Brexit - das Phantom

Mendelssohn

Well-Known Member
17 Januar 2016
7.146
7.286
113
Boris und Andrew sind zwei gegensätzliche Baustellen, die aber zusammengenommen das Dilemma beschreiben, in dem sich die Insel befindet.
Mangels Anerkennung eines moralischen Grundkonsenses in der upper class bricht die Legitimation des gesamten Staatskontrukts zusammen, das seit der Glorious Revolution von Bestand ist.
 

EnRetard

Well-Known Member
19 Februar 2017
7.049
9.056
113
Boris und Andrew sind zwei gegensätzliche Baustellen, die aber zusammengenommen das Dilemma beschreiben, in dem sich die Insel befindet.
Mangels Anerkennung eines moralischen Grundkonsenses in der upper class bricht die Legitimation des gesamten Staatskontrukts zusammen, das seit der Glorious Revolution von Bestand ist.
Allerdings halte ich im Gegensatz zu dir die Engländer für monarchietreuer als die Bürger Spaniens.
 

Mendelssohn

Well-Known Member
17 Januar 2016
7.146
7.286
113
Allerdings halte ich im Gegensatz zu dir die Engländer für monarchietreuer als die Bürger Spaniens.
Und ich halte im Gegensatz zu dir den faschistischen Bodensatz in Spanien für dicker als in UK. Und vermittelt über die Kirche sitzen eben auch die spanischen Royals im Boot des "ehrwürdigen" spanischen Faschismus. Der italienische Faschismus, der in der ebenso von der Kirche geschützten Mafia sein Zuhause gefunden hat, würde gewiss eine noch größere Rolle in der italienischen Politik spielen, wenn das Haus von Savoyen, das 1946 entmachtet wurde, heute noch am Ruder wäre. Alles in allem ist die Königstreue in UK gerade außerhalb Englands sehr begrenzt. Eine solche dürfte in Spanien flächendeckend ausgeprägter sein, zumal ja auch die Saga, dass der König Spanien vom Faschismus befreit habe, zum historischen Gedächtnis Spaniens gehört. Meine Referenz ist ein in der spanischen KP aktiver Waliser, ein Basken- und Catalanenfreund, der seit ca. 30 Jahren mit einigen beruflichen Unterbrechungen in Spanien lebt und arbeitet. Jedenfalls kennt er sich aus seiner Perspektive sowohl mit der britischen als auch der spanischen Politik gut aus. Die Linke ist in Spanien gewiss stärker als in UK, aber eben auch die Faschisten und Königstreuen, die anstelle von Spaziergängen den ganzen Sommer über Prozessionen und heilige Stierkämpfe ausrichten. Sicher nicht zufällig war der letzte öffentliche Auftritt von Juan Carlos 2019 als Ehrenpräsident des traditionsreichen Corrida de San Fernando.
 
  • Like
Reactions: Alubehütet

EnRetard

Well-Known Member
19 Februar 2017
7.049
9.056
113
Und ich halte im Gegensatz zu dir den faschistischen Bodensatz in Spanien für dicker als in UK. Und vermittelt über die Kirche sitzen eben auch die spanischen Royals im Boot des "ehrwürdigen" spanischen Faschismus. Der italienische Faschismus, der in der ebenso von der Kirche geschützten Mafia sein Zuhause gefunden hat, würde gewiss eine noch größere Rolle in der italienischen Politik spielen, wenn das Haus von Savoyen, das 1946 entmachtet wurde, heute noch am Ruder wäre. Alles in allem ist die Königstreue in UK gerade außerhalb Englands sehr begrenzt. Eine solche dürfte in Spanien flächendeckend ausgeprägter sein, zumal ja auch die Saga, dass der König Spanien vom Faschismus befreit habe, zum historischen Gedächtnis Spaniens gehört. Meine Referenz ist ein in der spanischen KP aktiver Waliser, ein Basken- und Catalanenfreund, der seit ca. 30 Jahren mit einigen beruflichen Unterbrechungen in Spanien lebt und arbeitet. Jedenfalls kennt er sich aus seiner Perspektive sowohl mit der britischen als auch der spanischen Politik gut aus. Die Linke ist in Spanien gewiss stärker als in UK, aber eben auch die Faschisten und Königstreuen, die anstelle von Spaziergängen den ganzen Sommer über Prozessionen und heilige Stierkämpfe ausrichten. Sicher nicht zufällig war der letzte öffentliche Auftritt von Juan Carlos 2019 als Ehrenpräsident des traditionsreichen Corrida de San Fernando.
Ich habe bewusst "Engländer" gesagt und nicht Briten. Die Größe des "faschistischen Bodensatzes" in Spanien lässt sich recht genau eingrenzen: Die Kernwähler*innenschaft des PP und von Vox. Landesweit etwa 35%. In Castilla y León und Galicia haben sie ihren große Hochburgen, in Katalonien und dem Baskenland kriegen sie kein Bein auf die Erde. Anderswo gibt es viele Wechselwähler*innen, z.B. auf den Balearen und Valencia, die 2015 dem PP wegen seiner Korrruptionsskandale den Rücken gekehrt haben. Insgesamt ist Spanien gespalten und polarisiert, was sie Monarchie betrifft. Im Unterschied zu Spanien ist das Verhältnis zur Monarchie in England weniger ideologisch, sondern emotional. In die größte Krise schlitterte sie, als die Queen nach dem Tod von Diana nicht den richtigen Ton traf. Es ist aber nicht so, dass das halbe Land die britischen Royals als Parasiten wahrnimmt, obgleich sie um ein Vielfaches mehr Steuergelder verbraten als die spanischen.
 
  • Like
Reactions: sommersonne

Alubehütet

Well-Known Member
29 Januar 2017
22.154
11.291
113
Wuppertal
Das spanische Königshaus mit der katholischen Kirche war nun mal assoziiert mit Franko, das britische Königshaus mit der anglikanischen Kirche mit Churchill. Das machte eine … holpernde, aber unbeschwerte Integration in die Nachkriegs-Popkultur ganz anders möglich ;)


Für den Tourismus etwa ist doch der Buckingham Palace in London zwingend integral. Gehört einfach dazu, ohne dem warst Du nicht da. Gehört zu London wie der Eiffelturm zu Paris.
 
  • Like
Reactions: Mendelssohn

Mendelssohn

Well-Known Member
17 Januar 2016
7.146
7.286
113
Das spanische Königshaus mit der katholischen Kirche war nun mal assoziiert mit Franko, das britische Königshaus mit der anglikanischen Kirche mit Churchill.
Die Church of England, deren Vorsitz zur Zeit die Queen als Supreme Governor hat, hat sich im Unterschied zur katholischen Kirche in Spanien und Italien nie mit den Faschisten offiziell verbündet. Auch die Anerkennung des Hitlerfaschismus durch den Vatikan hat gewiss auch mit Hitlers katholischer Herkunft und Kirchentreue zu tun (er trat ja nie aus der Kirche aus). Und mit Blick auf die große Bedeutung, die die Kirchen bis weit in zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts für die öffentliche Bildung gespielt haben, hier insbesondere in der Elementarbildung, ist es kein Wunder, dass der faschistische Bodensatz in in Spanien um einiges dicker ist als in England. Andrew und Boris mögen Repräsentanten der ignoranten upper class sein, in der die Grenze zwischen Dekadenz und Perversion schon immer fließend war, aber als Kollaborateur des Faschismus kann nicht einmal Johnson durchgehen, der ja der Meinung war, er könne sich Trump zum Ersatzsponsor für die EU machen. Profitieren, ohne sich die Hände selbst dreckig zu machen. Dumm gelaufen für Boris - und die Royals, die gewiss nicht erst seit gestern wußten, dass Boris die Totenruhe nicht eingehalten hat. D. h. die Party fällt auch auf die Windsors zurück, die Boris alles durchgehen lassen unter der Maxime: das Königshaus mische sich nicht in tagesaktuelle Politik ein (was natürlich Blödsinn ist).
Der Diana_Film, der nun gefeiert wird, soll zwar alle Diana-Fans beglücken, aber nicht die Windsors - wie es heißt.
Hollywood hat sich noch nicht der Bourbonen angenommen. Stoff genug gäbe es her.
 

Alubehütet

Well-Known Member
29 Januar 2017
22.154
11.291
113
Wuppertal
im Unterschied zur katholischen Kirche in Spanien und Italien
Welch eine Untertreibung. Mit Ausnahme des Hitler-Faschismus hat sich die katholische Kirche mit allen faschistischen Bewegungen von Anfang bis Ende immer und überall verbündet. Von Mussolini bis Pinochet. Argentinien. Kroatien. Name it.

Der deutsche Faschismus war komplex, höchst inhomogen, ihm war aus römischer Sicht nie recht zu trauen. Ganz bestimmend war das durch Bismarck auf die Spitze getriebene, vom Hitler-Faschismus fortgesetzte Bündnis Deutschnationalismus/Protestantismus: Martin Luther als der, der als erster ein Deutschland erwache! ausgerufen hätte gegen die römische Fremdherrschaft. Von den Hitler-Gangstern noch verschärft durch den vermeintlichen Antisemitismus Luthers, der ja in Wirklichkeit noch ein fürchterlicher Antijudaismus war, wie ihn zwar auch, aber in dieser Radikalität nicht einmal die Römer vertraten. Die Katholiken haben ja nichts gegen die Juden. Überhaupt nichts. So sie konvertiert sind.

Rassismus, erst recht ein darwinistisch-materialistischer, Gott leugnender, ein Rassismus, der als Judenfeindschaft wie auf die Vernichtung unwerten Lebens – "Zigeuner" – überhaupt ausgerichtet war: Vernichtung Behinderter lehnte die katholische Kirche rigoros ab. Und dann laufen den Nazis da noch die Esoteriker zwischen den Füßen rum, Neuheiden, Himmler und Konsortien, die einen herbeifantasierten Odinskult wieder (?) einführen wollen. Sehr suspekt das Ganze.

Das Konkordat also: Ausgestreckte Hand wie Abwehrkampf zugleich. Um so erfolgreicher Hitler werden würde, desto mehr würde er der Kirche entringen können. Der Bismarck-Hitlersche Anspruch war ja die alleinige Souveränität Deutschlands: Es soll nicht angehen können, daß aus Rom bestimmt wird, wer an deutschen Hochschulen Theologieprofessor werden könne; ja, schon gar nicht Philosophieprofessor (die Konkordatlehrstühle für "weltanschaulich gebundene Philosophie", das bedeutet, auf die vorneuzeitliche Philosophie des Thomas von Aquin vereidigte). Da war das Konkordat Besitzstandswahrung.

Katholiken in Deutschland haben übrigens unterdurchschnittlich die NSDAP gewählt. Die waren auf das Zentrum geeicht (wie sie selbstverständlich nach dem Krieg die CDU wählten. Ich komme vom linken Niederrhein, in meiner Jugend lag die CDU nie unter 60%+).
 
  • Like
Reactions: Mendelssohn

Mendelssohn

Well-Known Member
17 Januar 2016
7.146
7.286
113
Die ja auch in England keine Rolle spielten.
Die Frage ist, ob die Unabhängigkeit der englischen Monarchie vom Vatikan seit Henry VIII. dafür gesorgt hat, dass sich wohl ein obrigkeitsaffiner Patriotismus, aber kein obrigkeitsaffiner Faschismus wie in Italien uder Spanien herausgebildet hat. Der deutsche Faschismus, weil er neben dem bayrischen Lederhosenkatholizismus genaus konform geht wie mit dem preußischen Protestantismus ist in der Tat eine faschistische Sonderform des konzertierten Faschismus und vielleicht gerade deshalb so unvergleichlich lebensvernichtend.
Summa summarum: Boris kann gar nicht so viele Leute entlassen, um noch selbst Politik machen zu können. So ist es Trump auch ergangen. Man sollte die Angelsachsen nicht unterschätzen, wenn es um ihre verbrieften Rechte als Untertanen Ihrer Majestät geht. Weder auf der Insel noch in Neuengland.
 
  • Like
Reactions: Alubehütet