Allein der letzte Anschlag in Ankara hat nach offiziellen Angaben 102 Menschenleben gekostet, davor der von Suruç in der Südost Türkei mit 34 Toten..... zwei Anschläge mit weit über 100 Toten innerhalb kurzer Zeit; Luftwaffeneinsätze auf die eigene Bevölkerung; nebenbei noch 2 Mio Flüchtlinge im Land. Ich denke, so viele sind es gar nicht, die das für einen Normalzustand halten.
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Ich befinde mich mittendrin!
Ich weiss nicht: zwei, vermutlich sogar drei Wahlen innerhalb eines Jahres; zwei Anschläge mit weit über 100 Toten innerhalb kurzer Zeit; Luftwaffeneinsätze auf die eigene Bevölkerung; nebenbei noch 2 Mio Flüchtlinge im Land. Ich denke, so viele sind es gar nicht, die das für einen Normalzustand halten.
Nur bei der Frage nach den Ursachen und Lösungen herrscht eine große Diskrepanz. Für die einen liegt das ganze nur an einem einzigen Mann und wenn der einmal weg ist, wird wieder Friede Freude Eierkuchen herrschen und andere machen es sich eben nicht ganz so einfach...
Der Artikel ist zwar schon aus dem Mai, trotzdem immernoch interessant.
Anscheinend läuft alles nach Plan.....
So könnte es weitergehen...
Link:
EU-Beitritt
US-Denkfabrik: Die Türkei hat sich aus Falle der EU gerettet
....ein teil der Lösung wäre es,wenn die Deutschen Medien so berichten das sie dabei Neutral bleiben,die sind in der Verdummung der Leserschaft maßgeblich beteiligt..das wünsche ich mir auch der Deutschen Politik
Das wäre mir bei türkischen Medien auch lieb, ist aber kaum möglich, denn:
http://www.welt.de/politik/ausland/...erte-Zeitungen-feiern-ploetzlich-Erdogan.html
Das wäre mir bei türkischen Medien auch lieb, ist aber kaum möglich, denn:
Wie bei den Kommunalwahlen wird es wohl leider wieder Tote geben.
Missachtet haben Erdoğan und sein als Syrien-Experte bekannter früherer Außenminister und heutiger Ministerpräsident Davutoğlu, dass ausgerechnet das Auftreten des IS dazu beitrug, Assads Position politisch und zumindest zeitweise militärisch zu stärken, denn der IS bekämpfte mehr die übrige Opposition als das Regime. Ebenso ging es der kurdischen YPG-Miliz, die politischen Aufwind bekam, gerade weil sie vom IS bekämpft wurde. Dagegen versuchte Erdoğan der Welt weiter seine Meinung aufzudrängen, wonach der IS, nun ja, vielleicht auch terroristisch sei, die eigentlichen Terroristen aber in der kurdischen YPG zu finden seien. Die Verdammung der YPG war umso weniger nachvollziehbar, als Ankara bis zum Juni noch offiziell in einem Friedensprozess mit der PKK war. Die Position der türkischen Regierung war nicht nur völlig unglaubwürdig, sie stand auch den Interessen aller anderen Beteiligten entgegen.
Ein kurzfristiger Wandel trat ein, als die Türkei im Juli den USA endlich den Luftwaffenstützpunkt İncirlik öffnete und selbst gegen den IS vorgehen wollte. Doch die türkische Luftwaffe bombardierte fast ausschließlich die Kurden. Die Haltung der Türkei zum IS hat aber nicht nur mit ihrer Kurdenpolitik zu tun, sondern muss auch im Zusammenhang der von Ahmet Davutoğlu entwickelten neuen Außenpolitik der Türkei gesehen werden. Demnach soll die außenpolitische Bedeutung der Türkei darauf beruhen, dass sie nach Westen und nach Osten gute Beziehungen unterhält, mit Nachbarn sollte es grundsätzlich »null Probleme« geben. Die Türkei soll Vermittler sein und zugleich Vorbild für eine im Westen integrierte muslimische Gesellschaft.
Das entsprach der nicht nur in der Türkei verbreiteten Vorstellung, es ginge um einen Gegensatz von Kulturen, der einseitig von westlichem Imperialismus verschärft werde. Das Konzept erlaubte es der Türkei, einerseits alle Vorteile der Verankerung im Westen zu genießen, andererseits gerade zu den radikalsten Feinden des Westens und Israels optimale Beziehungen zu pflegen. Gute Beziehungen zum IS sind daher eine logische Folge der türkischen Außenpolitik und zeigen zugleich deren konzeptionelle Schwäche. Der Westen braucht hier keinen Vermittler, sondern einen Verbündeten. Der IS ist nicht nur ein Problem für den Westen, sondern unmittelbar noch mehr für die Staaten und Gesellschaften der Region. Doch sowohl Erdoğan als auch Davutoğlu haben ihren islamistisch gefärbten Antiimperialismus so sehr verinnerlicht, dass sie die Gefahren unterschätzen, die vom IS ausgehen.
Es fällt schwer, ein Land außerhalb der EU zu nennen, mit dem die Türkei in letzter Zeit nicht massive Probleme hatte. Von Washington über Moskau, Teheran, Bagdad, Riad und Kairo gibt es Konflikte und in Damaskus sitzt noch immer der von Erdoğans Freund (»mein Bruder Assad«) zum Erzfeind mutierte syrische Präsident.
Einzig zu Berlin, wo mit Angela Merkel eine Politikerin sitzt, die sagt, dass sie die Türkei nicht als Vollmitglied in der EU will, werden plötzlich Beziehungen etabliert.
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Viel ist damit aus türkischer Sicht nicht gewonnen. Der türkische Kolumnist Cengiz Çandar nennt Merkels Visite bei Erdoğan unter Anspielung auf die Höhe der türkischen Geldwünsche eine »Drei-Milliarden-Operette«. Visafreiheit und Fortschritte bei der Vollmitgliedschaft kann jedoch auch Merkel nicht einfach durchsetzen. Erdoğan selbst hat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gegenüber erklärt, er wolle lieber unter die »Shanghai 5« als in die EU. Doch dass sich die Türkei als Anwalt der Turkvölker Zentralasiens versteht, missfällt sowohl Russland als auch China. Was für die Türkei also nun anstehe, spottet Cengiz Çandar, sei eine Anstellung als »Grenzwärter der EU« mit einem Salär von drei Milliarden Euro. Er bezweifelt jedoch die Fähigkeiten der Türkei dazu. Nur sei Merkel so in Panik, dass sie keine Zeit habe, über die Eignung des Kandidaten nachzudenken. Von einer »Belebung« der Beziehungen zu Europa könne nicht die Rede sein, sondern eher von »Beziehungslosigkeit«. Die Vermittlerrolle der Türkei ist gescheitert.
Auf der größten Friedensdemonstration seit den Gezi-Protesten sprengten sich am 10. Oktober zwei Selbstmordattentäter in die Luft. Das weckte Zweifel bei vielen. Die Regierung reagierte aggressiv und autoritär. Mittlerweile werden Friedensaufrufe als Ordnungswidrigkeit angesehen. Zwei Fußballfans wurden am Sonntag in Ankara festgenommen, weil sie ein Transparent mit der Aufschrift »Frieden jetzt« hochhielten. Immer wieder wird in den regierungsnahen islamistischen Blättern wie Yeni Akit auch von »ausländischen Geheimdiensten« als Drahtziehern des Terrors fabuliert.
Das sind die Vorstellungen, die die Islamisch-Konservativen bereits unter dem mittlerweile verstorbenen Islamistenführer Necmettin Erbakan in den neunziger Jahren immer wieder propagiert hatten. Mit einem grob zusammengezimmerte Konzept von einer »gerechten Ordnung« favorisierten die Islamisten damals bereits autoritäre Regierungsstrukturen, die Durchsetzung der Ungleichheit von Mann und Frau und eine auf Patronage fußende Wirtschaftspolitik, die angeblich volksnah sein sollte, aber seit eh und je unter dem Volk nur die eigenen Anhänger versteht.
Recep Tayyip Erdoğan hatte sich Ende der Neunziger von seinem Ziehvater Erbakan losgesagt und mit Abdullah Gül und Ahmet Davutoğlu die AKP gegründet. Diese bediente sich großzügig der Konzepte der anderen Parteien. Die Liebe zu Europa wurde entdeckt, eine neoliberale Wirtschaftspolitik installiert, Reformen im Rechtssystem wurden angestoßen. Die Todesstrafe wurde abgeschafft, das Militär politisch entmachtet. Tatsächlich erschienen die Islamisch-Konservativen vielen über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg als vielversprechende Reformpartei. Außenpolitisch wurde ein freundschaftlicher Kontakt zu den Nachbarn gepflegt, der Dialog mit den Kurden wurde als Friedensprozess tituliert und sogar mit dem seit 1999 auf der Insel İmralı inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan verhandelte man.
Etwa zur Zeit der Demokratisierungsbewegungen in vielen arabischen Ländern während des sogenannten arabischen Frühlings kippte die Politik der AKP plötzlich. Vor allem die Absetzung der islamistischen Regierung Mohammed Mursis in Ägypten wurde in Ankara mit Unmut aufgenommen. Die Hamas in Gaza und die Islamisten in Syrien wurden zu starken Verbündeten. Der konservative Journalist Cengiz Çandar, früher ein Unterstützer der Kurdenpolitik der Regierung, bescheinigte der AKP-Spitze unlängst auf der Online-Plattform al-Monitor, nur noch eine schlechte Kopie der Muslimbrüder zu sein.
Die jüngste Attentatsserie gegen die türkische Opposition hat ihren Grund auch in der mörderischen Tradition des Landes.
Von Daniel Ahrendt
Ahmet Davutoğlu, der türkische Ministerpräsident, antwortete jüngst vor den »Vereinten Nationen « auf das perfide Kalkül der Europäer in der Flüchtlingspolitik mit einem noch perfideren: In einer endlosen Containerwüstenei in der nördlichsten Region Syriens, zwischen Azaz und Cerablus, könnten bis zu eine Million Menschen gestaut werden. So würden die im Transit ausharrenden syrischen Exilanten auch dazu benutzt, eine Anbindung von Efrîn, dem westlichsten Kanton Syrisch-Kurdistans, an die beiden östlichen, Kobanê und Hesîçe, unmöglich zu machen. Die Kontrolle über diese zerrissene Region würden, sobald sie militärisch gesichert ist, Kollaborateure aus dem syrischen Bürgerkrieg übernehmen.
Einen Tag bevor Ahmet Davutoğlu vor den UN ausführte, dass auch das flüchtige Leben noch eine Funktion haben kann, hatte er im ehrwürdigen Waldorf Astoria vor Gästen aus der türkischen Diaspora Amerikas eine Rede gehalten. In ihr rief er dazu auf, den Kampf gegen die »armenische, griechische und jüdische Lobby« zu führen, die sich gegen das türkische Vaterland verschworen habe. Im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den armenischen Christen hat der IS die letzten Christen und Jesiden nicht nur aus Mosul, wohin einst die Todesmärsche der Armenier geführt hatten, vertrieben und aus Şengal, dessen Gebirge vielen Jesiden und assyrischen Christen zum Zufluchtsort wurde, ein Massengrab gemacht – in diesem hundertsten Jahr vergeht kein Tag, an dem in der Türkei nicht zwanghaft die innenpolitischen Konflikte auf die Toten und Überlebenden projiziert werden, an dem nicht systematisch die paranoide Vorstellung, die Ermordeten und Verleugneten könnten aus ihren Gräbern auferstehen und als pseudokonvertierte Christen und Juden Rache nehmen und das imaginierte Vaterland spalten, geweckt wird. Die verdrängte und projizierte Schuld schlägt um in präventive Aggression.
Der Verschwörungswahn ist die geistige Abrichtung auf das Pogrom – dass dieses noch ausbleibt, liegt nicht zuletzt daran, dass die zum Objekt gemachten christlichen und jüdischen Minoritäten in der Türkei kaum noch existieren. Doch der nationalistische Furor kommt als ideologisches Echo der Konterguerilla bereits ganz zu sich selbst, wo er die Treulosen unter den Kurden, die Verräter an der propagierten türkisch-kurdischen Brüderlichkeit, als getarnte Armenier oder Pseudokonvertiten markiert. Während in diesen Tagen die Militärpolizei durch das zerschossene Cizre patrouilliert und durch seine Lautsprecher dröhnt: »Ihr seid alle Armenier, ihr seid armenische Bastarde«, heißt der Schlachtruf der islamisierten Nationalisten im einstigen Istanbuler Christenviertel Şişli, wo am 19. Januar 2007 Hrant Dink ermordet worden ist: »Wir verwandeln Şişli in ein armenisches Gräberfeld.«
Der Wille zum Pogrom entlädt sich an den Inkarnationen der »armenischen, griechischen und jüdischen Lobby«.
(...)
Die von Peker beschworene Einheit von Muslimbrüdern und Grauen Wölfen existiert nicht in irgendeinem positiven Sinne – AKP und MHP sind als Konkurrenten Feinde –, die Einheit wird nur praktisch in der Verfolgung der anderen: der antinationalistischen Inkarnationen der »armenischen, griechischen und jüdischen Lobby«. Nach Diyarbakır am 5. Juni und Suruç am 20. Juli war der Anschlag am 10. Oktober in Ankara das schwerste Massaker dieser Attentatsserie gegen die Opposition. »Chaos oder Stabilität«, droht das AKP-Regime und beschwört für den Fall, dass man sich doch gegen die Regierung entscheidet, den Tod. Taner Yıldız, Muslimbruder im Ministeramt, verlangt, »als Märtyrer für Vaterland, Religion und Nation zu sterben« – er überlässt diese Ehre aber natürlich anderen –, während Erdoğan in gepanzerter Karosse vorfährt und den Hinterbliebenen getöteter Soldaten gratuliert: »Welches Glück, für seine Familie, welches Glück, für seine Angehörigen (als Märtyrer gestorben zu sein).«
Aus heutiger Sicht geradezu unfassbar: Was für ein klasse Spiegelartikel. Das waren noch Zeiten.Danke für den Hinweis auf diesen Yücel-Artikel!
Schlimm das alles. Für das Posting trotzdem ein "Gefällt mir" ...
Im Folgenden relativ wahllos und wenig kommentiert einige Links zu m. E. lesenswerten aktuell-türkeibezogenen Texten.
Über einen Solidaritäts-"March in Didim" nach den Ankara-Anschlägen berichtet die englischsprachige Online-Zeitung "Voices" (Medium für die in Didim relativ zahlreichen britischen Expats):
http://www.voicesnewspaper.com/2015/10/12/1010-ankara-blasts-update-march-in-didim/
HDP-Chef Demirtaş im "Zaman"-Interview. Zaman = Gülen-nahe Türkeizeitung. Die (Gülen-nahe) islamische Hizmet-Bewegung war früher sehr eng mit Erdoğan & Co. verbandelt. Gerade Fetullah Gülen selbst war für seinen Kampf gegen die (u. a. kurdische) Linke bekannt. Dann kam es zum Bruch mit dem Erdo-Lager. Deutschsprachiger Text des (Gülen-nahen) "Deutsch-türkischen Journals" zum Demirtaş-Interview hier:
http://dtj-online.de/demirtas-unsere-voelker-werden-sich-nicht-spalten-lassen-64504
Die Wochenzeitung "Jungle World" macht die Türkei in ihrer aktuellen Ausgabe zum Titelthema. Ein Artikel ("Außenpolitik in der Sackgasse") von Jan Keetman
http://jungle-world.com/artikel/2015/44/52892.html
befasst sich mit (u. a.) Erdos "islamistisch eingefärbtem Antiimperialismus" und konkludiert:
Ein weiterer Jungle-World-Artikel ("A la Turka") von Sabine Küper-Büsch
http://jungle-world.com/artikel/2015/44/52891.html
widmet sich den anstehenden Wahlen, ihren (auch historischen) Hintergründen sowie Erdos Päsidialsystemwünschen.
Auszug:
Wie die Wochenzeitung "Jungle World", so gehört auch das Monatsmagazin "konkret" zu jenem Teil der (noch verbliebenen und intellektuell geprägten) BRD-Linken, der die Religionskritik nicht entsorgt hat und somit auch mit einer islam-skeptischen Haltung aufwartet. Aus der konkret-Ausgabe von November 2015 ist ein Artikel ("Wille zum Pogrom") des "cosmoproletarischen" Bloggers Daniel Ahrendt online zugänglich:
http://www.konkret-magazin.de/hefte/heftarchiv/id-2015/heft-112015/articles/wille-zum-pogrom.html
Auszug:
Nicht quasi tagesaktuell, sondern vor mehr als 30 Jahren, nämlich im Jahr 1983 (nach dem türkischen Militärputsch), ist ein Spiegel-Artikel ("Wenn die Muftis kommen, gibt's Zoff im Pütt") verfasst worden.
"SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Renaissance des Islam unter den Türken im Ruhrgebiet":
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14018269.html