AW: Maschinen abschalten?
Angenommen, ihr müsst entscheiden ob lebenserhaltene Maßnahmen im Krankenhaus beendet werden sollen. Der Patient ist ein enger Verwandter und hat nie über deratige Eventualitäten mit euch gesprochen
... selbst, wenn er darüber gesprochen hätte, als er noch gesund war: in so einer Extremsituation kann sich die Meinung von gleich auf jetzt ändern.
Du schreibst, dass die Krankenkassen möglicherweise Druck machen. Selbst, wenn das so sein sollte (was in der Tat ein Skandal wäre): Ärzte und Krankenkassen sind in streitigen Fällen naturgeborene Gegner. Kein Arzt, der sich seinem Gewissen und dem hippokratischen Eid verpflichtet fühlt, wird sich von einer Kasse derart massiv unter Druck setzen lassen. Das wäre absolut unethisch. Sofern es aber Anhaltspunkte dafür gäbe, dass eine medizinisch notwendige Weiterbehandlung aus Kostengründen verweigert würde und der Vater Deiner Freundin privat versichert sein sollte, könnte man auch über die Bafin Druck auf die Kasse ausüben. Bei gesetzlichen Kassen gibt es mit Sicherheit eine ähnliche Aufsichts- bzw. Beschwerdeinstanz.
Eine andere Frage ist die nach der Prognose. Du schreibst, es sieht schlecht aus. Wenn der Vater Deiner Bekannten tatsächlich nur noch mit künstlicher Beatmung, Magensonde usw. am Leben erhalten wird und die Hirnschäden massiv und irreparabel sind, wäre es womöglich sehr viel barmherziger, die Maschinen abzuschalten und der Natur ihren Lauf zu lassen. Aber wer wollte die Verantwortung dafür übernehmen? Gestresste Klinik-Ärzte und deren Aussagen sind auch nicht immer das Non-plus-Ultra.. zumal sie manchmal auch nicht die volle Wahrheit sagen, wenn sie den Eindruck haben, es den Angehörigen nicht zumuten zu können..
Deine Bekannte könnte den Arzt (oder die Ärzte, Plural) mal fragen, was sie täten, wenn es ihr eigener Vater wäre. Und sich nicht abwimmeln lassen. Damit habe ich in vergleichbarer Situation gute Erfahrungen gemacht.
Und sie braucht sich wegen einer etwaigen Organentnahme, Obduktion o.ä. auch nicht unter Druck setzen zu lassen. Ob sie zustimmt oder nicht, ist einzig und allein ihre persönliche Entscheidung (stellvertretend für ihren Vater), und jedes noch so rationale Argument von Ärzten ist gemessen an der emotionalen Dimension, die es für einen selbst hat, völlig nachrangig. Das ist meine Meinung dazu. Völlig subjektiv, aber so habe ich's damals mit meinem Vater gehalten.
Egal, was und wie sie sich entscheidet: Schuldgefühle wird sie wohl leider so oder so haben.. einen Menschen auf so eine Weise loszulassen, ist schwierig. Und natürlich hadert man und hofft und betet, dass man das Beste tut oder getan hat. Aber im Abstand wird sie auch lernen, sich damit zu versöhnen. Dass es Dinge auf der Welt gibt, die wir Menschen trotz aller Bemühungen und bei aller Liebe nicht in der Hand haben..
Ich wünsche Deiner Bekannten viel Kraft. Und alles Gute.
anouk