AW: Zukunft oder no future?
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Will sagen, es ist egal, wie es früher war, oder um es mit Kool Savas zu sagen: Gestern ist Vergangenheit und morgen ein Rätsel, heute ist vielleicht der beste Tag deines Lebens.
Ich kenne Cool Savas nicht, aber ein ähnlicher Spruch wurde schon einmal in einer Star-Trek-Folge thematisiert und hatte mich damals beschäftigt, weil ich eine Sichtweise priorisiere, die man auf den ersten Blick fälschlicherweise als übereinstimmend mit diesem Spruch ansehen könnte.
Ich denke nämlich auch, dass man nur einen einzigen Augenblick wirklich lebt, nämlich den gerade erlebten. Tatsächlich ist er unsere einzige Schnittstelle zum realen Leben da draußen. Und er ist immer derselbe, solange wir leben. Er fängt irgendwann im Mutterleib an, wenn wir als empfindungsfähiges Wesen zu existieren beginnen, und hört am Ende unseres Lebens auf, wenn unser Lebenslicht und alles um uns herum erlischt. Dazwischen ist es immer nur dieser eine einzige Augenblick, der uns mit der Welt verbindet, in dem wir diese Welt und dieses Leben er-leben. So weit so gut.
In meiner Denke bedeutet das aber keinsesfalls eine Entwertung der Vergangenheit (ist ja schon vergangen!) oder der Zukunft (ein Rätsel, unbestimmt, usw.). Denn die Vergangenheit wirkt in diesem Augenblick in vollem Umfang mit. Er ist im gewissen Sinne das oder zumindest doch ein Ergebnis eben jener Vergangenheit, die jeden einzelnen von uns geformt hat und damit ganz wesentlich dafür verantwortlich ist, wie wir diesen einen Augenblick leben, bewerten, empfinden oder verwerten. Sie - unsere eigene Vergangenheit - ist damit in uns jederzeit präsent und wirksam. Und es stimmt auch nicht, dass diese Vergangenheit nun schon vergangen und damit unveränderbar wäre. Das mag für physische Vorkommnisse gelten, wenn ich etwa ein Bein verloren habe, das nicht mehr nachwachsen kann oder aufgrund von genetischen Prädispositionen bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten habe oder nicht. Aber alles andere, was mit unserem geistigen bewussten oder unbewussten Umgang mit bestimmten Vorkommnissen der Vergangeneheit zu tun hat, lässt sich durchaus noch verändern und beeinflussen: ein tragisches Ereignis kann sich zu einem Glücksfall verwandeln, ein großer Verlust zu einem Gewinn, eine verschlossene Tür kann zehn andere Türen geöffnet haben. In diesem Rahmen sind uns zahllose Möglichkeiten gegeben, auch die Vergangenheit im nachhinein noch völlig zu verändern.
Und was die Zukunft betrifft, so bleibt daran gar nichts rätselhaftes unbestimmtes mehr, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass es auch in Zukunft wieder derselbe eine Augenblick sein wird, der uns durch das Leben führt. Er wird wieder ganz wesentlich von unserer Vergangenheit (und damit auch davon, wie wir diesen Augenblick vorher, also auch gerade jetzt, gelebt haben) mitbestimmt sein. Und damit tragen wir einen ganz erheblichen Teil unserer Zukunft implizit, d.h. unentwickelt, immer in unserem Augenblick mit uns herum.
Dass es darüber hinaus natürlich immer nicht oder kaum beeinflussbare äußere Faktoren geben wird, bleibt davon gänzlich unberührt, denn es liegt immer an uns, an jedem einzelnen selbst, wie er mit diesen Faktoren umgeht.