AW: Flohmarkt
bonjour
also, ich stellte die Frage, weil ich kürzlich mit Esra, seit über 20 Jahren meine türkische Kollegin, und damit die Frau mit welcher ich neben meiner Frau die meiste Zeit in meinem Leben verbracht habe, sprach, und sie erwähnte beiläufig, dass ihre Tochter, eine Überfliegerin, die dieses Jahr voraussichtlich ein berauschendes Abi machen wird, von bescheidenen Anbietern absolut gar nichts annehmen will :x
ich war sowieso anders erzogen: bei uns hatte man immer Interesse für alte Sachen. warum? die Leuten wussten vor 100 Jahren und mehr einfach besser, was schön ist pinocchio
und dann sind wir "flexibel" gewesen, daß heißt wir sind in eine ganz andere Region gezogen, wo keiner auf unsere Kinder aufpassen konnte. keine Oma, kein Opa. und Kindergartenplätze gab es erst ab 4 1/2 Jahren frühestens. so bleib meine Frau weit nach dem Mutterschaftsurlaub zu hause, um die Kinder zu betreuen. und Geld gab es dadurch nie zu viel. also verdientete sie sich ein Einkommen durch Billigkaufen. wenn man Zeit hat, eine durchaus attraktive wirtschaftliche Lösung, wenn einer verdient.
so kauften wir immer sehr viel in türkischen Läden und auf türkischen Ständen.
deshalb war ich total paf von Esra zu hören, daß Türken selbst ablehnen das zu tun, was ich seit Jahrzehnten als regelrechte Überlebenstaktik mache... dadurch leben wir im absoluten Wohlstand, und sonst würden wir sehr beengt leben.
(und sie, sie liefern uns die meisten Händler...)
ausserdem macht es ein Riesenspaß. wer hat den zu Hause so ein schönes Buch:
http://www.galeriedulivre.com/boutique/fiche_produit.cfm?ref=ant16&type=37&code_lg=lg_fr&num=0
so sieht es wirklich aus. in Latein, (Alt)Französisch und Griechisch gedruckt in 2 Farben, mehr als 300 Jahren alt.
dieses Exemplar auf dem Bild ist eine spätere Ausgabe. mein Exemplar ist 50 Jahre älter.
meine Frau sammelt Tortenplatten. sie hat mehrere Hundert davon, manchmal so schön wie diese (dieses Muster hat sie auch), aber, natürlich, nicht alle:
http://cgi.ebay.de/schoene-Jugendst...Stil?hash=item2ea7268fcc&_trksid=p3286.c0.m14
(Seite nach unten rollen um die Details zu sehen!)
warum Tortenplatten?
weil sie so schön sind, und weil man sie relativ leicht derart sammeln kann, daß man sie täglich sieht und diesen Genuß hat: sie hängen im Wohnzimmer an 2 Wänden, die voll davon sind, und im Treppenhaus bis oben unter dem Dach :lol:
so sehen wir sie immer, und das ist ein toller Anblick. genauso sind alle Hängelampen alt ausser Bad und Küche.
mal nahmen wir vom Flohmarkt einen sehr preiswerten, nicht sagenden Schränkchen mit einer komischen Grösse mit:
es war wahrhaftig ein seltener Musikalienschrank, abgestimmt auf der Sondergrösse von Musiknoten. nur gab es ursprünglich einen Notenpult drauf
natürlich leben wir selbst inzwischen in einer echten Flohmarktumgebung. meine Bibliothek war ein Apothekenschrank oder eher -Regal :idea: : exakt 5 cm kleiner rund herum als die grösste Wand des Musikzimmers und Bibliothek, wo die Partner-Schreibtische stehen. sogar die Apothekenleiter habe ich auch...
in dem Raum gibt es neben dem Klavier, ein "Ukraina" mit Wasserschaden, hat nur 1500 DM neu damals gekostet (nicht am Flohmarkt aber beinahe), auch den Cello, und unten im Regal Querflöte, Klarinetten, Oboen, Oboe d'Amore, Englisch Horn, engl. Übungs-Pipes, Mandoline, meine Übungsgeige und ein diatonisches Handharmonika ...
die Bücher sind sortiert zu diesem anachronischem Sammelsurium (viele Noten, grosse Lexika aus der ganzen Welt, davon ein grosses 3-bändiges türkisches Lexikon mit ziemlich exakt den Wörterbestand des damaligen Sachs-Villate auf franz., der als Vorlage diente), Musikbücher von den Schönsten. die CD's auch. rund 200 Mozart's CD's, fast so viele von Beethoven, und Bach, viele von Vivaldi, mein Lieblingkomponist. da sind die 40 jiddische und Klezmer-CD's von der Menge her gesehen sehr bescheiden, aber die höre ich am meisten und am liebsten. manchmal höre ich aber auch die himmlichen Kantaten von Bach (64 CD's). und ein Grammophon aus Russland.
in jedem anderen Zimmer ist es ähnlich, wenn auch nicht so extrem.
im Schlafzimmer, wo wir und unsere Katzen schlafen, steht heute der Clavichord (das Harmonium wurde erst vorgestern von der Arbeiterwohlfahrt abgeholt ;-) ) . auf dem Schrank ist die Geige, und das Erhu (chinesische Kniegeige, ungefähr wie die türkische Kniegeige vom Grundprinzip her, nur im Detail völlig anders: der Bogen ist zwischen beide Saiten und wird in Flageolet-Stil gespielt), neben einem Fagott, meins. im Schrank steht hinter den Kleidern eine zweite, sehr grobe Erhu, ein totaler Fehlkauf, diese, nur Deco-würdig ... Die eine Frisierkommode ist von der Oma meiner Frau, nicht vom Flohmarkt, haben wir später gekriegt, als sie starb.
was findet man in dem Haus, was man sonst nirgends wo findet? (Klein)webstuhl und Spinnrad (sehr gut laufend!), und eine "Kinderwelt": sie bekamen alles, was Begabungen wecken könnte: 30 oder 40 kg Trix-Baukasten, mit welchem man Maschinen ähnliche Objekte schrauben kann, Dampfmaschine, Mikroskope und Mikroskopierlupen mit Standardoptik (jedes Kind hatte seins von beiden, damit es kein Streit gibt!) mit Phasenkontrast, Köhlerschen-Beleuchtung, auch mit Quetsilberlampen, die ich diese, Angst habe, einzuschalten (Quecksilberdämpfe ist giftig und kaum zu entsorgen), und Interferenzkontrast (da nur 1 je davon für alle) und Mikrotom, Fernrohr, und Teleskopspiegel-Bauanleitung, Anleitung zum Bau von Flötenorgel, Cembalo, etc.
weitere Musikinstrumente: Gitare, Saxophone, Fagotte, Spinett, Blockflöten von sopranino bis tenor, Kinderklarinette, unzählige höherwertige Gesellschaftsspiele, wie Go mit echten feinst polierten Steinen, oder Schach mit wunderschönen Figuren, und andere Brettspiele, die heute kaum jemand noch kennt, obwohl sie traditionsreich sind.
http://cgi.ebay.de/NAIN-JAUNE-ANCIE...uetsAnciens_JouetsAnciens?hash=item4149a72342
http://cgi.ebay.de/Hochwertiges-Poc...iele?hash=item20abfbbc38&_trksid=p3286.c0.m14
(beide sind sehr ähnlich: französische, belgische Version, und deutsche Version)
natürlich wissen wir genau, wie das alles funktioniert, auch wenn wir nicht in allen Sachen virtuos sind: die Zusammenhänge sind absolut bekannt und klar! andere Jugendliche kennen nicht mal die Existenz davon.
also, ich empfinde Flohmarktkäufe und flohmarkähnliche Käufe als absolute Bereicherung des Lebens.
bringt es was? aber ja! ein einziges Beispiel: das Ukraina-Klavier hat mir einen bösen 2-seitigen Brief des Klavierstimmers gebracht ... aber immerhin, ein Jahrzehnt später eine
Abschlußprüfung, höher gibt's nichts, als nichts Pianist, mit der Note 1,0 in Klavier als Pflichtfach an einer der allergrößten und bekanntesten Musikhochschulen der Welt... erkämpft an einem Klavier, der nie von einem Klavierstimmer gestimmt wurde! wenn der Klavierstimmer wüsste, wie er sich da blamiert hat.
die Tochter von Esra erwägt auch Musik zu studieren. hatte aber bislang kein Klavier, obwohl es Pflicht ist. es bedeutet nach dem Abi ein Jahr dran hängen, allein um die Aufnahmeprüfung in Klavier vorzubereiten und vielleicht dran scheitern. ein ganzes Jahr! von wegen Zeitverlust... in dem Alter hatte unsere Tochter erste Preise bei "Jugend musiziert" in Klavierbegleitung. hum, bei solchen Ansprüchen. alles neu und vom feinsten. ok! aber das kostet doch ein Vermögen. und am Schluß man bekommt es nie und das bleibt also Wunschtraum...
ich finde Flohmarkt toll:
mar hat recht mit ihrer Definition als Zeitmaschine
es ist aber auch eine genauso Kultur- und Ort-Maschine.
salut