AW: bistn ossi oder wat?
Hi,
wahrscheinlich ist die Mauer in den Köpfen, von der rebel schon schrieb, vor allem bei Leuten noch da, die aus welchen Gründen auch immer wenig Berührungspunkte mit "dem" Osten haben (geographisch zu weit weg, keine dort lebenden Verwandten, Bekannte o.ä.).Vorurteile? Klar, die gibt's noch - und zwar wechselseitig, schenkt man Soziologen Glauben, die sich darüber seit Jahren lang und breit ausmähren. Halt die üblichen Klischees: hüben Wessi (seit Treuhand-Zeiten teils noch immer unter latentem Großkotz-Verdacht, menschlich oberflächlich, cool, alles Ellbogen-Typen), drüben Ossi (wo's angeblich noch immer hingebungsvoll menschelt, unter beliebigem Etikett wie z.B. "Jammer-Ossi", "Wendehals" oder chronisch Ostalgie-gefährdetem Langzeit-Arbeitslosen). Okay, das ist nun eine sehr polemische Schilderung, aber wie gesagt: derartige Klischees existieren leider nach wie vor, und es wäre wohl auch ziemlich schönfärberisch zu behaupten, dass sich die deutsch-deutschen Unterschiede und Befindlichkeiten binnen 17 Jahren nivelliert hätten. Einerseits...
Andererseits: scheint mir das aus der Froschperspektive des gelebten Alltags alles hauptsächlich ein faszininierendes Soziologen-Problem zu sein - die Jungs müssen ja schließlich auch ihre Forschungsgelder irgendwie zusammen bekommen. Fakt ist, zumindest in der Stadt, in der ich lebe, dass es hier überhaupt keine Rolle spielt, ob jemand "Ossi" oder "Wessi" ist. Warum? Weil diese Stadt, wie so viele andere Orte entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, bis zum Mauerfall in einer Art Dornröschenschlaf versunken war - und von der Wende kräftig profitiert hat.
Es gibt Leute, die das vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Interessen ganz anders sehen, sich beklagen z.B. über Subventionsgelder, mit denen in Mecklenburg-Vorpommern (also direkt vor der Haustür) Gewerbegebiete aus dem Boden gestampft wurden und werden, die flugs von ehemaligen West-Unternehmen besiedelt sind, die der "böse" Osten ziemlich offensiv mit konkurrenzlos hohen Zuschüssen abgeworben hat. Echter Dauerbrenner - aber nur für Wirtschaft + Politik, weniger für Otto Normalverbraucher. Letzterer düst halt ganz pragmatisch zwecks Maloche in den Osten. Lichte Entfernung: so ca. fünf bis zehn Kilometer. Oder dass junge Familien plötzlich des billigeren Baulandes halber gen Osten ziehen, dort Steuern zahlen, aber die Infrastruktur im Westen mit nutzen (Busanbindungen, Schwimmbäder, Bibliotheken etc. pipapo): das ergrimmt auch Manchen. Aber nur klammheimlich. Doch gelegentlich flackert es auf. Dann quellen die Leserbriefspalten der Lokalpresse kurzfristig über, irgendwelche TV-Teams drehen launige Kurzbeiträge fürs regionale Vorabendprogramm - und nach einigen Tagen hat sich alles wieder beruhigt. Deutsch-deutscher Alltag an der früheren DDR-Grenze. Ganz normal.
Glaube mir, Wiebke: Das alles ist völlig wurscht, denn an der "Basis" (hach ja, wie ich dieses Wort liebe) interessiert's - zumindest hier - wirklich keinen Menschen, ob nun einer aus Ossi- oder Wessiland kommt! Und: ich kenne etliche (Ex-)Ossis, die der Arbeit wegen nach Hamburg oder sonstwohin gegangen sind. Sie leben alle noch, fühlen sich wohl, integriert und haben Freunde gefunden. Was will man mehr?
Was die ganzen dusseligen Klischees anbelangt: Im Italienischen gibt es für diese Art beschränkter Denke einen wunderbaren Ausdruck; den liebe ich sehr. "Campanilismo" - Kirchturmdenken. Das ist es, wenn Leute nur bis zur nächsten Kirchturmspitze und nicht darüber hinaus schauen und begreifen (können), dass wir alle - ungeachtet unterschiedlicher Herkünfte, Biographien, Staatsangehörigkeiten, des Aussehens oder wie auch immer - mit unseren menschlichen Bedürfnissen letztlich im gleichen Boot sitzen. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Oder?
Liebe Grüße
anouk