AW: Scientology...???
Bei der "Scientology-Organisation" (SO) bestehen tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Damit sind die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Beobachtung der Organisation durch die Verfassungschutzbehörden gegeben.
Generell sollte man vorsichtig sein, dem Verfassungsschutz diesbezüglich eine Meinungshoheit einzuräumen, insbesondere in der Frage, ob die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Beobachtung vorliegen.
In diesem Fall ist das aber meines Erachtens auch zu bejahen. Schon das wesentliche Element des Aufnahmeverfahrens (bezogen auf vollwertige Mitgliedschaft), das sog. "Clearing", ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Die Methoden können je nach Teilnehmer mehr oder minder massiv sein, am Ende steht jedenfalls die Auslöschung des Verstandes im klassischen Sinne und genau so definiert Scientology das Clearing auch selbst.
Weiterhin ist der Umgang mit Aussteigern im Sinne der Religions-/Weltanschauungsfreiheit problematisch. Unter dem Kürzel OSA (Office of Special Affairs) wird eine Art Geheimdienst unterhalten, dessen Aktivität sich gegen Kritiker oder abtrünnige Mitglieder richtet.
Zur SO gehöt auch das Bestreben, sich in der Wirtschaft und gesellschaftlichen Schlüsselpositionen zu etablieren. So ist man z.B. auch hierzulande unter dem Begriff "Applied Scholastics" mit Nachhilfeinstituten vertreten und betreibt nach den Lehren Hubbards Consulting-Firmen (Motivation, Produktivitätssteigerung etc.).
In den Neuzigern wurde bekannt, dass ein SO-Mitglied in führender Position bei der Telekom Austria beschäftigt war. Deshalb heikel, weil auch in Österreich die SO (telefon-)überwacht wird und dieser Mitarbeiter sich Kenntnis über die angezapften Anschlüsse verschaffen konnte.
Früher (vor zwei Jahren oder so) wurde auf der amerikanischen Hauptseite der SO im Internet ein Multiple-Choice-Bogen aus 200 Fragen angeboten, der aufzeigen sollte, ob man eine Verbesserung der Lebenssituation durch Scientology nötig hätte. Das war eine gute Gelegenheit, sich "spaßeshalber" Einblick zu verschaffen. Obwohl das alles ziemlich trivialpsychologisch und leicht durchschaubar daherkommt, würde ich stark davon abraten, sich dem persönlich auszusetzen (die Personen, die in den Niederlassungen verkehren - wie hier im Hamburger Börsenviertel - wirken jedoch auch in jeder Hinsicht harmlos).
Den Online-Persönlichkeitstest habe ich etwa fünfmal gemacht, wobei es denkbar schwer war, ein aus Sicht der SO optimales Ergebnis zu erzielen. Man musste sich schon sehr "clear" geben, also zum Beispiel verneinen, dass man ein grundsätzliches Problem habe, Tiere zu quälen, um nach Aussage des Tests ein halbwegs lebenswertes Dasein zu führen.
Nun überraschte das Magazin DER SPIEGEL mit Zitaten aus dem vertraulichen 46-seitigen Verfassungsschutzbericht, wonach ein Verbotsantrag kaum Chancen habe.
Das ist ähnlich wie im Falle der NPD eine Sache, die wesentlich von den angewandten Ermittlungsmethoden der einzelnen Landesämter für Verfassungsschutz abhängt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es dazu unterschiedliche Auffassungen gibt, und auch Wolfgang Schäuble hat da niciht den direktesten Einblick.