taxi zum kino

vzd_2.1

Well-Known Member
freundinnen und freunde des heimatfilms!

es gibt sie: richtig schlechte filme. solche grottendunkle streifen, die einem wertvolle zeit des lebens rauben, bei denen man dennoch im kinosaal hocken bleibt, weil man glaubt, dass es zu einem zeitpunkt doch die unerwartete wendung geben wird und das sich macht: zum epos. zum schmachtfetzen. zur sehenswerten doku. schlimm wird es für mich immer dann, wenn diese üblen filme irgendwann zu meilensteinen der kinokunst erklärt werden und die krone der kritik bekommen.

in diesem fred werde ich ein paar filme vorstellen, die die kriterien – grottenschlecht, aber meilenstein – erfüllen. es wird eine wahnsinnsreise durch die filmgeschichte, die uns, euch, mir den verstand raubte, aber nicht ratlos im dunkeln des kinos zurücklassen wird.

vorteil: lädt irgendjemand euch zu diesem film ein, oder hat ihn als dvd dabei, dann habt eine liste mit ausreden parat.
 
traité de bave et d'éternité

traité de bave et d'éternité
von isidor isou
frankreich 1951, s/w, 123' (original: 250')


das "traktat von geifer und ewigkeit" erlebt zurzeit eine renaissance in intellektuellen kreisen und wird sehr gerne auf filmfestivals gezeigt und anschließend ausgiebig diskutiert. der film ist als us-import als dvd mit englischen untertiteln erhältlich.

inhalt: der film hat drei kapitel. im ersten schlendert der regisseur als hauptdarsteller durch st. germaine im nachkriegsparis. auf der tonspur läuft seine rede an ein kinopublikum, das zuvor den film "a lady in paris" von chaplin gesehen hat. im zweiten wird found footage verwendet (dies ist eine filmtechnik, die zufällig vorhandenes filmmaterial (meist abfälle aus anderen filmproduktionen) verwendet, das war vor allem in der nachkriegszeit üblich, da rohfilm sehr teuer war. heute gilt found footage als kunstbegriff). isou entwickelt sein theoretisches konzept des films der zukunft und unterlegt dies mit scheinbar zufälligen bildern (beim zweiten anschauen (oh gott, ja, ich bin wiederholungstäter) zeigt sich, dass die bilder gar nicht so zufällig sind). im dritten wird der von isou forcierte kunstbegriff des lettrismus in seiner dadaistischen und surrealen wirklichkeit vorgestellt.

publikum: bekiffte hippster und intellektuelle ohne nennenswerten sozialkontakt.

ausschnitt: http://www.youtube.com/watch?v=H-Yp9MZXGV4

die geschichte zum film: der film wurde im unfertigen zustand auf den filmfestspielen in cannes 1951 gezeigt. isou war zwar nicht eingeladen, fuhr mit seinen filmrollen nach cannes und legte diese in ein bahnhofsschließfach. er wurde von zahlreichen freunden begleitet, die die filmvorführungen des festivals störten, in dem sie aufschrien, dass sie den gezeigten film nicht sehen wollten, sondern das epochale werk von isou. isous werk wurde zum geheimtipp. alle fragten, wo denn der film zu sehen sei, und die freunde reichten den schlüssel zum schließfach rum. so erreichte er, dass der film dennoch gezeigt wurde, weil alle heiß drauf waren. es war aber nur die tonspur fertig, so saß das publikum im dunklen kinosaal und hörte den epilogen isous zu. der film geriet in vergessenheit, bis er mitte der neunzigerjahre in den usa wiederentdeckt, in den jahren 2005 bis 2008 dort restauriert und untertitelt wurde. nun stürzt sich die geballte interpretationskunst des feuilletons auf den film.

herausforderung: bild und ton laufen völlig getrennt voneinander. was man sieht hat nichts (oder wenig) mit dem zu tun, was man hört. und vice versa. hinzu kommen englische untertitel, die oft weiß auf weiß sind und sprechgesang.

ausrede bei einladung: zuvor müsse unbedingt der film "le film est déjà commencé?" von maurice lemaître angeschaut werden, denn ohne den sei isou nicht zu begreifen. den gibt's nicht mehr.

zitat: "[…] und ich fand meine Leute. Da waren Alkoholiker, sehr junge Alkoholiker, wie wir alle es waren. Sie kamen nachmittags zusammen und dann gab es Musik, Lärm, Gespräche die ganze Nacht […]"

empfehlung: finsburry gin. passt hervorragend dazu.

und außerdem: im film wird ein "flotter dreier" ausgiebig theoretisiert.
 
francine

francine
regie: brian cassidy, melanie shatzky
usa 2012, 74'
cast: melissa leo, dave clark ii


inhalt: francine kommt frisch aus dem knast und wird resozialisiert. das geht allerdings gründlich schief, weil sie aufgrund ihres hospitalismus, den sie sich im knast angeeignet hat, keine sozialen kontakte knüpfen kann. nur mit tieren kann sie. sie arbeitet in tierheimen, zoohandlungen und bei tierärzten. dabei fängt sie an ein eigenes tierreich in ihrer sozialwohnung aufzubauen. dazu klaut sie alles, indem sie sich in zoohandlungen alles unters t-shirt steckt (der film lässt allerdings unbeantwortet, wie es ihr gelang, das riesige aquarium unbemerkt unter ihr shirt zu stecken). es beginnt die desozialisierung. und endet in trostlosigkeit.

publikum: mitgliederinnen von peta

ausschnitt: http://www.youtube.com/watch?v=N8g26svrseo

geschichte zum film: melissa leo ist eigentlich keine unbekannte und oscar-prämiert für ihre nebenrolle in "the fighter". der anruf zu diesem film erreichte sie bestimmt, als sie beim friseur unter der trockenhaube saß und nur die hälfte verstand.

herausforderung: es ist ein arthouse-film. mehr braucht es nicht. an worten. die wackelkamera kennen wir von herrn von trier, dialogarmut aus französischen machwerken, seltsame handlungen aus unterschiedlichen sozialdramen oder der schlange vorm alg-II-erstantrag-schalter.

ausrede bei einladung: ich muss mit dem hund raus.

zitat: "The key to acting has much more to do with listening than with talking", melissa leo über ihre rolle in francine.

empfehlung: kalter hund.

und außerdem: die dvd gibt es inzwischen auf dem grabbeltisch bei satur für 2 euro.
 
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