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wortdurchgangszimmer mar. Unsere mar.

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Alt 17.09.2007, 18:31
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mar mar ist offline
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eine Straße weiter...

Adalbertstraße. Nirgendwo in der Stadt ist die Melancholie so durchsichtig wie in dieser Straße. Rechts und links der Fahrbahn trotzen alte baufällige Häuser der städtebaulichen Fantasie. Die Türen sind mit Brettern zugenagelt. Ich betrete diese Strasse sehr selten, aber genau deshalb ist sie in die Galerie der besonderen Erinnerungen aufgenommen. Sie hängt , wie ein Bild an einer Wand in meinen Erinnerungen fest. Und wie in einer Galerie auch , macht es die Beleuchtung oder die Verdunkelung, das sich meine Sicht auf diese Straße wandelt.

Mitten in Kreuzberg schneidet sie die Oranienstraße in Stücke- eines von vielen Stücken, die wie kleine zurechtgeschnittene Kuchenstücke beim Bäcker einfach so daliegen , jedes mit einem anderen Belag, mit anderen Früchten. Streusselkuchen neben Tortenstück...
Auch hier, im Kreuzberger Stadtplan schiebt sich diese Strasse wie ein Messer durch den Kuchen und teilt mitten auf der Fahrbahn dieses Viertel in Sushi-Asia -Bioläden und in Kebab-Döner-Teestube- Ausbesserungsschneiderei.
Das Licht an diesem Herbsttag holt all die ungeputzten Fenster aus ihrem dunklen Dasein hervor ; der Staub wirbelt zwischen Licht und Schatten und der noch warme Wind trägt den Geruch von Bratkartoffeln mit Gurkensalat auf den Gehsteig. Mein Blick heftet sich auf den Boden, es ist ratsam aufzupassen, wo man hintritt. Hier ist der Bürgersteig übersät mit kleinen Dingen, die man selbst nur 100 Meter weiter nicht finden würde. Abgerissene Kinokarten, zerfetzte Zeitschriften, Gewürztüten von Chinasuppen, Holzstäbchen von Kebab, Servietten voller Ketschup, einen abgeschleckten Lolli, Schokoladeneispapier, eine leere Wasserflasche Marke Irgendwoher, eine alte Garnrolle, ein alter Fahrradschlauch, 2 Cent, eine Hülle von Papiertaschentüchern....und das ließe sich beliebig fortsetzen.
Aber es sind nicht nur die Dinge, die meine Aufmerksamkeit fordern, sondern auch die Geräusche und das bewegte Strassenbild.
Spazierengehen in Kreuzberg; unterwegs zum Künstlerhaus Bethanien zu einer Ausstellung, die sich mit der Kunst des Spazierengehens befasst. Fast , so scheint es , ist es gewollt, daß ich diese Strecke zu Fuß zurücklegen muß, so als solle ich mich einstimmen auf eine Ausstellung in Räumen, die das „erlaufene“ Leben eingefangen hat. Diese Strasse stimmt mich ein und ich überlege, ob ich nicht noch ein paar Umwege machen sollte .
Ganz hinten, am Ende der Straße sehe ich ein grünes , großes Licht. Es ist der Park, der das ehemalige alte Krankenhaus mit hohen Bäumen umschließt. Das Herbstlicht schimmert durch die Blätter und winkt mir aus der Ferne zu. Das Leben um mich herum erscheint mir so dicht, so prall gefüllt von allerlei Leid und Freude, voller Tragödien und Dramen- fast so, als wären all diese Geschichten der vergangenen hundert Jahre in diese alten Mauern der Häuser hineingeschrieben. Da ist der grüne Platz zwei Straßenzüge weiter wie ein guter Freund, der mir zu sagen scheint: Komm, ich nehme dich in meine Arme und du kannst dich hier ausweinen. Und dabei ist dieses Weinen nicht einmal gewollt- es hat sich einfach so als kleine Tränen in meinen Augen verirrt. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Wehmut und Glücksempfinden. Die Melancholie als kleine Schwester der Trauer- Trauer darüber, das die Zeiten der Häuser einfach vorbei sind und ein Glücksgefühl darüber , das man trotzdem noch ihre Schönheit wahrnehmen kann.
In dieser morbiden Tristesse dieser Strasse scheinen sich viele Erinnerungen verborgen zu halten, die ich seit Kindertagen mit mir herumtrage... Der Geruch von Bohnerwachs, angebrannter Milch, ein Hauch muffiger Luft aus geöffneten Kellerfenstern; schwarze Kohle schimmert durch das fast blinde Glas, eine alte Frau lehnt sich aus dem Fenster, die Arme auf ein Sofakissen gestützt... sie möchte teilhaben am Leben draußen... Die klobigen Türen zu den Gewerbehöfen stehen weit offen, wie große Münder schlingen sie alles hinein, was angeliefert wird. Zwischen Zwiebeln und Stoffballen spielt ein Kind , ein Auto hupt ; der Bus schiebt sich um die Ecke und hält.


Ich überquere die Oranienstrasse, und eile dem Platz entgegen, wo ich mich verabredet habe. Still und fast verlassen liegt dieses große Haus , umsäumt von einem verwilderten Park- einige Häuser werden immer noch von Autonomen bewohnt. Ich bin zu früh – also nutze ich die Zeit und durchquere die Parktangente in Richtung Kirche.
Ich erinnere mich, das dahinter die Berliner Mauer war und aus irgendeinem Grund genau hinter der Kirche noch ein kleines Grundstück war, das, da sich bisher kein Besitzer gemeldet hatte, das einzige Niemandsland in Berlin ist . Schon Jahrzehnte wird dieses Stück Land als Garten genutzt . Ein türkischer Gastarbeiter hatte sich in den 70-ern dort einen Gemüsegarten angelegt und sich ein Baumhaus gebaut, wild und ohne einen Behördenstempel ... Zwischen Wildwuchs und 3 Meter hohen Sonnenblumen sehe ich dicke Kürbisse und Kohlrabi, Bohnen hangeln sich an einem Lattenrost, der als Balkonbrüstung dient und vor dem Eingang zum Gartenhäuschen hat der alte Mann einen Tisch an seinen Beinen einzementiert und die dicke grüne Ledercouch dahinter scheint sagen zu wollen: He, der Tee ist gleich fertig- setz dich.
Es ist schon belustigend, wie mitten in der Großstadt ein alter Mann eine Lücke im Gesetz erkannt hat und hier sein Paradies , seine Robinsonade auf Erden hat. Der Alte dreht sich seine Zigarette, zwei Touristen lassen sich mit ihm fotografieren, ich bleibe stehen und schaue belustigend zu. So ein sympathischer Anarchist... Hinter der halbgeöffneten Laubentür hantiert seine mit Blumenkopftuch behütete Frau und es summt ein Gaskocher...
Es ist still auf der Strasse. Mittags zwei Uhr, da ruht das Leben für eine kurze Zeit. Mittagsschläfer haben die Fensterläden geschlossen und der Kindergarten seine bunten Vorhänge. Ich möchte irgendwie verweilen in diesem Moment. Die Zeit anhalten. Lachen und Weinen zugleich. Ein unbekanntes Gefühl ergreift Besitz von mir...ich kann nicht einorden, was es mir sagen will. Alles kommt so dicht an mich heran, das ich es mit den Händen greifen könnte- sogar das gelbe Licht ist voller Gestalt. Es wirft Schatten und tanzt zwischen den Büschen und Häusern.
Hinein in das Haus , welches mit Kunstwerken und begehbaren Museumsräumen zum Verweilen einlädt... in den Gängen hört man Kinder Klavierspielen üben und über endlosen Flure gelangt man zu Werkstätten und Ausstellungen.
Die Welt und die Dinge sind da. Jemand macht Fotos, andere durchqueren Strassen, andere zeichnen und wieder andere ziehen eine Spur hinter sich her wie ein roter Faden...Alles , was man sieht und wahrnimmt , findet Platz im Menschen. Man malt sich seine eigenen Bilder in der Galerie der Erinnerungen und es scheint , je dicker die Schicht Farbe auf den Fantasiebildern ist, um so durchsichtiger wird das Leben, um so mehr durchschaut man sich und die Sehnsucht nach der Welt, die man noch nicht entdeckt hat. Und diese Welt kann wirklich bei jedem nur einen Strassenzug weiter liegen.

MAR, heute zwischen 14:00 und 14:30
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Geändert von mar (18.09.2007 um 15:26 Uhr).
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Alt 18.09.2007, 09:05
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AW: eine Straße weiter...

Danke liebe mar!! Danke, für die liebevolle Beschreibung....










Hach bin ich glücklich! Dieses Wochende bin ich in dieser "schrecklich", tollen Stadt
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mar (18.09.2007)
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Alt 18.09.2007, 14:05
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Mar ich bin ja eher ein seltener Leser deiner Werke, denn die Zeit hier auf der Arbeit läst mich nicht immer so lange Thread lesen. Aber wie immer sind deine Zeilen schön und ich mußte mir einen Moment zeit nehemen sie zu lessen.

Danke für einen kurzen Moment den ich in deiner Welt verweilen durfte


Lieben Gruß Lari
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mar (18.09.2007)
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Alt 18.09.2007, 15:46
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Zitat:
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Danke liebe mar!! Danke, für die liebevolle Beschreibung....

Hach bin ich glücklich! Dieses Wochende bin ich in dieser "schrecklich", tollen Stadt
du hast ja meine nummer- wenn du magst, klingle einfach und komm vorbei ... oder ich kann auch irgendwo einen tee mit dir trinken , wenn die zeit zu knapp ist....
mar
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Piitu (18.09.2007)
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Alt 18.09.2007, 16:32
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AW: eine Straße weiter...

Zitat:
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du hast ja meine nummer- wenn du magst, klingle einfach und komm vorbei ... oder ich kann auch irgendwo einen tee mit dir trinken , wenn die zeit zu knapp ist....
mar
Danke für die liebe Einladung!

Dieses Mal klappt es leider nicht aber vielleicht beim nächten Berlin-Besuch...
Und wenn es Dich nach Hamburg verschlägt, hätte auch ich immer eine offene Tür für Dich
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  #76 (Permalink)  
Alt 19.09.2007, 23:22
_Cem_
 
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AW: eine Straße weiter...

Zitat:
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Die Welt und die Dinge sind da. Jemand macht Fotos, andere durchqueren Strassen, andere zeichnen und wieder andere ziehen eine Spur hinter sich her wie ein roter Faden...Alles , was man sieht und wahrnimmt , findet Platz im Menschen. Man malt sich seine eigenen Bilder in der Galerie der Erinnerungen und es scheint , je dicker die Schicht Farbe auf den Fantasiebildern ist, um so durchsichtiger wird das Leben, um so mehr durchschaut man sich und die Sehnsucht nach der Welt, die man noch nicht entdeckt hat. Und diese Welt kann wirklich bei jedem nur einen Strassenzug weiter liegen.

MAR, heute zwischen 14:00 und 14:30

I love you....
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Alt 22.09.2007, 18:34
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TEIL1 : der tag an dem ich das E und das I verlor...

Es ist Zeit , scheint der Wecker zu sagen . Und rasselt los. Müde und unlustig stehe ich auf. Es ist ein ganz normaler Werktag, der mit einem starken Kaffee beginnt und dem Rennen nach der U-Bahn.
Ich bin immer sehr glücklich , wenn ich das Schnurren der U-Bahntüren höre, denn das bedeutet für mich, das ich mich für 20 Minuten aus dem Zeitgefüge der Eile und der Hast ausklinken kann.
Es ist schon merkwürdig , wie sich die Wirklichkeit eines Tages verkleiden kann . Sie kommt daher als ein Kinderwagen, den eine noch schläfrige Mutter schiebt, als Mann, der die Zeitung hastig durchblättert, als junges Mädchen mit dem Kaffee to Go , als Wichtigtuer, der einen teuren Laptop auf seinen Beinen plaziert…..keine Zeit! Immer in Eile! alles mit Tempo! So zeitmessend die Worte klingen, so unklar sind ihre Bedeutungen auch. Der Mensch und die Hast im Alltag, das ist fast untrennbar…

Solche Gedanken gehen mir durch dem Kopf , als am Hermannplatz eine Frau einsteigt. Eine weiße Umhängetasche, die Träger teilen die schwarze Kleidung längs, wie ein großer zeiger einer Uhr . Ich sehe kurz auf, registriere sie und will weiter vor mich hin träumen. Plötzlich höre ich ein Klicken. Stille. Wieder ein Klicken, und das in regelmäßigen Abständen. Meine Neugier lässt meinen Blick heben und der bleibt haften an den Händen dieser Frau. Sie hält eine runde ,glänzende Stoppuhr in der Hand. Im Minutentakt drückt sie mit dem Daumen den Timer und das klickende Geräusch, so sehe und höre ich nun, kommt von dieser Mechanik. Das ist schon sehr eigenartig, denke ich. Ich sehe zum ersten Mal früh am Morgen jemanden mit der U-Bahn fahrend die Zeit stoppen!
Die Geräusche der Stoppuhr geben einen Takt vor, der mich ja eigentlich immer und zu jeder Zeit begleitet. Die lautlosen Minuten, die Stunden, die diese Minuten bündelt und die Tage, die sich aus diesen gebündelten Minuten zusammensetzt. Still und unsichtbar gleitet die Zeit an uns vorüber oder sie macht sich dann bemerkbar, wenn wir zu wenig von ihr zu haben scheinen. Klagend geben wir dann kund, das die Zeit verrinnt, entflieht oder irgendwo verschluckt worden sein muss, von einem Ungeheuer, das uns genau unsere Zeit stehlen will…


Ich frage mich, was wohl diese Frau bezweckt, das sie in einem fahrenden Zug die Zeit bemessen will , die doch außerhalb des Wagens im Tunnel an uns vorbeirast, während sie hier im Wagen träge und gleichbleibend ihre 60 Sekunden braucht , um wieder auf der Zwölf der Stoppuhr anzukommen.
Welche Art von Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit scheint sie hier zu demonstrieren? Muss sie denn pünktlich sein; irgendwo ankommen, wo Zeit plötzlich nichts mehr zählt, weil der Moment, auf den sie zu warten scheint, seit Ewigkeiten herbeigesehnt wurde…Wonach sehnt man sich am frühen Morgen?
Ich lasse die Frau erst einmal „ihre“ Zeit, ihre Stunden und Minuten zählen und wende mich wieder meinen Gedanken zu. Doch ich stelle fest, das es schon gar nicht mehr meine Gedanken sind, die ich vor wenigen Minuten noch hatte…. sie sind verflüchtigt und das, was von ihnen noch vorhanden ist, krallt sich beharrlich an den Moment, wie diese Frau die Zeit in den Händen hält. Eigentlich will ich es nicht so genau wissen, was in meiner fremden Weggefährtin vor sich geht, ich denke, sie hat ihre Gründe, warum sie dies macht, auch wenn diese sicher vielen absurd erscheinen mögen.


Auch ich muss ja pünktlich sein, muss mich dem Gefüge von gezählter Zeit beugen, muss mich sogar entschuldigen, wenn ich die Zeit vergessen habe, muss mich entschuldigen, wenn ich nicht einmal dafür kann, wenn ich mitten auf einer Strecke stehen bleibe, und mir die zeit davonläuft… Sie läuft sogar so davon, das ich es spüre, wie in mir eine Eile einsetzt, obwohl ich ruhig und fast gelassen aussehe auf meinem Sitz im Wagon… So kann man sich täuschen. Eile kann nach außen hin durchaus so aussehen, als ob sie still stünde.
Zeit ist ein Phänomen. Nicht nur, das sie Philosophen beschäftigt und Wissenschaftler zu weitausufernden Werken verhilft. Nein, ich denke auch, weil sie, obwohl mechanisch sichtbar gemacht, sie doch etwas Unsichtbares , Besonderes und Durchsichtbares ist. Ganze Welten machen sich an der Zeit fest, Planeten und Galaxien sind Lichtjahre von uns entfernt, Meere haben ihre Gezeiten, Zivilisationen benennen sich nach Jahrhunderten und auch Kriege , die 30 Jahre dauerten ,er-„zählen“ ihre Geschichte. Ganze Kulturen etablieren sich am 21. Jahrtausend als moderne und fortschrittliche Ordnungen…


Was ist die Zeit? Was ist meine Zeit ? Ist sie meine Uhr, die erst erfunden werden muss?
Ich erinnere mich an eine Reise, mit Aufenthalt in Kyoto. Ich wollte mich einfach etwas von der Arbeit in der Papiermühle erholen und konnte einfach nicht die innere Uhr abschalten, die sich im Laufe des Arbeitsalltages in mir manifestiert hatte. Also stand ich 4 Uhr morgens auf , nahm das Fahrrad und fuhr zum Eikando-Tempel, der in der Nähe meiner Unterkunft war. Die Stadt war still. Die alten , kleinen und in sich verschachtelten Häuser ruhten wie sauber verpackte Geschenke auf einem großen Tablett. Ab und zu hörte man jemanden hüsteln, ein alter Suppenhändler schob seinen Karren nach Hause, eine Katze miaute…
Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Eine Stadt, eine Anreihung aus Häusern und Fenstern, die mit matten Papiershoji die äußere Welt von der innen stattfindenden Welt abgrenzte. Beim schwachen Lichtschimmer fand fremdes Leben statt, Ereignisse, die durch Zeit und Raum eine Bedeutung erlangten. Ewigkeiten oder Sekunden- das war hier egal. Die Zeit war aufgehoben in einer Schattenwelt und diese Schatten schienen sich an mir festzuhaften. Mir war, als würde ich mit den Umrissen dieser Menschen auch einen Teil dieser Zeit mit mir mitzunehmen auf meinem klapprigen Fahrrad, welches mir Imamura-san ausgeliehen hatte.
Vielleicht war es auch dieses Gefühl von Erhabenheit, die diese Anonymität so an sich hatte. Die Menschen , deren Schatten sich auf den Shojis abzeichneten sind mir bis heute fremd . Sie waren Erscheinungen eines frühen Morgen, und doch waren mir ihr Sein durch die Momenthaftigkeit so vertraut, als hätte ich schon immer an ihrem Leben teilgenommen. Mir schien, als würden der Sog und die Eile, die Hast und das Gedränge und der Lärm dieser großen Stadt hier im Morgengrauen gefiltert, und übrigblieb die Stille und Größe einer alten kaputten Turmuhr, die würdevoll die Häuser überragt. So, als würde dieser einzelne , freistehende imaginäre Turm die Unendlichkeit der Zeit wie ein Tuch über diese Menschen legen, die wie ich am frühen Morgen Nachtzeit und Tagzeit voneinander trennen wollen.

Ich fühlte mich ganz frei und beschwingt und so in Gedanken erreichte ich den Eikando, klopfte an die Tür und der Prior öffnete. Ich hatte mir in der Zeit meines Aufenthaltesden morgendlichen Zugang aushandeln können und saß stundenlang, sogar noch, als die Besucherströme nach 10 Uhr einsetzten im Tempel.

HIER gehts weiter TEIL 2
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Geändert von mar (22.09.2007 um 18:43 Uhr).
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sdost (23.09.2007)
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Alt 22.09.2007, 18:41
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TEIL 2 ... der tag an dem ich das E und das I verlor

HIER fängt es an TEIL 1


Der Grund meiner Anwesenheit war da ein ganz anderer als der , das Phänomen Zeit zu ergründen, und trotzdem erinnere ich mich gerade heute daran, als wäre es gestern gewesen, das ich die Stufen erklomm, hinauf in das rotbedachte Holzgebäude. Stundenlang saß ich auf den alten Tatamis , den Blick auf diese Statue gerichtet, die ich studieren wollte, oder vielmehr die Historie ihres Dortseins. In den Nebengebäuden hörte ich das Murmeln der Mönche und die leisen metallenen Gongs . Im Takt und mit der Melodie einer fremdem Sprache verknüpften sich mein Zeitempfinden und die Phantasie um die Geschichte dieser Amida-Statue zu einer Reise entlang der Jahrhunderte.
Ich glitt auf imaginären Schienen in die Vergangenheit zurück und das leise Singen der Mönche verwob sich auf dieser Zeitreise zur unmittelbaren Realität. Die Vergangenheit schien aufgehoben, die 900 Jahre , die seither vergangen waren, schienen den Raum zu füllen mit Erzählungen und die Geschichte dieser alten Zeit tastete sich mit mir zurück auf diesen phantasiebeladenen Wegen . Was ist Zeit ? Ist sie der schemenhafte Morgen in Kyoto oder die übervolle U-Bahn in Berlin? Zeit ist die Leere, das Nichts. Ja , tatsächlich ist Zeit doch NICHTS, bis zu dem Moment , wo ich sie bevölkere mit meinen Gedanken, sie auffülle mit Erklärbarem, Absurden, verrückten Dingen. Zeit ist eine Leere, bis ich ihr Gestalt gebe mit allen möglichen Umschreibungen und Bezeichnungen. Zeit als Moment …und egal, welche Bedeutung man solchen Momenten beimisst, sie sind auch ein Fragment meiner Zeit.


In dieser einen Erinnerung an Kyoto sehe ich mich sehr oft und ich denke, das vieles von dem, was ich dort unbewusst oder bewusst aufgenommen habe, mich immer wieder in die Mitte der Zeit stellt. Mir scheint, als hätte ich durch mein Dortsein einen Moment die Zeit angehalten und immer, wenn es mein Leben erfordert, katapultiert mich die Erinnerung zurück , so als wolle sie sagen: jetzt zieh aber mal die Uhr auf, sie steht schon seit geraumer Zeit …
Und dann geht es auch weiter, dieses Leben. Mit all den tickenden Uhren um mich herum .

Die Frau mit der Stoppuhr sitzt immer noch auf ihrem Platz. Vielleicht ist das ihr eigener innerer Protest gegen das Nichtmessbare, was Zeit ja auch sein kann. Ihre Zeit ist wie ihr Spiegelbild, welches sich im dunklen Hintergrund in den Scheiben abzeichnet. Der U-Bahn-Tunnel wird zum Taktmesser, zum Minutenzähler. Eigentlich Sekundenzähler, denn mancher Weg von Station zu Station dauert tatsächlich weniger als eine Minute, also nur Sekunden.
Ich werde das Rätsel um diese Frau nicht lösen können. Nicht heute. Und nicht morgen. Dafür brauche ich Zeit. Ich denke, das ich diese Zeit haben werde. Jeden Tag betrete ich so einen Bahnhof im Untergrund, jeden Tag öffnen sich die Türen mit einem leisen Seufzer - Zt Zt Zt Zt.
Wie lustig, denke ich, das klingt fast so, als hätte das Wort ZEIT das E und das I „verloren“ und das Öffnen der U-Bahn- Tür ist wie eine Einladung, auf die Suche zu gehen . Ich weiß nicht so recht, ist die U-Bahn eine Zeitschleife ?
Immerhin bin ich für 2,40 Euro 10 Jahre zurück bis nach Kyoto gereist. Nun ja, es war nur in Gedanken, in meiner Erinnerung, aber immerhin habe ich wieder einmal die Zeit angehalten!

MAR 2007
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Geändert von mar (22.09.2007 um 18:46 Uhr).
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sdost (23.09.2007)
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Alt 01.06.2008, 16:42
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AW: Toasted Susie is my ice-cream...und hier sind die Fußnoten dazu !

Toasted Susie is my ice-cream!
...oder warum Gertrude schuld ist, daß ich Fußnoten liebe.
und hier ist der Text, der zu den Fußnoten gehört: einfach anklicken


1.
Als Mittsommer wird die Sommersonnenwende am 20., 21. oder 22. Juni bezeichnet. In den nordischen Ländern wird es Nächte zu dieser Jahreszeit kaum dunkel.
2. Der Kuss- ist eine Ausdrucksform einer Emotion. Die Bedeutung des Kusses, insbesondere in der Öffentlichkeit ist jedoch kulturell unterschiedlich.
3. Wogen- sind eine spezielle Wellenform. Die Gravitation bildet Wellen wenn Wasser durch Einwirkung einer Störung zum Schwingen angeregt wird. Beispiele für Störungen sind der Wind, der verantwortlich ist für den Seegang auf den Meeren. Ins Wasser geworfene Steine und Strömungshindernisse erzeugen Wellen, fahrende Schiffe begleitet eine Bugwelle. Seebeben können Tsunamis hervorrufen. Wogen des Glücks ist die literarische Umschreibung des Auf und Ab der Emotionen bei Menschen
4. bräuchte- brauchen, benötigen
5. Mysterium- ist ein Geheimnis ... Gemeint ist dabei nicht etwas, was man normal mitteilen könnte , sondern ein komplexer, oft paradoxer Sachverhalt von existenzieller und religiöser Tragweite, der sich der direkten Mitteilung und logischen Analyse wesentlich entzieht.
6. Newa- (russisch Нева) ist ein 74 km langer Fluss in Russland, der vom Ladogasee in die Ostsee fließt. Sie durchquert dabei Sankt Petersburg.
Obwohl die Newa mit 74 km ein sehr kurzer Fluss ist, ist sie vergleichsweise
wasserreich. In der Nacht zwischen 2 und 5 Uhr werden die Newa-Brücken
aufgeklappt, woraufhin zwischen zahlreichen Stadtteilen keine Verbindung mehr
besteht.
7. In den Weißen Nächten von Ende Juni bis Mitte Juli ist die Passage der
Schiffskonvois ein Schauspiel, das sich tausende Menschen trotz der
nachtschlafenden Zeit ansehen.
8. Magie- aus dem altpersischen Magusch, der Bezeichnung der medischen
Priester) ist der Versuch, Ereignisse, Menschen und Gegenstände auf
übernatürliche Weise zu beeinflussen.
9. Norden- ist eine Haupthimmelsrichtung. Die Bezeichnung leitet sich vom
Althochdeutschen nord und der Indogermanischen Einheit -ner für links oder
unter ab, was möglicherweise auf „links der aufgehenden Sonne“ zurückzuführen
ist. Norden hieß auch „Septentrio“, auf das Siebengestirn bezogen.

10. Zwiegespräch- ein Dialog , teils mit sich selbst hinterfragend geführt, u.a. als eine Form philosophischer Erörterung mit der Absicht, zu tieferer Einsicht in einer Frage zu gelangen.
11. Nicht geheuer- nicht geheuer sein : sein Unwesen treiben, gespenstern, herumgeistern, umgehen, irrlichtelieren...in diesem Fall heisst es somit: die Sache ist mir zu unheimlich...
12. Gertrude Stein- Gertrude Stein gehörte mit ihrer extrovertierten Art zu den Kultfiguren der Kunst- und Literaturszene ihrer Zeit. Durch einen von ständigen Wortwiederholungen geprägten Stil wollte sie nach eigenem Bekunden den Kubismus der abstrakten Malerei in die Literatur übersetzen. Mit ihren Schriften zählt sie zu den Avantgardistinnen des 20. Jahrhunderts. Mit dem Satz Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (aus dem Gedicht Sacred Emily im Band Geography and Plays von 1913) prägte sie ihre eigene Stilfigur des Lithismus, einer Art der verbalen Tautologie. In Paris eröffnete sie einen Salon, der sich zu einem Zentrum der schriftstellerischen Avantgarde entwickelte. Sie gehörte der neuen revolutionären Generation an. Sie war jung genug, die Künstler zu verstehen, reif genug, um sie zu fördern und vermögend genug, um die Bilder zu kaufen. Und so kaufte sie viele Bilder der damals noch verkannten Genies: Cézanne, Monet, Renoir, Daumier, Gauguin. 1907 lernte Stein ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas kennen. 1909 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Three Lives im Selbstverlag. Mit der Textsammlung Tender Buttons (1914) wandt sie sich verstärkt der experimentellen Literatur zu.
13. Zeit - bezeichnet die vom menschlichen Bewusstsein wahrgenommene Form der Ordnung des Auftretens von Ereignissen. Das menschliche Empfinden von Zeit ist von ihrem Vergehen geprägt, einem Phänomen, das sich bisher einer naturwissenschaftlichen Beschreibung entzieht und als Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin wahrgenommen wird.
14. Gravitation - ist eine der vier Grundkräfte der Physik. Sie bezeichnet das Phänomen der gegenseitigen Anziehung von Massen. Sie ist die Ursache der irdischen Schwerkraft oder Erdanziehung, die die Erde auf Objekte ausübt.
15. Schwarze Löcher - Als Schwarzes Loch bezeichnet man ein astronomisches Objekt, welches aufgrund seiner hohen Dichte die Raumzeit so stark krümmt, dass von außen aus gesehen nichts in endlicher Zeit aus seiner inneren Region austreten kann. Die Grenze dieses Bereiches heißt Ereignishorizont.
16. Quader - Ein Quader ist ein dreidimensionaler Körper mit
sechs rechteckigen Flächen, dessen Winkel alle rechte Winkel sind,
acht rechtwinkeligen Ecken und zwölf Kanten, von denen jeweils vier gleiche
Längen besitzen und zueinander parallel sind.
Gegenüberliegende Flächen eines Quaders sind kongruent (deckungsgleich).
17. Stanley Kubrick - war ein US-amerikanischer Regisseur, Produzent und
Drehbuchautor. Seine Filme werden vor allem für ihre tiefe intellektuelle Symbolik
und ihre technische Perfektion gepriesen. Als Regisseur war er sowohl berühmt
wie berüchtigt dafür, jede Szene bis ins kleinste Detail zu perfektionieren und
dabei meist die Schauspieler bis an ihre psychischen und physischen Grenzen zu
führen. Die Hauptthemen seiner Filme sind die Unnahbarkeit der Realität und das
Scheitern der Menschlichkeit, ausgedrückt durch das einfache Akzeptieren, das
Ignorieren oder das Ringen der Protagonisten mit ihren dunklen, inneren Kräften
auch ihren Trieben.
18. kompliziert - Kompliziertheit kommt aus dem lat. complicare
"zusammenfalten", "zusammenlegen", "verwickeln"
19. Ehrgeiz- gemeint ist jedoch die mittelalterliche Bedeutung Gier, also „nach Ehre gieren“ und nicht etwa „mit Ehre geizen“) versteht man das mehr oder weniger starke Bemühen, ein bestimmtes Ziel zu erlangen, etwa Anerkennung, Autorität, Ruhm, Ehre oder Geld. Er zielt unter anderem auf eine Bewahrung oder Steigerung des Selbstwertgefühls in einer Gemeinschaft aus Wettbewerbern und steht in enger Beziehung zur eigenen Eitelkeit.
20. träufelt- tröpfeln, tropfen lassen
21. flexibel - lat. flectere biegen, beugen; hier heisst es : biegsam, anpassungsfähig
22. verbergen- verdecken, verstecken
23. T - ist der 20. Buchstabe des lateinischen Alphabets und ein Konsonant. Der Buchstabe T hat in deutschen Texten eine durchschnittliche Häufigkeit von 6,15 %. Er ist damit der siebthäufigste Buchstabe in deutschen Texten.
24. Gertrude – Gertrude Stein
25. Abstraktion - von abs-trahere – "abziehen, wegschleppen, -führen; entfernen, trennen") bezeichnet meist allgemein einen Vorgangs des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres.
26. Toasted Susie is my ice-cream – Wortkomposition aus dem Werk von Gertrude Stein
27. bizarr - absonderlich, eigenartig, eigenwillig, merkwürdig, seltsam, fantastisch, ausgefallen, befremdend, ungewöhnlich
28. Stümper – hier zum Gebrauch im Sinne von elend, jämmerlich
29. Baudrillard - Jean Baudrillard (* 20. Juli 1929 in Reims; † 6. März 2007 in Paris) war ein französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe. Er gilt als einflussreicher, aber auch umstrittener Vertreter des postmodernen Denkens. Baudrillard studierte Germanistik an der Sorbonne in Paris. Von 1958 bis 1966 war er Deutschlehrer , zugleich betätigte sich Baudrillard als Literaturkritiker und Übersetzer (Friedrich Hölderlin, Bertolt Brecht, Peter Weiss) und studierte Philosophie und Soziologie an der Universität Paris-Nanterre. 1968 promovierte er dort mit der Arbeit Le Système des Objets („Das System der Dinge“)
30. Meditation - (lat. meditatio = „das Nachdenken über“; auch in der Bedeutung „zur Mitte ausrichten“ von lat. medius = „die Mitte“) ist eine in vielen Religionen und Kulturen geübte grundlegende religiöse oder spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln.
31. Kosmos - Der Begriff Kosmos (griechisch κόσμος, kósmos - die (Welt)Ordnung, auch Schmuck, Anstand) bezeichnet: das Universum (den gesamten Weltraum)



ps. natürlich muss ich mich bei wikipedia bedanken, die mir doch eine oder andere erklärung etwas genauer unter die lupe nehmen lies.




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Geändert von mar (01.06.2008 um 16:57 Uhr).
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Toasted Susie is my ice-cream!
...oder warum Gertrude schuld ist, daß ich Fußnoten liebe.


Wenn der Mittsommer1 naht, dann beginnt in meinem Körper eine andere Zeit zu ticken. Ich weiss nicht warum, aber irgendetwas sagt mir, das dieser Sommer mein Frühling sein wird...Ich laufe durch den Park und obwohl keine 50 Meter weiter die Stadt tobt- duftet das Gras wie die Wiesen, die mich umfangen und gebettet hatten, als ich mir den ersten Kuss 2 des Lebens geben lies . Ich würde mich am liebsten in diese ganz hohes Halme fallen lassen , so daß sie über meinem Kopf zusammenschlagen. Nur ein kleines Guckloch bleibt ,durch das ich einen blauen weißgepuderten Himmel schaue und dieses grasgrünscheinende Wunder des Sommers entführt mich auf den Wogen3 eines unbeschreiblichen Glücks ins Land der Phantasie...
So ein wundersamer warmer Tag im Juni , der in eine laue Nacht hinübergleitet... Die Mittsommernacht schleicht sich an mit einem glucksendem Lachen, verstohlen blinzelt sie mir zu und flüstert, das sie doch eigentlich aus dem Süden stamme; sie sei nur vor der Hitze geflüchtet, sie bräuchte4 eine Auszeit von all dem Lärm an den Stränden und dort im Süden, käme sie nicht mehr dazu, sich auszuruhen. Sie, die Nacht würde dort zum Tag gemacht ...
Ich lache hell auf. Was redet sie da, diese leise, schöne, besondere Nacht? Hat sie vergessen, das im schattenlosen Stundenreich dieser wenigen Tage im Juni das ganze Mysterium5 von Dichtern zu Hause ist? Entlang an den wie von perlenkettenumsäumten Inseln Finnlands oder in den sternenfunkelnden Wassern der Newa6 in den Petersburgern Weißen Nächten7 ?
Nein, knistert die Mittsommernacht- die Nacht kann auch zum Tag werden, aber die besten Geheimnisse haben ich den Menschen entlockt, wenn die Magie8 erwacht, die von Licht und Dunkelheit ausgeht. Hier kann man die Mittsommergeheimnisse aus Menschen entlocken, hier im Norden9...


Ich blicke auf. Noch immer sitze ich am Rande der Wiese , mitten im Park. Es ist taghell und ich frage mich, wo hier der Norden sei! Das warme Licht wärmt auch meine Haut , schon fast zuviel, doch dann sage ich mir, es muss doch etwas dran sein, das ich mit dem herannahenden Mittsommer ein Zwiegespräch10 führe.
So ganz ist mir die Sache nicht geheuer11 ...und bevor man zu glauben bereit sei, das ich Selbstgespräche führte, muss ich sagen, nein, das tue ich nicht! Zumindest nicht laut. Es klingt kompliziert, ist es aber nicht.
Mir fiel dabei ein Spruch von Gertrude Stein12 ein: Komplikationen sind immer einfach, aber eine andere Sichtweise als die der ganzen Welt ist ganz selten.

Warum fallen mir solche Worte immer ein, wenn die Nächte länger werden? Warum lese ich an solchen Tagen Bücher über die Zeit13, über die Gravitation14 , über Zeitsprünge und Wortschleifen, über Geheimnisse fremder Menschen, über Reisen zum Mond und über Schwarze Löcher15, die als Quader16 wie in Kubricks17 Film 2001: Odysee im Weltraum über allem lautlos schweben...

Ist es zu kompliziert18 , vom Duft einer Sommerwiese , weiter über die Sehnsucht nach der Liebe im Moment , über die Mittsommernacht hin zur Gravitation im Weltall zu gelangen? Wenn Komplikationen einfach sein sollen, ja was sind dann die einfachen Dinge? Kompliziert?
Ich muss wieder innerlich lachen! Natürlich ist es so. Oder nicht?
Jetzt wünschte ich mir mehr Ehrgeiz19 , den Dingen auf den Grund zu gehen. Aber die laue Luft träufelt20 sich in meinen Kopf und über meinen Körper , und wie ein Netz legen sich die verschiedenen Gedanken über mein Gesicht...schön eingeteilt in übersichtliche Vierecke... der erste Gedanke in dieses Kästchen, der zweite Gedanke in dieses Kästchen, der dritte dort hinein und der vierte da... [size=1][font=Tahoma][size=3]Na bitte! Alles wohlgeordnet. Jedes Ding hat seinen Platz. Dort in der Mitte ist noch ein Kästchen frei. Was oder wen kann ich dort unterbringen, verbannen, einbinden, anbinden ? Vielleicht passt noch ein Gedanke hinein. Ein Gedanke ist flexibel21 , er ist ein bisschen flüchtig , er kann sich auch mal kleinmachen, wenn alles andere darum herum sich drängelt und schubst und breit macht. Ein Gedanke kann sich auch mal hinter etwas verbergen22 . Wenn er sich ganz klein macht , passt er sogar hinter das T23 , welches schmal und fast unsichtbar für so vieles stehen kann.

Der Weg aus dem Park nach Hause führt mich am Eisladen vorbei. Warum nicht ein Eis essen! Ich versüße mir die komplizierte , einfache Welt und kann plötzlich Gertrude24 verstehen, die in der scheinbaren Abstraktion25 der Worte die Mystik des alltäglichen Rätsels versteckte.
„Toasted Susie is my ice-cream“26 .
Wie ich meine bizarre27 Gedankenwelt in kleine Netze unterteile, so hat jeder Dichter seinen eigenen Weg, die Worte für sich stehen zu lassen, und sie doch als ein Ganzes zusammenzufügen.

Natürlich bin ich ein Stümper28 gegen Gertrude Stein, aber trotzdem nenne ich sie manchmal heimlich „Schwester“. So wie ich Baudrillard29 manchmal meinen „Bruder“ nenne...
Man fragt sich natürlich anhand all dieser scheinbar nicht miteinander verknüpften Dinge, wie sie wohl zueinander fanden.
Sie sind die einfachen Dinge, die kompliziert sind, sie sind die Fußnoten , die einen Text begleiten und die , wie das Kleingedruckte oft übersehen werden. Früher habe ich sie geflissentlich überlesen, diese besternten oder durchnummerierten Erklärungen . Und irgendwann ertappte ich mich dabei, das ich zuerst die Fußnoten las und dann erst das Buch. Das mag bizarr klingen, aber diese literarische Meditation30 hatte fast das, was ich im Alltag oft mache: ich wende mich dem fast Unsichtbaren zu und entdecke plötzlich darin einen anderen Kosmos 31.

Ich fahre bald in den Süden und bin dann für einen Monat weg . Deshalb wünsche Euch eine schöne Sommerzeit und vielleicht stolpert Ihr mal über eine Fußnote! Wenn Ihr mitgezählt habt, sind es 31 Fußnoten- für jeden Tag ist eine dabei !
MAR

und hier sind die Fußnoten: einfach anklicken
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Geändert von mar (01.06.2008 um 16:49 Uhr).
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Cindy07 (02.06.2008), hatira (01.06.2008)
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