AW: Demokratie?!?
So überspitzt finde ich die Kritik von Pit gar nicht, im Gegenteil er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Er kann das alles viel besser auformulieren wie ich.
Gerade diese Calvinistische Menthalität, welche hier schlichtweg entartet ist, finde ich ganz schrecklich. Ich hab total nichts gegen Selbstverantwortung aber hier ist die Devise einfach nur 'ich, ich, ich'. Ich persönlich glaube nicht, dass jeder immer selber Schuld an einer mislichen Lage ist. Manchmal hat man nämlich einfach Pech. Manchmal braucht man einfach ne Hand, die einen wieder hochzieht und man wieder auf die Beine kommt.
Wie erklärst du dir dann die vielen christlichen Vereine welche ebendiese Hilfestellungen leisten?
Ich denke hier ist der Unterschied zu sehen! In Europa wird der Staat als Verantwortlicher für den Menschen gesehen, in den USA der Mensch selber. Es gibt so viele charitative Vereinigungen dort, das man von einer generellen Ignoranz gegenüber Armut und Pech nicht ausgehen kann. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Das amerikanische deswegen per se als schlechteres hinzustellen finde ich aber verfehlt!
Meine Studienkollegen z.B., da fällt mir ganz extrem auf wie schwer es ist einen Studienkreis für ein bestimmtes Fach zu organisieren. Es wollen zwar Studenten mitmachen und zusammen lernen, aber für die heisst das nichts vom eigenen Material abgeben und zusehen, dass man soviel wie möglich von jemand anderem einheimsen kann.
Das ist doch in Universitäten anderer Länder nicht anders. Auch hier gibt es egoistische und nicht-egoistische Studenten.
Grundrechte:
Eines davon ist für mich z.B. Religionsfreiheit. Damit meine ich auch die Freiheit keine Religion zu haben. Gerade hier in Nevada kann ich aber keinem sagen, dass ich Atheist bin, d.h. man muss schon vorsichtig sein. Man hat mir sogar gesagt, dass wenn ich mich hier an einer Schule bewerben würde, ich das besser für mich behalten soll. Mir ist das auf dem Campus auch schon passiert, dass ich von Studenten in missionarischen Eifer wirklich ganz übel angemacht worden bin.
Das ist eben einfach menschlich! Es ist doch aber so, das du es für dich behalten kannst und dir dadurch kein Nachteil entsteht! Es ist doch nicht anders in Bayern wenn ich in einem Dorf wohne und nicht in die Kirche gehe. Wie groß wird da das Gerede sein. Auch ist es so, das durch die Kirche viel gemeinnütziges organisiert wird. Hält man sich aus jenen Aktivitäten heraus, gliedert man sich automatisch aus dieser Gemeinschaft aus.
Auch die Lokalität ist dabei sehr wichtig. Nehmen wir San Fransisco zum Beispiel, wird die Toleranz und die Akzeptanz anderer, alternativer Lebensweisen eine völlig andere sein als in Salt Lake City oder einer kleinen mormonischen Gemeinde.....ist ja auch ganz normal so und hat gerade mit dieser direkten Demokratie zu tun!
Redefreiheit:
Gibt's meiner Meinung nach genauso wenig wie Pressefreiheit. Gerade die Medien werden hier streng kontrolliert (es gibt einige kleine 'independent' Verlage, Herausgeber, etc. die sind aber schwer zu finden).
Man denke nur an die Nachrichtensender, nach 9/11 als ständig dieser "War on Terror" Spruch über den Bildschirm flimmerte. Bei CNN kam die Weisung von ganz oben, sämtliche Bilder von Opfern in Afghanistan doch bitte mit der Meldung zu versehen, es handele sich hierbei um Menschen, die mit Terroristen in Verband gebracht werden können. Da wurde über die Medien ein ganzes Volk der Gehirnwäsche unterzogen.
Vieles, was nicht ins Bild passt, wird einfach aus den grossen Medien fern gehalten, mundtot gemacht und kann sich nur über kleinere Kanäle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Denk nur mal an das Beispiel des
3.Präsidentschaftskandidaten Nadir, dem jeglicher Auftritt in den grossen Sendern verwehrt wurde.
Schau dir mal Noam Chomsky an, der wird von den grossen Medien komplett ignoriert. Ein Comedien wie Chris Rock bekommt keine Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, weil er politisch nicht korrekt ist. Dabei sagt er nur einfach wie es ist und ist ja nicht mal so, dass er in seine Shows ständig über Rassismus lamentiert.
Im Alltag mit meinen Studienkollegen und in den Vorlesungen merke ich auch, dass manche Themen einfach nicht besprechbar sind.
Diskriminierung, Rassismus, 9/11, Kommunisten, da senken die Leute doch tatsächlich die Stimme, schauen um sich und wechseln dann das Thema. In den Vorlesungen, kann man solche Themen gar nicht ansprechen. Und wehe man sagt was gegen das Amerikanische Militär oder den War on Terror.
Diese Probleme gibt es tatsächlich aber hier vergisst du auch die anderen Extreme zu erwähnen. Pamphlete, welche El Nino als Werk der Regierung sehen. Vereinigungen die aktiv und oder jedwede Zensur die Zentralgewalt der Bundesregierung anprangern können. Unendliche Internetseiten wo, teils relevant, teils völlig abgehoben die Regierung angegriffen, kritisiert und denunziert wird.
Zu deinen Beispielen der "Mehrheitsmacht" gibt es auch immer, regional unterschiedlich in Ausprägung und Wirkung, einen Gegenpol!
Freiheit, Gleichheit etc.
Vor dem Gesetz ist jeder gleich, aber nur in Theorie. Fakt ist, wenn du arm bist und dir keinen gescheiten Anwalt leisten kannst, bist du arm dran. Das also Geld und Reichtum bestimmt, wie leicht du mit Straftaten davon kommst, finde ich nicht sehr demokratisch. Diese Ungleichheit vor dem Gesetz ist hier doch ganz extrem. 3% der Bevölkerung ist hier inhaftiert, davon der Grossteil Afro-Amerikaner, welche aber nur ca. 10% der Bevölkerung sind.
Schau dir mal die Gesetzgebung im Zuge des War on Drugs an, diese '3 times strike' ist geradezu unmenschlich. Das dient nur dazu, die Gefängnisse weiterhin zu füllen und die Sozialhilfe zu ersetzen. Statt den Menschen nämlich Hilfe zu bieten, steckt man sie in den Knast und das sind sie auch versorgt.
Die soziale Mobilität ist in den USA fast niedriger (oder sogar ganz) als in Großbritannien.
Als Afro-Amerikaner oder Hispanic wird man in den USA von vorne bis hinten diskriminiert. Diese Bevölkerungsgruppen haben eine höhere Säuglingssterblichkeit, niedrigere Lebenserwartung und erhalten selbst schlechtere medizinische Behandlungen.
Das ist für mich keine Freiheit und keine Gleichheit.
Alles richtig und auch kritikwürdig, wenn auch nicht in diesem Umfang.
Ich kann dagegenhalten: Affirmative Action! (eigentlich auch eine Diskriminierung, verwehrt sie doch gleichqualifizierten Weißen den Zugang zu einer Arbeit) Auch ist die nicht so generell auf ganz Amerika zu übertragen und hat nichts mit Demokratie ja oder nein zu tun!
Ich weiß, wir kommen hier nicht auf einen Nenner, dennoch sehe ich die USA nicht ganz so schwarz wie du und Pit. Es gibt sehr viele positive Seiten an diesem Land und alles was hier kritisiert wurde hat, für meine Begriffe, nichts damit zu tun, ob dieses Land demokratisch ist oder nicht.
Es ist ebend die Art der Demokratie, die viele Europäer (außer die Schweizer) verstört.
der Skeptiker