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wortdurchgangszimmer mar. Unsere mar.

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Alt 10.01.2008, 08:25
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mar mar ist offline
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Wettbewerbsbeiträge Des Literaturwettbewerbs "Preis Der Vorzimmerdame"

dieser thread wird nun übergeben an die vorzimmerdame .
__________________
Zwischen thir un angel sol men kejn finger nit arajnschteken jidd. sprichwort
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Alt 10.01.2008, 11:29
vorzimmerdame
 
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AW: Wettbewerbsbeiträge Des Literaturwettbewerbs "Preis Der Vorzimmerdame"

Zitat:
Zitat von mar Beitrag anzeigen
dieser thread wird nun übergeben an die vorzimmerdame .
die vorzimmerdame dankt. das konklave tagt. die beiträge werden auf herz geprüft und demnächst hier veröffentlicht. heute schon ein herzliches dank an die teilnehmerinnen und teilnehmer.
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Alt 10.01.2008, 19:27
vorzimmerdame
 
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AW: Wettbewerbsbeiträge Des Literaturwettbewerbs "Preis Der Vorzimmerdame"

meine damen und herren -

die spiele beginnen. fünf beiträge wurden bislang eingereicht. sie finden sich unten. die beiträge sind anonym. die verfasser der jury bekannt. abgestimmt werden kann per dankeschön unter dem jeweiligen beitrag. ab morgen werden die dankeschön gezählt und gewertet. auf diese weise wird der träger des publikumspreis ermittelt. abstimmschluss ist der tag der heiligen paula, der 26. januar 2008 um 24 uhr. die jury - mar, lalezar, ottoman und ich - werden den zweiten beiträger bestimmen.

porte de derrière: bislang wurden fünf beiträge eingereicht. in der kommenden woche gibt es die möglichkeit von montag bis freitag weitere beiträge einzureichen.

der bazar ist eröffnet. bonne chance !

Geändert von vorzimmerdame (10.01.2008 um 19:36 Uhr).
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Alt 10.01.2008, 19:28
vorzimmerdame
 
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beitrag 1

In der Türkei hatte ich keine Chance,
Geld zu verdienen und meine Familie durch zu bringen,

nach langem Überlegen und mit mir Ringen,
habe ich mich entschieden nach Deutschland zu gehen,
dachte du wirst dort schon einen Weg sehen,
den du gehen kannst und eine Arbeit finden,
habe geschuftet hier in diesem Land,
Tag und Nacht,
Arbeiten gemacht,
die die Deutschen nicht anrühren würden.
Es war ein Elend und doch war ich mir nicht zu fein,
hin und wieder fühlte ich mich allein,
war doch nur der Ausländer über den man lacht,
und mit dem man keine Gemeinsamkeit festmacht.
Irgendwann hab ich mich arrangiert, hatte wohl kapiert,
dass ich hier nur der Packesel bin,
also haben nur Türken mich umgeben,
das war fast so wie mein altes Leben.
Oft findet ihr Deutschen wir sind zu sehr im Bann,
von einer Religion, die eurer Meinung nach nur einschränken kann.
Und wir leben auch mit Vorurteilen, die schon in den Köpfen
unserer Ahnen verweilten.
Im Grunde um ehrlich zu sein, spreche ich es auch nicht aus,
wünsch ich mir kein Leben in Sauss und Braus,
ich wünsche mir nur, dass ihr seht,
dass ich auch den Boden bepflanzt habe, auf dem ihr nun lebt.
Dass ich dazu gehöre mit meiner Geschichte
und euch nicht verachte oder vernichte.
Ich wünsche mir, dass unsere Kinder und Kindeskinder
eines Tages einen anderen Weg gehen,
einen der von Gemeinsamkeiten geprägt,
und mit Achtung und Werten füreinander versehen ist,
ich hab es ehrlich damals vermisst.
Doch nun nenn ich es auch meine Heimat euer Land,
und ich hoffe wir gehen eines Tages Hand in Hand.
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Alt 10.01.2008, 19:30
vorzimmerdame
 
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beitrag 2. teil 1

Mein Liebster Freund,

wie bang wird mir um mein Herz, das jetzt, da ich nun Stift und Papier zur Hand nahm um Dir zu schreiben, anfängt zu schlagen als wolle es vor Aufregung zerspringen. Ich kann das rhythmische pochen selbst an meinem Halse spüren, das pochen, welches mit jedem neuen pulsieren das Leben meines Körpers nach vorne treibt – so wie du mein lieber Freund mich in meinen Gedanken zu dir treibst. Ich Frage mich nun, da ich mich in meinem tiefsten inneren dazu entschieden habe dir deine ersehnte Antwort auf all die offenen Fragen zwischen uns zu geben, wie wirst du es aufnehmen ? Wird dies zarte Band zwischen uns, welches gesponnen ward über Jahre der innigen Vertrautheit und Freundschaft, zerreisen bei so viel Offenheit ? Ich habe Angst mein Freund . Freund das klingt so belanglos im Anbetracht der wahren Bedeutung dieses so mächtigen Wortes. Vielleicht sollte ich bevor ich zu meinem eigentlichen Versuch der Erklärung komme hier eine Weile verweilen. Vielleicht sollte ich mich genau hier an diesem Punkt zu aller erst einmal bedanken. Ach diese Erinnerungen an all unsere gemeinsamen Augenblicke und Erlebnisse, sie lassen einem, neben der tief empfundenen Dankbarkeit und Freude auch erkennen – wie die Zeit verflog. Wie auf Vogelschwingen trug sie uns durch die Stunden sinnlicher Momente. Momente die wie Fotographien festgehalten wurden in unseren Gedanken. In Bildern deren Farben so leuchtend und lebendig sind, wie man sie niemals auf Papier gestalten könnte.

Ich denke hier ganz besonders an unsere erste Begegnung – damals ! Du warst ein junger Offizier voller Tatendrang standest du auf der Brüstung. Das Sonnenlicht spiegelte sich in deinen blankpolierten Knöpfen wieder. Deine stramme und ernste Haltung entspannte sich nicht einen Augenblick – nicht einmal als du mich mit einem flüchtigen Blick wahr nahmst. Nach der Parade stellte uns dein Freund einander vor. Oh welch Traurigkeit überkommt mich nun da mir bewusst wird, welch schreckliche Erinnerung dies nun in Dir auslösen muss. Glaube mir der Verlust dieses wunderbaren Menschen hat auch mich zu tiefst betrübt. Hätte ich deine Zeilen früher erhalten, so hätte mich nichts und niemand daran hindern können, in dieser schweren Stunde meinen Platz an deiner Seite einzunehmen. Vielleicht tröstet Dich der Gedanke ein wenig daran, das er auch für mich ein feiner Geist war. Offen für all das Abenteuerliche – und doch so bodenständig und verlässlich. Bei einem seiner letzten Besuche hier in Deutschland, schenkte er mir einen Kupferstich mit dem Abbild Atatürks. Eine sehr schöne und für mich wertvolle Arbeit, die mich immer an einen Menschen erinnern wird, zu welchem ich die allerhöchste Hochachtung empfinden werde. Wenn sich nach diesem für mich sehr schwierigen Briefwechsel die Gelegenheit eines Besuches in Deiner Heimat ergeben sollte, so möchte auch ich ihm die letzte Ehre erweisen und abschied nehmen.

Mein lieber Freund es wäre mir nicht nur eine besondere Ehre gewesen sondern hätte mir auch außerordentlich Freude bereitet, wenn du die Möglichkeit eines letzten Besuches hier bei mir, in meiner Heimat gehabt hättest. Aber nichts desto trotz erkenne auch ich leider die Einschränkungen des Alters und die damit verbundene Beschwerlichkeit des Reisens. Dennoch hätte es mir viel bedeutet dich noch einmal in meinem Heim begrüßen zu dürfen, welches ich nun schweren Herzens auflöse. Vor einigen Tagen, als meine Nichte kam um mir behilflich zu sein, stiegen wir auf den Dachboden. Dort standen unzählige Kisten und Truhen von meinen verschiedenen Reisen rund um die Welt. Dabei viel mir die Truhe meiner Mutter ganz besonders ins Auge. Wie du von meinen Erzählungen weißt bewahre ich in ihr nur sehr besondere Gegenstände von meinen Reisen auf. Ich öffnete sie voller Wehmut. Schon beim öffnen der Truhe bekam ich den Geruch von Meerwasser in die Nase, ich konnte das Meer riechen und spüren. Es war als wäre ich dort – dort bei Dir. Ich nahm jeden Gegenstand einzeln in meine Hand, und jede einzelne Berührung erweckte wunderbare Erinnerungen in mir. Ich schloss die Augen und tauchte hinab in ein anderes Land, und als ich sie öffnete, erwachte ich in Istanbul. Die Stadt aus 1001 Nacht. Ich befand mich auf der Galatabrücke. Ach diese Geschäftigkeit der Straße – die Händler, die Restaurants. All diese Menschen – wunderbar mein Freund einfach wunderbar. Noch nie zuvor erlebte ich ein Stadt wie diese. Erbaut auf zwei Kontinenten. Verzeih meine leichten Worte, aber erinnert dich mein Freund , Istanbul nicht auch an eine schöne und sinnliche Frau ? Schön und Geheimnisvoll, so Fremd und doch vertraut. So riesengroß und doch so klein, das es einem in die Hand passt. Diesen vergleich würden jetzt sicherlich viele für Träumerei und .Poesie halten und anzweifeln aber nicht du. Nicht wahr ? Bei meinem ersten Besuch in Istanbul nahmst du einen Haufen Erde von Boden, öffnetest meine Hand und legtest mir die Erde hinein. Auf meine Frage was dies sei, sagtest du nur – Das ist Istanbul !
Ich habe diese Erde damals mit hierher gebracht und einen Kirschbaum darin gepflanzt. Du weißt ich liebe Kirschen vor allem aber die Blüten. Sie erinnern mich an tanzende Farbkleckse die Gott selbst gemalt haben muss. Und sie erinnern mich an Dich, und an deine Zuneigung zu mir mein Freund. So federleicht, und doch bestimmt. Nicht erdrückend aber immer anwesend. Wieder bin ich in Gedanken in Istanbul. Weißt du noch mein erster Besuch in der Moschee ? Süleymaniye Camii – du wusstest nicht wie du mir erklären solltest, das ich einen Schleier anlegen musste, wenn ich das innere dieser Moschee betreten wollte. Aber ich verstand dich auch so. Weißt du noch dort im Garten der Moschee erblicken wir einen Kirschbaum der in voller Blüte stand. Du hast mir geholfen den Schleier anzulegen, und genau in diesem Moment löste ein Windstoß unzählige dieser Blüten. Sie wirbelten tanzend um uns herum, und wären keine anderen Menschen anwesend gewesen, hätte auch ich mit dir tanzen wollen. Unbeschwert und sorglos. Wie Kinder eben. Aber dieser Windhauch löste nicht nur den Wunsch nach Tanzen in mir aus. Es war ein magischer Moment. Obwohl das leben um ums herum pulsierte hörte ich für einen Augenblick keine Stimmen. Nur die Stimme des Muezin drang zu mir hindurch. Er rief zum Gebet. Nie zuvor habe ich etwas derart schönes gehört. Diese Stimme nahm meinen Geist gefangen und versetzte mich in Trance. Diese Hingabe, diese Sinnlichkeit – Ich glaube Gott war mir nie näher als an diesem Ort. Dann war plötzlich alles vorbei. Es waren nur Sekunden die vergangen waren. Aber diese Sekunden haben mich in jedem Augenblick der Verzweiflung meines Lebens und der Trauer begleitet. Sie trockneten meine Tränen als ich den Mut verlor an das Leben zu glauben. Sie gaben mir die Hoffnung auf ein Morgen. Getragen auf den Säulen von Freundschaft und Frieden. Dann fand ich Deine Briefe, die mir um die ganze Welt nachgesandt wurden. Mich berauscht immer noch der duft deines Briefpapier -. Lavendel. Ich glaube hätte der Baum damals bei seiner Fällung gewusst welch zarten Worte der Freundschaft einst auf ihn geschrieben werden, so wäre er sicherlich nicht traurig gewesen, als man ihm das leben aushauchte. Ich glaube sogar, er hätte sich gewünscht noch größer gewesen zu sein, damit Menschen die in tiefster Zuneigung zu einander standen sich dies schreiben könnten. Für das Papier muss es ein rausch der Sinne sein, wenn die schwarze Tinte durch die Feder geführt auf das reine Weiß trifft. Ein Konzert der Buchstaben, melodisch und Klangvoll wie ein Streichkonzert. Mal sanft und kaum wahrzunehmen - gefühlvoll um dann mit Trommelwirbel aus sanftem schlaf zu erwachen. Ich nahm die Briefe in die Hand, die gebündelt und mit schleifen gebunden waren. Öffnete einen nach dem Anderen und taumelte zwischen Glück und Trauer, gefolgt von herzlichem lachen und ganz ganz stillen Tränen. Als sie über mein gezeichnetes Gesicht rannen, über die Furchen des Lebens wurde mir bewusst, wie die Zeit verflog. Ja die Zeit – ein unberechenbarer Gegner, weil man nie weiß wie viel man eigentlich davon hat – wie viel Zeit einem bleibt, wichtiges zu tun. Während ich deine Briefe las erkannte ich auch, das ich dir Zeit gestohlen habe. Zeit um zu leben, Zeit um eine Familie zu gründen, vielleicht auch die Zeit, in der du einfach du selbst sein konntest.
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Alt 10.01.2008, 19:31
vorzimmerdame
 
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beitrag 2. teil 2

...


Wieder bin ich in Istanbul – Beyoglu. Bei all meinen Reisen bin ich in keinem Viertel gewesen, das so lebendig war. Man hatte das Gefühl neu geboren zu werden – Es war als würden unterschiedliche Metropolen aufeinandertreffen. All diese feinen Damen und Herren. Die Menschen verkennen Istanbul mein Freund, sie sehen heute nur die auferlegte Maske aber nicht das Herz einer, seiner Zeit damals weit vorrauseilenden Stadt. Mein Herz erwärmt sich bei dem Gedanken an die für heutige Verhältnisse nostalgische Straßenbahn. Wie oft sind wir mit ihr gefahren ? Unzählige Male mein Freund. Aber eine Fahrt war anders, und genau diese unsere letzt Fahrt mein Freund ließ mich verleiten, dir diese Zeilen zu schreiben. Obwohl ich es all die Jahre immer gehofft hatte und in meinem tiefsten innern auch wusste, hat mich die Offenheit über deine Einsamkeit und dein Geständnis der Gefühle für mich beängstigt. Ich gab Dir damals keine Antwort, obgleich ich mir der großen Verantwortung dieser Zuneigung bewusst war. Ich weiß nicht wie viel zeit uns das leben noch schenken wird – ich weiß aber, das unser Leben nicht vereint enden kann. Wir stammen aus unterschiedlichen Ländern, aus verschiedenen Kulturen, wenngleich ich durch diese deine Kultur an Reichtum auch gewonnen habe, so kann ich die meine nicht leugnen oder verbergen. Vielleicht wird dies in einer anderen Zeit als der unseren einmal möglich sein mein Freund – nicht aber heute für uns. Wie schön wäre es gewesen, wenn die Liebe – ja ich spreche es heute zum ersten male aus- zwischen uns, in der Lage gewesen wäre eine Brücke zu bauen. Nicht nur eine Brücke zu unseren Herzen, sondern auch zwischen unseren Ländern. Für solche Verbindungen ist die Zeit noch nicht Reif mein Freund. Ich bin viel gereist, und wo immer ich auch war und Freude empfand, so zog es mich dennoch immer wieder hierher zurück – in meine Heimat. Ich könnte nicht glücklich werden an einem anderen Ort, als dem meiner Geburt. Vor allem jetzt da das Ende nicht mehr in all zu weiter Ferne liegt. Ich möchte Begraben werden in der Erde aus der ich stamme. So wie du mein Freund. Du könntest an keinem Ort der Welt so Atmen wie in Istanbul – Istanbul ist deine Heimat. Du würdest verwelken wie ein Baum den man versetzt, deine Wurzeln wären in der Ferne haltlos, und jeder Sturm würde dich Entwurzeln, verletzten. Es wäre ein Weg für Dich, den ich dich nicht gehen lassen kann und darf. Entschuldige diese für Dich vielleicht kalt klingenden Worte aber sie kommen aus meinem tiefsten innern und sind umgeben von liebe für dich. Ja mein Freund ich liebe dich seit nun mehr über 60 Jahren und es gab keinen Tag, an dem es keinen Kampf zwischen meinem Herzen und Verstand gab. Vielleicht hätte ich früher als wir noch Jung waren Kapitulieren sollen um in deinen Armen Frieden und Heimat zu finden – aber damals war ich nicht stark genug und heute bin ich schon viel zu alt. So eben habe ich einen Brief von Dir erhalten, welch Freude. Mein Herz springt und Hüpft als wäre es ein Junges Reh auf einer Au. Du verzeihst mir sicherlich wenn ich Dich um meine Zeilen vertrösten muss, aber die Neugier auf
deine Zeilen ist viel zu groß. Und dieser duft von Lavendel – ach noch immer betört er mich. Ich werde mich beeilen mein Freund.

Du fragst dich sicherlich warum es so lange gedauert hat mein Freund, nun ich war im Garten unter dem Kirschbaum. Welch schwere Last hast du mir aufgeladen Freund ?

Zu schwer für meine Schultern, zu schwer für unsere Freundschaft. Welche Trauer hast du mir gelassen ? Ich bin so wütend und verzweifelt. Wütend über die Zeit, die mir am Ende – und obwohl ich es von mir Stieß, doch dies nahm was mir so wichtig war. Glück überkommt mich nur darin, das ich am Ende dieses langen Weges, fähig war, zu sagen, wie sehr ich dich doch liebte. Ich sage es ganz laut vor mich hin, damit die Worte zu dir kommen mögen, getragen auf Böen des Windes und im Garten da habe ich die Erde ausgehoben, die Erde aus Istanbul. Ich habe den Weg für diesen Brief bereitet, damit er den Weg zu dir finden möge.Und als ich unter diesem Baum kniete, kam ein Windstoß – wie damals, die Blüten wirbelten und tanzten wie freudige Kinder. Dann wurde es still und ich hörte die Stimme des Muezin. Er sprach mit deiner Stimme und sagte mir, du hättest nun Frieden. Musik erklang und obwohl ich meine Tränen wie Perlenketten verlor, musste ich lächeln. Ich schloss die Augen und wir waren unter dem Kirschbaum in Süleymaniye.
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Alt 10.01.2008, 19:34
vorzimmerdame
 
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beitrag 4

Das erste Mal

"Wo wollt ihr hin?" Entsetzt und ungläubig schauten meine Eltern mich an. Protest und der Versuch, mir das auszureden, wären zwecklos, soviel wussten sie. Meine Mutter reagierte deshalb als nächstes pragmatisch: "Dann ruft aber bitte so oft wie möglich an."

Am 21. Juni 1983 ging es los. Wir -- eine Freundin von mir und zwei Freunde -- starteten in Richtung Türkei. Getrieben waren wir von dem Gefühl von Freiheit und Abenteuerlust und einem Lied von BAP, dessen Titel mir heute leider nicht mehr einfällt. Die Schule lag gerade hinter uns, vor uns lag eine ungewisse Zukunft, dazwischen lag die Türkei, nicht nur für unsere Eltern ein exotisches und fremdartiges Reiseziel, sondern ebenso für uns.

Mit den Türken, denen wir täglich auf der Straße begegneten, hatte keiner von uns bis dahin jemals näheren Kontakt. Die Ausländer, mit denen wir im Alltag zu tun hatten, waren vor allem Diplomatenkinder. Wir waren dazu erzogen, keine Vorurteile zu haben und der festen Überzeugung, wir hätten tatsächlich keine.

Wir reisten mit leichtem Gepäck, hatten wir doch immer die Befürchtung, der alte Ford Taunus 17 M, mit dem wir unterwegs waren, könnte jeden Moment zusammenbrechen und wir müssten ohne Auto weiter. Zu unserem Gepäck gehörten aber Kopftücher und Blusen mit langen Ärmeln ebenso wie lange Hosen -- auf keinen Fall wollten wir irgendwo negativ auffallen.

Bis zur türkischen Grenze brauchten wir eine Woche, nicht, weil uns das Auto im Stich gelassen hätte, sondern weil wir unterwegs überall anhielten, wo uns etwas sehenswert erschien. Die Einreise in die Türkei ging problemlos und schnell. Griechische und türkische Zöllner waren mit einem gemeinsamen Kartenspiel beschäftigt und hatten keine Zeit, sich um uns zu kümmern.

Die ersten Bilder, die ich aus der Türkei in Erinnerung habe, sind die Felder, an denen wir vorbei fuhren: Felder mit endlosen Reihen von Sonnenblumen oder mit dicken, grünen Wassermelonen direkt auf der Erde. Damals habe ich zum ersten Mal Wassermelone gegessen, für den Rest unserer Reise wurden sie eins unserer Hauptnahrungsmittel.

In einem kleinen Dorf hielten wir zum ersten Mal an, direkt vor einem Geschäft, um für unser Abendessen einzukaufen. Das Einkaufen überließen die beiden Jungs meiner Freundin und mir. Wir fanden es schwierig, uns auf Türkisch die wichtigsten Vokabeln zu merken, die Verständigung versuchten wir deshalb mit Händen und Füßen. Nach zwei Sätzen kam aus einer Ecke des Ladens die Frage "Kommt ihr aus Deutschland?" Der kleine Junge, der das gefragt hatte, übersetzte dem Verkäufer nun unsere Wünsche. Als wir mit unseren Einkäufen gerade wieder im Auto saßen, klopfte er an die Scheibe: "Meine Mutter möchte euch gern kennenlernen."

Wir gingen mit dem Jungen und kamen in die Ferienwohnung einer deutsch-türkischen Familie, die in der alten Heimat ihren Urlaub verbrachte. An diesem Abend unterhielten wir uns lange. Auch über die Situation der Türken in Deutschland, sehr vorsichtig, weil niemand dem anderen zu nah treten wollte. Unsere Art des Reisens entsetzte die Eltern. Unmöglich war es ihnen deshalb, uns am späten Abend gehen zu lassen, mit der Aussicht, dass wir uns an irgendeinem Strand in unsere Schlafsäcke packen. Der Einladung zum Abendessen folgte also die Einladung zur Übernachtung. Wir versuchten, sie abzulehnen, weil die Wohnung ganz offensichtlich zu klein war für vier Übernachtungsgäste, aber das gelang uns nicht. Ganz klar war auch, dass wir in getrennten Zimmern schlafen mussten: meine Freundin und ich in dem einen, die beiden Jungs in dem anderen. Wo die Familie geschlafen hat, erfuhren wir nicht. Ich schämte mich, dass wir so herzlich aufgenommen wurden obwohl die Türken in Deutschland schlecht behandelt wurden.

Ich schämte mich noch häufiger. Wo wir hinkamen, trafen wir auf Menschen, die nett, freundlich, herzlich und fürsorglich waren. Von der sprichwörtlichen Gastfreundlichkeit der Türken hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört. Ich wusste nur das, was in unseren Reiseführern stand: Keine Moscheebesichtigung mit nackten Armen und unbedecktem Kopf und keine Fotos von Muslimen machen. Das zweite war eine klare Fehlinformation. Wir machten viele Fotos von Kindern, Männern und Frauen mit Kopftüchern, oft nur deshalb, weil sie gern mit uns zusammen fotografiert werden wollten.

Auch in Istanbul, mitten unter vielen anderen Touristen, wurden wir angesprochen. Zwei junge Männer fragten, ob sie uns helfen könnten, als sie uns mit dem Stadtplan in der Hand auf einer Bank sitzen sahen. Nach einem kurzen Gespräch boten sie an, uns ein wenig von der Stadt zu zeigen. Wir verabredeten uns mit ihnen und gingen erst einmal in den Basar.

"Woher aus Deutschland kommt ihr? Aus Bonn? Ich habe lange in Bad Godesberg gewohnt." Ein Teppichverkäufer lotste uns auf diese Weise in sein Geschäft. "Wenn wir aus München kämen, hätte er bestimmt gesagt, dass er in Schwabing gewohnt hat", flüsterte mir einer der Jungs zu. Das Klischee vom Teppichverkäufer kannten selbst wir, trotzdem folgten wir ihm in seinen Laden. Und selbstverständlich rollte er die ersten Teppiche aus, kaum waren wir alle mit Apfeltee versorgt und die erste Runde Smalltalk vorbei. Außerdem warnte er uns: Die Studenten, mit denen wir uns verabredet hatten, seien ganz sicher Kriminelle und wir sollten uns besser nicht mit ihnen treffen.

Wir verließen den Laden ohne Teppich und trafen uns mit den beiden Studenten. Mit ihnen und den bekannten Sehenswürdigkeiten verbrachten wir einen schönen Tag . "Keine Touristen" versprachen sie uns schließlich für das Abendessen. Auch mit den beiden gab es eine längere Diskussion darüber, wer wen einlädt, an deren Ende wir uns wieder einmal geschlagen geben mussten. Sie hielten ihr Versprechen und führten uns in eine Art Imbiss, in dem meine Freundin und ich die einzigen Frauen waren.

Die beiden sagten uns nicht, was es zu essen gab, auch nicht, als das Essen vor uns auf dem Tisch stand. Erst als einer der beiden Jungs mit der Gabel etwas rundes, glitschiges aufspießte, kam ein vorsichtiges: "Das isst man eigentlich nicht mit." Meine Freundin schob entsetzt ihren Teller von sich. "Ich esse keinen Bissen mehr, bevor ich nicht weiß, was das ist." Es war Hammelkopf mit Hirn, erfuhren wir nun. Meine Freundin war weiter entsetzt, aß aber tapfer. Die beiden Jungs sagten nichts. Mir schmeckte es.

Es gab vieles auf dieser Reise, das ich heute noch deutlich vor Augen habe: der Ziegenhirt, der früh morgens zu unserer Schlafstelle auf einem Hügel kam und uns eine Schüssel mit Milch brachte. Mit ihm verständigten wir uns wortlos. Die kleinen Jungen, die in jedem Dorf an unserem Auto zusammenliefen und immer "Rummenigge, Rummenigge" riefen. Den Jungen, der hinter uns herlief, um uns unseren Autoschlüssel zu bringen, den wir stecken gelassen hatten. Die Soldaten, denen wir überall begegneten, und die meistens keine Miene verzogen.

Am Ende wären wir beinahe dageblieben. Eine halbe Nacht beschäftigten die griechischen Zöllner uns damit, unser Auto so weit auseinander zu bauen, bis sie auch den letzten Winkel untersucht hatten. Was sie in unserem Auto suchten, sagten sie uns nicht. Und wir dachten darüber nach, einfach wieder zurückzufahren. In das Land, in dem uns nicht nur die Sonne wärmte.
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MemoSan (26.01.2008), rakel (15.01.2008), TheCore (17.01.2008)
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Alt 10.01.2008, 19:35
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beitrag 5

Die türkische Weihnachtsgans
Wie eine Weihnachtsgans ein Verhältnis aufbauen kann

All die Jahre wieder zur Weihnachtszeit geht das geschäftige Treiben los. Es will alles geplant werden, um dann auch nichts Falsches zu kaufen oder noch schlimmer etwas zu vergessen. Normalerweise war das Menü für die Weihnachtsfeiertage das Einfachste. Tiefgekühlte Gans von einem Discounter, Rotkohl und Grünkohl aus dem Glas und Klöße aus der Tüte.
In jenem Jahr, in welchem unsere Geschichte anfängt, sollte das Menü oder genauer gesagt die Gans unser größtes Problem werden. Wir hatten Familienzuwachs bekommen und da er muslimischen Glaubens ist, wollten wir ihm Weihnachten wenigstens mit dem Essen näher bringen.
Aber wo konnte man eine helal geschlachtete Gans herbekommen?
Der Discounter hatte bestimmt keine.
Sollten wir eine lebende Gans kaufen und sie bei einem Schlachter helal-schlachten lassen? Würde dieser das auch können?
Oder sollten wir doch lieber in Neukölln zu der süßen, gerade erst eröffneten Kasap gehen und da nach einer Gans fragen? Wir wogen das für und wieder ab und entschieden uns für den türkischen Fleischer unseres Vertrauens.
Voller Tatendrang ging es also los nach Neukölln um die Gans zu bestellen. Unser Wörterbuch blieb mit gutem Gewissen zu hause, wir würden uns schon irgendwie verständigen können.
„Wir wollen eine Gans bestellen!“, antworteten wir auf die freundliche Frage des Fleischers, was wir gerne hätten.
„Was wollen sie ganz bestellen?“, fragte der Fleischer verwirrt.
Offenbar war Gans ein Wort, das noch nicht zu seinem deutschen Wortschatz gehörte. Zum Glück war das Geschäft leer und wir konnten uns Zeit lassen, ihm zu erklären, was wir wollten. Es dauerte auch nicht lange bis wir ein sehr großes Hühnchen beschrieben hatten und der Verkäufer immer wieder „Tamam, Tamam“, sagte.
Als wir unseren Vogel dann abholten, kam die im wahrsten sinne des Wortes große Überraschung. Wir bekamen statt einer niedlichen Gans einen 8 Kilo Truthahn. Nun da es ja kurz vor Weihnachten war, nahmen wir das ganze Tier, obwohl wir schon vorher wussten, dass es viel zu groß für unsere Pfanne war.
Im darauffolgenden Jahr natürlich zur Weihnachtszeit machten wir uns samt unserem Wörterbuch auf zur Fleischerei. Wir kannten uns jetzt schon besser, von den vielen Einkäufen die wir im vergangenen Jahr getätigt hatten. Der Laden hatte sich gut gemacht und war sehr beliebt auch bei deutschen Kunden.
Wir hielten ein Pläuschchen, lachten über die Truthahngeschichte und bestellten dann auf Türkisch eine Kaz, worüber sich der Besitzer natürlich sehr freute.
Als wir Kazimiz dann abholten waren wir natürlich sehr gespannt, wie sie aussehen würde.
Es war wirklich ein sehr schönes Tier und man sah die neidischen Blicke der anderen Kunden die nach uns an der Reihe waren.
Wir tauften sie liebevoll „Kazimiz“ und erinnerten uns an die überaus nette und freundliche Art des Fleischers, als der Vogel angerichtet wurde.
Als wieder ein Jahr ins Land gegangen war und wir zur Weihnachtszeit uns auf den gewohnten Weg zur Fleischerei machten ahnten wir noch nicht, was uns erwarten würde. Wir hatten gedacht, es würde so sein wie die letzten Male aber wir staunten nicht schlecht über die weihnachtliche Dekoration und über die Frage des Fleischergehilfen: „Möchten sie auch eine Gans bestellen?“
Dabei mussten wir natürlich schmunzeln.
Die Marktlücke der helal-geschlachteten Gans war somit offiziell geschlossen und wir pflegen natürlich immer noch unser gutes Verhältnis mit unserem Fleischer des Vertrauens.
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MemoSan (26.01.2008), rakel (15.01.2008), Sithnoppe (15.01.2008)
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Alt 20.01.2008, 17:14
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porte de derrière

die nachzügler.
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Alt 20.01.2008, 17:15
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pdd Beitrag I

Black and White / siyah ve beyaz
Teil 1


Es war einmal eine Frau, nicht jung, aber nicht alt. Zusammengekauert saß sie auf einer Bank am Fluss, die nackten Füße hochgezogen und das Gesicht auf die Hände aufgestützt. Ihr Blick war auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, den nur sie sehen konnte. Die Vögel in den Bäumen über ihr zwitscherten, einige kleine freche Spatzen hüpften über ihre Schuhe. Von all dem bekam sie nichts mit. Ihr Blick blieb in die Ferne gerichtet, unendlich traurig.

„Darf ich mich zu ihnen setzen?“ Erschrocken schaute die Frau hoch und blickte in ein freundlich lächelndes Gesicht. Es gehörte zu einer Frau, die pure Lebensfreude ausstrahlte. Sie mochte so um die sechzig sein und hatte, obwohl nicht klassisch hübsch zu nennen, sehr ausdrucksstarke, eindrucksvolle Gesichtszüge, umrahmt von kupferroten Haaren. ‚Haarfarbe wie Omas alte Gießkanne’, dachte die Frau auf der Bank, während ihre Lippen ein: “Aber bitte, gerne“ hauchten und sie etwas zur Seite rückte. Verstohlen musterte sie die neu Dazugekommene. Was sie sah, gefiel: Ein sandfarbener, wadenlanger Rock aus Leinen, dazu ein dunkelgrünes Oberteil, ebenfalls aus Leinen, mit Rundhalsausschnitt und halblangen Ärmeln umschmeichelten gefällig eine vollschlanke Figur. Denn obwohl die Sonne schien, kam von Zeit zu Zeit ein etwas kühler Wind vom Fluss herüber und so richtig warm war es nicht. Schon den ganzen Tag nicht. Eine passende Kette aus verschieden grünen und hellen Steinen vervollständigte dieses geschmackvolle Ensemble. Nur die Schuhe, nun ja, die fielen etwas aus dem Rahmen. Man könnte sie eher Richtung Bequemschuh einordnen.

„Ich möchte keinesfalls stören, aber es ist leider nirgendwo mehr ein Platz frei.“ ließ sich die Rothaarige vernehmen. ‚Du störst aber, du störst, und wie du störst’ fahrig strich sich die Andere eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und drehte sich ein Stück zur Seite. Die Rothaarige setzte sich, zog ein Buch aus einer ihrer riesigen Taschen und machte es sich bequem. Die Spatzen zwitscherten frech und die Sonne malte freundliche Muster auf den Weg. Eine friedliche Stimmung. Es hätte so eine friedliche Stimmung sein können.
Die Rothaarige schaute erschrocken hoch. Was war das? Die andere Frau hatte ihr jetzt den Rücken völlig zugekehrt und kauerte wie ein Häuflein Elend auf der Bank. Ein Spatz pickte wütend auf der Schnalle eines der grünen Ballerinas herum, jetzt aufgescheucht von der Bewegung der Rothaarigen suchte er laut schimpfend das Weite. Sie nahm ihre Banknachbarin etwas näher in Augenschein, unsicher, wie sie sich verhalten sollte. Ein Blick zur Seite: Jeans, grasgrünes Polohemd, über den Schultern eine hellgrüne dünne Jacke. ‚Unspektakulär’, dachte die Rothaarige, ‚aber trotzdem nicht schlecht. Und mein Gott, was für ein Taille! Das waren noch Zeiten!’
Die Andere hat mit einem Aufstöhnen wieder den Kopf sinken lassen.

„Geht es Ihnen nicht gut, kann ich Ihnen helfen?“ Langsam, unendlich langsam drehte sich die andere zu ihr herum. Die großen blauen Augen blickten erstaunt. „Danke, das ist sehr nett von ihnen, aber mir ist nicht mehr zu helfen.“ fast flüsterte sie die Antwort, von einem traurigen Lächeln begleitet.
„Das dürfen Sie nicht sagen.“ Die Rothaarige ergriff instinktiv die Hände der Anderen. „Es gibt immer einen Ausweg.“ Ihr Blick folgte dem der Blonden Richtung Fluss. „Nein, so meine ich das nicht, das ist keine Lösung.“
„Warten Sie, ich habe etwas für Sie. Das hebt den Blutzuckerspiegel und wird Ihnen gut tun. Gerade erst eingekauft, wo ist es denn?“
Die Rothaarige suchte in ihren Einkaufstüten herum. „Da ist es ja. Hier, schauen Sie. Frische Datteln aus der Türkei!“ Strahlend hob die Rothaarige das Päckchen mit den Datteln hoch und wandte sich zu ihrer Banknachbarin. Diese fuhr hoch: Türkei?! Geh’n Sie mir bloß weg damit. Ich kann es nicht mehr hören.“ „Ja aber……….Das verstehe ich jetzt nicht. Die Türkei ist doch so ein tolles Urlaubsland. Und die Menschen sind sooooo freundlich. Ich habe nette Freunde in der Türkei.“ Fassungslos ließ die Rothaarige ihr Päckchen wieder in die Tüte fallen.


„Freunde?! Freundliche Menschen, ja zuerst.“ Fast wütend stieß die Blonde die Worte hervor. „Freund, ja, hab ich auch gedacht. So viel Pläne, so viel Träume….diese ganzen Sprüche…..Askim, askim, hat er immer gesagt, wenn du kommst, machen wir uns eine schöne Zeit, ich zeige dir mein Land. Wenn ich dann da war, hieß es Askim, I’m sorry, ich muss arbeiten, verstehst du? Trotzdem, er war immer so lieb. Askim hier, askim da. Und ich habe ihm geglaubt, und jetzt………..Mein Gott! und jetzt ……… Alles vorbei, alles aus!“
Sie ließ den Kopf in die Hände sinken und strich sich durchs Gesicht, als müsste sie unliebsame Gedanken vertreiben.
„Möchten Sie mir nicht erzählen, was geschehen ist. Oft ist es schon eine Erleichterung, sich die trüben Gedanken von der Seele zu reden.“ „Sie meinen es ja nett. Ja, und auch wohl aufrichtig. Ach, es ist so traurig.
Ich war auch mal glücklich, sehr glücklich! Und fröhlich und lebenslustig und voller Pläne, das Leben zu genießen, auszukosten, was es noch so zu bieten hat. Das war, bevor mein Mann krank wurde!“
Sie wurde lebhaft, die blonde Frau in Jeans und wandte sich der Rothaarigen zu. „Sie glauben mir nicht, wenn Sie mich jetzt so sehen“, wieder strich sie sich mit dieser typisch fahrigen Bewegung eine halblange Strähne aus dem Gesicht. „Ich habe mich in einem Urlaub in einen Einheimischen verliebt. Mein Mann musste die Reise in letzter Minute absagen, aber ich hatte mich schon so lange darauf gefreut. Ich bin dann alleine gefahren. Wir dachten, in einem guten Hotel, All Inklusive, könnte mir nichts passieren. Das sei völlig ungefährlich. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war, ein sehr großer Fehler. Aber damals- wer konnte das ahnen, der Urlaub war so schön. Dieser Mann, gut, er ist jünger als ich, aber ich dachte, nicht so viel, vielleicht zehn Jahre, war von Anfang an sehr freundlich und zuvorkommend. Immer so höflich und um mich bemüht. Nicht aufdringlich, nicht so penetrant wie der jüngere der Animateure. Glauben Sie mir, dass hat mir richtig gut getan. Ich bin richtig aufgeblüht in dem Urlaub. Jahrelang hab ich mich nur als graue Maus gefühlt.“ „Graue Maus, also das glaube ich nicht!“ die Rothaarige schüttelte den Kopf. “Na ja, nicht wörtlich.“ Die Blonde lächelte verschämt. „Nur in Bezug auf Männer. Ich war ja nur meinen Mann und seine Freunde gewöhnt. Alles gestandene Ehemänner, wenn Sie verstehen, was ich meine!“
Die Anderer nickte. „Man hat doch eher so eine neutrale Basis miteinander.“
„Genau so. Und dann kam einer daher und gab mir das Gefühl, wieder begehrenswert zu sein, Frau zu sein. Ach, das war so schön!“ Ein sehnsüchtiger Blick tat in ihre Augen. „Er hat auch immer so Scherze gemacht. Wir haben viel gelacht. Sein Englisch war nicht so gut, Deutsch konnte er gar nicht. Na ja, wir haben eben mit Händen und Füssen geredet. Wenn er dienstfrei hatte, trafen wir uns noch kurz unten am Strand. Aber heimlich. Er hatte viel zu viel Angst, gesehen zu werden und den Job zu verlieren. Der Urlaub war viel zu schnell zu Ende. Er hat dann immer gefragt, ob ich wiederkommen würde. „Wann kommst du wieder, bitte, komm zurück. Im Sommer, ich möchte dich wieder sehen.“ Zu Hause war dann wieder alles Routine, grau, schlechtes Wetter. Natürlich bin ich im Sommer dann noch mal hin. Mittlerweile hat er woanders gearbeitet. In Antalya. Diese Woche war die schönste Zeit überhaupt. Er hat mir viel erzählt, von sich, seiner Familie, den Arbeitsbedingungen und den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. So wollte er eine Operation machen lassen, die hier jede Krankenkasse zahlt. Er konnte sich die nicht leisten, das muss man sich mal vorstellen. Irgendwann hat er gefragt, ob ich ihm nicht das Geld leihen würde, ich bekäme es auch ganz sicher im nächsten Sommer zurück. Nein, hab ich gesagt, woher soll ich das nehmen? Es geht nicht. War aber auch nicht schlimm, er hat sich dann entschuldigt für die Idee. Es war trotzdem eine schöne Zeit. Na ja, meist hab ich bezahlt, aber das hat mich nicht gestört, es waren ja kleine Beträge. Und er ist nie unverschämt geworden, hat immer ganz bescheiden gefragt und sich sehr zurückgehalten. Er hat sich dann mit seinem Chef zerstritten, den Job verloren und ist am gleichen Tag wie ich abgereist. Er hat mir erzählt, er habe Heimweh nach seiner Familie und wolle jetzt erst mal zu seiner Mutter, die er schon ewig nicht mehr gesehen habe. Das Geld für den Bus? Woher er das hatte? Woher wohl. Damit fing es an. Zurück zu Hause hielten wir noch Kontakt, übliche Wege. Unregelmäßig, denn er hatte oft kein Kontör. Dann verstärkten sich die Fragen nach dem Geld für die OP. Irgendwann hab ich dann gedacht, o.k., leih ich es ihm, warum auch nicht, der arme Teufel. Dann geht es ihm besser und wenn er dann wieder arbeitet, bekomm ich es zurück. Er war dann eine Woche off, auch kein Handy, ein Dankesanruf – es ginge ihm so toll, alles wäre gut, er klang richtig glücklich, fast bekifft.
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MemoSan (26.01.2008)
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