G
Genevieve
Guest
AW: Die Oper: Hat sie eine Daseinsberechtigung?
ja, türkische opern gibt es und zwar eine ganze menge. ebenso wie ballette.
ein bisschen zur oper westlicher prägung in der türkei:
(...) Als erster Schritt kann die von Sultan Mahmut II vorgenommene Umstrukturierung der traditionellen Janitscharen- Kapellen zu einem europäischen Militärblasorchester im Jahre 1826 gelten. Die Durchführung dieser Aufgabe oblag dem Italiener Guiseppe Donizetti, einem Bruder des bekannten Opernkomponisten, der nach seiner Ernennung zum Hofkapellmeister überdies ein Streichorchester sowie eine Musikschule nach europäischem Vorbild gründete. Impulse erfuhr die europäische Klassik bei Hofe ebenfalls durch die Besuche der großen Virtuosen Franz Liszt 1847 und dem Geiger Henri Vieuxtemps 1848. Türkische Musiker wurden ins Ausland gesandt, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen.
Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts schwappte die Begeisterung für westliche Musik zunehmend auf das Volk über. Dank der Tourneen italienischer Formationen durch die Städte der Westküste verzeichnete die Oper eine rasch anwachsende Popularität- Verdis Werke waren in der Regel spätestens drei Jahre nach der Premiere auch auf türkischen Bühnen zu erleben. (...)
atatürk, der selbst ein grosser musikliebhaber war, forcierte die entwicklung des westlichen musiklebens in der türkei.
(...)
für die Entwicklung der klassischen Musik bedeutete, wird in einem Interview aus dem Jahr 1930 auf den Punkt gebracht. Auf die Äußerung des deutschen Journalisten Emil Ludwig, die europäische Kunstmusik habe hunderte von Jahren benötigt, um ihr heutiges Niveau zu erreichen, entgegnete Atatürk schlicht: „Ich sehe, wir sind in Zeitnot.“ Statt bloßer Adaption wollte der leidenschaftliche Musikliebhaber durch die Verknüpfung der traditionellen Folklore Anatoliens mit der westlichen Kunstmusik die Entwicklung einer eigenständigen musikalischen Nationalsprache forcieren. Um auch auf internationalem Parkett zu bestehen, erschien es daher unabdingbar, die Ausbildung an westliche Standards anzupassen
1924 wurde das erste Institut zur Ausbildung von Musiklehrern an allgemein bildenden Schulen gegründet. 1926 nahm das Konservatorium von Istanbul seine Arbeit auf und junge Musiker, die sich in den ein Jahr zuvor erstmals abgehaltenen staatlichen Musikwettbewerben qualifiziert hatten, wurden zu Auslandsstudien entsandt. Um den ersten Klangkörper im westlichen Stil als festen Bestandteil des kulturellen Lebens in der jungen Republik zu installieren, machte die neue Regierung 1938 aus der Not eine Tugend und überführte das noch von Donizetti gegründete Orchester des Sultans in die neue Hauptstadt Ankara, wo es seitdem unter dem Namen Präsidentiales Sinfonieorchester seinen Sitz hat.
Mit der Gründung der Staatsoper Ankara im Jahre 1939 wurde von Staatswegen aus auch die Etablierung des westlichen Musiktheaters in die Wege geleitet. (...)
bereits 1936 lag eine komposition der ersten türkischen nationaloper vor.
(...) Der schnelle Aufschwung, den die europäische Kunstmusik in den ersten beiden Jahrzehnten der jungen Nation genommen hat, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass die Türkei während des Zweiten Weltkrieges ihre außenpolitische Neutralität gewahrt hat. Die Zahl der deutschen und österreichischen Immigranten, die vor dem Hitler- Regime zwischen 1933 und 1945 in die Türkei geflüchtet waren, beläuft sich auf rund 800 Personen. Die Regierung Atatürk hat bei der Aufnahme der Flüchtlinge gezielt um qualifizierte Kräfte aus Kunst und Wissenschaft geworben. Das Erziehungsministerium sicherte jedem, der sich in der Lage fühlte, binnen kurzer Zeit auseichend Türkisch zu lernen, um Lehrwerke zu verfassen, einen Fünfjahresvertrag sowie ein Gehalt von umgerechnet 500 Euro monatlich zu.
Auch Paul Hindemith hatte vorübergehend eine neue Heimat in der Türkei gefunden und 1935 die Aufgabe erhalten, die musikalischen Ausbildungsstätten vorhandenen musikalischen Ausbildungsinstitute umfassenden Umstrukturierungsmaßnahmen zu unterziehen. In dem unter dem Namen „Hindemith Code“ bekannt gewordenen Bericht empfahl der Komponist ein Konservatoriumsmodell nach französischem Vorbild. Das bedeutete die Aufteilung des Institutes in sechs Fachbereiche, im einzelnen Musiktheorie/Komposition, Klavier- und Klavierkammermusik, übrige Orchesterinstrumente, Gesang, Hochschulorchester und -chor sowie einer pädagogischen Abteilung. Hindemith selbst übernahm den Vorsitz der ersten Aufnahmeprüfungskommission für Komposition, mit der am 6. Mai 1936 das Staatliche Konservatorium Ankara als Paradepferd westlicher Musikausbildung offiziell eröffnet wurde. In den ersten Jahren waren eine Menge ausländischer Fachkräfte am Institut tätig, dem zudem auf Hindemiths Anraten auch ein Folklorearchiv angliedert wurde. Zwischen 1937 und 1952 wurden regelmäßig Teams in alle Regionen der Türkei entsendet, um Volksmusik in Noten- und Tondokumenten zu sammeln. Die hierfür notwendigen Techniken hatten niemand geringeres als Bela Bartok in einer Reihe von Vorträgen vermittelt. (...)
schaut man sich heute die spielpläne türkischer opernhäuser an, beträgt die relation etwa 70% westliche opern und 30% türkische opern. bei letzterem handelt es sich um hochkarätige werke, in denen die von atatürk angestrebte symbiose der westlichen kunstmusik mit türkischen klängen vortrefflich zur geltung kommt. leider werden diese werke nie im ausland aufgeführt.
die grössten "hits" beim türkischen publikum, bezogen auf die ausländischen komponisten, sind mozart, verdi und puccini. vorklassisches und avantgardistisches fehlt in den spielplänen. bei ersteren zieht das publikum nicht mit, für die beschaffung der materialien zeitgenössischer klänge fehlt das geld.
wer sich über die klassik in der türkei in all ihren facetten informieren mag, dem sei das buch "music makers in turkey" ans herz gelegt- leider nur antiquarisch erhältlich.
"türkisches" hat aber auch schon in der klassik die fazination der komponisten und librettisten geweckt. hier seien mozart und cannabich genannt.
wichtiger hinweis: die blauen passagen entstammen samt und sonders dem von mir im juni 2007 verfassten artikel "von den janitscharen zum symphonieorchester- klassische musik westlicher prägung in der türkei". auszüge, kopien und zitate sind ohne meine vorherige zustimmung nicht gestattet.
wer an weiteren informationen zum musikleben in der türkei interessiert ist, darf mir gerne eine pn schicken. dann gibts den link zu meiner homepage, wo einige artikel aus meiner feder im pdf-format vorliegen- die sammlung wird nach und nach ergänzt, noch ist nicht alles erschienen.
generell zur oper: das ist eine gattung, die man sich schritt für schritt erarbeiten muss. am besten wendet man sich zum herantasten an eingefleischte liebhaber. denn wenn man zum ersten mal in der falschen oper landet, kann man es sich fürs leben versauen. garantierte abtörner sind zum beispiel wagners opern, auch richard strauss ist keine leichte kost (zu meinen zeiten im orchestergraben war es auch immer eine tortur für mich, den kram zu spielen8)).
oft kommt hinzu, dass die qualität der libretti äußerst dürftig ist und vor an den haaren herbeigezogenen stories nur so trieft. als positive ausnahme wäre verdis "la traviata" zu nennen, der stoff ist in der literatur als dumas' "Kameliendame" ein begriff. da muss also die musik für sich selber sprechen.
aber wie lernt man die lieben? ich finde, es reicht nicht, zu sagen "such dir für den anfang eine kurze oper aus". salome von strauss dauert gerade mal 1,5h und ist trotzdem schwer verdaulich.
wer sich also gar nicht auskennt, dem empfehle ich erst mal eine operette, so blöd das klingen mag. die operette wird meiner meinung nämlich unglaublich unterschätzt. hier gehts nicht dramatisch- düster zu, sondern es darf und muss gelacht werden. viele melodien haben ohrwurmqualität und so kann sich die klassische musik von selbst in herzen und ohren schleichen.
oft gespielter einstiegsklassiker ist die "fledermaus"- für mich hat das ding kultstatus. was ich aber noch viel toller finde, sind die operetten von jaques offenbach. hier fällt mir als erstes "orpheus in der unterwelt" ein- damit hatte im alter von 10 jahren meine liebe zum musiktheater begonnen.
ich weiß nicht, wie viele jahre ich davon geträumt habe, dass ein mann zu mir sagt "madame, kommen sie mit mir in die unterwelt":lol:
I
Um aber wieder den Bezug zu Turkish-Talk herzustellen: ich habe leider noch nie eine türkische Oper oder auch nur eine in türkisch gesungene Übersetzung besucht. Gibt es das überhaupt. Ich muss mal Googlen.
ja, türkische opern gibt es und zwar eine ganze menge. ebenso wie ballette.
ein bisschen zur oper westlicher prägung in der türkei:
(...) Als erster Schritt kann die von Sultan Mahmut II vorgenommene Umstrukturierung der traditionellen Janitscharen- Kapellen zu einem europäischen Militärblasorchester im Jahre 1826 gelten. Die Durchführung dieser Aufgabe oblag dem Italiener Guiseppe Donizetti, einem Bruder des bekannten Opernkomponisten, der nach seiner Ernennung zum Hofkapellmeister überdies ein Streichorchester sowie eine Musikschule nach europäischem Vorbild gründete. Impulse erfuhr die europäische Klassik bei Hofe ebenfalls durch die Besuche der großen Virtuosen Franz Liszt 1847 und dem Geiger Henri Vieuxtemps 1848. Türkische Musiker wurden ins Ausland gesandt, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen.
Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts schwappte die Begeisterung für westliche Musik zunehmend auf das Volk über. Dank der Tourneen italienischer Formationen durch die Städte der Westküste verzeichnete die Oper eine rasch anwachsende Popularität- Verdis Werke waren in der Regel spätestens drei Jahre nach der Premiere auch auf türkischen Bühnen zu erleben. (...)
atatürk, der selbst ein grosser musikliebhaber war, forcierte die entwicklung des westlichen musiklebens in der türkei.
(...)
für die Entwicklung der klassischen Musik bedeutete, wird in einem Interview aus dem Jahr 1930 auf den Punkt gebracht. Auf die Äußerung des deutschen Journalisten Emil Ludwig, die europäische Kunstmusik habe hunderte von Jahren benötigt, um ihr heutiges Niveau zu erreichen, entgegnete Atatürk schlicht: „Ich sehe, wir sind in Zeitnot.“ Statt bloßer Adaption wollte der leidenschaftliche Musikliebhaber durch die Verknüpfung der traditionellen Folklore Anatoliens mit der westlichen Kunstmusik die Entwicklung einer eigenständigen musikalischen Nationalsprache forcieren. Um auch auf internationalem Parkett zu bestehen, erschien es daher unabdingbar, die Ausbildung an westliche Standards anzupassen
1924 wurde das erste Institut zur Ausbildung von Musiklehrern an allgemein bildenden Schulen gegründet. 1926 nahm das Konservatorium von Istanbul seine Arbeit auf und junge Musiker, die sich in den ein Jahr zuvor erstmals abgehaltenen staatlichen Musikwettbewerben qualifiziert hatten, wurden zu Auslandsstudien entsandt. Um den ersten Klangkörper im westlichen Stil als festen Bestandteil des kulturellen Lebens in der jungen Republik zu installieren, machte die neue Regierung 1938 aus der Not eine Tugend und überführte das noch von Donizetti gegründete Orchester des Sultans in die neue Hauptstadt Ankara, wo es seitdem unter dem Namen Präsidentiales Sinfonieorchester seinen Sitz hat.
Mit der Gründung der Staatsoper Ankara im Jahre 1939 wurde von Staatswegen aus auch die Etablierung des westlichen Musiktheaters in die Wege geleitet. (...)
bereits 1936 lag eine komposition der ersten türkischen nationaloper vor.
(...) Der schnelle Aufschwung, den die europäische Kunstmusik in den ersten beiden Jahrzehnten der jungen Nation genommen hat, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass die Türkei während des Zweiten Weltkrieges ihre außenpolitische Neutralität gewahrt hat. Die Zahl der deutschen und österreichischen Immigranten, die vor dem Hitler- Regime zwischen 1933 und 1945 in die Türkei geflüchtet waren, beläuft sich auf rund 800 Personen. Die Regierung Atatürk hat bei der Aufnahme der Flüchtlinge gezielt um qualifizierte Kräfte aus Kunst und Wissenschaft geworben. Das Erziehungsministerium sicherte jedem, der sich in der Lage fühlte, binnen kurzer Zeit auseichend Türkisch zu lernen, um Lehrwerke zu verfassen, einen Fünfjahresvertrag sowie ein Gehalt von umgerechnet 500 Euro monatlich zu.
Auch Paul Hindemith hatte vorübergehend eine neue Heimat in der Türkei gefunden und 1935 die Aufgabe erhalten, die musikalischen Ausbildungsstätten vorhandenen musikalischen Ausbildungsinstitute umfassenden Umstrukturierungsmaßnahmen zu unterziehen. In dem unter dem Namen „Hindemith Code“ bekannt gewordenen Bericht empfahl der Komponist ein Konservatoriumsmodell nach französischem Vorbild. Das bedeutete die Aufteilung des Institutes in sechs Fachbereiche, im einzelnen Musiktheorie/Komposition, Klavier- und Klavierkammermusik, übrige Orchesterinstrumente, Gesang, Hochschulorchester und -chor sowie einer pädagogischen Abteilung. Hindemith selbst übernahm den Vorsitz der ersten Aufnahmeprüfungskommission für Komposition, mit der am 6. Mai 1936 das Staatliche Konservatorium Ankara als Paradepferd westlicher Musikausbildung offiziell eröffnet wurde. In den ersten Jahren waren eine Menge ausländischer Fachkräfte am Institut tätig, dem zudem auf Hindemiths Anraten auch ein Folklorearchiv angliedert wurde. Zwischen 1937 und 1952 wurden regelmäßig Teams in alle Regionen der Türkei entsendet, um Volksmusik in Noten- und Tondokumenten zu sammeln. Die hierfür notwendigen Techniken hatten niemand geringeres als Bela Bartok in einer Reihe von Vorträgen vermittelt. (...)
schaut man sich heute die spielpläne türkischer opernhäuser an, beträgt die relation etwa 70% westliche opern und 30% türkische opern. bei letzterem handelt es sich um hochkarätige werke, in denen die von atatürk angestrebte symbiose der westlichen kunstmusik mit türkischen klängen vortrefflich zur geltung kommt. leider werden diese werke nie im ausland aufgeführt.
die grössten "hits" beim türkischen publikum, bezogen auf die ausländischen komponisten, sind mozart, verdi und puccini. vorklassisches und avantgardistisches fehlt in den spielplänen. bei ersteren zieht das publikum nicht mit, für die beschaffung der materialien zeitgenössischer klänge fehlt das geld.
wer sich über die klassik in der türkei in all ihren facetten informieren mag, dem sei das buch "music makers in turkey" ans herz gelegt- leider nur antiquarisch erhältlich.
"türkisches" hat aber auch schon in der klassik die fazination der komponisten und librettisten geweckt. hier seien mozart und cannabich genannt.
wichtiger hinweis: die blauen passagen entstammen samt und sonders dem von mir im juni 2007 verfassten artikel "von den janitscharen zum symphonieorchester- klassische musik westlicher prägung in der türkei". auszüge, kopien und zitate sind ohne meine vorherige zustimmung nicht gestattet.
wer an weiteren informationen zum musikleben in der türkei interessiert ist, darf mir gerne eine pn schicken. dann gibts den link zu meiner homepage, wo einige artikel aus meiner feder im pdf-format vorliegen- die sammlung wird nach und nach ergänzt, noch ist nicht alles erschienen.
generell zur oper: das ist eine gattung, die man sich schritt für schritt erarbeiten muss. am besten wendet man sich zum herantasten an eingefleischte liebhaber. denn wenn man zum ersten mal in der falschen oper landet, kann man es sich fürs leben versauen. garantierte abtörner sind zum beispiel wagners opern, auch richard strauss ist keine leichte kost (zu meinen zeiten im orchestergraben war es auch immer eine tortur für mich, den kram zu spielen8)).
oft kommt hinzu, dass die qualität der libretti äußerst dürftig ist und vor an den haaren herbeigezogenen stories nur so trieft. als positive ausnahme wäre verdis "la traviata" zu nennen, der stoff ist in der literatur als dumas' "Kameliendame" ein begriff. da muss also die musik für sich selber sprechen.
aber wie lernt man die lieben? ich finde, es reicht nicht, zu sagen "such dir für den anfang eine kurze oper aus". salome von strauss dauert gerade mal 1,5h und ist trotzdem schwer verdaulich.
wer sich also gar nicht auskennt, dem empfehle ich erst mal eine operette, so blöd das klingen mag. die operette wird meiner meinung nämlich unglaublich unterschätzt. hier gehts nicht dramatisch- düster zu, sondern es darf und muss gelacht werden. viele melodien haben ohrwurmqualität und so kann sich die klassische musik von selbst in herzen und ohren schleichen.
oft gespielter einstiegsklassiker ist die "fledermaus"- für mich hat das ding kultstatus. was ich aber noch viel toller finde, sind die operetten von jaques offenbach. hier fällt mir als erstes "orpheus in der unterwelt" ein- damit hatte im alter von 10 jahren meine liebe zum musiktheater begonnen.
ich weiß nicht, wie viele jahre ich davon geträumt habe, dass ein mann zu mir sagt "madame, kommen sie mit mir in die unterwelt":lol: