Wer wird Kanzlerkandidat?

  • Laschet

    Votes: 2 18,2%
  • Söder

    Votes: 6 54,5%
  • Spahn

    Votes: 0 0,0%
  • Merz

    Votes: 0 0,0%
  • Röttgen

    Votes: 0 0,0%
  • Habeck

    Votes: 1 9,1%
  • Baerbock

    Votes: 3 27,3%
  • Überraschung

    Votes: 3 27,3%

  • Total voters
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Bintje

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5 Mai 2018
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Das ist nicht die Sprache der NSDAP oder nicht mehr. Das ist die Sprache der AfD, wenigstens "volksnah".
Kümmerer hat meines Wissens nicht den Geruch von Nazivokabular. (...)

Der Staat als "Kümmerer", um eine verschworene Volksgemeinschaft zu kreiieren, war tatsächlich die Masche der Nazis. Nachlesen lässt sich das u.a. bei Götz Aly, "Hitlers Volksstaat". Aly schreibt:

"„In dem vorliegenden Buch soll die Symbiose von Volksstaat und Verbrechen sichtbar gemacht werden. Dafür gilt es, den immer noch verbreiteten historiographischen Ansatz zu überwinden, der die so offensichtlich grausame Seite des Nationalsozialismus von denjenigen politischen Aktionen isoliert, die dasselbe Regime für die Mehrheit der Deutschen so attraktiv machte. [...]"

Weiter heißt es in einer Rezension des Deutschlandfunks:

"Dazu zählten nicht nur die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die Schaffung einer touristischen Infrastruktur, die Kraft durch Freude versprach und den Urlaub zur Massenerfahrung machte. Aly erinnert daran, dass die Nazis Ehestandsdarlehen und Kindergeld einführten, die Preise weitgehend stabil hielten und die Löhne erhöhten. Die sogenannten „kleinen Leute“, bei denen in Weimarer Zeiten der Gerichtsvollzieher immer häufiger geklingelt hatte, jubelten, als die neuen Machthaber die Rechte der Gläubiger zugunsten der Schuldner beschränkten. Im Krieg erhielten die Familien der eingezogenen Soldaten bis zu 85 Prozent dessen, was ihre Männer in Friedenszeiten nach Hause gebracht hatten, Steuerfreibeträge wurden so definiert, dass die unteren 70 Prozent der Einkommenspyramide von jeglichen direkten Kriegssteuern frei gestellt waren. 1941, also mitten im Krieg, erhöhten die Nazis die Renten, nicht prozentual, sondern so, wie es klassenbewusste Sozialisten immer gefordert haben, pauschal: Jeder erhielt pro Monat sechs Reichsmark mehr, das entspricht immerhin 60 Euro. (...)"

https://www.deutschlandfunk.de/goet...nkrieg-und.730.de.html?dram:article_id=102431

Ergebnis laut Aly: „Auf der Basis eines umfassenden Raub- und Rassekrieges sorgte der nationale Sozialismus für ein in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Ausmaß an Gleichheit und sozialer Aufstiegsmobilisierung. Das machte ihn populär und verbrecherisch. Das materiell üppige Sein, der indirekte, nicht persönlich verantwortete, doch gerne genommene Vorteil aus den Großverbrechen bestimmte das Bewusstsein der meisten Deutschen von der Fürsorglichkeit ihres Regimes. Umgekehrt bezog die Politik der Vernichtung daraus ihre Energie: Sie orientierte sich am Volkswohl.“"

Es lohnt sich, den ganzen Text zu lesen und auch das Buch. Obwohl erst 2005 erschienen, gehört es schon zu den "Klassikern" historischer Betrachtungen zur NS-Ära.
 

Bintje

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5 Mai 2018
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Nein wäre es nicht. Denn nicht jeder Bürger hat eine Universität besucht oder "die Weisheit mit Löffeln gefressen". Es gibt Lebensumstände, Enttäuschungen, Rückschläge von denen wir nichts wissen und wir uns auch nicht vorstellen können. Es hat einen Anflug von Arroganz wenn wir uns nur deshalb über andere erheben würden.

Anständigkeit ist m.E. keine Frage formaler Bildung, sondern von Kinderstube und Herzensbildung.
Auch und gerade bei Enttäuschungen und Rückschlägen. Und es gibt auch hochgebildete Nazis in sog. "besseren Kreisen". Und nun?

Wer Wähler unsachlich beschimpft, sollte nicht mit einer sachlichen Reaktion rechnen.

Psychologische Reaktanz sagt Dir etwas? Wie auch immer: Manchmal braucht man gar nicht lang und breit nach psychologischen Motiven oder unbewussten Triebfedern für dieses oder jenes Verhalten zu forschen. Manchmal reicht es, sich ein bestimmtes (Wähler-)Verhalten anzusehen, um daraus zu schlussfolgern, dass die Leute ganz sicherlich nicht so blöd und ungebildet oder frustriert sind, wie gern vermutet, man mithin nachsichtig sollte, was ich verquer finde, wenn ich es wirklich mit Erwachsenen zu tun habe, sondern dass sie einfach nur aus Überzeugung handeln. Einfach so.
 
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sommersonne

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19 März 2017
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Der Staat als "Kümmerer", um eine verschworene Volksgemeinschaft zu kreiieren, war tatsächlich die Masche der Nazis. Nachlesen lässt sich das u.a. bei Götz Aly, "Hitlers Volksstaat". Aly schreibt:

"„In dem vorliegenden Buch soll die Symbiose von Volksstaat und Verbrechen sichtbar gemacht werden. Dafür gilt es, den immer noch verbreiteten historiographischen Ansatz zu überwinden, der die so offensichtlich grausame Seite des Nationalsozialismus von denjenigen politischen Aktionen isoliert, die dasselbe Regime für die Mehrheit der Deutschen so attraktiv machte. [...]"

Weiter heißt es in einer Rezension des Deutschlandfunks:

"Dazu zählten nicht nur die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die Schaffung einer touristischen Infrastruktur, die Kraft durch Freude versprach und den Urlaub zur Massenerfahrung machte. Aly erinnert daran, dass die Nazis Ehestandsdarlehen und Kindergeld einführten, die Preise weitgehend stabil hielten und die Löhne erhöhten. Die sogenannten „kleinen Leute“, bei denen in Weimarer Zeiten der Gerichtsvollzieher immer häufiger geklingelt hatte, jubelten, als die neuen Machthaber die Rechte der Gläubiger zugunsten der Schuldner beschränkten. Im Krieg erhielten die Familien der eingezogenen Soldaten bis zu 85 Prozent dessen, was ihre Männer in Friedenszeiten nach Hause gebracht hatten, Steuerfreibeträge wurden so definiert, dass die unteren 70 Prozent der Einkommenspyramide von jeglichen direkten Kriegssteuern frei gestellt waren. 1941, also mitten im Krieg, erhöhten die Nazis die Renten, nicht prozentual, sondern so, wie es klassenbewusste Sozialisten immer gefordert haben, pauschal: Jeder erhielt pro Monat sechs Reichsmark mehr, das entspricht immerhin 60 Euro. (...)"

https://www.deutschlandfunk.de/goet...nkrieg-und.730.de.html?dram:article_id=102431

Ergebnis laut Aly: „Auf der Basis eines umfassenden Raub- und Rassekrieges sorgte der nationale Sozialismus für ein in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Ausmaß an Gleichheit und sozialer Aufstiegsmobilisierung. Das machte ihn populär und verbrecherisch. Das materiell üppige Sein, der indirekte, nicht persönlich verantwortete, doch gerne genommene Vorteil aus den Großverbrechen bestimmte das Bewusstsein der meisten Deutschen von der Fürsorglichkeit ihres Regimes. Umgekehrt bezog die Politik der Vernichtung daraus ihre Energie: Sie orientierte sich am Volkswohl.“"

Es lohnt sich, den ganzen Text zu lesen und auch das Buch. Obwohl erst 2005 erschienen, gehört es schon zu den "Klassikern" historischer Betrachtungen zur NS-Ära.
Ich brauche nicht so viele Worte oder den Deutschlandfunk.
https://www.duden.de/rechtschreibung/Kuemmerer
https://de.wikipedia.org/wiki/Kümmerer
Beide sehen keinen nazistischen Hintergrund. Ich nehme also an man darf den Begriff, da er als normaler Sprachgebrauch deklariert ist, auch als normalen Sprachgebrauch benutzen.
 

Bintje

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5 Mai 2018
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sommersonne

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19 März 2017
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Anständigkeit ist m.E. keine Frage formaler Bildung, sondern von Kinderstube und Herzensbildung.
Auch und gerade bei Enttäuschungen und Rückschlägen. Und es gibt auch hochgebildete Nazis in sog. "besseren Kreisen". Und nun?
Das soll doch wohl keine Erklärung sein. Und nun - ist garnichts. Ich verkehre nicht in diesen besseren Kreisen und beurteile nicht ob Rückschläge und Enttäuschungen die gleichen Ergebnisse oder Folgen haben wie in weniger privilegierten Kreisen.
 

Bintje

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5 Mai 2018
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Doch darum geht es. Du und Skeptiker ihr seit der Meinung Kümmerer ist Nazisprech und darf heutzutage nicht mehr verwendet werden.
Wäre es so würde sich im Duden und bei Wikipedia eine Notiz dazu finden. Aber was weiß ich schon.

Wo steht das? Nirgends! Du liest es aus Skeptikers Bemerkung heraus, aus meinen anscheinend auch und schlussfolgerst daraus, man dürfe das Wort nicht mehr verwenden. Ich frage mich, wie Du darauf kommst? o_O

Mir ging es um Inhalte: der NS-Staat inszenierte sich - für Volksgenossen, versteht sich! - als sozialer Wohltäter.
Ganz "volksnah", so wie Du es weiter oben bei der AfD verortet hast. Worauf Skeptiker sinngemäß bemerkte, das kenne man irgendwoher, und ich auf Götz Aly verwies, den ich dazu sehr aussagekräftig und gut lesbar finde.
Das wiederum interessiert Dich nicht. Okay, Pech.
Wir brauchen das auch nicht weiter zu vertiefen, ich wollte sowieso zu Abend essen. Aber um das abzuschließen: es ging n i c h t um den Wortgebrauch, sondern um das bereits unter den Nazis kultivierte Phänomen, sich Wählerstimmen durch populäre, populistische Versprechungen und entsprechende Politik für "das Volk" zu angeln, genauer: die "Volksgemeinschaft", zu deren "Volksgenossen" nur zählte, wer als solches qua Abstammung, politischer Einstellung, sexuellen Vorlieben, Lebensführung usw. von oben definiert wurde.
 

Alubehütet

Well-Known Member
29 Januar 2017
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Wuppertal
Kümmerer sind nicht unbedingt Nazis. Nach der Wende galt die damalige PDS als Kümmerer-Partei. Nazis können sich aber sehr wohl auch als Kümmerer betätigen, und das ist „drüben“ wohl kommunal viel mehr der Fall, als im „Westen“.

Die Frage ist, wird die AfD gewählt, obwohl oder weil sie Nazi sind. Von vielen werden sie wohl tatsächlich zuerst als Kümmerer wahrgenommen, dann als Protestpartei. Womöglich wird sie auch von vielen gewählt, die sie niemals an der Macht sehen wollen würden – Mir selber ging es einige Male ähnlich mit der LINKEN. Auf jeden Fall sind sie Nazi, und das kann inzwischen jeder wissen; jeder Wähler nimmt das also billigend in Kauf. Wie viele werden damals die NSDAP gewählt haben, weil sie den „frechen, viel zu mächtigen Juden“ durchaus gegönnt haben, endlich mal gedeckelt zu werden, ohne damals schon gleich den Holocaust zu wollen?

Dem sie sich dann aber auch nicht widersetzt haben. Daß Höcke alle z.B. Türkeistämmigen wieder nach Anatolien remigrieren will mit aller zur Durchsetzung nötigen Härte, ist nun wirklich kein Geheimnis.