Wahlrecht für Bienen und Erdbeeren

  • Ersteller des Themas Mein_Ingomann
  • Erstellungsdatum
AW: Wahlrecht für Bienen und Erdbeeren

An das göttliche Prinzip der Strafe glauben viele aufgeklärte Christen nicht bzw. nicht mehr, zumindest nicht im althergebrachten Sinne.
Eigenständiges kritisches Denken ist bei diesen Menschen ebensowenig unerwünscht oder erwünscht, wie bei den Vertretern anderer Ideologien oder Weltanschauungen.
Die Schnittmenge zwischen Christentum und Amtskirche/Amtskirchenleitung wird zunehmend kleiner. Es macht daher Sinn, zwischen Amtkirche und Christentum sowie zwischen Kirchenleitung und Basis zu unterscheiden.
Ich kenne zahlreiche Christen, die Deiner Darstellung jedenfalls nicht entsprechen, darunter auch zwei Kirchenvertreter. Von den Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, bezeichnen sich auch nicht wenige nach wie vor als Christen.

Die Aussagen hier, die Du von gewonnenen Erfahrungen ableitest, finde ich zweifelhaft (und trivialwissenschaftlich). Nach der Devise "Ich prüfe mal meine Hypothese anhand von bestätigenden, verifizierten Belegen..." (Ich kannte auch zwei Kirchenvertreter, und einen, der als ehemaliger Theologe noch viele andere auch kannte) Zudem können sich z.B. die zwei erwähnten Kirchenvertreter nach außen kommunizierend als die größten Humanisten ausgeben...

Eigenständiges, kritisches Denken gehört zu den Freiheiten eines Menschen in einer Demokratie, die auch Vertreter einer Kirche geniessen. Jedoch hier bspw. nur unter dem Schutz des Grundgesetzes Deutschlands. Ginge es nach dem "Demokratieverständnis" der Kirche, ginge es wieder ums Verbieten, Bestrafen und mißliebige Journalisten feuern (mit feuern ist im allgemeinen Sprachgebrauch die Entlassung gemeint. Sprichwörtliches "Feuern" wurde in der Menschheitsgeschichte unter Opfern gegenüber der Kirche letzten Endes verboten)

Die Freiheit der Meinungsäusserung ist in der religiösen Sparte nach wie vor fundamentalistisch geprägt.

Die christliche Glaubensgemeinschaft ist hierarchisch, organisatorisch aufgebaut. Der Dorfpfarrer geht anderen Tätigkeiten nach, als etwa ein Kardinal. Wer von denen und dazwischen aus der "Reihe" tanzt, indem er meint, nach dem gesunden Menschenverstand, entgegen kirchlichen Dogmen (Verhütung/Schwangerschaft, gleichgeschlechtliche Ehen etc.), etwas publik machen zu wollen, ist: RAUS.

Mit der Philosophie und den Naturwissenschaften hat das Christentum unterm Strich kein grundlegendes Problem mehr. (Interessant in dem Zusammenhang ist übrigens, dass bei den Anhängern der Erfahrungsreligionen- Hindus und Buddhisten im Gegensatz zu den Vertretern der Buchreligionen- Juden, Christen und Muslime diese Probleme erst gar nicht aufgekommen sind.)

Das Christentum besitzt in der Gesellschaft nicht mehr die Autorität wie vor hundert oder mehr Jahren. Hinzu kommt, dass man in 2012 nicht nur in einer aufgeklärteren Zeit als in der Vergangenheit lebt, sondern in einer transparenteren Welt. Tabus können, ohne Zustimmung und ein ok der Kirche, diskutiert werden, und das Wesen eines in einer Parallelgesellschaft existierenden Christentums aufgedeckt werden:

- Sexualmoral, Lebenspartnerschaften, Empängnisverhütung, Schutz vor AIDS
- Intoleranz gegenüber Andersgläubigen (im Grunde gehört der Islam in allen aufgezählten Punkten hier auf die selbe, mittelalterliche Stufe wie das Christentum)
- Die Selbstherrlichkeit des Imperators
- Diskriminierung von Frauen
- Diskriminierung von andersgläubigen Stellenbewerbern in Institutionen, die überwiegend (trotz Kirchensteuer) von der Gesamtbevölkerung finanziert werden
- finanzielle Ausbeutung (Arbeitskräfte/Übungsleiterpauschale)
- Vertuschung und zaghafte Kooperation (z.B. bei Kindesmißbrauch) mit den Strafverfolgungsbehörden eines demokratischen Landes
- Angriffe auf die Pressefreiheit (Verbotsantrag von kritischen Büchern)

Nochmals zur Wiederholung: Das Christentum hat sich nicht evolutionär zur Religion des Friedens gewandelt. Sie ist in demokratischen Ländern weitgehend in "Ketten" gelegt. Sie ist in Deutschland auf Gelder angewiesen. Sie wird dort, wo es nicht mehr anders geht, Kompromisse eingehen, um ihr eigenes Bestehen zu sichern. Wenn die Rede von einem "modernen Islam" ist, bedeutet das nichts anderes als einen Islam, welchen man wie das Christentum in "Ketten" gelegt sehen möchte. Beide Religionen haben in der Menschheitsgeschichte bewiesen, dass man ihrem Expansions- und Machtdrang zu keiner Zeit Handlungsspielraum geben darf.

Freies, kritisches Denken zu unterdrücken ist die Sache von Hardlinern, die natürlich auch heute noch unter den Christen zu finden sind aber nicht mehrheitlich, denke ich.

Das wird auch von der "anderen" Seite behauptet. Hier im Turkish-Talk-Forum gibt es ebenso einen, der sich mittlerweile lammfromm gibt. Genauso kann dann behauptet werden, dass der Islam eine Religion des Friedens sei, und Diskriminierungen (und alles was oben von mir zum Christentum aufgelistet wurde) nur von Hardlinern vertreten wird. Die Organisation des Christentums unterhält verschiedene Abteilungen. Die Öffentlichkeits- bzw. PR-Arbeit, hat für sich nicht uneigennützig den Zeitgeist entdeckt.

Sicherlich gibt es spirituelle Menschen, die sich Christliches, Muslimisches aneignen können. Es sollte aber bedacht werden , dass diese Religionen kein modulares Menü sind, welches man sich nach Lust zusammenstellen kann. Man lebt spirituell, aber nicht mehr in einem angeblich aufgeklärten Christentum.

Insoweit der Buchstabenglaube, Tradition und Ritual im Christentum immer weniger eine wegweisende Rolle spielt, besteht die verbliebene und im Grunde viel gefährlichere Konkurrenz der Amtskirche im spirituellen Bereich. Dabei geht es nicht nur um die existenzielle Frage im philosophischen Sinne, sondern um das seelische Bedürfnis der Menschen nach so etwas wie wahrgenommener Transzendenz, die sich dem denkenden/rechnenden Verstand entzieht. Die damit verbundenen Emotionen können alte Menschen noch viel mehr mit der Kirche verbinden als die Jungen heute.
Hier droht der Kirche echte Konkurrenz und Gefahr und hier versucht sie, sich mit aller Macht abzugrenzen. Aber auch diesen Kampf kann sie langfristig nur verlieren.
[/COLOR]

"Seelisches Bedürfnis der Menschen", Amtskirche, "Transzendenz".......

Im operativen Bereich (was fälschlicherweise als herausragende Bodenständigkeit hervorgehoben wird) hat ein "bodenständiger" Pfarrer in seiner Kirche immer Menschen spirituell (unter Zuhilfenahme seines Buchs der Bücher) betreut. Das Bedürfnis der Menschen nach Betreuung und Begleitung - auch tranzendental. Letzteres ist nix neues oder ein aufkommender Trend. Das war schon in seinem Aufgabengebiet bevor es überhaupt Postkutschen gab.

Nur:

Der "bodenständige" Pfarrer, der ja überhaupt nicht so sein soll wie die Kirchenleitung oder etwa die "Hardliner", hat ein Aufgaben- und Kompetenzgebiet, welches er nie überschreiten darf.

Stellt er sich in der Sonntagspredigt hin und erzählt etwas nach dem gesunden Menschenverstand über Empängnisverhütung, Krankheitsprävention, Abtreibung, Eheführung (entgegen der Auffassung des Imperators) ist er schneller draussen als Jürgen Klinsmann beim FC Bayern.
 
Top