| wortdurchgangszimmer mar. Unsere mar. |

22.03.2006, 09:10
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Zeitges(ch)ehen
Gestern war der Tag der Poesie ! Hier ein Berliner Beitrag von mir:
Zeitges(ch)ehen
Berlins Strassen wecken meine Neugier. Strassen, die gezeichnet sind von Fußabdrücken, Rissen und Narben der Vergangenheit. Und nirgendwo als auf Trödelmärkten in diesen Strassen ist Vergangenheit so gegenwärtig. Wie durch einen Türspalt versuchen meine Augen von dieser Vergangenheit etwas zu erhaschen. Trödelmarkt. Hier türmen sich Dinge, gestrandet an der Endstation ihres Gebrauchtseins zu kunstvollen Gebilden auf wackligen Tischen; die gegenwärtige Vergangenheit aufgeschichtet zu einem Fundament von Zeitlosigkeit. Wenn meine Blicke jene alten Gegenstände streifen, die mit ihren Geheimnissen so einfach die Erinnerungen die sie in dieses Heute hinüber gerettet haben, lebendig werden lassen , dann kann es geschehen, dass meine Gedanken entlang an den Grenzen der Zeit zurückwandern.... " Was ist denn das hier?“ Zwei Teenager erfragen sich die Dinge und staunen über alles, was es auch noch vor geraumer Zeit im Hause ihrer Eltern gab. Weggeworfen; Dinge, die man früher von Generation zu Generation weitergereicht hatte und die in dieser High-Tech-Zeit und dem schnell vergänglichen Alltag keine Brauchbarkeit mehr finden . Ohne die Antwort des Händlers abzuwarten schlendern sie davon. Ob sie wohl ahnen, wie sehr sie Fremde im eigenen Haus sind und dass ihre Frage , während sie Davoneilen selbst schon ein Bruchstück ist; ein Rest von allem, was ihre eigene Zukunft ausmachen wird, irgendwann? Hier und Heute braucht man Zeit. Ich möchte Gast an diesem Heute sein , Gast im Leben einer alten Frau, die Kleider, Gürtel und Hüte feilbietet. Die Frau selbst scheint wie ein altes Kleidungsstück zu sein, wie ein guter alter Tuchmantel mit einem Seidenfutter. Solide. Jedes Kleidungsstück ist eine Episode, ein Schicksal. Nur wenig kann ich von der Vergangenheit der Frau erhaschen . Ich erahne nur, dass sie mit dem Plaudern die eigenen Erinnerungen in sich abfragt, und das die Dinge, die sie hier verkauft, etwas mit ihrem Lebensinneren zu tun haben. Ihr munteres Schwatzen erleichtert ihr möglicherweise das Weggeben und Verkaufen . Erinnerungen solcher Menschen sind die eigentlichen Gravuren in unserer Zeit; sie sind verwoben mit den Substanzen aus Idealem und Existenziellem und sie öffnen mir Türen zu einer anderen Welt. Für Sekunden. Ob wohl Erinnerungen fremder Menschen anders sind? Nein, nur ihre Lebensläufe sind anders. Im Verborgenen entfaltet sind diese Lebensläufe Raumabstraktionen, sind für mich Zeitreisen, sind Teilhaben am Leben. In diesen Zeitsprüngen kann ich den einzigartigen Flair des Gestern und Vorgestern erspüren. Trödel hat nichts Morbides und Zerfallendes oder an sich;
nein, es trägt dieses Lebendige der Zeitlosigkeit mit sich, die wir als Kinder
an unseren Großeltern entdeckten; denn Großeltern altern nie in unseren Augen. Wir kennen sie so , wie sie geworden sind mit der Zeit: gereift, erfahren, wissend und wahrhaftig. Hier auf einem Trödelmarkt scheint diese Wahrhaftigkeit jedes Ding zum Leben zu erwecken . Hier ist es möglich , dass die Erinnerungen die Sekunden zu einer Lebenszeitspanne dehnen, und die Vergangenheit für mich "bewohnbar" machen. Ein Flohmarkt schreibt seine eigene Geschichte. Er hat keine Kalenderbögen , die über Wochen hinaus die Zukunft sicherstellen wollen. Alles hier ist spontan. So wie das Leben. So wie meine Neugier, die mich am Vergangenen teilhaben lässt. Märkte wie dieser ,unter freiem Himmel haben nichts von ihrem Reiz verloren, haben nichts verloren von der Ursprünglichkeit aus ihrer eigenen Kraft zu leben . Märkte gleichen einem Kaleidoskop, welches die Bilder von Sekunde zu Sekunde verwandelt und doch stets ein Gleiches bleibt. So wie die Zeit ...
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11.05.2006, 13:44
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TT-Schreck
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Kurzgeschichten
Der Bücherverkäufer
Ich wollte schon immer wissen, wohin die Wörter gehen, wenn sie geschrieben und abgeheftet, eingetütet und abgeschickt , im schlimmsten Falle zurückgeschickt , und dann in Schubladen überdauern. Wo sind sie?
Meine kindlichen Phantasien gingen soweit, das ich abends im Bett liegend, Zwiesprache hielt mit diesen Gefangenen in der alten Schreibtischlade . Ich befreite sie aus dem hölzernen Verlies und siehe da; diese Freiheit schien ihnen gut zu bekommen. Sie fochten kleine Kämpfe an meiner Seite aus, ließen Schneeweißchen und Rosenrot , Kalif Storch , das Katerlieschen oder Nasreddin auferstehen und fanden sogar noch die Kraft Widerworte zu erfinden gegen meine Mutter, die verzweifelt versuchte , die Nacht zum Schlafen zu nützen...
Und dann-endlich ! Schulanfang. Da sind die Wörter ! Ich hatte sie entdeckt an einem schwarzen Brett. Eine schwarze Schiefertafel... Ein schwarzes Brett, das wußte ich , ist nur für wichtige Dinge vorbehalten. Hier ist der Ort, der mein Rätsel löst. Meine Freunde waren wie durch ein Wunder aus ihrem Versteck befreit ; sie spazierten über leeres Papier und waren sogar bereit, sich zwischen kleinen roten und blauen Zeilen einzuzwängen ( aberwitzige gab es trotzdem und die wurden vom Rotstift der Lehrerin bestimmt aber liebevoll gemaßregelt... )
Meine Wörter! Mama hatte keine Chance mehr . Meine Wörter – sie waren frei! Wie ich .
Überall konnte ich sie mit hinnehmen , sie schaukelten gern auf meinen Knien, wenn der Bus mich zur Schule fuhr. Ihr neues Zuhause, meine Fibel...
Wo sind die Wörter hingegangen, mit denen ich streiten konnte, mich wieder versöhnte, ihnen zustimmte , sie ablehnte, sie nicht verstand oder mich auch in ihren Wohlklang verliebte. Wörter, die allein durch ihre Lautmalerei mich mit allem versöhnten, was unverständlich blieb.
Mein erstes Buch, ABC...
Hier sollte ich meine Suche beginnen, hier und bei seinen Geschwistern, den Tausenden anderen Büchern.
Wie ich herausgefunden hatte, sind meine kleinen Freunde von damals schon immer Vagabunden gewesen, das hatte es mir erschwert , auf die Suche zu gehen. Alles wegschließen, einsperren, verfremden oder verstecken hat sie nicht davon abbringen können, Grenzen zu überschreiten. Damals wußte ich noch nicht, das meine Freiheit auch ihre Freiheit bedeutete.
Jetzt , wenn ich mich erinnere, habe ich sie teilweise sogar genötigt von mir wegzugehen. Mein erster Liebesbrief, er kam nie mehr zurück ... er wäre auch ohne Sinn geblieben in meinen Händen , hätte die Wörter nie wieder verwenden können.
Oder auch die harschen Worte auf dem Zettel in der Küche mit der Aufforderung , das Leben doch endlich in Ordnung zu bringen...
Ja, damals haben sich die Wörter vorwitzig und unbedacht, überschwenglich und selbstverliebt in meinem Bleistift hineingeschlichen ...
Nun aber , wenn ich den kleinen Vagabunden nachreisen konnte in ihre andere Welten, beschlich mich ein wenig Furcht, ob sie mich noch erkennen und ob ich sie wiederfinden könnte, dort in der Fremde, unter anderem Namen .
Mit der Phantasie eines Kindes vielleicht, aber jetzt?
Eins- zwei- drei- vier-Eckstein., wer kennt ihn nicht , den Kindervers , zum Auszählen, zum Verzögern der Zeit , wenn man jemanden suchen sollte. Versteck spielen.
Zuerst sucht man in allen herkömmlichen Nischen, Ecken und Winkel., sie sind vertraut. Ganz selten begann man mit der Suche an den unmöglichsten Plätzen...
Aber meine Wörter? Sie sind , das wußte ich, nicht die einfachsten unter meinen Freunden. In kluger Weise haben sie sich in den quirrligen Zwischentönen aller Sprachen versteckt.
Und dann?
Also sollte ich mich an sie heranpirschen, sie beobachten, ihre neue Ausdrucksweise lernen, sie neu entdecken. Gleichwohl wie sie verändert erscheinen, sie sind doch meine Kindheit, die mir nicht abhanden kommen darf!
Und ich hatte Hilfe auf der Suche nach ihnen; ausgerechnet von den Wörter-Büchern, die je wie man es auslegen mag, Freund oder Feind der Wörter sein konnten.
Diese Allianz hat mich in fremde Länder verschlagen, und dort habe ich einige meiner alten Freunde wiederentdecken können libra, book, kniga, hon, journal, gazjeta ...
Doch meine wichtigste Erkenntnis, die tiefste Entdeckung bescherte mir ein alter Mann , ein alter Bücherverkäufer auf einem Markt .
Beim Hinabbeugen zu ihm zogen in Höhen und Tiefen das Stimmgewirr an meinem Ohr vorbei; das Geräusch klappernder Schritte untermalte das Rascheln suchender Hände in alten Kartons. Es schien, als wollten sich alle Töne in diesem einen Moment selbst überbieten, wie die Radiosender, die im schnellen Auf und Ab des Senderknopfes zu etwas Ungeordnetem werden- und sich trotzdem ausbalancieren. Dieses Geschwirr machte mich fast glauben taub zu sein. Die Worte des Mannes erreichten mich nicht mehr, ich sah nur seine Augen, und der Luftzug der mich beim Hinabbeugen streifte , legte sich wie ein unsichtbarer Film auf sein Gesicht.
Er lächelte mich an und mir schien, als wolle er die Zeit meiner langjährigen Suche einfach hinwegwischen mit der Geste, doch hier an seiner Seite Platz zu nehmen.
Schwungvoll schob er mir über die alten Holzplanken Bücher entgegen, halbaufgelöste Bündel von Papieren, Geschriebenes, Gewesenes, Wörter. Alt wie dieser Mann und älter! Plötzlich wird dieser Händler für mich durchsichtig, transparent, durchschaubar, denn er offenbarte mir mit seinen Erinnerungen eigentlich mein Leben !
Behutsam strich er über die alten Schriftzeichen, zärtlich wendete er die Seiten und versuchte mir zu erklären, das heutzutage so etwas kaum noch jemand lesen könne , gerade die Jüngeren, die sich mit den Abkürzungen in der Sprache ihre eigenen Barrieren bauen, sie verstünden dies nicht mehr, selbst nicht das gesprochene Wort...
Woran erinnerte mich dieser Bücherhändler? So nahe und vertraut scheint er mir , wie er mit einfachen Worten versucht, die komplizierten Schriftzeichen zu erklären. Fast wie ein Museumsführer gestikulierte er mit den Fingern in der Luft, Zuschauer scharrten sich um uns – wir waren eine willkommene Belustigung , der alte Mann und die junge Fremde...und ich fühlte mich fast wie inmitten einer Skulpturengalerie, und meine Neugier ließ mich versteinern.
Ich fühlte mich so unkundig, so zurückgewiesen, so verloren in den einfachen Worten des Mannes , in denen sich Alles spiegelte, was eine Kultur und sein Wissen ausmachte. Die Bücher, die er mir entgegenstreckte, diese alten papiernen Dokumente vergangener Zeit, von Insekten von der ersten bis zur letzten Seite durchlöchert, von der Gerbsäure und der feuchten Sommerluft mit braunen, unansehnlichen Rändern zu bizzaren Landkarten nichtexistierender Kontinente gekennzeichnet – diese Bücher bestanden noch aus jenen Substanzen von Material und Ideelem , die mit den Menschenwörtern verwoben schienen; weil sie so unmittelbar aus der Vergangenheit kommend mich in dieser Gegenwart überwältigten. Fast kam es mir einer Indiskretion gleich, das Berühren dieser Seiten, dieser Worte, es schien mir wie ein Offenlegen alter Akten an deren Inhalt sich niemand so recht heranwagen will, hat sich doch schon diese oder jene Wahrheit über die Angelegenheit gelegt...
Und da waren sie, die Wörter! Versteckt in einem Bild, in einem in sich verschlungenem
Schriftzeichen, in einer alten ausgeblichenen Holzschnitt-Illustration. Sie sind mit der schwarzen Tusche in das weiche Papier gesunken, haben die Zeiten überdauert in den Zwischentönen einer anderen Sprache!
Der alte Mann lebt heute nicht mehr, doch er ist immer für mich gegenwärtig . Sein gestikulierendes Gespräch hatte mir die Tür zu meiner Kindheit geöffnet, hat die hölzernen Schreibtischschubladen in meiner Erinnerung wieder geöffnet , hat das was am Verglimmen schien wieder entfacht. Das was am eigenen Widerschein verfremdet schien, hatte wieder einen Klang und ein Gesicht erhalten. Wörter. Ich habe sie wieder gefunden. In der Stille, im Lauten.
Sie sind die verstreuten Erinnerungen, sind innere Markierungspunkte , sind doppeltbelichtete Fotos und Heimat für den Heimatlosen. Die Wörter , meine vagabundierenden Freunde der Kindheit , zu suchen schien aussichtslos ; Auf der Suche nach ihnen bin ich mitunter im Niemandsland ankommen. Aber auch das ist gut so, denke ich . So treffend das Gedicht, welches der alte Bücherverkäufer mir zu übersetzen versuchte :
Der Mensch ist ein Wanderer, auch ich bin ein Wanderer . Der Frühling vergeht.
Ich wollte schon immer wissen, wohin die Wörter gehen. Sie sind überall. Sie sind frei. So wie ich .
Und ich bin mir ganz sicher, das jeder seine Wörter wiederfinden kann.
Alte Bücherverkäufer gibt es überall.
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11.05.2006, 14:17
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AW: der bücherverkäufer
Liebe Mar,
das ist einfach schön. Danke!
Anouk
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11.05.2006, 21:59
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Reingestolpert
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AW: der bücherverkäufer
Deine Wörter malen wunderschöne Bilder. Sie treffen einem da, wo man sie sich wünscht.
palerm
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...wenn du willst, was du noch nie gehabt hast, dann tu, was du noch nie getan hast...
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12.05.2006, 08:54
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TT-Schreck
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AW: der bücherverkäufer
@anouk
@palerm
vielen dank mar
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15.05.2006, 09:53
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TT-Schreck
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Eingemachtes
„ ...jetzt geht es ans Eingemachte“....wie oft hatte ich diesen Spruch von den Erwachsenen in meiner Kindheit gehört, und konnte ihn in keine Beziehung setzen zu dem, was sich meinen Blicken bot. Vergebens suche ich mit den Augen die Umgebung ab, um die blanken Gläser mit dem geriffelten Aufsatz zu entdecken, in denen Kirschen, Bohnen, Gurken, Dill, Tomaten, Paprika dicht an dicht lagen ( oder in mageren Erntejahren mehr in ihrem Sud schwammen als das man sie durch das Glas hindurch sehen konnte... Von meiner Großmutter für die besonderen Tage an der Familientafel bevorratet, hatten diese Köstlichkeiten einen festen Platz in meinem kindlichen Kopf, mehr noch in dem immer hungrigen Magen . Wenn ich heute daran denke , wieviel ich damals essen konnte und während ich immer noch Nachschub forderte , meine Mutter mich tadelnd ansah, und leise zischelnd mir über den Tisch einen ihrer geflügelten Sprüche hinwarf: „Kind, iß mit Verstand ! „
Meine Großmutter hatte da naturgemäß wie Großmütter sind , meiner Mutter ( ihrer Tochter) in ihre Erziehungsmethoden hineingeredet : „ laß sie doch, sie wird schon von selbst merken , wenn es ihr zuviel wird “.
Ging es uns nicht allen so? Als Kind konnte man essen, essen, essen... alles durcheinander, von allem zuviel, jederzeit ; unbegreiflich für mich rückblickend .
Es ist schon eine denkwürdige Erinnerung an diese Zeit ; gerade jetzt.
Nach einem neuen Zuhause suchend hatte ich endlich eine Wohnung gefunden, die meinem Sammelsurium von Büchern, Bildern, Werkzeugen und Krimskrams Räumlichkeiten bot. Kisten, Kartons, Taschen, Koffer... alle Behältnisse vollgestopft , mehr oder weniger sorgfältig verstaut ... das in die Küche, das ins Gästezimmer, das in die Regale, das in diesen Schrank- und das vorerst in die Werkstatt ( da habe ich im Moment am allerwenigsten zu tun, und es steht nicht im Weg...)
Langsam hatte ich mich eingerichtet, begann diese Räume zu bewohnen, hätte längst schon wieder die Werkbank aufstellen können oder restliche Kartons öffnen und einordnen können... Da war etwas was mich hinderte, die schweren Kisten mit Papieren , Bildern , Fotos und Briefen zu sichten und zu ordnen, um ihnen wie in der alten Wohnung einen Platz zu geben ( der wenn ich jetzt ehrlich zugeben muß, die staubigste Ecke unter den Bücherregalen war ) . Also warum sollte ich diese Sachen auspacken!
Dort zwischen leeren und vollen Marmeladengläsern im Werkstattregal sind sie gut aufgehoben... Himmel, würden altmodische Hausfrauen aufschreien, welch ein chaotische Unordnung. Marmeladengläser!!! Papier und Eingemachtes...nebeneinander! Doch hatte ich mir nicht ganz unbewusst eine kleine begehbare Brücke gebaut mit diesem scheinbaren Chaos?
„ Ich hole schnell mal Marmelade !“ ....ans Regal, Vorhang auf, ein Griff- ach nein, schon wieder segelte mir ein loses Blatt aus dem oberen Fach entgegen; keine Zeit herauszufinden, zu welchem Karton es zugehörig ist- irgendwo zurückgestopft, zurück zur Küche, Marmeladenglas öffnen , oh dieser Duft von Kirschen und Rosenwasser !
Wo ist der Löffel, schnell! Fast kindliche Gier... einen und noch einen und noch einen...
Und noch während mir die Süße des Zuckers und die Säure der Kirschen einen unvergleichlichen Hochgenuß verschafften, ging ich zum Regal in die Werkstatt zurück.
Eingemachtes !
Ja , das ist es, was ich als Kind vergeblich suchte, wenn Erwachsene ihre gewichtigen Mienen aufsetzten und manchmal hinter vorgehaltener Hand flüsterten, oder auch mit einem wissenden , bedeutungsvollen , oder neugierigen Blick einander zu bestätigen suchten, das es „ JETZT ans Eingemachte ginge...“
Und JETZT ? Was ist JETZT?
Jetzt sitze ich auf einer kleinen alten Holzleiter in der Werkstatt und halte einen Teil meines Lebens in den Händen.
Mein Eingemachtes waren meine fliegenden Blätter, Notizen, Schmierpapier, Zettel mit dahingeworfenen Worten oder die Briefe, die ich erhalten, gelesen, bebündelt und fast vergessen hatte ; mein Eingemachtes sind kleine Gedichte, Fragmente, Manuskripte, Postkarten, Empfangsbestätigungen von Paketen, adressiert an eine Wohnung, die schon lange von anderen Menschen bewohnt wird. Großmutters Rezept für „schnelle Gurken“ ... Eine Zeichnung dazwischen, eine Adresse auf einen Bierdeckel gekritzelt , ein Poesiealbum mit Sprüchen von Schulfreunden, die Kopie meiner Geburtsurkunde , ein blau-weißes Band, welches einst verhindern sollte, das alles wild durcheinander gerät...
Danke Omi, danke Mama.
Ich verspreche Euch , eine weniger bedeutungsvolle Miene aufzusetzen , um an dieses spezielle Eingemachte zu gehen.
Leider weiß ich bis heute noch nicht, wer von den beiden recht hatte:
„...laß das Kind doch essen, sie wird es schon merken, wenn es zuviel ist“ oder „ Kind , iß mit Verstand...“ Ich bin beiden Sprüchen je nach Gefühl und Lebenslage zugeneigt, manchmal wünschte ich mir, das meine Mutter das letzte Wort gehabt hätte, aber dann sind da Zeiten und Momente in meinem Leben, da muß ich einfach mehr als Verstand haben...
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16.05.2006, 11:46
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TT-Schreck
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Der UD-Spieler ( aus Platzgründen in 2 Teilen...)
Der Ud-Spieler Teil 1
Endlich ist der lange, graue Winter vorbei . Alles was mich jetzt noch daran erinnern könnte , sollte ich schnell wegpacken! Stiefel, Mützen, Mäntel .Dabei fiel mir mein langer Wintermantel wieder in die Hände, mein Lieblingsstück, bodenlang, verhüllend, warm ... Schnell noch die weich ausgefütterte Kapuze einschlagen und weg damit...
Meine Finger streichen noch einmal über den Stoff, dunkles blaugrau. Blaugrau, blaugrau,blaugrau - da ist doch diese blaugraue Erinnerung ganz anderer Art.
Ja , das war doch nun schon einige Jahre her, als ein besonders langer und ungemütlicher Winter mein Konsumbedarf an Theater und Konzerten ins schier Unermessliche zu wachsen schien. Das graue Wetter schrie förmlich nach Kurzweil und so begleitete ich liebend gern ,eine Freundin in ein Theaterstück ; natürlich blieb es nicht aus, das wir anschließend in einem Kreuzberger Lokal landeten, um besagtem Schauspielerpaar zu helfen , das die Gage der Künstler und auch unsere Scheine sehr bald den Besitzer wechselten, und wir uns nach einigen Flaschen Rotwein drei Uhr morgens in der Wohnung besagter Schauspieler in überaus bester Stimmung halb vertrockneten Toast, saure Gurken und so etwas wie Käse wiederfanden . Mit viel Phantasie wollten wir das als ein sehr frühes Frühstück ansehen ... Meine Freundin und ich warteten dann endlich , etwas fröstelnd ( weil übermüdet und weil Wohnungen von Künstlern meist wegen chronischen Geldmangels nicht beheizt wurden ) auf den ersten Bus, der vom Mehringdamm zum Zoologischen Garten fuhr. Untergehakt kicherten wir an der Bushaltestelle wie Schulmädchen , dem Busfahrer war die Situation offenbar nicht fremd und ließ uns zur Freude das Radio laut laufen...
Der Morgenhimmel über einer erwachenden Stadt ist auch an einem Februartag als bizarr romantisch zu bezeichnen... Es hatte etwas, als wir die Eisblumen von dem kalten Glas der beschlagenen Fensterscheibe weghauchten und draußen am tiefdunkelblauem Himmel erste rote Streifen der Sonne zu sehen war. Nebel ,oder vielleicht der erste Rauch der Kohleheizungen, jedenfalls zauberte die Kälte Märchengebilde in die Luft.
Zoologischer Garten, Busbahnhof... die einzige Möglichkeit zu damaliger Zeit so früh nach irgendwo zu kommen, hier setzten die ersten Busse ein. Meine Freundin trennte sich von mir, ihr Bus kam –ich musste warten .
Kalt ! Ich zog die Kapuze des besagten Mantels, den Freunde scherzhaft den Anna-Karenina-Mantel nannten , tief über mein Gesicht, die Hände vergrub ich in den Taschen, und um keine Wärme zu verlieren wäre ich fast bereit gewesen nicht mehr zu atmen- geschweige denn zu bewegen. Minus 20 Grad! Kein Taxi weil keinen Pfennig mehr in der Tasche... Mir blieb nur der Bus .
Die Nacht schaukelte in eine andere Dämmerung hinüber ( oder schaukelte ich wegen der Kälte oder des Weines... ) Das Licht genau so von dem wir sagen, das alle Katzen grau wären... und da sah ich auf der anderen Seite des Busbahnhofs die Silhouette eines Mannes. Niemand sonst auf der Strasse , nur wir zwei wartende Menschen. Die Ratschläge , was zu tun ist, wenn frau alleine nachts ( oder hier frühmorgens ) unterwegs ist, wurden blitzschnell in meinem Gehirn abgesucht. Das fehlte mir noch! Vielleicht ein Betrunkener oder wer weiß wer... Am besten so tun als ob nicht bemerken, mit dem Rücken zu ihm stehen , keine Möglichkeit geben...
So stand ich nun da, überaus reges Interesse an dem Busfahrplan vortäuschend und betete, das der blöde Bus doch endlich käme! „ Warten Sie auch auf den Bus?“ Ich zog die Kapuze noch tiefer und schnaufte ein wenig unwillig zurück .
„ Ja sicher, deshalb stehe ich an der Haltestelle...“. Aus dem Augenwinkeln erspähte ich einen Instrumentenkasten. Ah ! Etwas Vertrautes! Instrumente heißen für mich so etwas wie Heimat, Musiker sind besondere Menschen. Ein Künstler also. Auch so ein verspäteter Nachtfalter. Also kein plumpes Annähern. Gut. Keine Angst. Trotzdem , ich war nicht zum Reden mit einem Fremden bereit.
„Sie sind auf der falschen Seite, ich denke Sie sollten lieber wieder zurückgehen...“ „ Nein ich nicht wollen schöne Madame hier in kalte Tag alleine stehen...“
Teil 2 aus Platzgründen nächster Tread
Geändert von mar (25.01.2007 um 10:53 Uhr).
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16.05.2006, 11:49
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TT-Schreck
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Der UD-Spieler ( aus Platzgründen in 2 Teilen...)
Der UD- Spieler Teil 2
Dieses gebrochene Deutsch machte neugierig und schaute auf und in das Gesicht des Mannes. Wäre ich nicht schon vor Kälte erstarrt gewesen, jetzt wäre ich es sicher vor Überraschung! Ein Gesicht wie gemeißelt, mich blickten zwei blaue Augen an, so eine Farbe habe ich noch nie vorher gesehen ; heute weiß ich das man diese Farbe türkisch cakir nennt, und es eine besondere Bewandtnis mit diesem Blau hat. Dieses Blau! Nun sah dieser Mensch ganz offen und so leuchtend in mein Gesicht, gar nicht müde oder übernächtigt...Frisch , mit einem sehr hübschen Lächeln dazu- Meine Neugier, die mein Segen und mein Fluch sein kann, nahm überhand und ich fragte zurück. Binnen einer Minute konnte ich in Erfahrung bringen, das er UD-Spieler sei, das er in Restaurants die Leute mit traditioneller Musik verzauberte, daß er von einer Arbeit käme und nun .... und da kam mein Bus. Schnell beim Einsteigen rief er mir noch den Namen des Restaurants hinterher, mehrmals wiederholend, fast beschwörend , komm am nächsten Sonntag mal dorthin, ich lade dich zum Essen ein und spiele für dich...Die Bustür schloß sich, ein Blick durchs Rückfenster...Dort stand der Mann, den Instrumentenkasten umfaßt wie als wolle er eine Frau umarmen ; plötzlich kniete er sich mit einem Bein auf die Strasse nieder , eine Pose wie als würde ein Troubadour seiner Liebsten die Aufwartung machen... das Gesicht malte mit Augen und Lippen Bilder, die ich so deuten konnte , ich solle doch ins Restaurant kommen... Ich wollte laut loslachen, aber es hatte etwas sehr Rührendes , wie er da in der Kälte mitten auf der Strasse sein Instrument umklammernd mich davonfahren sah.
Und da bog der Bus in die Kantstrasse ein , ich war gerettet! Gerettet, wie das klingt. Nun ja , irgendwie schon, vor der Kälte, vor einem längeren Gespräch, vor der befremdlichen Nähe eines überschwenglichen Mannes. Was war das? Habe ich geträumt, bin ich nur so übernächtigt? Ist das wirklich geschehen?
Vielleicht sollte ich mich ausschlafen...
Jeden Tag darauf stieg ich am Busbahnhof aus, und ob ich wollte oder nicht , ich musste schmunzeln und an diesen UD-Spieler denken. Ach was soll es , sagte ich mir selbst- warum nicht die nette Einladung annehmen, es ist ja ein Restaurant, was soll da passieren...
Also stand ich Sonntag am Eingang des damals recht kleinen türkischen Restaurant in einer Seitenstrasse des Ku’damms und
war so zwiegespalten , richtig-falsch, falsch-richtig, als mich die zwei blauen Augen freudestrahlend anschauten. „Danke , Du da bist, dort der beste, gute Tisch für Dich, ich spielen jetzt und Du essen , später essen weiter zusammen, gut ? Du alles bestellen, , ich essen auch das was Du lieben ...“ Der Tisch wurde gedeckt, Köstlichkeiten , die ich noch nicht kannte, duftende Speisen mit blumigen Namen ; die melancholische Musik der UD im Hintergrund, dieses Schwingen der Saiten auf dem dunklenhölzernen Korpus, der Spieler schloß die Augen, um ganz zu verschmelzen mit den Klängen, doch wenn er die Lider hob , dann fixierten mich diese blauen Augen mit einer Intensität, das ich nicht wußte, wohin schauen. Es war mir etwas schwindelig . Alles zusammen war wie aus einem Kitschfilm zusammengeschmolzen; schwarzgelockte Kellner, bitte Madame, ist es so recht, noch ein Glas, aber bitte gern, der schmachtenden Blick des Musikers, die Klänge, die nur dazu gemacht schienen, Frauenherzen zu brechen, die völlige Unwirklichkeit nahm von mir Besitz , Leichtigkeit breitete sich um mich herum aus, der Kopf war frei ...Ja, denk nicht so viel, freue Dich, dieses merkwürdige , fast surrealistische Treffen in der Kälte findet hier im Restaurant einen wohligen , freundlichen Abschluss. Warum nicht? Nach dem Konzert, welches sich mit Pausen über 3 Stunden hinzog , und mir in dieser Zeit einen Appetit abnötigte, der mich an das Tafeln von Fürsten erinnerte, mit meinem charmanten radebrechenden Tischnachbarn, der sich nun endlich zu mir setzen konnte, waren alle Vorbehalte verflogen und ich freute mich sehr, diesen Mann getroffen zu haben ,welcher doch eine recht nette und dazu noch außergewöhnlich interessante Erscheinung war. Es war spät, es war schon nach Mitternacht, langsam war Zeit zu gehen. Trotz des so harmonischen Abends machte sich die erste Unsicherheit in meiner Magengrube bemerkbar... Der Mann stand auf , und verbeugte sich „ Ich hole mein Instrument und kläre meine Sachen mit dem Wirt und dann gehen wir, ja? „ Ja, das war mir recht, wollte mich gern noch revanchieren für dieses köstliche Essen, für die Einladung und die Musik- vielleicht noch mit einem Kaffee irgendwo , oder einem Cocktail...
Ich wartete am Tisch. Ich wartete 10 Minuten, wartete 20 Minuten , wartete 30 Minuten. Unerträglich... Der Wirt saß noch mit Stammgästen und schwatzte. Ich wurde ungeduldig. Es war spät, ich war müde, ich saß schon lange genug... Ein Herz fassend sprach ich den Wirt an, wo denn der UD- Spieler
sei... erstaunt sah er mich an- der sei doch schon längst gegangen, hinten durch die Küche. Ach so! Ich schlug die Augen nieder, ich mochte dem Wirt nicht unbedingt zeigen, das ich sehr gekränkt war. „Nun dann gehe ich jetzt auch“ , schlüpfte in meine Mantel und wollte mich verabschieden. Und was denn mit der Rechnung sei, fragte er mich. „Aber ich war doch eingeladen worden von ihrem Musiker! „ Eingeladen von cakir Ergün ?“ Er begann zu lachen , kein böses Lachen, sondern eher wissend, fast väterlich erklärte er mir, das der UD-Spieler ihn schon seit Wochen in den Ohren liegen würde, weil er doch gerne hier musizieren würde, er müsse doch mal endlich Geld verdienen... Darauf hin hätte er , der Wirt ihm zum Scherz gesagt, wenn er doch wenigstens mal EINEN guten Gast brächte , dann ließe er ihn einmal spielen. Heute musste ich mein Versprechen einlösen, sagte der Wirt : er hat einen guten Gast gebracht, die Dame, die zu speisen wußte...
Aber wie der Wirt an meinem bestürzten Gesichtsausdruck ablesen konnte, war ich die Einzige, die von dieser Vereinbarung nichts wußte. „ Nun , Madame, trinken wir einen Raki und dann gehen Sie nach Hause, alles andere vergessen Sie ganz schnell- auch die Rechnung...“ Natürlich könne ich meine Rechnung begleichen, das wäre nicht das Problem, ich wäre einfach nur verletzt. Der Wirt küsste meine Hand , fast als wolle er sich für alles entschuldigen, nein, es wäre alles erledigt für ihn, keine Sorge...Ehrenschulden eines vermeintlichen Kavaliers , der plötzlich verschwand, so etwas wäre ihm auch noch nicht vorgekommen...
Und er blieb wie vom Erdboden verschwunden, dieser UD- Spieler, niemals mehr danach gab es kalte Wintermorgen wie dieser, niemals mehr konnte ich das Restaurant betreten, ich war nie wieder in meinem Leben so irritiert .
Aber etwas merkwürdiges war geschehen. Ich konnte diesen Mann nicht vergessen. Ich war verliebt ! Er hat gemacht, das ich mich verliebte . Nein, nein, nicht in ihn . Auch nicht in diese unglaublichen Augen- in die UD habe ich mich verliebt. Diese melodischen, klagenden Laute, dieses weiche Timbre der Musik. Dieser nebulös verschwundene Musiker ist schuld, das ich abends in der Dämmerung diese Musik höre. Eine Liebe für mein Leben. Die UD hat meine Sehnsucht entfacht nach dem Goldenen Horn. Wie könnte ich cakir Ergün böse sein.
Auch jetzt, wenn ich meinen graublauen Wintermantel verpacke, vibrieren die Töne durch die Räume.
Geändert von mar (25.01.2007 um 10:51 Uhr).
Grund: titel fettdruck
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05.08.2006, 18:03
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TT-Schreck
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Ort: BERLIN
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Thanks: 1.669
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AW: Zeitges(ch)ehen
Gestern war der Tag der Poesie ! Hier ein Berliner Beitrag von mir:
Zeitges(ch)ehen
Berlins Strassen wecken meine Neugier. Strassen, die gezeichnet sind von Fußabdrücken, Rissen und Narben der Vergangenheit. Und nirgendwo als auf Trödelmärkten in diesen Strassen ist Vergangenheit so gegenwärtig. Wie durch einen Türspalt versuchen meine Augen von dieser Vergangenheit etwas zu erhaschen. Trödelmarkt. Hier türmen sich Dinge, gestrandet an der Endstation ihres Gebrauchtseins zu kunstvollen Gebilden auf wackligen Tischen; die gegenwärtige Vergangenheit aufgeschichtet zu einem Fundament von Zeitlosigkeit. Wenn meine Blicke jene alten Gegenstände streifen, die mit ihren Geheimnissen so einfach die Erinnerungen die sie in dieses Heute hinüber gerettet haben, lebendig werden lassen , dann kann es geschehen, dass meine Gedanken entlang an den Grenzen der Zeit zurückwandern.... " Was ist denn das hier?“ Zwei Teenager erfragen sich die Dinge und staunen über alles, was es auch noch vor geraumer Zeit im Hause ihrer Eltern gab. Weggeworfen; Dinge, die man früher von Generation zu Generation weitergereicht hatte und die in dieser High-Tech-Zeit und dem schnell vergänglichen Alltag keine Brauchbarkeit mehr finden . Ohne die Antwort des Händlers abzuwarten schlendern sie davon. Ob sie wohl ahnen, wie sehr sie Fremde im eigenen Haus sind und dass ihre Frage , während sie Davoneilen selbst schon ein Bruchstück ist; ein Rest von allem, was ihre eigene Zukunft ausmachen wird, irgendwann? Hier und Heute braucht man Zeit. Ich möchte Gast an diesem Heute sein , Gast im Leben einer alten Frau, die Kleider, Gürtel und Hüte feilbietet. Die Frau selbst scheint wie ein altes Kleidungsstück zu sein, wie ein guter alter Tuchmantel mit einem Seidenfutter. Solide. Jedes Kleidungsstück ist eine Episode, ein Schicksal. Nur wenig kann ich von der Vergangenheit der Frau erhaschen . Ich erahne nur, dass sie mit dem Plaudern die eigenen Erinnerungen in sich abfragt, und das die Dinge, die sie hier verkauft, etwas mit ihrem Lebensinneren zu tun haben. Ihr munteres Schwatzen erleichtert ihr möglicherweise das Weggeben und Verkaufen . Erinnerungen solcher Menschen sind die eigentlichen Gravuren in unserer Zeit; sie sind verwoben mit den Substanzen aus Idealem und Existenziellem und sie öffnen mir Türen zu einer anderen Welt. Für Sekunden. Ob wohl Erinnerungen fremder Menschen anders sind? Nein, nur ihre Lebensläufe sind anders. Im Verborgenen entfaltet sind diese Lebensläufe Raumabstraktionen, sind für mich Zeitreisen, sind Teilhaben am Leben. In diesen Zeitsprüngen kann ich den einzigartigen Flair des Gestern und Vorgestern erspüren. Trödel hat nichts Morbides und Zerfallendes oder an sich;
nein, es trägt dieses Lebendige der Zeitlosigkeit mit sich, die wir als Kinder
an unseren Großeltern entdeckten; denn Großeltern altern nie in unseren Augen. Wir kennen sie so , wie sie geworden sind mit der Zeit: gereift, erfahren, wissend und wahrhaftig. Hier auf einem Trödelmarkt scheint diese Wahrhaftigkeit jedes Ding zum Leben zu erwecken . Hier ist es möglich , dass die Erinnerungen die Sekunden zu einer Lebenszeitspanne dehnen, und die Vergangenheit für mich "bewohnbar" machen. Ein Flohmarkt schreibt seine eigene Geschichte. Er hat keine Kalenderbögen , die über Wochen hinaus die Zukunft sicherstellen wollen. Alles hier ist spontan. So wie das Leben. So wie meine Neugier, die mich am Vergangenen teilhaben lässt. Märkte wie dieser ,unter freiem Himmel haben nichts von ihrem Reiz verloren, haben nichts verloren von der Ursprünglichkeit aus ihrer eigenen Kraft zu leben . Märkte gleichen einem Kaleidoskop, welches die Bilder von Sekunde zu Sekunde verwandelt und doch stets ein Gleiches bleibt. So wie die Zeit ...
Geändert von mar (25.01.2007 um 11:16 Uhr).
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17.11.2006, 06:28
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TT-Schreck
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aufgewärmte suppe? oder ...
ist es eine aufgewärmte suppe, die ich euch heute serviere? eigentlich ja! aber wir wissen ja, das manche gerichte recht gut schmecken, wenn sie mal ein -zwei tage in der speisekammer "warteten" und dann noch einmal aufgewärmt , recht gut bekömmlich sind. . in dieser letzten woche gabs es zwei treaths, die immer wieder mal "aufgekocht wurden " und einer , der "angebrannt" war.
am köcheln ist noch das gericht: animateur und kellner, und wir warten schon sehnsüchtig darauf, den teller mit diesem leckeren häppchen serviert zu bekommen... das angebrannte, das hochgekochte und das am köcheln befindliche haben alle etwas gemeinsam : sie garen auf der flamme des virtuellen küchenmeisters www, und selbst, wenn man das gefühl hat, das man ein guter koch sei, kann es passieren, das man in der eigenen suppe dann ein fremdes haar findet, welches der küchenjunge beim umrühren verloren hatte, oder plötzlich ist etwas zu scharf geraten, zu salzig oder gar zu fade! im normalen leben können wir den kellner rufen und sagen: " hey, nimm das zurück! " doch im gourmet-tempel www muss man manchmal wohl oder übel runterschlucken, was man zu kochen begonnen hat und nun so viele köche gewürzt und so viele küchenjungen gerührt haben . natürlich gibts geheimrezepte, wie man angebranntes vom topfboden lösen könnte, aber die nützen hier ja gar nicht! welches topfkratzer ist der richtige, welches soda ist das stärkste und welche oma hatte die besten hausrezepte? nichts da! niente! nothing! also ist der koch auf sein können angewiesen.... mit ausprobieren , mit experimentieren, mit nachzuckern und nachsalzen und mit verwässern oder mit sahne.... irgendetwas muss er finden, um das mahl zu retten...
aber ein guter koch weiss auch, wenn das gericht mehrmals misslingt, dann ist es besser, man kocht es nicht so schnell noch einmal oder man wartet auf bessere zeiten, wenn das küchenpersonal wechselt oder vielleicht eine tütensuppe den angebrochenen abend retten könnte. ergo: gut vorsorgen sollte man also ; in der speisekammer etwas haben, was man vielleicht noch einmal auftischen könnte, wenn das hauptgericht angebrannt ist.
so möchte ich heute mal in die speisekammer gehen (speisekammer
http://www.turkish-talk.com/31931-post1.html )
und die suppe vom august noch einmal aufkochen... ich hoffe, ihr verzeiht mir.
aber diese speise schmeckt zu jeder jahreszeit und selbst wenn sie einigen aufstossen sollte, sie hinterlässt trotzdem ein kleines kitzeln auf der zunge, dieses kitzeln der virtuellen chillischote, die zum ersten uns schnell nach kaltem wasser greifen lässt und zweitens signalisiert, das man selbst unbekannte speisen auch zur hausmannskost zählen darf, wenn man sie mehrmals im jahr auf den tisch bringen kann.
in der nächsten woche bekommt ihr alle ein schönes dessert, versprochen! das süppchen wird unten im link serviert...
MAR
UND NUN DIE AUFGEWÄRMTE SUPPE! ICH HABE SIE HIER VERLINKT...
das Gericht heisst : ...und klick, weg bin ich!
http://www.turkish-talk.com/31931-post1.html
anklicken und vorsichtig löffeln.... Guten Appetit!
Geändert von mar (17.11.2006 um 10:22 Uhr).
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