Was hast du vor fünf Jahren gemacht?

Bintje

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5 Mai 2018
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AW: Was hast du vor fünf Jahren gemacht?

(...) Auf dem Schreibtisch Fotos von der Einschulung meines Sohnes vor wenigen Tagen. Glücklich sieht er aus, unbeschwert, in seinen Augen blitzt der Schalk. Jetzt will er wissen, was los ist und weicht mir nicht von der Seite.
Ich weiß nicht, sage ich; geh spielen, sage ich; das ist nichts ... verstehst du... nur eine Geschichte ... So ähnlich wie ein schlimmer Traum, verstehst du?

Aber er bleibt und versteht viel zu viel, und ich halte ihn im Arm und versuche zu erklären, dass es Leute gibt, die böse sind, richtig böse, und dass sie Dinge tun, die kein Mensch versteht, niemand, auch ich nicht, nicht jetzt, noch nicht.

Da sterben Menschen... oh mein Gott, muss ein Kind das mit anschauen?!

Schließlich trollt er sich, vorerst beruhigt. Aber der Tag hat sich ihm so eingeprägt wie mir als Kind jene Nacht, in der die ersten Menschen auf dem Mond landeten. Bilder, die haften bleiben, ob im Guten oder im Schlechten.
Eben schickte er mir eine Nachricht: Heute sei es ja 20 Jahre her. Und dass er die Bilder erinnern würde.
Ja, antwortete ich ihm - kein Wunder. Dass sich so vieles geändert habe seitdem.


Wir wussten es damals noch nicht, aber die Folgen von 9-11 haben alles verändert. Auch das Leben eines damals siebenjährigen Mädchens aus Bagdad.
Sie war erst im Jahr zuvor in die Schule gekommen. Kurz nach ihrem achten Geburtstag begann die "Operation Iraqi Freedom", wie die Amerikaner ihre Bombardements nannten. Eines Tages fiel eine dieser Bomben auf ihre Schule; ihr jüngerer Bruder und sie überlebten, aber die Mutter war außer sich.
Nein!, sie wollte ihre Kinder nicht verlieren und keinesfalls im Krieg aufziehen! Ohnehin hatte die Familie es nicht ganz leicht, wurde ihres christlichen Glaubens halber auch der Kollaboration mit den Amis verdächtigt, aber Bomben auf die Schule?! Das war zu viel!
Die Mutter, eine leise, ruhige, aber willensstarke Frau, nötigte ihren Mann, alles zu verkaufen und aufzugeben. Mit vier Kindern flohen sie im Auto nach Westen, nach Syrien, im Herzen die leise Hoffnung, es vielleicht nach Schweden zu schaffen oder Kanada, wo enge Verwandte lebten.
In Syrien war es noch friedlich. Aber wer wusste, was kommen würde? Der Vater und sein ältester Sohn machten sich auf den Weg über Istanbul und Paris durch Deutschland. Schweden lag weit im Norden; sie erreichten es nicht, kamen nur bis Norddeutschland. In Schleswig-Holstein scheiterten sie am Bundesgrenzschutz. Eine Kontrolle in einem Zug, das war's.
Jahre später durfte die Familie sich endlich wiedersehen.
Und aus dem kleinen Mädchen, das ich als verunsicherte Heranwachsende kennenlernte, ist inzwischen eine selbstbewusste junge Frau geworden, die auf eigenen Beinen steht, sich manchmal deutscher benimmt als mein Sohn und längst zu unserer Familie gehört.
 

Berfin1980

Well-Known Member
19 Juni 2015
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Ich habe damals die Nacht davor durchgemacht, als ich wach wurde schaut Mutter Fernsehen und ich setzte mich zu ihr. Ich war fassungslos und Tage wie in einer Art Schockstarre. Auch der Gedanke an Menschen die wir kannten in New York machte uns alle rastlos.
Keine Getöteten, aber ein Feuerwehrmann ist letztes Jahr verstorben, der ein lange Leidensgeschichte hinter sich hatte und dann kam noch Corona.

Am Tag danach stand für mich fest die Welt ändert sich, es wird Krieg geben. Die USA lassen sich das nicht bieten.

Es wurden aber eben auch sehr viel Fehler gemacht die schlimme Folgen hatten und nur Hass schürten.
 
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EnRetard

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19 Februar 2017
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Ich saß im Büro. Es war eine Redaktion, deshalb lief in jedem Raum ein Fernsehgerät. Ich rief meine damals 87jährige Oma an und bat sie, bis zum Abend das Fernsehgerät nicht einzuschalten, weil ich fürchtete, sie würde die Fernsehbilder nicht allein verkraften.
 
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