AW: Der Kampf um Akzeptanz
Hallo an alle!
Ich weiß gar nicht, wo ich jetzt anfangen soll. Ich schildere euch einfach mal meine Situation.
Seit ein paar Wochen bin ich mit F. zusammen. Wir haben uns im Internet kennengelernt. Und nachdem wir uns einige Male getroffen haben, ist bei mir irgendwann der Funke übergesprungen.

F. ist in Deutschland geboren und lebt hier auch schon immer. Er empfindet Deutschland als seine Heimat. Mit seiner Religion nimmt er es nicht so genau, weswegen ich mir deswegen auch keine Gedanken mache.
Was mir aber zu schaffen macht, sind meine Eltern. Ich habe mich lange nicht getraut ihnen zu sagen, daß mein neuer Freund ein Türke ist. Mein Vater arbeitet bei der Polizei und ist leider nicht ganz unvoreingenommen. Leider bekommt er durch die Arbeit halt nur die negativen Seiten mit. Letzte Woche war es dann so weit. Mein Vater hatte inzwischen anderweitig mitbekommen was Sache ist (mein kleiner Bruder konnte mal wieder die Klappe nicht halten), und hat mich spätabends angerufen (ich wohne ja schon lange nicht mehr zuhause). Er wollte bestätigt wissen, was er eh schon wußte. Und dann ging es los: Ob ich mir das denn wirklich gut überlegt hätte. Und ich müsse immer damit rechnen, daß sich das alles ändern kann. Auch soll ich an unsere zukünftigen Kinder denken. Wie sollen sie erzogen werden? In welchem Glauben. Ein guter Freund wollte mit mir demnächst nach Nürnberg fahren. Er hat das jetzt abgeblasen, weil er keine Lust drauf hat, daß irgendwann ein "3er BMW vor seiner Haustür steht ... die sind doch so eifersüchtig". - Hallohoo???
Ich bin jetzt 27. Und manchmal bin ich zwar wirklich naiv, aber bei der Sache habe ich wirklich ein gutes Gefühl. Ich habe mir das alles wirklich schon gründlich überlegt. Viele Freunde von mir stehen da auch hinter mir. Aber es schockiert mich schon, wie tief diese Vorurteile bei manchen sitzen. Dabei kennen sie F. gar nicht.
Gut, ich bin schon etwas ins Grübeln gekommen. An gemeinsame Kinder habe ich jetzt nach so kurzer Zeit ehrlich gesagt noch keine Gedanken verschwendet. Aber es würde mich schon interessieren, wie denn das so ist, wenn ein Partner Christ und der andere Muslime ist. Wir sind jetzt zwar beide nicht sehr religiös, aber ich weiß auch nicht so recht, was denn da auf mich zukommen würde.
Das ist jetzt alles sehr verwirrend, ich weiß. Ist auch ziemlich viel für mich. Fühle mich stellenweise leicht überfordert. Und dadurch, daß wir noch nicht sehr lange zusammen sind, weiß ich noch nicht so recht, wie weit ich F. löchern kann, ohne ihn zu verletzen.
Die Bemerkungen der anderen machen mich stellenweise fassungslos. Ich bemerke, daß ich stellenweise schon richtig trotzig reagiere.
So, ich danke euch erst mal für's zuhören. Vielleicht ergibt sich ja eine Diskussion.
Liebe Grüße
Stephanie
Hallo Stephanie,
aus gesundheitlichen Gründen, meine Ex-Lebensgefährtin hat nur eine Niere und die andere arbeitet nur zu 80%, wollten wir auch keine Kinder.
Nach 16 Jahren Zusammensein wollte meine Ex unbedingt ein Kind, auch wenn dieses Kind ihr das Leben gekostet hätte.
Wir hatten davor alles besprochen und geeinigt, dass unser Kind zuerst mit beiden religionen, mit beiden Sprachen und mit beiden Kulturen aufwachsen sollte.
2004 kam unser Sohn auf die Welt, mit 6 Monaten, da es zu Komplikationen während der Schwangerschaft kam.
Nach der Geburt war meine Ex noch weitere 3 Monate im Krankenhaus, bei unserem Sohn.
Als sie vom Krankenhaus rauskam war Sie wie jemand, die ich nicht mehr kannte, Sie war total verändert. Sie, die ich liebte und kannte war weg und eine andere Person kam an Ihrer Stelle zurück.
Nichts war wie früher, auf einmal sollte mein Sohn christlich getauft werden.
Man hatte Ihr im Krankenhaus eingetrichtet, dass es nur Probleme mit der zweisprachigen Erziehung gibt.
Mein Sohn sollte nichts von meinem Kultur mitbekommen. Erfeierte Weihnachten mit den Grosseltern, ich kaufte einen Weihnachtsbaum und wir schmückten ihn gemeinsam, ich hielt mich an die Abmachung und wollte dadurch auch ihr zeigen, dass Sie sich nicht fair benimmt.
Je mehr ich zugeständnisse machte, umso mehr fühlte Sie sich betätigt.
Es war nict mehr die Frau, mit der ich 16 Jahre im Einklang beider Kulturen zusammenlebte, früher war Sie sehr gerne bei meinen Eltern, mochte meinen Vater sehr, kochte mit meinen Schwägerinnen türkische Gerichte.
Sie war weg und eine andere kam.
Ich habe mich nun getrennt, da auf einmal Ihre Eltern meine Anwesendheit in Ihrem Haus nicht mehr wünschen. Sie kann jederzeit kommen, mit ihrem Enkelkind ohne mich.
Ich habe mich nun getrennt, meinem Sohn zuliebe.
Ich finde gar nicht die richtigen Worte, um dir zu erklären was ich durchgemacht habe.
Niemand kann es jetzt schon sagen, was die Zukunft bringt.
Ich hätte auch niemals gedacht, dass es soweit kommen wird, da wir ja zuvor alles besprochen hatten.
Dass Ihre Eltern dabei eine grosse Rolle gespielt haben weiss ich, wollten quasi das einzige männliche Enkelkind nach ihren Vorstellungen erziehen.
Man muss schon eine wirklich gefestigte, tolerante Weltanschauung und eine starke Persönlichkeit haben um gegen die gesellschaftlichen Einflüsse anzukämpfen. Ja es ist ein Kampf und wir haben ihn verloren.
Ich sage bewusst, da ich mich getrennt habe. Traurig aber wahr. Ich habe es versucht.
Ich muss noch eins sagen, meine Familie ist eine traditionsbewusste Familie mit einem überdurchschnittlich hohen Tolrenzgefühl, von daher mache ich mir keine Vorwürfe und bin mir sicher mein Sohn wird dies irgenwann mal erkennen und zu mir zurückkommen.
Dies soll aber nicht bedeuten, ihr habt keine Chance, denn, so dachte ich, wer eine Chance gehabt hätte, so waren wir es.
Grüsse