O
Ottoman
Guest
Einst hatte ich einen Beitrag reingestellt gehabt, der leider durch ein Datenbankproblem verschwunden ist. Zufällig habe ich eine Sicherungskopie gefunden. So erlebt mein Beitrag eine zweite Geburt:
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Ich habe den Titel etwas modifiziert. Jedenfalls habe ich es in dieser Form zuvor nicht zu hören bekommen. Von wohlgesonnenen Deutschen doch schon: "Türken sind auch nur Menschen". Diese Bestätigung war manchmal ganz gut, wie ich meine, aber eigentlich sehr überflüssig.
Habe ich euch mal erzählt, dass ich tatsächlich deutsche Verwandte habe- Über einige Ecken. Sie lebt in der Türkei und stammt aus Köln. Egal, tut auch nicht zur Sache.
Ich kam mit etwa 5 Jahren nach Deutschland. Ursprünglich wollte mein Vater nach Kanada als Lumberjack. Keine Ahnung was ihn da geritten hat, immerhin hatte er eine gute Ausbildung mit Super Referenzen, bzw. Vitamin B. Er ist eben immer ein Abenteurer gewesen. Es war damals der Vorschlag meines Opas ihn nach Deutschland zu schicken, er hatte nämlich andere Dinge im Kopf als sich auf seine Arbeit zu fokussieren. Mein Großvater hat Ende der 30-iger als Dozent an der Uni Berlin gearbeitet und war gleichzeitig deutscher Offizier (zumindest trug er eine deutsche Uniform) und hatte somit gute Kontakte auf verschiedenen Ebenen.
Mein Vater fing bei der Firma Linde als Kältetechniker an. Dort arbeitete er einige Jahre, bevor er wieder in die Türkei zurückging. Die genau Reihenfolge habe ich nicht mehr im Kopf.
Die ersten 20 Jahre hatte ich kaum Kontakt zu meinen Landsleuten. Wir hatten auch in der Familie keinen Kontakt zu anderen Türken. Laut meiner Mutter gab es keine mit denen sie sich eine Freundschaft hätte vorstellen können. Außerdem war es ihr recht, somit waren wir gezwungen Deutsch zu lernen, zu sprechen. Mein Freundeskreis bestand hauptsächlich aus Germanen (ohne Keule) :-D, aus Deutschen: Thorsten und Christian, dann noch der Oliver und Jürgen. Es gab nie Probleme oder blöde Witze. Ich kann mich aber erinnern, wie mich während eines Spiels - wir spielten Feldhockey - einer beleidigte. Ich glaube er sagte: "Dummer Türke", oder so etwas. Ich war 12, er etwa 16/17 damals. Andreas heißt der nette Nachbar. Der ältere Bruder von Thorsten (Steffan) schritt ein und regte sich sehr über ihn auf. Ich weiß noch genau, wie heftig es mich traf. Es ist ein Unterschied, ob ich als Türke in der Türkei von jemanden als scheiß Türke beschimpft werde - da würde ich vermutlich nicht bemitleidend dreinschauen - oder in Deutschland von einem, der zu den "Normalen" gehört. Es erinnert mich an einen Club wo man beschränkten Zugang hat. Sich von der Mehrheit verstoßen zu fühlen ist ein Gefühl was man schwer beschreiben kann. Je mehr man sich vom Durchschnitt der Gesellschaft unterschiedet - sei es durch Kleidung, Haarfarbe, Hautfarbe, Sprache/ Akzent,... - desto schwieriger hat man es aufgenommen zu werden. In der Grundschule hatte ich zumindest großes Glück mit meinen Klassenkameraden und Kameradinnen :wink: Leider mußte ich eine Klasse wiederholen; Das war in der Zweiten. In der ersten Klasse konnte ich kein Wort Deutsch. War vorher leider in keinem Kindergarten gewesen.
In meinem Leben gab es zum Glück nicht all zu viele ausländerfeindliche Erlebnisse. Mein Großcousin, wohnhaft in Berlin, hat da andere Erfahrungen gemacht. Es beschränkte sich bei mir darauf, dass mich drei Jungs verprügeln wollten - Oliver und meine Schwester, beide blond, wurden in Ruhe gelassen. Man hatte sich auf mich konzentriert... man fing an sich über mich lustig zu machen, über meine Nation usw. dann hieß es: "Schlagen wir ihn zusammen", bin bisher nur einmal in meinem Leben weggerannt. Mit 17 war ich das erste Mal in einer Discothek.
Das besondere daran: Deutsche zahlten 4 DM, Ausländer 8 DM. Einmal fragte ich den Besitzer weshalb er unterschiedliche Preise verlangt. Sein Antwort:" Das hier ist eigentlich ein Tanzclub, in diesem Tanzclub sind alle Mitglieder Deutsche...". Es war wohl so ein Bonus an Deutsche, keine Ahnung. Man war froh, wenn man als Schwarzkopf überhaupt in eine Disco kam. Übrigens zahlte ich für den Eintritt immer "nur" 6 DM.
Großartig integrieren mußten wir uns nicht, wir kamen schon integriert hierher :razz:. Ich sah nie große Unterschiede zu meiner Familie in der Türkei und den hier lebenden Deutschen.
Mein Freundeskreis besteht derzeit aus 90% Deutschen, dennoch fühle ich mich nicht wirklich eins mit dieser Gesellschaft. Ich habe das Gefühl geduldet, aber nicht wirklich aufgenommen worden zu sein. Das beziehe ich nun nicht unbedingt auf mich. Das wirklich eigenartige daran, in den USA habe ich mich innerhalb von einem halben Jahr als Amerikaner gefühlt. Ich fühlte mich wirklich zu Hause und sprach sogar einmal von unserem Präsidente :roll:. Das Gefühl ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, wird wohl der Grund gewesen sein. Keine Probleme vor der Disco. Ganz im Gegenteil, die Menschen fragten mich woher ich komme, stellten Fragen, waren interessiert.
Türkische Jugendliche: geboren in Deutschland ohne Deutscher zu sein/ jemals sein zu können, aber auch nicht wirklich ein Türke. Man ist in einem Land zur Welt gekommen, ohne es sich aussuchen zu können, ohne wirklich ein Teil davon zu sein. Ich verstehe beide Seiten sehr gut. Es ist ein sehr komplexes Thema. Manchmal wirken Deutsche so überheblich... komm Kunta Kinte, jetzt kannst Du endlich in einer Zivilisation leben. Wir Deutsche führen euch, es lebe die leitende Kultur. Welche Vorstellungen Deutsche immer noch bzgl. der Türkei haben ist manchmal unglaublich, erschreckend. Das erinnert mich manchmal an die Ignoranz, der Überheblichkeit und Unwissenheit der Amerikaner die sie gegenüber anderen Ländern zeigen. Kein Wunder, wenn junge Türken krampfhaft nach ihrer eigenen Identität suchen und es in überzogener Form wieder hochkommt. Wir Türken sind die besten, die Stärksten und überhaupt... Das erinnert mich an ein Kind, dass sich immer wieder sagt: "ich habe keine Angst vor der Dunkelheit, ich habe keine Angst vor der Dunkelheit".
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Was ich persönlich traurig finde. Wir sind entweder Türken, oder Deutsche mit Migrationshintergrund.
Deutsche werden wir wohl nie werden, selbst wenn wir es und mit ganzem Herzen wünschen würden.
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Ich habe den Titel etwas modifiziert. Jedenfalls habe ich es in dieser Form zuvor nicht zu hören bekommen. Von wohlgesonnenen Deutschen doch schon: "Türken sind auch nur Menschen". Diese Bestätigung war manchmal ganz gut, wie ich meine, aber eigentlich sehr überflüssig.
Habe ich euch mal erzählt, dass ich tatsächlich deutsche Verwandte habe- Über einige Ecken. Sie lebt in der Türkei und stammt aus Köln. Egal, tut auch nicht zur Sache.
Ich kam mit etwa 5 Jahren nach Deutschland. Ursprünglich wollte mein Vater nach Kanada als Lumberjack. Keine Ahnung was ihn da geritten hat, immerhin hatte er eine gute Ausbildung mit Super Referenzen, bzw. Vitamin B. Er ist eben immer ein Abenteurer gewesen. Es war damals der Vorschlag meines Opas ihn nach Deutschland zu schicken, er hatte nämlich andere Dinge im Kopf als sich auf seine Arbeit zu fokussieren. Mein Großvater hat Ende der 30-iger als Dozent an der Uni Berlin gearbeitet und war gleichzeitig deutscher Offizier (zumindest trug er eine deutsche Uniform) und hatte somit gute Kontakte auf verschiedenen Ebenen.
Mein Vater fing bei der Firma Linde als Kältetechniker an. Dort arbeitete er einige Jahre, bevor er wieder in die Türkei zurückging. Die genau Reihenfolge habe ich nicht mehr im Kopf.
Die ersten 20 Jahre hatte ich kaum Kontakt zu meinen Landsleuten. Wir hatten auch in der Familie keinen Kontakt zu anderen Türken. Laut meiner Mutter gab es keine mit denen sie sich eine Freundschaft hätte vorstellen können. Außerdem war es ihr recht, somit waren wir gezwungen Deutsch zu lernen, zu sprechen. Mein Freundeskreis bestand hauptsächlich aus Germanen (ohne Keule) :-D, aus Deutschen: Thorsten und Christian, dann noch der Oliver und Jürgen. Es gab nie Probleme oder blöde Witze. Ich kann mich aber erinnern, wie mich während eines Spiels - wir spielten Feldhockey - einer beleidigte. Ich glaube er sagte: "Dummer Türke", oder so etwas. Ich war 12, er etwa 16/17 damals. Andreas heißt der nette Nachbar. Der ältere Bruder von Thorsten (Steffan) schritt ein und regte sich sehr über ihn auf. Ich weiß noch genau, wie heftig es mich traf. Es ist ein Unterschied, ob ich als Türke in der Türkei von jemanden als scheiß Türke beschimpft werde - da würde ich vermutlich nicht bemitleidend dreinschauen - oder in Deutschland von einem, der zu den "Normalen" gehört. Es erinnert mich an einen Club wo man beschränkten Zugang hat. Sich von der Mehrheit verstoßen zu fühlen ist ein Gefühl was man schwer beschreiben kann. Je mehr man sich vom Durchschnitt der Gesellschaft unterschiedet - sei es durch Kleidung, Haarfarbe, Hautfarbe, Sprache/ Akzent,... - desto schwieriger hat man es aufgenommen zu werden. In der Grundschule hatte ich zumindest großes Glück mit meinen Klassenkameraden und Kameradinnen :wink: Leider mußte ich eine Klasse wiederholen; Das war in der Zweiten. In der ersten Klasse konnte ich kein Wort Deutsch. War vorher leider in keinem Kindergarten gewesen.
In meinem Leben gab es zum Glück nicht all zu viele ausländerfeindliche Erlebnisse. Mein Großcousin, wohnhaft in Berlin, hat da andere Erfahrungen gemacht. Es beschränkte sich bei mir darauf, dass mich drei Jungs verprügeln wollten - Oliver und meine Schwester, beide blond, wurden in Ruhe gelassen. Man hatte sich auf mich konzentriert... man fing an sich über mich lustig zu machen, über meine Nation usw. dann hieß es: "Schlagen wir ihn zusammen", bin bisher nur einmal in meinem Leben weggerannt. Mit 17 war ich das erste Mal in einer Discothek.
Das besondere daran: Deutsche zahlten 4 DM, Ausländer 8 DM. Einmal fragte ich den Besitzer weshalb er unterschiedliche Preise verlangt. Sein Antwort:" Das hier ist eigentlich ein Tanzclub, in diesem Tanzclub sind alle Mitglieder Deutsche...". Es war wohl so ein Bonus an Deutsche, keine Ahnung. Man war froh, wenn man als Schwarzkopf überhaupt in eine Disco kam. Übrigens zahlte ich für den Eintritt immer "nur" 6 DM.
Großartig integrieren mußten wir uns nicht, wir kamen schon integriert hierher :razz:. Ich sah nie große Unterschiede zu meiner Familie in der Türkei und den hier lebenden Deutschen.
Mein Freundeskreis besteht derzeit aus 90% Deutschen, dennoch fühle ich mich nicht wirklich eins mit dieser Gesellschaft. Ich habe das Gefühl geduldet, aber nicht wirklich aufgenommen worden zu sein. Das beziehe ich nun nicht unbedingt auf mich. Das wirklich eigenartige daran, in den USA habe ich mich innerhalb von einem halben Jahr als Amerikaner gefühlt. Ich fühlte mich wirklich zu Hause und sprach sogar einmal von unserem Präsidente :roll:. Das Gefühl ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, wird wohl der Grund gewesen sein. Keine Probleme vor der Disco. Ganz im Gegenteil, die Menschen fragten mich woher ich komme, stellten Fragen, waren interessiert.
Türkische Jugendliche: geboren in Deutschland ohne Deutscher zu sein/ jemals sein zu können, aber auch nicht wirklich ein Türke. Man ist in einem Land zur Welt gekommen, ohne es sich aussuchen zu können, ohne wirklich ein Teil davon zu sein. Ich verstehe beide Seiten sehr gut. Es ist ein sehr komplexes Thema. Manchmal wirken Deutsche so überheblich... komm Kunta Kinte, jetzt kannst Du endlich in einer Zivilisation leben. Wir Deutsche führen euch, es lebe die leitende Kultur. Welche Vorstellungen Deutsche immer noch bzgl. der Türkei haben ist manchmal unglaublich, erschreckend. Das erinnert mich manchmal an die Ignoranz, der Überheblichkeit und Unwissenheit der Amerikaner die sie gegenüber anderen Ländern zeigen. Kein Wunder, wenn junge Türken krampfhaft nach ihrer eigenen Identität suchen und es in überzogener Form wieder hochkommt. Wir Türken sind die besten, die Stärksten und überhaupt... Das erinnert mich an ein Kind, dass sich immer wieder sagt: "ich habe keine Angst vor der Dunkelheit, ich habe keine Angst vor der Dunkelheit".
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Was ich persönlich traurig finde. Wir sind entweder Türken, oder Deutsche mit Migrationshintergrund.
Deutsche werden wir wohl nie werden, selbst wenn wir es und mit ganzem Herzen wünschen würden.