Mann der Emporkömmlinge aus Anatolien

Ottoman

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Seit zehn Jahren regiert Recep Tayyip Erdogan die Türkei. Die einen schwärmen von seinen Reformen. Andere fürchten seine zunehmende Alleinherrschaft.

Das anatolische Bürgertum ist hocherfreut, da sie wohl am meisten durch Erdogan profitiert haben. Klar, auch Erdogan kommt aus dieser Schicht. Quelle

Im Artikel werden zwei Ansichten gezeigt, ich teile die Letztere:

Der Unternehmer ist ein Anhänger Mustafa Kemal Atatürks, des Begründers der modernen Türkei. Er spricht von zunehmender Korruption und Nepotismus. Vom Einsatz des Finanzamtes, um Unbotmäßige zur Räson zu bringen. Von „rücksichtsloser Bereicherung Erdogans und seiner Clique“. Wer kein AKP-Mitglied sei, erhalte keine staatlichen Aufträge. Und wer welche bekomme, der müsse zahlen.

Die Partei verteilt Essen im Fastenmonat Ramadan, Heizkohle im Winter und auf dem Lande Kühlschränke. Für ihre Wahlkämpfe hat sie ungleich mehr Geld zur Verfügung als die Gegner. Dem Bauunternehmer macht das Angst. „Plötzlich sind überall Kopftuchfrauen. Die Kinder in den öffentlichen Schulen werden religiös indoktriniert. Und die Armee, die früher eingegriffen hat, ist völlig paralysiert“, sagt er. Bis vor drei Jahren etwa schien alles noch normal. Doch spätestens seit Erdogans letztem Wahlsieg müsse das Land den Preis für die Alleinherrschaft der „Emporkömmlinge aus Anatolien“ zahlen. „Erdogan schaltet und waltet, wie er will. Unsere Freiheit ist dahin.“

So krass würde es Cengiz Bektas nicht ausdrücken, aber auch er fürchtet um das Erbe Atatürks. Bektas ist der große alte Mann der türkischen Architektur, ein Urgestein aus alter Istanbuler Familie, Sozialist und unerschütterlicher Anhänger Atatürks. Der 79-Jährige hat miterlebt, wie Istanbul von einer kosmopolitischen Großstadt von 800 000 Einwohnern zu jener gigantischen Metropole wurde, die sie heute ist – und wie sie mit dem Zustrom von Anatoliern zugleich ihr multikulturelles Flair verlor.

„Mich betrübt, dass es keine richtigen intellektuellen Debatten mehr gibt“, sagt Bektas in seiner geräumigen Wohnung voller Bücher in Istanbul. Erdogan wisse nichts von Stadtplanung, wolle aber über alle Details entscheiden. „Er fliegt mit dem Helikopter über Istanbul und sagt dann, hier muss eine Brücke über den Bosporus hin, obwohl sich 500 Stadtplaner dagegen aussprechen.“

Der alte Mann holt die aktuelle Ausgabe der kemalistischen Tageszeitung Cumhuriyet. „Vier Journalisten der Zeitung Milliyet wurden gestern entlassen, weil Druck von oben kam.“ Das sei die Entwicklung, die ihm Sorgen bereite. „Mich stört es nicht, wenn in meinen Vorlesungen Studentinnen mit Kopftuch sitzen. Aber es spaltet die Gesellschaft. Was kommt danach? Dürfen irgendwann Jungen nicht mehr neben Mädchen sitzen?“ Der Premier gebärde sich inzwischen selbstherrlich wie der russische Präsident Wladimir Putin, sagt Bektas. Er wolle aus der Türkei eine Präsidialdemokratie machen und 2014 zum Staatspräsidenten gewählt werden. Der Architekt fürchtet um den Bestand des türkischen Einheitsstaates. „Ich glaube, Erdogan will das Land nicht teilen, aber er tut es. Er treibt auch einen Keil zwischen Kurden und Türken.“
 
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