M
mar
Guest
Der moderate, urbane Islam, den Sie beschwören - woran hätte sich der zu beweisen?
Senocak: Darin, reduktionistische Wahrnehmungen und Selbstbilder aufzulösen. Die radikale Islamkritik verfährt ja genauso wie die Fundamentalisten. Da holt man aus der islamischen Tradition Symbole oder auf Symbolik reduzierte Phänomene heraus und definiert das als Islam.
Denke ich hingegen an die islamische Tradition, wie sie meine Kindheit geprägt hat: Da war Musik, da war Mystik, da war Philosophie, da war Ästhetik - was sieht man heute davon? Nichts. Und das ist es eben, was ich in meinen Artikeln und Büchern zu beschreiben versuche, diese Reduzierung, diese krisenhafte Entwicklung der Kultur, die darauf basiert, dass man die Vielfalt aus der Geschichte nicht mehr wahrnimmt.
Zweiter Punkt: Es muss erlaubt sein, Fragen zu stellen. Eine Tradition, die sich selbst genügt, schliesst die Menschen in einen Käfig ein. Ich finde viele Ansätze in der islamischen Kultur, wo Fragen gestellt wurden. Grosse humanistische Texte, die auch grosse Poesie sind. Oder die Denker aus Andalusien, die mit der jüdischen Philosophie zusammen die Renaissance beeinflussten.
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-266/i.html
.