichtig bewundere, die in vorbildlicher Selbstdisziplin mit dem Gleichmaß eines schweizerischen Uhrwerkes vor sich hin werkeln und nie!, nie!, in die Verlegenheit kommen, dass ihnen bei irgendeinem Vorhaben die Zeit wegläuft. Penetrant wird's allerdings, wenn diese unfassbar perfekten Zeitgenossen es fertigbringen, bei wichtigen Terminen überlegen lächelnd auch noch ein bis zwei Stunden zu früh und mit selbstverständlich auf Hochglanz gewienerten Schuhen aufzukreuzen. (Dass deren Karriere im Gegensatz zu meiner in der Regel sehr stromlinienförmig verläuft, braucht wohl nicht weiter erwähnt sein.) Aber das ist nicht das Problem. Mein Problem ist das Wollen. Die Kunst des Anfangens, der innere Startschuss. Kurz: die so genannte Initialzündung.
Allmeingültige Patentrezepte gibt's vermutlich nicht. Der Blick auf den Kontostand ist um so wirksamer, je weiter gefühltes und tatsächliches Einkommen auseinander klaffen. Den nächsten Musenkuss abzuwarten, ist verführerisch, hilft aber kein bisschen. Musen verdrücken sich zuverlässig, sobald man sie herbeisehnt. Inzwischen bin ich auf den Gedanken verfallen, dass ich ähnlich einem trotzigen Kleinkind wohl ein gewisses Maß an Reibung und Widerstand brauche. Je schwieriger ein Vorhaben, desto interessanter. Und wenn noch dazukommt, dass andere es mir nicht zutrauen oder gar irgendetwas Abfälliges vom Stapel lassen, kann ich sogar Ehrgeiz entwickeln. Pädagogisch wertvolle Bedenkenträger, die mit nach unten gezogenen Mundwinkeln durchs Leben tapern und sich bevorzugt einmischen, wenn's darum geht, andere Menschen so klein wie möglich zu machen und deren Ideen zu sabotieren, beeindrucken mich irgendwie. Aus welchen Gründen auch immer. Solche Spaßbremsen erkennt man daran, dass sie ein ungeheures Geschick haben, einem liebevoll jede Menge Stolperfallen detailreich auszumalen oder, in der bösartigen Variante, einen von vornherein zur gescheiterten Existenz erklären, wenn man ihre misanthropischen Einschätzungen nicht teilt.
Es mag verrückt klingen, aber mittlerweile hab ich festgestellt, dass ich diese Leute eigentlich gar nicht so übel finde. Wahrscheinlich, weil sie in meinem Umfeld zum Glück sehr vereinzelt in Erscheinung treten, also quasi als Quoten-Miesepeter unter Artenschutz stehen. Natürlich mag ich sie nicht so sehr, dass ich (Gott bewahre!) je freiwillig einen ganzen Abend mit ihnen verbrächte oder überhaupt gewillt wäre, mehr als 15 Minuten Zeit zu opfern, wenn sie anrufen, um sich vorgeblich interessiert zu erkundigen, was Sache ist. ("Na, was macht die Kunst - ?") Da man seine Pappenheimer kennt, ahne ich meist schon im Ansatz, worauf es hinausläuft und wedele in elegantem Slalom um alle Fallgruben herum. Nur klappt das leider nicht immer. Und wenn ich's richtig bedenke, entstehen gerade aus Reibungen die Funken, die den Schaffensdrang beflügeln und paradoxerweise genau das Gegenteil von dem entfachen, was womöglich beabsichtigt war: Feuer, Leidenschaft, der Wille, den Miesmachern ein Schnippchen zu schlagen. Jetzt erst recht.
So erinnere ich zum Beispiel noch sehr genau den Anruf einer älteren Verwandten, die ihre Nase gern in alles steckt, was sie nichts angeht, schon immer zu wissen glaubte, was angeblich mein Bestes sein würde und das Talent hat, sich ausgerechnet dann einzuschalten, wenn ich, von Selbstzweifeln gebeutelt, zu heroischen Taten ansetze. Damals studierte ich noch und hatte in einem Anfall von geistiger Umnachtung parallel zu einer umfänglichen Seminararbeit auch noch drei verschiedenen Zeitungen drei verschiedene Texte zwischendrin versprochen. Eine Freundin hatte Liebeskummer und wollte getröstet sein, und in der WG hing der Haussegen schief, weil keiner für die letzte explodierte Telefonrechnung verantwortlich sein wollte.
Man darf zu Recht fragen, wie man nur so blöde und unorganisiert sein kann. Ich selbst fragte es mich auch, aber sei's drum. Während ich übernächtigt am Schreibtisch saß, mir die fürchterlichsten Horrorszenarien vorstellte und inzwischen fast sicher war, keinen einzigen Termin halten zu können, ging also das Telefon. In der Annahme, es sei was Wichtiges, langte ich automatisch nach dem Hörer - und schon bläkte mir entgegen, warum ich mich solange nicht gemeldet habe, was denn los sei, gefolgt von einer übergangslosen Aufklärung zum aktuellen Stand eines Kleinkriegs in der Nachbarschaft in Kleinkleckersdorf.
Mit mühsamer Beherrschung erklärte ich, täte mir leid, keine Zeit, ein andermal. Es plapperte im Stakkato weiter und über mich hinweg. "Bitte", flehte ich, "es geht nicht! Ich melde mich ganz bestimmt, aber im Augenblick geht es nicht!" Zehn Sätze und die halbe Scheidungsgeschichte mir unbekannter Menschen später wiederholte ich die Bitte energischer und vermutlich recht ungehalten. Eine halbe Sekunde herrschte verblüfftes Schweigen. Dann bellte es zurück, mit unüberhörbarem Beleidigtsein: "Ja, warum das denn... Himmel, was machst du denn?" "Ich hab zu tun", sagte ich knapp, "ich arbeite, wie du weißt, und melde mich später. Versprochen." Worauf ich im O-Ton zu hören bekam: "Ach was! Was machst du denn schon! Du?? Dass ich nicht lache, du kannst doch höchstens als Putze gehen!" Mal abgesehen davon, dass das Gespräch sofort beendet war und ich eine Weile brauchte, um die Boshaftigkeit dahinter einordnen zu können: Autsch!, das saß. Und zwar tief. Auch wenn ich rückblickend manches Mal dachte, was soll's. Mitleid kriegt man geschenkt, Neid muss man sich erst erarbeiten. Nun, im beschriebenen Fall führte es jedenfalls dazu, dass ich irgendwo zwischen Trotz und Tränenausbruch sämtliche Reserven mobilisierte und, oh Wunder, doch noch just-in-time fertig wurde. Und zwar mit allem. Nur der versprochene Rückruf fand nicht statt.
Es gab weitere Erlebnisse, davor und danach, die weniger fies, aber ähnlich wirkungsvoll waren. Letzte Woche war es mal wieder so weit. Ein mir, sagen wir, nicht eben in innigster Zuneigung verbundener Mensch hatte offenbar schlechte Laune. Nach allgemeinem Genöle über Gott und die Welt schwenkte er blitzschnell um und malte mir, nachdem er mich scheinheilig zu meinen Plänen befragt hatte, die nähere und fernere Zukunft ungefragt in schwarz-grauen Farbtönen aus. In Breitwand, genüsslich. Zukunft ist demnach, was er dafür hält, und meine zugegeben optimistische Einschätzung schien aus seiner Sicht unbeachtlich. Zwar weiß ihm bei ihm sehr genau, dass es im Grunde gleich ist, was man macht, weil es nach seinem Dafürhalten, sofern er es mitbekommt, so oder so verkehrt sein wird: Aber ärgern tat es mich doch. Und zwar infernalisch.
Keine schlechte Voraussetzung, um durchzuziehen, was mir vorschwebt. Denn manchmal braucht's nicht nur Freunde, sondern auch irgendeinen Katastrophenbeschwörer, der im unpassendsten Augenblick auftaucht wie das Springteufelchen aus der Kiste, alles Schlechte prophezeit und sich wieder verdünnisiert. Weswegen dieser zu Unrecht gescholtenen Spezies an dieser Stelle ein stilles Denkmal gesetzt sei. Kein großes, aber immerhin. Verdient haben sie es zwar nicht, die notorischen Schwarzmaler dieser Welt - aber ohne ihre ungebetenen Anmerkungen aus dem Off würde ich manchmal wohl nicht so schnell aufs Wesentliche kommen.
;)
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