AW: Kinderwunsch in der Türkei
Vielleicht kann ja jemand hier dazu näheres sagen, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass Geburtenkontrolle, sprich Verhütung, in bestimmten Familien in der Türkei Verhütung kein Thema ist.
Da wird fleißg weiter produziert obwohl man die bereits vorhandenen Kinder weder finanziell noch auf emotionaler Ebene versorgen kann. Wie Kinder entstehen müsste man ja selbst dort wissen ;-) !
Ob Du es glaubst oder nicht, Susi: Das ist bei Deutschen nicht anders. Es gibt Leute, die das Wort Verhütung nicht buchstabieren können, einfach drauflos machen und sich hinterher als heillos überfordert herausstellen. Und nicht nur einmal, nein, gleich in Serie. Ich vermute stark, es ist die gleiche Klientel, die von Angeboten zur Erziehungsberatung etc. nur schwer bis gar nicht erreichbar ist. Und dass solche Familien tendenziell auch überdurchschnittlich oft traurige Schlagzeilen machen.
Ansonsten ist der Begriff "kinderreich" dehnbar. Die Deutsche Bundesbahn hat ihn lange ab drei Kindern aufwärts verwendet. Da gab's dann den "Würmeling", im Volksmund Karnickelpass. Kennt den zufällig noch jemand? Ein grüner Ausweis, der jedes Jahr umsonst verlängert wurde und mit dem man zum halben Preis Bahnfahren konnte. Wir waren daheim drei Kinder und hatten also Glück. In der nächsten Verwandtschaft gab's auch je Familie drei bis vier Kinder. Für deutsche Verhältnisse war das auch in den 60ern/70ern schon überdurchschnittlich.
Für mich selbst ist Adoption eine selbstverständliche Alternative zu eigenen Kindern. So verständlich der Drang nach einem "selbstgemachten" Kind sein mag: Echte Kinderliebe zeigt sich für mich nicht darin, dass man auf einer Miniaturausgabe von sich selbst oder dem Partner besteht, sondern dass man Kindern ein Zuhause gibt, die keines haben. Oder vielmehr nur eines, in dem sie ohne die Wärme und Nähe einer Familie auskommen müssen. Aber viele Leute versteifen sich eher auf medizinische Fruchtbarkeitsbehandlungen, statt eine Adoption in Betracht zu ziehen. Das kann ich nur schwer verstehen.
In manchen Fällen mögen solche Behandlungen ein Segen sein. Aber wenn man bedenkt, wie sehr der Druck auf unfreiwillig kinderlose Paare dadurch gewachsen ist, welche körperlichen und seelischen Belastungen damit verbunden und wie erstaunlich gering die Erfolgsquoten im Vergleich zur "normalen" Empfängnis sind -- wäre das für mich als Mittel der Wahl undenkbar gewesen. Ganz unabhängig davon, dass ich ein Kind habe. Auch, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass mein Intimleben und das meines Partners bis hin zum Eisprung, optimalen Empfängnistermin usw. so dermaßen "vertechnisiert" würde. Das hat nach meinem Empfinden auch etwas mit Würde zu tun. Nicht alles, was machbar ist, muss auch gemacht werden, nur um einer gesellschaftlich und familiär erwünschten Norm zu entsprechen.
Frauen zu verstoßen, weil sie keine Kinder in die Welt setzen, finde ich unmenschlich. Aber in patriarchalisch geprägten Gesellschaften ist es gängige Praxis, nicht nur in der Türkei. Eher wird die Frau verstoßen, als dass der Mann möglicherweise berechtigte Zweifel an seiner Zeugungsfähigkeit zulässt.
Nicht zu vergessen: "nur" Mädchen und keinen "Stammhalter" zu gebären, gilt ja in etlichen Ländern auch noch als Makel. In meiner eigenen Familie ist es übrigens auch so gewesen. Von Geburt zu Geburt wurden die großelterlichen Mienen länger und länger, solange es kein Junge war. Man fasste sich zwar schnell und freute sich dann irgendwie doch - aber so gesehen bin ich sehr dankbar, in Deutschland und nicht beispielsweise in China oder Indien geboren zu sein. Ein weites Feld..
lg
anouk