AW: 13 Jahre...bald Happy-End?!?
Natürlich war das Schlimmste noch nicht überstanden. Aber unser Sohn war da und er lebte.
Nachmittags kam dann al erstes meine Cousine R. mit Mann und Kind. Ich wollte eigentlich keinen Besuch, aber die stille Post klappte wie geschmiert.
Ungefähr eine Stunde später kam dann auch Cousine B. Allein!
B.: „ Kannst Du mir mal verraten was Du machst? Als der R. mich angerufen hat bin ich bald vom Stuhl gefallen!“
Ich: „Was meinst Du denn wie es mir ging? Besorg mir jetzt erst Mal einen Rollstuhl!“
B. ging auch sofort los und kam anstatt mit Rollstuhl mit zwei Schwestern an.
Schw.: „Sie können noch nicht aufstehen! Sie haben doch gar kein Gefühl in den Beinen!“
Ich: „Was kann ich nicht? Und ob ich aufstehe!“
Schw.: „Können Sie denn überhaupt schon laufen?“
Ich: „Klar, wollen Se mal gucken?“ Ich war sauer! Ich wollte endlich mein Kind sehen!
Schw.: „Wo wollen Sie überhaupt hin?“
Ich mit dem bösesten Blick und der giftigsten Stimme): „ICH WILL MEIN KIND SEHEN!“
Schw.: „Na, dann gehen Sie halt!“
(Diese Schwester Hatte ich gefressen!)
Meine Cousine half mir dann in den Rollstuhl und wir sind zur Intensivstation. Meine Cousine durfte nicht mit rein. Dann sah ich ihn. Ich werde diesen Anblick niemals im Leben vergessen. Da lag dieses kleine Wesen, angeschlossen an alle möglichen Apparate und Infusionsnadeln in seinen dünnen Ärmchen…. (Der Kleine wog zu diesem Zeitpunkt 955 gr. Und war gerade mal 32 cm groß.) Aber er war so süß! Ich erkannte R. und mich in seinem Gesicht. Die Schwester sagte mir dann, dass er Probleme mit der Atmung hat und insgesamt sehr schwach sei und sie keine Prognose abgeben könne. Ich machte mir Sorgen, klar. Aber mir war auch von Anfang an klar, dass der Zwerg ein Kämpfer ist!
R. hatte das mit der Geburt und so nicht so gut weggesteckt wie ich. Er hielt sich zwar nicht fern, aber er kam seltener ins KH als ich für angebracht hielt. Ich sprach ihn darauf an und er sagte mir dann, dass er Angst davor habe ihn zu sehen, dass er sich hilflos vorkäme. Aber ich kam mir doch auch hilflos vor und hatte Angst, aber ich konnte nicht sagen, kommst Du heut nicht, dann kommst Du morgen. Ich musste da ein, denn ein Kind braucht seine Mutter.
Unser Kleiner hielt uns auf jeden Fall in Atem, er hatte nämlich keine Verdauung und war das Kindspech noch nicht los geworden. Nach ca. fünf Tagen sagte mir die Kinderärztin, dass sie den Kleinen operieren müssten, wenn er keinen Stuhlgang hätte. Oh mein Gott! Diesen kleinen Körper wollten sie aufschneiden? Er war doch viel zu leicht um das auszuhalten. Er wog da nur noch 780 gr. An diesem Tag durfte ich meinen Engel das erste Mal auf der Haut spüren. Es war einfach unglaublich. Ich erzählte meinem Liebling, dass er endlich mal „kacken“ müsste, sonst würde man ihm den Bauch aufschneiden. (Albern? Ja, sehr!)
Als ich am nächsten Morgen auf die Station ging wechselte ich meinem Sohn die Windeln, als ich diese komischen Klümpchen in der Art von Mäusekötteln sah. Ich wusste nicht, was das ist und rief eine Schwester. Sie sah sich das an und rief: „Hurra! Er hat endlich gekackt!“
Halleluja! Kurz vor der OP fängt unser Krieger das kacken an! Ich habe mich nie wieder so über eine volle Windel gefreut! Langsam ging es aufwärts mit dem Krieger und er nahm langsam zu. Jedes Gramm war für mich ein Grund zu weinen vor Freude.
Irgendwann fragte ich R., ob seine Familie Bescheid wüsste. „Ja, sie wissen Bescheid, aber sie wollen nichts von ihm wissen. Aber mein jüngerer Bruder bedankt sich, dass Du ihn an seinem Geburtstag zum Onkel gemacht hast.“ Das war ja sehr nett vom Bruder, aber seine Mama wollte nichts von ihrem Enkel wissen? Ach ja? Dann konnte er seiner Familie ausrichten, dass sie meinen Sohn NIE zu sehen kriegen würden!!! Was bildeten die sich denn ein? Neee, nicht mit mir!
Zu dem Zeitpunkt war ich so sauer, dass ich meine Drohung war machen würde. Aber es ist Zeit vergangen… mal sehen.
Unser Krieger wurde nach vier Wochen in die Kinderklinik verlegt, da er die intensive Betreuung nicht mehr brauchte. Er war stabil, konnte allein trinken und hatte keinerlei Schäden am Gehirn oder körperlich erlitten. Langsam ging sein Gewicht Richtung 2000 gr. Und ich bekam aus heiterem Himmel das Angebot gemacht mir eine Hilfe vom Jugendamt zu nehmen. Warum? Ja, ich wäre ja psychisch nicht so belastbar und auch viel allein und, und, und! Von mir aus kann das Jugendamt gerne gucken kommen, wenn der Kleine zu Hause ist, dachte ich. Ein paar Tage später bekam ich Post vom JA, in der stand, dass sie am 18. Oktober gerne einen Hausbesuch machen würden. Gut, kein Problem. Ich sagte in der Klinik Bescheid, dass das JA kommen würde und mein Sohn ja dann zu Hause sein müsste. Nein, die wollten mir mein Kind erst geben, wenn das JA grünes Licht geben würde!
Bitte was? Das kann doch nicht sein. Sofort rief ich R. an und erklärte die Situation. Er war natürlich entsetzt aber er blieb stark. Ich hatte zwar Angst, aber ich hatte ja eigentlich nichts zu befürchten. Ich war stabil, brauchte keine Medikamente. Alles kein Problem.
Am 18. Oktober wartete ich dann gemeinsam mit einer Freundin auf den Mitarbeiter vom JA. Und was ist? Der kam nicht!!! Und was jetzt? Ich war total sauer! Am nächsten morgen bin ich wie eine Furie ins Jugendamt gehetzt und sagte dem Gruppenleiter: „Ich fahre jetzt ins Krankenhaus und hole meinen Sohn. Und wenn Ihr beschissenes Amt mir irgendwelche Steine in den Weg legt, dann verklage ich Sie, dass Ihnen hören und sehen vergeht!“ Der Gruppenleiter sagte dann, dass das kein Problem wäre. Also ich dann los ins KH!
R. kam ganz stolz von der Arbeit aus zur Klinik und holte uns ab. Unser Krieger war endlich zu Hause angekommen!