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10.12.2007, 22:50
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DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
So, Ihr Lieben,
tt geht wieder und ich kann mein "Tagebuch einer verrückten Woche" nun hier posten...los gehts!
In der Nähe von Istanbul, ein kleiner Ort am Meer. Es weht ein kalter Wind, auf dem Balkongeländer streunt eine Katze entlang. Das Zimmer ist ein wenig überheizt und das knallgelb der Wände harmoniert nicht wirklich mit dem rosarot des Bettüberwurfs. Wie anders noch heute Nachmittag die Welt des 4- Sternehotels mit dem Blick über das Lichtermeer von Bursa und der alten Moschee aus dem 14. Jahrhundert nebenan, deren Ezan ein unendlich feines Gespür für die Feinintonation der beim jeweiligen Gebet zu verwendenden Skala. Aber das ist egal, ich habe Menschen um mich herum, die sich um mich kümmern. Denen mein Wohlergehen am Herzen liegt und die ich gerade einmal 48 Stunden kenne.
Das Handy liegt neben mir auf dem Bett. Keine Nachricht. Ich sollte schlafen, aber ich bin zu aufgedreht. Also hämmere ich lieber auf das Laptop ein, tippe eine Geschichte, die mir wahrscheinlich niemand glauben wird. Ein paar von Euch wissen jedoch, dass jede Zeile wahr ist…(Anmerkung: die Forumsversion hat ein paar Auslassungen, damit Personen nicht so leicht identifizierbar sind).
Das Wochenende vom 24./25.November
Ich hatte in Stuttgart ein ziemlich unterirdisches Mozart- Projekt zu spielen. Aber immerhin gab es einen Lichtblick: das TT-Treffen bei Aylin. Auch wenn ich vermutlich das Beste verschlafen hatte, war es ein großartiger Abend. Bei Aylin blieb ich bis zum am Montag Morgen. Dann gabelte mich einer meiner Chefredakteure auf, der zufällig in der Nähe angesiedelt ist, brachte mich zum Flughafen, drückte mir noch eine große Kiste mit Magazinen in die Hand, die ich bitte auf die türkische Post bringen solle (hierbei handelte es sich um die Nummer, in der einige Artikel von mir zum türkischen Musikleben erschienen waren. Meine damaligen Interviewpartner warteten schon sehnsüchtig auf ihr Belegexemplar). Auch ansonsten wurde ich noch mit Arbeit eingedeckt. Könnte ja jemand auf die Idee kommen, ich sei zum Vergnügen unterwegs…
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10.12.2007, 22:52
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Montag, 26. November
Der Flieger nach Istanbul hatte etwas Verspätung. Geht es eigentlich nur mir so, dass ich mich des Eindruckes nicht erwehren kann, man laufe sich im Atatürk Airport immer die Füße wund? Als ich endlich die ewig lange Schlange an der Passkontrolle hinter mich gebracht hatte, marschierte ich mit meinen Instrumenten, dem Koffer und dem Karton wie der Packesel persönlich in die Ankunftshalle. Am Morgen hatte mir Doc Askim noch per SMS versichert, er habe sich von seinen Verpflichtungen loseisen können und hole mich ab. Nun, da stand er, nahm mich lächelnd in die Arme: „Endlich bist du da!“
Ja, endlich war ich da. Und ich war da, um herauszufinden, was möglich sein könnte und was nicht. Auch hier wieder eine Geschichte mit denkbar schlechten Startvoraussetzungen. Lautete bei meinem Exfreund aus Izmir der Name des Gegners „mittelalterliche Wertvorstellung“ hatte er hier ein konkretes Gesicht: Doc Askim ist verheiratet. Das habe ich von Anfang an gewusst. Bevor jetzt irgendjemand mit Steinen auf mich wirft: als ich über Doc Askim gestolpert bin und wir festgestellt haben, dass wir uns sympathisch sind und auch in Kontakt bleiben, dachte ich an nichts weiter als an eine rein freundschaftliche Beziehung. Es kam zu stundenlangen Gesprächen auf dem msn, irgendwann offenbarte er mir den Zustand seiner Ehe: am Ende, man langweilt sich, das Ziehen der finalen Konsequenzen stehe unmittelbar bevor. Ich bedauerte das, erzählte ihm, dass eine Trennung oft das Beste sei, damit jeder eine Chance auf ein neues Glück habe. Schließlich hatte ich das bei meinen Eltern erlebt. Manchmal dachte ich in unseren Gesprächen „Oh Mann, warum sind die besten eigentlich immer vergeben?“ Aber in eine bestehende Beziehung reinzufunken, auch wenn sie faktisch am Ende ist, passte so gar nicht mit meinen Wertvorstellungen überein. Das dachte ich. Davon war ich überzeugt. Das hätte ich unterschrieben. Doch dann legte sich Doc Askim auf den Laden…als Essenz sei folgender Satz herauszukristallisieren: „Ich habe das Gefühl, dass du die Frau bist, auf die ich mein Leben lang gewartet habe.“
Es folgte ein weiterer glücklicher Zufall, den ich hier nur das „Wochenende mit dem deutschen Apfelkuchen“ nenne. In der Folge sollte ich in die Türkei kommen, so würden wir Zeit zur Verfügung haben und Pläne schmieden können. Ich machte klar, dass ich keinesfalls als Geliebte zur Disposition stehe. Aber das, was wirklich mit uns sein könnte, würde ich nur herausfinden, wenn ich ihn vor Ort habe. Und ja, der Mann interessierte mich unglaublich. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, war beeindruckt von den Tiefen unserer Konversation. Ob eine Sache gelingen kann, erfährt man schließlich nur, indem man sie ausprobiert, oder?
Also ab ins Auto und los Richtung Autofähre. Da ein ziemlich starker Wind wehte, schaukelte der deniz otobüs gewaltig vor sich hin. Doch Doc Askim hielt mich fest in den Armen und ich dachte „Alles wird gut, was für ein perfekter Moment!“ Auf dem Weg nach Bursa haben wir halt gemacht, gut gegessen und schließlich brachte er mich ins Hotel. Vier Sterne, Herz, alles, was du begehrst. Es hätte für meine Bedürfnisse zwar durchaus eine Kategorie drunter getan, aber nein, Doc Askim wollte für seinen Stern doch nur das Beste.
Kaum war mein Gepäck auf dem Zimmer, machte ich schon die Bekanntschaft mit dem Spielleiter meines türkischen Survivalcamps. Schnell war klar: das Ziel lautet, binnen kürzester Zeit so viele ayip-Punkte wie möglich zu sammeln. Die ersten hagelte es, als Doc Askim mich kurz (!) Auf mein Zimmer begleitete. Dabei hatte da wirklich noch niemand was im Sinne außer der ordnungsgemäßen Verstauung des Gepäcks. Männchen von der Rezeption rief an und stellte klar, dass das mit zwei Leuten auf dem Zimmer nun mal überhaupt nicht geht. Nun ja, also zum Knutschen raus in die Pampa gefahren. Und dann verabschiedete sich Doc Askim…und ich lag im Vier-Sterne-Bett und fragte mich, ob er es denn wirklich schaffen würde, seinen Kram auf die Reihe zu kriegen…
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10.12.2007, 22:56
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TT-Akkordschreiber
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Welcome back!!! Konnte leider nicht früher reagieren, aufgrund meines Virus streuenden Sohnes, der es in 2 Tagen schaffte ganze Familien und Klassenzimmer dahin zu raffen, und natürlich auch der TT- Auszeit!
Aber weiter so  !
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10.12.2007, 22:58
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Dienstag, 27. November
Am Morgen hatte ich noch ein wenig Arbeit zu erledigen. Doc Askim kam gegen 11, hatte sich von seinem Job losgeeist. Irgendwie war er an Männchen vorbeigekommen, wir quatschten auf meinem Zimmer und machten uns dann auf Futtersuche. Und das mitten in der Stadt. Ich dachte zwar, oha, was ist, wenn er mit mir gesehen wird, aber gut, sein Risiko, er muss wissen, was er tut. Soviel vorab, wir wurden auch gesehen. Was danach geschah, kann ich nur spekulieren, das Buch „Der offene und direkte Kommunikationsfluss des türkischen Mannes“ gehört wohl zu den Publikationen, die niemals veröffentlicht werden. Den Rest des Tages durfte ich dann gerade wieder alleine vertrödeln. Also so nicht, mein Lieber. Ich wollte zwar keinen unnötigen Stress machen, aber irgendwann mussten dann mal klare Verhältnisse auf den Tisch. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Doc Askim teilte mir am Abend per msn etwas von Stress mit, den es gab. Geht’s eigentlich noch? Da hocke ich in derselben Stadt und der Typ quakt mit mir per msn??? Ich konnte mich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass der Kerl noch volle Kanne verheiratet ist. Und vermutlich mit seiner nichts ahnenden Ehefrau kurz zuvor gemütlich beim Abendessen oder vor dem Fernseher abhing…
Mittwoch, 28.November
Doc Askim ließ an diesem Morgen auf sich warten. Er hatte mir versprochen, so gegen Mittag zu kommen, das wurde schließlich halb zwei. Wir fuhren raus, in die Pampa. Zwar malerische Umgebung, aber mir war klar: der versteckt sich mit dir! Ich weiß nicht, was ich erwarten sollte, ich weiß nicht, was ich erwarten konnte. Wir kannten uns zu kurz, aber ich habe trotz allem gerne Exklusivrechte auf einen Mann. Vor allem sah Doc Askim dauernd auf die Uhr. Und erklärte mir dann zur Krönung des Tages „Bis morgen dann!“ Eine Stunde und das sollte alles gewesen sein? Ja war ich denn hier der Pausenclown? Ich brauche keinen, der mit mir Gassi geht. Das konnte ich auch alleine.
Außerdem ist es doof, wenn im Camp nur einer die Spielregeln macht. Stapfte also alleine nach Bursa rein, Männchen nahm den Zimmerschlüssel in Empfang, wahrscheinlich war auch das wieder ayip. Ließ mich durch die Strassen treiben, mampfte Simit, schloss nette Bekanntschaften im Kippenladen und stellte fest, dass ich mit meinem Hilfstürkisch durchaus überlebensfähig bin. Ich liebe dieses Land und seine Menschen, aber warum ich hier immer wieder in Komplikationen reinschlittern musste, war mir schleierhaft. Am Ende habe ich mir Baklava gekauft und meldete mich ordnungsgemäß bei Camp-Leiter Männchen zurück. Das gab neue Punkte, denn inzwischen hatte Doc Askim im Hotel angerufen und mich nicht gekriegt. Ach ja, mein Handy hatte ich natürlich absichtlich vergessen. Bocken kann ich dann auch. Doc Askim erbarmte sich für ein paar Minütchen erneut zu mir und dauernd rappelte sein Handy. Ah super, den hatte ich dann gesehen…bis zum nächsten Tag…ich war offensichtlich in der Version von „Verbotene Liebe“ auf Türkisch gelandet….prost Mahlzeit….nee, also mit mir SO nicht! Also abwarten, cay trinken und die Stadt genießen...notfalls nächste Woche zurückfliegen und um eine Illusion ärmer sein.
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10.12.2007, 23:01
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Donnerstag, 29. November
Am Morgen versaubeutelte ich es dann bei Männchen total, das gab ayip- Highscore: Doc Askim schlich sich früh rein, wo hätten wir uns auch sonst treffen sollen, der Mann war ja in einer ständigen Panik, gesehen zu werden. Wir waren später sogar so schlau, das Zimmer getrennt zu verlassen, aber als er seinen Rüssel aus dem Zimmer steckte, war Männchen gerade auf der Etage auf Spaziergang. Zu Mittag ging es dann raus in ein altes Dorf, leckeres Essen in einem historischen Haus, rumgelaufen und die Option, dass spätestens nach dem Wochenende Klartext gesprochen wird. Das war allerdings etwas, woran ich im Inneren schon nicht mehr glaubte.
Ich trieb mich erneut in Bursa rum, schnupperte Basarluft, brachte mein Hilfstürkisch weiter an den Mann und die Frau bis mein Handy erneut klingelte. Doc Askim aus dem Hotel „Wo bist du?“ Na hatte doch gesagt, was ich vorhatte. Er gabelte mich dann an der Ulu Cami auf, wir gingen essen, obwohl ich noch pappsatt war, zum Abschluss gab es geröstete Kastanien von einem Straßenverkäufer. Er sah noch einmal auf der Arbeit nach dem Rechten, kam dann wieder und saß brav mit mir in der Lobby bei cay zusammen. Und wieder hieß es: Abschied nehmen. Aber: das Wochenende sollte nur uns gehören und danach die Karten auf den Tisch, mit allen Konsequenzen. So, so…
Nicht wirklich hoffnungsvoll schlummerte ich, bewacht von Männchen, in meinem Viersternebett ein.
Vielleicht würde ja doch noch alles gut werden. Auch wenn mein Bauch was anderes sagte. Die latente Enttäuschung über den Mann, den ich die Tage erlebt hatte, konnte ich nicht so ganz ablegen…Erwartete ich zuviel? Ich weiß es nicht, aber mir ging es ganz und gar nicht gut bei der Sache…Liebe oder die Vorläufer davon fühlen sich irgendwie anders an. Ich bin 30, da kann man bei dem Thema schon ein wenig mitreden.
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10.12.2007, 23:03
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Freitag, 30. November
Traumlos geschlafen bis mich Doc Askim mit folgender Hiobsbotschaft aus meinem frühmorgendlichen Tran riss: Verwandte sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Meine Frau und ich müssen zur Beerdigung.
Moment, das war ein blöder Witz gerade, ein Spuk, oder? Die dümmste Askim-Ausrede aller Zeiten…Zuerst schoss mir ins Hirn: der kann sich doch nicht loseisen und konstruiert eine Geschichte. Aber nun, erst mal wach werden, verdauen, dann Fernseher an. Wenn das stimmt, muss was kommen. Ok, Flugzeugabsturz bei Isparta. Jetzt die Frage: was sollte ich tun? In so einem Fall konfrontierte man die Ehefrau nicht mit einer anderen. Was auch immer das mit uns war, ich hatte vollstes Verständnis, die Frau hatte schließlich ihre Schwester verloren. Sollte ich versuchen, schnellstmöglich nach Deutschland zurückzukehren? So eine Katastrophe ändert viel, da müssen persönliche Interessen zurückstehen. Also SMS geschickt und um weitere Anweisungen gebeten. Ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich wollte lediglich wissen, was das Beste in der Situation war. Mal schauen, was das örtliche Büro von Turkish Airlines zu einer Umbuchung zu sagen hatte.
Drückte mich den Nachmittag also wieder halblebig in Bursa rum und war mittlerweile mit jedem Gebäude und jedem Museum per Du. Keine Nachricht.
Quakte mit Marion, ra-sim und Lafebesi über msn, wurde irgendwie immer verzweifelter. Ich hatte einfach ein superdoofes Gefühl. Schließlich wurde Burhan aktiviert. Der kam auch prompt mit seinem Kollegen vorbei. Wir killten an der Rezeption die erste Weinflasche, Männchen war nicht da, aber das würde mit Sicherheit prompt bei ihm landen, ayip-Konto freute sich. Ich schilderte die etwas pikante Situation. Klar war, dass das alles nicht so schnell gehen würde mit den Formalitäten in Isparta. Wir vereinbarten, dass ich längstens bis Sonntag warten sollte, würde sich bis dahin nichts tun, würde ich meine Zelte abbrechen. Ebenfalls eine Option war, dass Burhan unter einem Vorwand anrufen würde. Ich konnte es schlecht, denn mit mir würde Doc Askim Englisch sprechen müssen. Die Sache würde also zwangsläufig auffliegen. Burhan machte aber auch deutlich, dass ihm das alles nicht ganz koscher vorkam. Es gab einfach zu viele Ungereimtheiten. Danach kurze Stippvisite in Bursas Nachtleben, das war doch mal was, endlich nen Abend nicht doof im Hotel rumsitzen. War kurz, aber lustig, denn Burhan und Kollege mussten am nächsten Tag früh raus. Burhan wollte ein paar Erkundigungen über Doc Askim einziehen. Man verabredet sich zum msn, das WLAN auf dem Zimmer funzte mal wieder nicht, aber der Hotel-PC in der Lobby war einsatzbereit. Bis Burhan on ging, setzte ich schnell die lieben tt-ler in Kenntnis. Auf einmal quatschte mich jemand von der Seite auf Türkisch an…
so, und jetzt geh ich mal eine rauchen....
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10.12.2007, 23:12
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Samstag, 1. Dezember
Mitternacht war überschritten. Also gut, Gequake auf Türkisch von links. Am PC neben mir tummelte sich einer von denen im Hotel inflationär vorkommenden türkischen Geschäftsmännern. Ich hatte mich die Tage als einzige allein reisende Frau ohnehin schon etwas seltsam gefühlt. Ob die Businessmen auch alle beim ayip-Punkte sammeln mitspielten, wusste ich nicht. Spielleiter Männchen hatte mittlerweile seine Trainerbank erklommen. Da ich nichts verstand, fragte ich „Do you speak English?“ Yes, he did. Hatte mich zuerst für ne türkische Rechtsanwältin gehalten. Oha. Cok enteresan. WLAN ging nicht, ob es denn bei mir? Keine Ahnung, Akku hat sich gerade verabschiedet. Er stöpselt irgendwelche Kabel an meine Kiste, siehe da, bei mir stand das WLAN. Ich meinte nur „Gottseidank, jetzt kann ich endlich wieder die deutsche Tastatur benutzen!“ Das war das Stichwort. Meine PC-Bekanntschaft lebte in Deutschland. Wir legten munter los und bald wurde bei Männchen Wein geordert. Ich muss jetzt nicht erwähnen, was das für mein ayip-Konto bedeutete. Stellt Euch bitte mal vor: der eine Typ quartiert mich im Hotel ein, dann kommen Burhan und Kollege und nehmen mich mit und schließlich sumpfe ich zur Krönung mit dem Herrn vom PC nebenan ab…
Bei dem einen Wein blieb es nicht, noch lavierte ich mich geschickt um die wahren Gründe meines Aufenthalts in Bursa herum. Konnte ja schlecht sagen „Ich bin das süße Geheimnis aus Almanya von Doc Askim.“ Irgendwann war dann halb sechs. Rückblickend muss ich sagen, dass war der bislang netteste Abend meines Türkeiaufenthaltes.
Ich schlief dann bis drei Uhr mittags, machte einen langen Spaziergang. Auf meinem Handy tat sich nichts. Den Abend verbrachte ich dann wieder bis in die Puppen mit meiner neuen Bekanntschaft, die sich als großartiger Mensch offenbarte. Irgendwann kam ich dann nicht mehr umhin, zu sagen, was mich eigentlich nach Bursa geführt hatte. Damit offenbarte ich mich zwar als das doofste Huhn aller Zeiten und die ayip- Tussi schlechthin, aber ich hatte Vertrauen zu dem Mann. Aber ehrlich währt am längsten, Punkt. Der hatte Verständnis für mich, ohnehin ein Typ, dem nichts Menschliches fremd ist. Keinesfalls Verständnis aber hatte er für das Verhalten von Doc Askim. Wie bereits Burhan zuvor, hatte er Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der aufgetischten Story. Schließlich fragte er mich: „Ist denn das Hotel bezahlt?“. Ich sagte ihm, dass ich auf Einladung von Doc Askim reiste. Als ich seinen skeptischen Blick sah, wurde mir so richtig schlecht. Normalerweise wird eine Hotelrechnung ja am Ende des Aufenthaltes beglichen, da öfter noch Kosten hinzukommen. Die Frage war nur: würde Doc Askim überhaupt geruhen, bis Mittwoch Morgen wieder in Bursa aufzukreuzen? Und wie zur Hölle käme ich dann nach Istanbul? Konnte ja schlecht bis Mittwoch kurz vor knapp im Hotel hocken, dann wäre der Flieger um zwei weg…
Mein Retter überlegte relativ kurz, fragte mich, ob ich den Typ lieben würde, was ich wahrheitsgemäß verneinte und sagte schließlich: „Ich fahre morgen Abend nach Istanbul und nehme dich mit.“ Das war ein Angebot in allen Ehren, obgleich er mich so anschaute, dass eine Horde Nilpferde in meinem Magen Rock n’Roll zu tanzen begann. Während ich nur noch dachte, im falschen Film zu sein und dieses Gefühl ganz weit weg drängte, war mein Retter durchaus in der Lage, es in ganz konkrete Worte zu verpacken…
Jetzt musste ich nur noch in Erfahrung bringen, wie das mit dem Zimmer geregelt war. Und dafür gab es nur einen Weg: ich musste den Gang nach Canossa, beziehungsweise zu Männchen antreten. Mann, war mir das peinlich…aber die Option, nach Istanbul durchzubrennen hatte mehr als nur etwas für sich…das war keine Entscheidung für oder gegen eine noch astronomischere Hotelrechnung…das war eine Entscheidung, die das Herz treffen musste…
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10.12.2007, 23:20
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Sonntag, 2. Dezember
Gut, der Mann, der mir so intensiv seine Liebe beteuert hatte, ließ mich also eiskalt hängen. Da ich aufgrund der Verhältnisse ohnehin äußerst sparsam mit meinen Gefühlsinvestitionen umgegangen war und eher auf der „Schauen wir mal, lasst den Liebesworten Taten folgen“ - Basis agiert hatte, konnte ich das auf der emotionalen Ebene noch relativ gut wegpacken. Sein Verhalten die Tage zuvor hatte mir ja ohnehin schon ein wenig die Augen geöffnet, ein paar von Euch erinnern sich sicher an den wenig enthusiastischen Ton in meinem anderen Thread. Binnen Stunden hatte sich ohnehin alles verändert, das Tempo machte mir selbst ein bisschen angst. Aber das ist das Leben, einfach mitschwingen und darauf vertrauen, dass es einen ans richtige Ufer leiten wird.
Die Sache mit der Hotelrechnung musste nun definitiv geklärt werden. Keine Frage, ich habe Doc Askim nie ausnutzen wollen. Statt mich aus der Minibar zu bedienen, habe ich mich getränketechnisch selbst im nächsten Supermarkt versorgt. Als das Thema meines Besuches aufkam, hatte ich Doc Askim gebeten, ein preisgünstiges Hotel für mich zu buchen, da meine Mittel begrenzt seien. Wie ich denn bitte darauf käme, ich sei SEIN Gast, lautete die Antwort!
Ein letzter Versuch meinerseits, gegen Mittag, SMS an Doc Askim: „Ich weiß, du hast Probleme. Ich verlasse Bursa am Abend und fahre ich nach Istanbul.“
Um vier war immer noch nichts eingetrudelt. Also schlappte ich zu Männchen, zückte meine Kreditkarte und sagte, dass ich heute Abend das Hotel verlassen würde, er solle die Rechnung dann an Doc Askim schicken, sofern noch nicht bezahlt. Eventuelle Mehrkosten für cay und Wein solle er mir separat auflisten, aus der Minibar hätte ich nichts genommen.
Männchen glotzte nur und meinte „Effendim?“
Das konnte jetzt nicht wahr sein, auf einmal verstand Männchen kein Englisch mehr???
Mein „Retter“ war noch in einen Termin eingebunden, also rief ich Burhan an. Ich habe jetzt keine Ahnung, was Burhan Männchen genau erzählt hat, es klang aber relativ heftig am Telefon. Klar war nur: wenn ich fahre, muss ich 660 Lira abdrücken (na wenigstens nicht der an der Rezeption annoncierte US- Dollar- Preis, der Pi mal Daumen 660 Dollar betragen hätte, uff!). Männchen kramte die Reservation raus und versuchte, Doc Askim zu erreichen.
Aber das Handy war aus….ach nee….
Mein Retter bestellte mich gegen sieben abfahrbereit an die Rezeption, viertel vor reichte ich Männchen dann meine Kreditkarte rüber. Super, den nächsten Monat gibt es Wasser und Brot, denn ich war echt pleite, da ich gerade zwei Wochen zuvor für ein neues Instrument gelöhnt hatte. Noch einmal: mir ging es nicht darum, mich von einem Mann aushalten zu lassen. Ich bin in der Lage, meine Rechnungen selbst zu bezahlen. Daher hatte ich ja um eine Reservation in einer schlichten Herberge gebeten. Denn der Schuppen sprengte mein Budget. Aber da Doc Askim das alles angeleiert hatte, sollte er es entweder auslöffeln oder mit mir nach einer Lösung suchen…Aufgrund meines veränderten Gefühlslebens wäre ich ja durchaus bereit gewesen, einen Anteil freiwillig zu leisten.
Fahrt nach Istanbul war lustig. Unterwegs noch kurz was gemampft und dann fiel ich todmüde ins Bett…konnte aber trotzdem nicht einschlafen. Also fing ich an, den Bericht für die tt-ler zu tippen…und da war noch was, dieses wunderschöne Gefühl, das Richtige getan zu haben und dass alles am Ende gut werden würde…
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10.12.2007, 23:23
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Montag, 3. Dezember
Nach einem leckeren türkischen Frühstück begab ich mich am Meer entlang auf einen kleinen Erkundungsspaziergang. Ich hatte es mir gerade in einem kleinen Café direkt am Strand bei einem cay gemütlich gemacht, als eine SMS eintrudelte: „Ich komme nicht vor Dienstag abend nach Bursa zurück, aber werde organisieren, dass du zum Flughafen kommst. Könntest du bitte etwas Geld für die Hotelrechnung organisieren, weil ich unerwartete Ausgaben hatte. Tut mir leid. Bye.“
Das war dann die Krönung. Ich beschloss, mich über so viel schlechten Geschmack ordentlich totzulachen. Und der Beweis: an der Geschichte hakte etwas, mein Bauchgefühl hatte mich nicht betrogen. Denn: diese Sache mit dem Geld hätte kein ehrenhafter türkischer Mann so erwähnt!
Zwar hatte ich nun ne Menge Kohle verloren, aber was war das schon gegen das, was ich offensichtlich gewonnen hatte? Geantwortet habe ich nicht, ging mir ja schon gegen den Strich, dass ich die Roaming- Gebühren für den Empfang der SMS tragen musste. Schlappte dann zurück, verzog mich auf das mir zur Verfügung gestellte Bett und tippte an diesem Bericht weiter. Auf einmal begann mein Handy im Minutentakt zu rappeln. Ich schaltete meine persönliche Ignore-Funktion ein und nach dem zweiten Anruf den Rufton aus, schließlich sollten die Menschen um mich rum nicht auch noch genervt werden. Nach etwa zehn Versuchen, mich zu erreichen, dauerte es nur ein paar Minuten und Doc Askim erschien auf dem msn.
Doc Askim zeigte sich höchst erstaunt, dass ich mich vom Acker gemacht und nicht auf ihn gewartet hatte. Er habe sich erst jetzt melden können, da (und jetzt kommt der Knüller!) keine Kontör mehr gehabt habe. All meine Nachrichten habe er erst jetzt lesen können. Ich verkniff es mir, ihn darüber aufzuklären, dass man ohne Kontör sehr wohl noch SMS lesen könne. Doch schon verriet er sich, denn er erwähnte mir gegenüber, er habe gestern eine Art erpresserische SMS erhalten. Da ich zuvor gesagt hatte, Freunde wären mir behilflich gewesen, wollte er deren Namen. Selbstredend wollte ich nicht riskieren, dass bei Burhan demnächst ein Himmelfahrtskommando aufkreuzt, also sagte ich: gib mir die Nummer, ich sage dir, ob das jemand von meinen Leuten war. Natürlich nicht. Den Inhalt dieser SMS übersetzte er mir sinngemäß mit „Ich weiß, das ist ein sensibles Thema für Sie. Die Person, die Ihnen schreibt, hätte nicht übel Lust, Sie auffliegen zu lassen…“
Oha, war das die nächste Story vom Pferd oder hatte da jemand im Hotel eine lukrative Einnahmequelle gewittert? Wer sollte es denn sonst gewesen sein?
Doc Askim fragte, bei wem ich in Istanbul sei und ich antwortete nur, es werde sich um mich gekümmert. Er tat erleichtert: „Ich sehe, es gibt noch gute Menschen.“
Ich teilte ihm mit, dass ich der Meinung sei, er müsse jetzt für seine Frau und seine Familie da sein, was mich betreffe: ich würde so schnell nicht untergehen.
Antwort: „Ich habe deine Stärke wohl unterschätzt.“
Doc Askim versicherte mir, er würde mir meine Auslagen überweisen.
Ich glaube nicht daran. Sollte er mir das Geld allerdings doch schicken, bin ich geneigt, es als Beweis zu nehmen, dass er keine Story konstruiert hat. Aber genauso gut könnte ich anfangen, Eis zu backen.
Nun sitze ich hier wieder in einem Café und kann mich einmal mehr nur wundern, welche Wege das Leben nehmen kann. Auch mit was für einer eruptiven Kraft manchmal Dinge in völlig andere Bahnen gelenkt werden…wo wir wann wen treffen und warum…
Für heute muss ich Schluss machen, mein Retter ist eben aufgelaufen und die Zeichen stehen auf cay. Ich habe überdies läuten gehört, heute Abend gebe es Hamsi….
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10.12.2007, 23:24
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AW: DOC ASKIM oder: das Tagebuch einer ziemlich verrückten Woche
Dienstag, 4. Dezember
Ziemlich windig heute draußen. Fragte meinen Retter gestern Abend noch, ob er nicht den Moment verfluche, an dem er mich verrücktes Huhn wegen dem WLAN angequatscht habe.
Nun denn, als Auskunft erhielt ich, gewöhnliche Menschen würden ihn langweilen…
Ansonsten passierte heute nicht so viel, oder eben doch, wie man es nimmt. Es war sehr gemütlich und sehr schön. Einen neuen Haarschnitt habe ich obendrein und meine heiß geliebten Bamya habe ich auch zum Abendessen bekommen.
Von Doc Askim habe ich nichts gehört. Und das ist gut so.
Mittwoch, 5. Dezember
Die kurze Fahrt zum Flughafen, es ratterte eine SMS von Doc Askim rein: „Wenn du erlaubst, möchte ich dir eine gute Heimreise wünschen.“ Das beantwortete mir die Frage nach einem Überraschungsbesuch am Flughafen.
Abschiede sind nie schön, aber ich wusste, dass er nur für kurze Zeit sein würde. Mit einem lachenden und weinenden Auge verließ ich diesmal die Türkei. Lachend, weil mir mein Bauch mir sagte, dass am Ende doch immer noch alles gut wird. Und weinend, weil ich dieses Land so sehr liebe und mir einfach wünsche, bald wieder hinzufahren.
Wieder in Deutschland, gar nicht so kaltes Wetter wie erwartet, dafür die Temperatur in den Herzen deutlich niedriger. Ich schleife meinen Koffer von der S- Bahn- Station zum Stuttgarter Hauptbahnhof hoch. Wer bietet Hilfe an? Ein türkischer Mann. Ich lächele, sage „cok tesekkür ederim“, ernte ungläubiges Staunen, suche mein Gleis auf der Anzeigetafel. Die ursprünglich anvisierte Verbindung fällt aus, Personenschaden. Laufe schließlich bei meiner Freundin in Heidelberg ein, wo ich morgen Proben habe. Eine Flasche Wein wird geköpft, sie sagt nur immer wieder „Mann, das ist ein echter Film!“. Später liege ich auf dem Bett im Gästezimmer, das Handy klingelt. Ich lege später mit einem ganz warmen Gefühl auf. Die paar Tage bekomme ich irgendwie rum…
Und aus einem weiteren Grund habe ich ebenfalls gute Gedanken: unter uns tt-lern gibt es großartige Menschen, Yunus Emres Wort „Lasst uns Bekanntschaft schließen. Lasst die Dinger schlichter fließen. Lasst uns in Liebe leben. Niemand überlebt die Welt.“ ist nicht nur ein dekorativer Spruch auf einer Website.
Deshalb Danke an
Burhan, Lafebesi, Ra-Sim, Marion, Aylin-Deniz und an all die anderen….
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