--------------------------------------------------------------------------------
Tatort "Schatten der Angst"
Ein Film, der Mut machen will
Ulrike Folkerts im Interview
Um das
brisante Thema Zwangsheirat kreist der SWR-Tatort "Schatten der Angst" Die Idee zu diesem Film ging von Ulrike Folkerts aus. Wie es dazu kam und was das Thema für sie bedeutet, hat sie im Interview mit SWR.de erzählt.
Ein schwieriger Fall für Lena Odenthal (Ulrike Folkerts)
Der Impuls, sich in einem SWR-Tatort dem Thema Zwangsheirat zu widmen, ging von Ihnen aus. Wie kam es dazu?
Ulrike Folkerts: Vor zwei oder drei Jahren war ich bei Frau Maischberger in einer Talkshow und habe dort eine türkische Frau kennengelernt, die von ihrer Zwangsheirat erzählt hat. Sie wurde von ihren Eltern in die Türkei gebracht und auf einem Dorf verheiratet. Sie bekam auch Kinder mit dem Mann und war viele, viele Jahre sehr unglücklich. Parallel hat sie sich in einen anderen türkischen Mann aus dem Ort verliebt.
Die beiden haben dann irgendwann die Flucht gewagt und leben jetzt irgendwo in Deutschland. Die Kinder konnten sie erst ganz spät nachholen. Die Frau hat eigentlich keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern und die ganze Familiensituation ist dabei sozusagen kaputt gegangen, aber sie hat es um ihrer Liebe willen getan. Diese Geschichte hat mich sehr, sehr berührt.
Zu dem Zeitpunkt gab es auch in Berlin einen klassischen Ehrenmord, bei dem eine junge Frau auf offener Straße von ihren Brüdern erschossen wurde. Das sind Sachen, die schwer auszuhalten und nachzuvollziehen sind.
Und wie kamen Sie auf den "Tatort"?
Die zwangsverheiratete Türkin Deriya (Sesede Terziyan)
Ich dachte dann, der "Tatort" ist ein sehr gutes Format, sich dem Thema anzunehmen. Und mit Martin Eigler als Regisseur und Autor war mir auch klar, dass er das Thema sensibel anfasst. Denn es geht nicht darum, jemanden vorzuführen oder eine bestimmte Kultur zu diskriminieren.
Aber wir leben in Deutschland, und hier gibt es so etwas wie Zwangsheirat nicht. Ich finde es auch aus meiner Sicht als Frau, die jahrelang selbst für Frauenrechte gekämpft hat, unsäglich, dass es Länder gibt, wo Frauen geschlagen und zwangsverheiratet werden. Ich finde das eine wahnsinnige Verletzung der Menschenrechte.
Was ist die Absicht des Films?
Es geht mit diesem Film darum, die Konflikte aufzuzeigen, in denen diese jungen Menschen stecken, die in Deutschland groß werden und damit in zwei Kulturen aufwachsen. Wie sollen sie sich verhalten? Welche Möglichkeiten haben sie, ihr eigenes Leben zu leben, ohne die Familie zu verlieren und ohne die Liebe zu verlieren? Ich finde das für uns, die wir hier mit allen möglichen Freiheiten groß werden, wahnsinnig schwer nachzuvollziehen. Wir leben ja wirklich in einem fortschrittlichen Land, das kann ich speziell als homosexuelle Frau sagen. Ich darf zwar noch keine Kinder adoptieren, aber ich darf zumindest heiraten, wen ich will.
Bild vergrößern
Ich glaube, Martin Eigler ist es mit seiner Regie gelungen, dass der Zuschauer ganz nah an die Personen herankommt: über die Kommissarin, die ja auch nicht versteht, was in dieser Frau vorgeht. Die nicht versteht, was in dieser Familie passiert. Die nicht versteht, worum es eigentlich geht, wer welches Motiv hat, sich so oder so zu verhalten.
Was könnte helfen, den Frauen und Mädchen zu helfen, die unterdrückt werden und von Zwangsheirat bedroht sind?
Dafür habe ich eigentlich keine Lösung. Das einzige, was im Moment möglich zu sein scheint, ist ihnen überhaupt eine Möglichkeit zu schaffen, aus der Situation herauszukommen. Was man ihnen aber nicht nehmen kann, ist, dass sie dann ihre Familien verlassen müssen. Wenn das Eltern sind, die ganz klar an den alten Strukturen und ihrer Kultur festhalten wollen, dann können wir uns den Mund fusselig reden, aber sie werden es nicht akzeptieren.
Man kann eigentlich nur Hoffnung in die neue Generation setzen, die hier aufwächst und zur Schule geht und hier mit Freiheiten groß wird, die sie zu Hause nicht erlebt. Die hier Lust bekommt, ihr Leben in die Hand zu nehmen, eine Ausbildung zu machen und als Vorbild zu wirken.
Haben Sie sich auf die Dreharbeiten zu "Schatten der Angst" besonders vorbereitet?
Derya (Sesede Terziyan) und ihre Familie
Man kriegt natürlich ein anderes Bewusstsein. Man sieht anders fern und schaut, ob es Reportagen zu dem Thema gibt. Ich habe dann einfach die Kollegen gefragt, wie sie aufgewachsen sind. Zum Teil kennen sie ähnliche Probleme, Aber Sesede [Terziyan], die die Hauptrolle gespielt hat, hatte zum Beispiel das Glück, dass ihre Eltern ihr Möglichkeiten geboten haben. Aber die Eltern waren auch beide berufstätig und Akademiker, das war eine andere Voraussetzung. Es war total spannend, mit Sesede zu reden. Wie sie nach Deutschland gekommen ist, wie es in ihrer Familie ist, wie sie damit umgehen würde, wenn sie anders groß geworden wäre.
Und wie war die Stimmung bei den Dreharbeiten?
Die Stimmung beim Dreh war super [lacht]. Wir hatten großen Spaß, weil die Kollegen sich natürlich auch einen Spaß daraus gemacht haben, türkisch zu reden und uns das Gefühl zu geben: Ihr wisst jetzt nicht, worüber wir reden. Es war ein sehr schöner Dreh. Allen, die mitgemacht haben, war der Film auch wichtig.
Was erhoffen Sie sich von der Ausstrahlung des Films?
Ich habe noch E-Mail-Kontakt zu der Frau, die damals mit in der Talkshow saß. Sie hat mir ganz konkret geschrieben, sie wünscht sich, dass der Film Mädchen Mut macht, ihren eigenen Weg zu gehen. Das ist viel verlangt und ich weiß nicht, ob wir das schaffen. Aber es ist vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer. Und vielleicht wird auch für die jungen Männer eine Dimension aufgemacht, dass sie für sich selbst entscheiden können und sich daraus befreien.
Die Fragen stellte Marion Dilg.
Letzte Änderung am: 08.02.2008, 11.51 Uhr
--------------------------------------------------------------------------------
Mehr im WWW:
Zwangsheirat
Informationen für Interessierte und Betroffene
http://www.zwangsheirat.de/