Die Jugend ist eine vergessene Randgruppe in der türkischen Politik - Erstmals liefert ein UN-Bericht Erkenntnisse zur zukünftigen Generation
Wien - 63 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in der Türkei gehen davon aus, dass sie in ihrem zukünftigen Eheleben geschlagen werden. Es sei auch eine höhere Akzeptanz für Ehrenmorde unter der jüngeren Generation zu sehen, zitiert der Human Development Report (HDR) 2008, "Youth in Turkey", brisante Erhebungen.
"Besonders im Bereich der Jugend lagen wir weit zurück", heißt es im Report der Vereinten Nationen, der neben Schwächen auch Erfolgsgeschichten thematisiert.
Es ist der erste Bericht, der die Situation der Jugend in der Türkei mehr als nur skizziert. Die Ergebnisse basieren auf der Untersuchung einer Gruppe von über 3000 Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren aus zwölf Regionen, und 28 Gruppen bestehend aus Jugendlichen und Erwachsenen. Die Ergebnisse, die daraus resultieren, sind repräsentativ für das ganze Land.
Der Bericht beschreibt nicht nur die Lage der Jugend, er kritisiert sie auch. Eines der größten Probleme sei es, dass über drei Millionen junge Menschen überhaupt nicht in den Statistiken aufscheinen.
Die Rede ist von der "unsichtbaren Jugend", wie sie im Bericht genannt wird. Zu dieser zählen die 2,2 Millionen jungen Frauen ohne Arbeit und Ausbildung, die 300.000 frustrierten Jugendlichen, die die Hoffnung aufgegeben haben, einen Job zu finden, die 22.000 jugendlichen Straftäter, 650.000 körperlich Benachteiligte, sowie Straßenkinder und -jugendliche.
Zu den großen Kritikpunkten zählen die "Geschlechterdisparitäten" in der Türkei. Die traditionelle Bevorzugung junger Männer gegenüber Frauen und die stärkere Präsenz ersterer im öffentlichen Raum seien in jedem Lebensbereich sichtbar. Das müsse verhindert werden, denn es sei ein Verlust "nicht nur für die Frauen, sondern für die ganze türkische Gesellschaft".
Online eine Stimme haben
Wenn die "türkische Jugend mehr Möglichkeiten und Optionen bekommt, kann [sie] große Beiträge zum sozialen Wandel leisten", meinen die Autoren des Berichts. Als Beispiel genannt wird die massive Hilfe jugendlicher Freiwilliger zu Zeiten des großen Erdbebens im August 1999, bei dem mehr als 17.800 Menschen starben.
Weiters wird auf das Entstehen von mehr als 113 Jugendzentren und 155 Jugendklubs im Jahre 2003 verwiesen. Auch online tut sich einiges. Das größte Internet-Portal für die türkische Jugend, "Youth Info Bridge" (YIB) entstand aus einer Initiative des "British Council Ankara" und des "GSM Youth Services Centre" im September 2003, um die Kommunikation zwischen der türkischen Jugend und NGOs der Türkei zu verbessern.
In zwei Jahren hatte die Plattform mehr als 4,5 Millionen Besucher. Das Team betont, wie groß die Befriedigung sei, "das Leben von mehr als hundert Jugendlichen zu verändern", indem man ihnen Chancen gegeben habe.
Auf Grund der stetig steigenden Nachfrage vergrößerte sich das Team der YIB. Es verwirklichte die Idee eines Dokumentationsportals und gründete im Frühjahr 2007 "YouthPost", das in Folge die offizielle Website des Human Development Report wurde. "YouthPost" strebt nicht nur die Vermittlung von Infos zu Politik, Projekten und Programmen für Jugendliche an, sondern will auch Einfluss auf die Politik nehmen. Entscheidungsträger sollen die Website als Informationsquelle über die Situation der Jungen im Land nutzen und sich zu einem "sozialen Umschwung" bewegen lassen.
Durch "YouthPost" werden türkische Jugendliche über ihre Möglichkeiten und Chancen im Leben aufgeklärt, vor allem aber können sie ihre Meinungen einem größeren Publikum näherbringen. Es ist ein Versuch, der Jugend eine Stimme zu geben.
Undefiniert miteinbegriffen
Sirin Soyoz ist Redakteurin von "Youthpost" und eine der Mitarbeiterinnen beim HDR. Sie ist überzeugt, dass eine aktive Jugendpolitik und die Einbindung der Jugend in Entscheidungsprozesse eine erhebliche Verbesserung der Situation bringen würden.
"Kurz gesagt: Wir brauchen einen Wandel im Bewusstsein der ganzen Gesellschaft zu Themen und Problemen der Jugend." Denn in der Türkei gibt es kein explizites Jugendrecht, Vorschriften für die Jugend sind meist in allgemeinen Gesetzen enthalten, und was bislang völlig fehlt, worauf die HDR-Verfasser drängen, ist eine Definition des Begriffs "Jugend" der Türkei. (Sara Mansour Fallah/DER STANDARD, Printausgabe, 17. Juni 200
Quelle:
http://derstandard.at/