Jutta war nicht da, was sich am Fehlen ihres roten Renault zeigte. Schnell geduscht und umgezogen, vom Hunger getrieben, machten wir uns wieder auf den Weg.
„Wollen wir jetzt sofort essen oder auf dem Rückweg?“ fragte ich Janne.
„Wo wollen wir denn noch hin“, kam die Antwort.
„Bei meinem letzten Mal waren wir hier in der Nähe in einer kleinen Bar, wo wir Cocktails getrunken haben. Das war ganz nett und Weg finde ich wohl auch noch. Außerdem kommen wir an dem Gewürzladen vorbei, bei dem ich dein Chilli gekauft habe.“
„Ja los. Können wir machen.“
Der Gewürzladen war schnell gefunden. Kandidierte Erdnüsse wurden gekauft, man muss ja was für das Hüftgold tun. Murat, dessen Namen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wußten, empfing uns in der Cocktailbar und in den folgenden Tagen, wurden wir fast so was wie Freunde. Das Essen trat an diesem Abend immer mehr in den Hintergrund, aber wir schafften es dennoch, auf dem Rückweg in Veysel’s kleinem Büfe zumindest einen Salat zu uns zunehmen.
Das es recht spät wurde an diesem Abend, brauche ich eigentlich nicht erwähnen aber die nähere Umgebung war erforscht – besser vielleicht: ich hatte sie Janne vorgestellt und mir ins Gedächtnis zurückgerufen. Der Urlaub konnte beginnen. Den Muezzin von der Moschee hörten wir nicht mehr; wir waren einfach nur noch müde.
Zufrieden saßen wir am nächsten Morgen beim Frühstück. 29 Grad zeigte das Thermometer im Schatten an und es war herrlich auf der Terrasse die vielfältigen Gerüche der Blumen und Bäume wahrzunehmen. Tomaten, Oliven, Schafskasse dazu Joghurt mit Honig und wenn man will auch ein Eier, für diese Art Frühstück haben wir uns entschieden. Margarete fragt jeden morgen nach. Empfehlenswert, das will ich nicht unerwähnt lassen, ist die selbstgemachte Konfitüre und Margarete’s einzigartiger Käsekuchen.
Wir waren nicht die einzigen Gäste und wie das so ist bei Jutta, kommt man sehr schnell ins Gespräch. Erste Informationen wurden ausgetauscht.
„Und wo kommt ihr her?“
„Aus Hamburg. Und ihr?“
„Aus Bremen.“
„Ich aus Oldendorf bei Bremen“.
„Mensch, dann sind ja die Norddeutschen hier vertreten“.
„Wie lange seit ihr denn schon hier?“
„14 Tage. Wir fahren am Sonntag. Ihr seid gestern gekommen, oder?“
„Ja, gestern mittag.“
„Seit ihr das erste Mal hier?“
Das ist eine Frage, die kommt immer, bei jedem neuen Besucher. Man könnte auch sagen, Jutta ist ein Geheimtipp. Per Mundpropaganda wird geschwärmt, Informationen verteilt, der Internet-Auftritt gezeigt und so kommen auch immer wieder neue Menschen hinzu. Viele, so wie ich, kommen immer wieder gern.
Small-talk zum Frühstück und Informationen, wer was schon gesehen hat und was noch sehenswert ist.
Auch das ist Pension Kassiopeia. Man bleibt sich einfach nicht fremd. Mit den 8 Doppelzimmern bleibt alles für den Einzelnen überschaubar und die Kommunikation bahnt sich ihre Wege, gibt interessante Einblicke in Lebenswelten und Reisegeschichte anderer. Es hat etwas von „einer großen Familie“ auf Zeit.
Aber „Jutta“ ist mehr. Da die Anonymität der Hotelbunker hier fehlt, ist der Reisende bereit, mehr in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten. Man ist eben nicht unter sich und kann den Blick schweifen lassen über eine Kultur, die sich doch sehr von der unseren unterscheidet.
Der Kontakt zu den Bewohnern von Side bescherte uns auch eine Einladung, sich mit einige anderen ein Fußballspiel anzuschauen.
Okay, warum nicht.
So wurde ein Fernseher am Strand aufgebaut, um das Spiel Galatasaray gegen Denizlispor zu sehen.
Das erste Tor war so kurios, dass Janne und ich lautes Gelächter ausbrachen. Denizlispor hatte das 1:0 erzielt. Da die anderen Zuschauer aber Fan’s von Galatasaray waren, hatte wir mit unserem Gelächter natürlich voll in das Fettnäpfchen getreten. Aber ehrlich: es hat uns nicht daran gehindert, trotz ärgerlicher Blicke, weiter zu grinsen.
Jetzt wissen wir, den Türken ist das Fußballspiel ‚heilig’.
Galatasaray ist laut einer Umfrage der populärste und erfolgreichste Verein der Türkei, was er neben seinen unzähligen inländischen Meisterschaften und Erfolgen auch seinen Erfolgen im internationalen Wettbewerb im Rahmen der UEFA Champions League und dem UEFA-Cup zu verdanken hat.
Denizlispor dagegen stieg 1998/99 zum dritten Mal in die 1. Liga auf. Die Fußballmannschaft aus Denizli konnte in der heimischen Liga noch keine großen Erfolge feiern, dennoch gelang ihr in der Saison 2002/03 der Einzug ins Achtelfinale des UEFA-Cups, wo sie am späteren Sieger, dem FC Porto, scheiterte.
Wir haben die Kommentare nicht verstanden, weil natürlich in türkisch geschimpft wurde. Aber soviel konnte man den Äußerungen und Spielverlauf entnehmen, dass Hasan şaş (Mittelfeld) immer nur zurückspielte und Tomas aus der Abwehr den Ball nie halten konnte – beide Spieler Galatasaray natürlich.
Und obwohl Galatasaray in der zweiten Hälfte den Ausgleich schaffte, zeigte sich der Ärger über dieses Spiel bei den türkischen Zuschauern.
Beschlichtigungsversuche zeigten keine Wirkung, waren eher hilflose Floskeln wie:
„Seht es doch einfach mal so. Sie haben ja nicht verloren.“
„Unentschieden ist für mich, wie verloren.“, kam es Retour.
Okay, was soll man da noch sagen.
Wir als Sankt Pauli-Fans sehen wie viele Pauli-Fans Fußballspiele eben etwas gelassener. Wir sind es gewöhnt, dass unsere Mannschaft verliert und unterstützen auch immer wieder den Gegner. Na ja, ist Bayern München der Gegner, tun wir uns dann doch etwas schwerer – zumindest bei der Unterstützung der gegnerischen Mannschaft. Es geht einfach mehr um das Spiel, den Spaß, die Menschen. Natürlich freuen wir uns wenn Pauli gewinnt; wir feiern aber auch jedes verlorene Spiel. Aber normal ist das nicht; nur nett verrückt. Aber so sind wir eben.
Jutta erklärte uns später, dass dieses Spiel eine Lachnummer gewesen sei. Die türkische Presse machte sich wohl über dieses Spiel sehr lustig, sehr zum Ärger der Fan’s von Galatasaray. Die Türken und der Fußball – eine Sache für sich. In Deutschland ist das ja häufig nicht viel anders.
Wahrscheinlich sind es immer wieder auch die Erklärungen und Informationen von Jutta und Margarete gewesen, die den Blick für die dort lebenden Menschen öffneten. Na ja, ein bisschen wohl auch die Tatsache, dass Individualtouristen mehr als nur Hotelanlagen und Vollverpflegung erleben möchten. Das Ködern der Touristen wurde natürlich auch an uns ausprobiert und es hat ja auch funktioniert. Zwar haben wir nichts gekauft, dafür aber ein Einladung zum Forelle essen in Aspendos erhalten, die wir annahmen. War übrigens ein netter Nachmittag in netter Gesellschaft und letztendlich kaufen wir dann doch. Jeans eines türkischen Labels in Klasse Qualität und weil wir keine Niederländer waren, brauchten wir nicht so intensiv zu handeln. Nebenbei erhielten wir, ganz kostenlos, eine Besichtigungstour der Umgebung von Side und eine Einleitung, wie die Preise für unterschiedliche Touristengruppen festgesetzt werden.
7 Tage Side. 7 Tage bei Jutta.
Vieles ist hier nicht geschrieben worden:
wie die türkische Frau beim Supermarkt uns täglich neue Vokabeln beibrachte,
wie es ist, wenn türkische Männer beim Backgammon verlieren,
warum man unbedingt bei Veysel Piyaz essen sollte,
was man tun kann, wenn man sieht, dass ein großes Hotel die Abwässer ins Meer einleitet, was bei Strafe verboten ist,
dass das Meer viel sauber ist, als in Reiseberichten immer wieder behauptet wird
und das Händler, Bar und Restaurantbesitzer, die Touristen in die Läden ziehen, ihre Läden schließen müssen.
Und wer das alles noch wissen möchte, der mache sich am besten auf den Weg nach Side, miete sich bei Jutta ein und sammele eigene Erfahrungen. Wer ein paar Bilder sehen möchte unter
http://www.pension-kassiopeia.de erschließt man sich einen ersten Eindruck.
Wir jedenfalls, Janne und ich, kommen wieder. Gemeinsam oder jeder für sich bleibt offen. Mit Sicherheit aber mit dem Gefühl, bei Jutta sind wir gut aufgehoben. Eben: Jutta macht „süchtig!“