Ungewöhnlich

novum

New Member
Hallo an Euch alle,
ich habe mich in diesem Forum angemeldet, weil ich momentan ehrlich gesagt etwas in den Seilen hänge.
Kurze Schilderung - es dreht sich um eine Beziehung.
Meine Freundin/Lebensgefährtin (viel mehr) lernten uns bereits in der Schule kennen, wir saßen im Leistungskurs nebeneinander, ab der 11. Klasse.
Das war vor über 10 Jahren (kaum zu fassen) und wir mochten uns von Anfang an furchtbar gerne.
Zunächst entwickelte sich eine Freundschaft, nach dem Abitur begannen wir gemeinsam zu studieren, zogen zusammen in eine andere Stadt.
Ich wusste schon immer, dass ich mich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühle, G. benötigte für diesen immensen innerlichen Schritt länger.
In den ersten Jahren stand eine mögliche Beziehung nie im Raum, ich liebte sie, still vor mich hin, aber pflegte andere Beziehungen, G. war immer für mich tabu.
Meine Homosexualität hatten wir natürlich irgendwann thematisiert, aber es hatte keine Konsequenzen, es spielte zunächst keine Rolle zwischen uns.
Mit ihren Eltern verstand ich mich stets sehr gut - ich war in die Familie irgendwie eingebunden und mochte die herzliche, gastfreundliche Atmosphäre, die mich bei G. zuhause empfing, auch mit meiner Familie kam sie prima zurecht.
Nachdem wir fast am Ende unseres Studiums angelangt waren und uns auf mögliche Stellen bewarben, veränderte sich unser Verhältnis grundlegend.
Zu dieser Zeit litt ich sehr unter einer Trennung, G. war immer für mich da, wie seit Jahren gewohnt. Ich hatte mir nie weitergehende Gedanken gemacht, ich respektierte unsere unterschiedlichen kulturellen Hintergründe und war auch der festen Überzeugung, dass ich meine Liebe tief in mir verbergen müsste, um G. nicht zu brüskieren. Natürlich war ich auch der Meinung, dass sie Männern zugeneigt sei. Wir waren einander so vertraut und doch oft so fremd, die Deutsche und die Türkin.
Egal, es entwickelte sich anders, letztendlich wurden wir ein Paar (eine lange Geschichte), ein unbeholfenes, unsicheres Paar, nachdem G. mir mitteilte, dass sie niemals ohne mich leben könne.
Eine große Hypothek, die ich nur schwer annahm.
Und natürlich insgeheim, was mir ebenfalls Zugeständnisse abforderte, ich komme aus einem sehr liberalen Elternhaus und stieß nie auf Unverständnis für meine Lebensentscheidung und mein Lesbischsein. G. und meine Familie agieren in Harmonie, G. ist die "Schwiegertochter".
Inzwischen kennen wir uns 14 Jahre, die wir miteinander verbracht haben.
Seit 9 Jahren leben wir in einem familiären Sinn miteinander, als Paar also. Keine Kinder, aber Katzen, wir arbeiten in einem ähnlichen Job.
Ich liebe sie, unendlich, wie ich es tat, als wir 17 Jahre alt waren und uns zum ersten Mal begegneten.
Ihre - höchst sympathischen, tollen - Eltern schweben im Dunkeln.
Alles geheim. Immer verborgen.
Wir sind nach wie vor einfach eine WG, wie schon immer.
G. leidet.
Da ist einerseits ein starker Kinderwunsch - wir gehen auf Mitte dreißig zu.
Da ist die ständige Verleugnung des eigenen Selbst.
Da ist soviel.
Und ich spüre, dass sie trotz ihrer Liebe zu mir an diesem Spagat und den vielen Lügen zerbricht.
Ich sehe zu, denn ich kann ihr nicht helfen, "Du sollst Vater und Mutter ehren", selbstverständlich.
Und weiß nicht weiter.
Mir ist bewusst -oh ja - dass gleichgeschlechtliche Beziehungen nichts im traditionellen Weltbild einer muslimischen Familie zu suchen haben.
Mir ist bewusst, dass viele von euch uns verurteilen.
Aber wie soll ich G. helfen?
So viele Konzessionen.
Die halten G. für strebsam (was sie ist), beschäftigt, zu beschäftigt, für eine Ehe.
Aber es bohren Fragen, es treten Wünsche/Wertvorstellungen in den Vordergrund.
Potentielle Ehekandidaten werden warm angepriesen, ich bemerke, wie meine Freundin sich immer mehr ihrer Familie entzieht, nur um nicht mit dem Thema Ehe (sie ist jetzt 32 Jahre alt) konfrontiert zu werden.
Ich werde beständig freundlich einbezogen, neulich - auf Besuch - meinte G.s Mutter, ich solle ihr mal gut zureden.
Gerade ich.
Nun ja.
Wir beginnen uns zu entfremden, ja. Der Druck, ich verstehe sie.
Sollte es G. Wunsch sein zu gehen, es stünde ihr frei.
Ich kenne sie so gut. Aber darum geht es nicht, sie versucht es immer allen recht zu machen und verzweifelt an den Lügen.
Ich weiß. probate Lösungen gibt es nicht.
Aber vielleicht hat jemand von euch mir zugehört.
G. ist die Liebe meines Lebens und ich die ihre. Wir drohen an Wertvorstellungen zu scheitern.
Und Vernunft, auch Toleranz, scheint es für uns nicht zu geben?!
Ein paar tröstliche Worte?
N.
 

Horizont43

New Member
AW: Ungewöhnlich

Hey Novum,... ich freu mich das du uns deine/eure Geschichte erzählst und gleichzeitig tut es mir um eure Situation leid.
Ich kann es nachvollziehen,wie sich G.-aber auch Du fühlen müssen... es ist eine große Belastung so eine Lüge über Jahre mit sich tragen zu müssen und damit tagtäglich leben zu müssen. Man lernt wohl damit zu leben,dennoch kann man nie frei aufatmen.

Ich habe vor einigen Jahren 3 schwule Türken kennengelernt.. was aus zwei von ihnen geworden ist,weiss ich leider nicht..ich weiß nur,dass auch sie es niemals den Eltern sagen können/werden. Und der dritte,..er lebt in einer Scheinehe,ohne Kind.

So richtig tröstende Worte hab ich leider nicht,... aber ich freu mich für dich,dass du deine große Liebe an deiner Seite hast...seit so vielen Jahren.
Kopf hoch,ich wünsch euch was...
 
AW: Ungewöhnlich

Ich finde es toll, dass Du Deine Geschichte erzäöhlst. Ich hoffe für euch von ganzem Herzen, dass ihr einen Weg findet, euer Leben in Frieden und Harmonie zu leben! Sei gedrückt!
 
S

SemanurYunus

Guest
AW: Ungewöhnlich

Ach herrje... das ist ja wirklich sehr kompliziert... ihr dreht euch ja immer im Kreis oder? Hmmm.... meint ihr nicht das ihre Eltern es insgeheim wissen?
Eine Türkin die mit Mitte 30 noch nicht verheiratet ist, ist in den türkischen Kreisen sehr ungewöhnlich. Dazu lebt ihr zusammen in einer "WG".
Ich denke sie wissen es bereits :)
Käme ein klärendes Gespräch denn überhaupt nicht in Frage?
Dann würde es G. bestimmt viel viel besser gehen. Klar, zu Beginn wird es bestimmt hart werden - Reaktionen, der Familie etc. - aber vllt. auch wieder gar nicht. Vllt reagieren sie gar nicht so wie ihr es vermutet?

Fühl dich umarmt :redface:
 

Inada

New Member
AW: Ungewöhnlich

Keiner hier wird euch verurteilen. Zumindest keiner mit Hirn. Euch verbindet eine tiefe, lange Liebe. Und sie berührt jeden Leser. Das ist es doch, was alle Menschen immer suchen. Es geht doch nicht ums Geschlecht. Liebe kann auch gleichgeschlechtlich sein. Hauptsache ihr seid zusammen.
Dass die kulturellen Unterschiede, wie auch die biologische Uhr, euch Druck machen ist denke ich klar. Das muss so kommen. Habt ihr mal über ein Kind gesprochen? Also eure Beziehung schliesst ein Kind ja nicht aus. Und wenn ihre Eltern so nett sind- wer weiss, vielleicht ahnen sie es ja auch und sagen nur nichts. Meistens haben Eltern doch ein Bauchgefühl, wenn die Tochter seid 10 Jahren keinen Mann mehr hatte und Mitte 30 ist, dann merken sie doch, dass es andere Prioritäten gibt, oder?

Irgendwann muss G. sich entscheiden und zu dir stehen. Das ist das finale i-Tüpfelchen, was eure Beziehung braucht. Es ist das letzte verborgene Geheimnis, was ihr lüften müsst um frei füreinander zu sein. Final frei.

Und dann könnt ihr auch anders eure Zukunft planen. verschweigen ändert ja die Umstände nicht.
Passt auf eure Liebe auf, sprecht miteinander. Eine solche Liebe gibt es faktisch nie mehr im Leben. Und euch scheint die Welt miteinander zu verbinden. Du schreibst in voller Liebe von ihr.
Ich wünsche euch alles Glück der Welt!
 

Aylin2009

Active Member
AW: Ungewöhnlich


Und wenn ihre Eltern so nett sind- wer weiss, vielleicht ahnen sie es ja auch und sagen nur nichts.

Das hab ich beim Lesen auch als erstes Gedacht. Eltern, insbesondere Mütter, haben doch oft ein Gespühr für die Geheimnisse ihrer Kinder. Und eure Beziehung läuft ja nicht erst seit gestern.
 

Erato

Well-Known Member
AW: Ungewöhnlich

Ich finde eure Geschichte sehr schön und romantisch :wink:

Was die Probleme mit den Eltern angeht.

Wie sind ihre Eltern denn? Eher traditionell? Sind sie religiös? Hat sie Geschwister? Wenn ja, wie sind die so? Sind die verheiratet? Wenn ja auch mit Türken?

Hat G. denn schon mal versucht, mit ihren Eltern darüber zu sprechen? Weiß G., wie ihre Eltern über Homosexualität denken?

Vermutlich handelt es sich zwar um eine traditionelle aber doch eher liberal eingestellte Familie, da sie einverstanden sind, dass ihre Tochter in einer WG lebt etc. Das klingt doch nicht so hoffnungslos wie z.B. eine Familie, die sehr religiös ist und ihr keine Freiheiten lässt?
 
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