Renk: Deutsch-türkisches Online-Magazin jetzt auch als Print-Ausgabe

Tanrısız56

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28 Februar 2015
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NRW
Seit 2012 gibt es "Renk" als deutsch-türkisches Online-Magazin. Mit ihrer opulent bebilderten Online-Illustrierte wollen sich die Macher_innen, wie sie es formulieren, der "Aufdeckung deutsch-türkischer Ausnahmeverhältnisse" widmen. Ab diesen Monat erscheint "Renk" (= Farbe) auch auf Papier. Erhältlich ist die Renk-Print-Ausgabe "im Fachhandel" oder per Bestellung auf

http://www.renk-magazin.de

Die "Berliner Zeitung" veröffentlicht eine falsche Web-Adresse (wohl versehentlich) und bringt ein aktuelles Interview ("Unser Ziel ist es immer, mit Vorurteilen aufzuräumen") mit der Herausgeberin:

http://www.berliner-zeitung.de/kult...immer--mit-vorurteilen-aufzuraeumen--25056500

Insgesamt macht Renk einen säkularen und weltoffenen Eindruck. Kapitalismuskritik wird jedoch nicht serviert - nicht in emanzipatorischen, aber glücklicherweise auch nicht in den immer zahlreicher werdenden regressiven (z. B. "islamistischen") Varianten.

Beispielhaft hier ein Renk-Artikel über einen "Plattenladen als Politikum":

http://www.renk-magazin.de/ein-plattenladen-als-politkum/

Hintergrund: Die britische Band "Radiohead" hatte ein neues Album veröffentlicht. Die Fans dieser Band haben für sich einen speziellen Ritus erschaffen: Erscheint eine neue CD ihrer musikalischen Lieblinge, dann treffen sie sich am Tag der CD-Veröffentlichung überall auf der Welt zum Feiern. Und das mit Prosecco oder anderen alkoholischen Getränken. So geschehen auch dieses Jahr in Istanbul. Zufällig war gerade Ramazan und eine Horde von Islam-Aficionados stürmte den Plattenladen im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu, in dem sich - wie auch an anderen Orten auf diesem Planeten - Radiohead-Fans zum Musikhören und zum Prosecco-Genuss versammelt hatten. Die Fans wurden verprügelt, der Laden verwüstet.

Ich erinnere mich, seinerzeit auf tagesschau.de einen Artikel gelesen zu haben, der sowohl das Verhalten der Angreifer als auch das der Radiohead-Fans als "Provokation" bezeichnete. Äquidistanz also. In Zeiten des Islam-Appeasements könnte man ironisch anmerken: "Wir wissen: Islam ist Frieden, nur darf dann auch niemand diese islamische Art des Friedens stören!"

Der Renk-Artikelautor kommt zu einem anderen Fazit.

Er schreibt:

Vordergründig richtete sich der Angriff gegen säkulare Menschen in der Türkei. Doch das hätte man auch mit jeder Bar oder jedem Laden in Beyoğlu, die Alkohol ausschenkt oder verkauft, machen können. Warum also ein Plattenladen? So richtet sich der Angriff nicht nur gegen säkulare Menschen, sondern symbolisch zudem auch gegen westliche Musik und Lebensstile, wie sie mit solcher Musik und Alkoholkonsum verbunden sind, sowie gegen den Stadtteil, in dem der Plattenladen situiert ist, und dessen sozialen Frieden.

(...)

Beyoğlu (...) ist vielleicht der Stadtteil, mit dem größten „Melting Pot“-Potenzial. Genau dagegen richtet sich die Attacke, welche islamische und politische Gleichförmigkeit verbreiten möchte anstelle der gelebten und akzeptierten friedlichen Pluralität. Diese steht im Fokus. Sie sollte getroffen werden – über den symbolischen Angriff auf einen so scheinbar unscheinbaren Plattenladen. Ja, es war eine „geplante Ermordung des sozialen Friedens“.

Herrschaft, das beschrieb schon Jacques Attali in seinem Buch „Bruits“ ausführlich, manifestiert sich über Musik. Revolutionen bemächtigen sich vorzugsweise der Radiosender, und das nicht nur der verbalen Kommunikation wegen, sondern immer auch, um die identitäre Musik der Revolutionäre zu verbreiten. Mit der Attacke in Istanbul haben wir eine inverse Bewegung vorliegen: der Schallplattenladen als „Sendeanstalt“ wird geschlossen, Nicht-Musik wird das neue Paradigma. Auch darüber kann sich Herrschaft manifestieren. Nicht von ungefähr nimmt das Schweigen türkischer Pop-Rock-Musizierender zu. Es wird lauter. Man kann es schon hören.