AW: 13 Jahre...bald Happy-End?!?
Ich weiß überhaupt nicht, wie ich die nächsten Jahre erklären soll. Es ist soviel passiert und gleichzeitig so wenig. R. flog insgesamt drei Mal in die Türkei ohne dass er Irgendwas erreichen konnte. Immer hieß es: Du bist verheiratet und Du bleibst es!
Langsam zweifelte ich daran, dass er jemals eine Scheidung erreichen würde. Viele meiner Freundinnen heirateten in dieser Zeit, bekamen Kinder und waren glücklich. Und ich? Ich wurde immer unglücklicher. In dieser Zeit begann ich aber auch mich wieder frei zu kämpfen. Wenn er einfach heiraten kann, dann kann ich auch mit Freundinnen ausgehen. Das hat R. aber nicht gekannt! Ich fing an, ein Leben ohne ihn zu leben. Schminkte mich wieder, auch wenn ich ohne ihn ausging, trug wieder ausgefallenere Klamotten (aber nicht zu ausgefallen) usw. Natürlich war R. alles andere als begeistert und wir stritten uns noch häufiger.
Aber alles was ich tat um glücklicher zu sein, machte mich noch unglücklicher. Von 1999 bis 2001 machte ich eine Umschulung und arbeitete noch Nebenbei fünf Mal die Woche. Das war gut, denn so hatte ich keine Zeit zum nachdenken.
Also, wir lebten vor uns hin und versuchten nicht an die Zukunft zu denken. So verging die Zeit, ohne dass es uns richtig bewusst wurde. Dann kam das Jahr 2003. Ohne dass ich es merkte wurde ich richtig heftig krank. Nicht körperlich, sondern an der Seele. Nur ein Gedanke hielt mich aufrecht: Dieses Jahr bekommt er die Scheidung und dann wird alles gut! Dann ziehen wir zusammen, heiraten und gründen eine Familie.
Am 30. August 2003 war es soweit. R. flog mal wieder in die Türkei mit meiner ganzen Hoffnung im Gepäck. Diesmal wollte ich nicht mehr warten. Wenn er jetzt nicht eine Scheidung erreicht, dann trenne ich mich! Ich wollte einfach nicht mehr!
R. wollte nach zwei Wochen wieder da sein. Es wurden vier. Vier Wochen in denen es mir an jeglicher Kraft mangelte. Ich ging nicht mehr arbeiten, zahlte keine Miete mehr und versank in immer tiefere Depressionen. Als R. dann endlich da war, erkannte er mich kaum wieder. Ich hatte fast 18 kg verloren, war leichenblass und sah ganz allgemein einfach furchtbar aus. Aber er war geschieden! Endlich konnten wir LEBEN!
Es änderte sich nichts. Also änderte ich auch nichts! (ich werde das jetzt stark abkürzen, da mich das alles auch heute noch mitnimmt!) Es ging soweit, dass ich meine Arbeit verlor und dann auch meine Wohnung. R. konnte mir nicht helfen. Wie denn auch? Ich hatte ihm ja nichts erzählt. Ich ging dann zu meinen Großeltern, weil ich nicht wusste wo ich sonst hin sollte. R. fand natürlich raus was passiert war und tauchte bei meinen Großeltern auf. Und da erzählte ich alles. Was passiert war, wie ich mich die letzten 6 Jahre gefühlt hatte und dass ich jetzt einfach keine Kraft mehr hatte. Und was macht er? Er nimmt mich in den Arm und tröstet mich. Wie konnte er mich noch ansehen? Ich war doch der letzte Dreck. Arbeitslos und dann auch noch obdachlos. Er sagte, dass er auch Schuld sei an dieser Situation und dass wir das schon hinbekommen würden. Ich sollte erst Mal wieder zu Kräften kommen und dann würden wir weiter sehen.
Irgendwann begann ich mich wieder um meine Angelegenheiten zu kümmern und weiter zu machen. So ging das Jahr 2003 langsam zu Ende. Ich meldete mich endlich beim Arbeitsamt und wollte mir dann endlich eine neue Wohnung suchen. Gar nicht so leicht mit der Wohnungssuche, wenn man aus der anderen Wohnung rausgeflogen ist. Naja, dass konnte noch warten. Ich konnte ja zu meiner Freundin ziehen (sie ist wirklich die allerbeste). Gesagt, getan! Durch sie schaffte ich es mein Leben wieder zu ordnen und Spaß zu haben. Auch R. war froh, dass es mir langsam besser ging.
Am 4. Juli 2004 rief mich meine Mama an und sagte mir, dass meine Cousine R. ihr Baby hätte. Oh, wie schön!!! Ich freute mich wirklich sehr für meine „kleine“ Cousine. Und doch hatte ich einen bitteren Geschmack im Mund und eine leise Stimme im Kopf: „Und was ist mit mir?“ Aber die Stimme war nur ganz leise, kaum zu hören.
Ein paar Tage rief mich meine andere Cousine B. an und sagte mir, dass sie am achten heiraten würde und ob ich auch zum Standesamt kommen würde. Klar, meine Kleine. Mach ich doch gerne. Und wieder freute ich mich und wieder hatte ich den bitteren Geschmack im Mund und wieder die Stimme im Kopf, diesmal ein wenig lauter: „Und was ist mit mir??“
Einen Monat später bekam auch diese Cousine ein Baby. Natürlich freute ich mich. Aber…siehe oben. Und die Stimme in meinem Kopf fragte noch lauter: „Und was ist mit mir???“ Ich hatte zu der Zeit dann auch Geburtstag und R. und ich fuhren zu einem befreundeten Ehepaar um zu feiern. An diesem Abend habe ich mich total betrunken. Ich wollte soviel trinken, dass ich alles vergesse. Aber ich habe nichts vergessen… Verdammt! Da trinke ich mal um meine Sorgen zu vergessen und was ist??? Es klappt nicht! Mir war nur unheimlich schlecht!
(Zartbesaitete Gemüter sollten jetzt vielleicht nicht mehr weiter lesen!)
Am 11. August 2004 war einfach ein schrecklicher Tag ich weiß nicht genau warum. Es ging mir einfach beschissen. Und wie ich so an der Bahn stand und mit meinem Schicksal haderte, fasste ich den Entschluss mich umzubringen
Ich ging auf eine Rheinbrücke, ganz in die Mitte und dachte an die Fehlschläge in meinem Leben. Ich sah jede falsche Entscheidung und nur meine schlechten Seiten. Ich wollte wirklich nicht mehr. Ich dachte an R., dem ich soviel Unglück gebracht hatte, an meine Mutter, die nicht stolz auf mich sein konnte, weil ich so war, an meinen Stiefvater, der mich nicht liebt…(damals dachte ich das wirklich. Werde noch näheres dazu schreiben, wenn ihr das möchtet.) Dann machte ich mich bereit zum springen, umfasste das Geländer ganz fest und wollte mich gerade drüber schwingen… und dann sah ich vor meinen geistigen Auge meine kleine Schwester, die mich liebte, egal was ich sagte, für die ich die Größte war, egal wie tief ich unten war und ich konnte es nicht. Ich wusste, dass jetzt der Punkt war, an dem ich professionelle Hilfe brauchte oder springen würde. Ich entschied mich für Hilfe.
Ich stieg in ein Taxi und sagte zum Fahrer nur: „ Psychiatrische Notfallambulanz Merheim, bitte!“
Ich ließ mich also freiwillig in die Psychiatrie einweisen ohne irgendwem etwas zu sagen oder mich vorher mit R. zu besprechen, denn ich wollte nicht, dass man mir das ausredet. Ich ließ mich für die Nacht in die geschlossene Abteilung einweisen, weil ich Angst hatte, dass ich abhauen würde, wenn ich könnte.
Irgendwann am Abend rief ich dann R. an um ihm zu sagen, wo ich bin. R. verstand mich irgendwie falsch, denn er fragte: „ Wen bist Du denn besuchen?“ Und ich sagte: „ Ich bin keinen am besuchen. Ich habe mich einweisen lassen. Kannst Du bitte meine Großeltern benachrichtigen? Danach brauchst Du mich nie wiedersehen, wenn Du nicht willst!“ Ich hätte es besser wissen müssen. Kaum zehn Minuten später stand er auf der Station und wollte mich mitnehmen. Das konnte ich nicht zulassen. Ich wusste, wenn ich jetzt gehe, dann sterbe ich!
Ich blieb also und muss sagen, dass das die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte.
Ich blieb nur eine Nacht auf der Geschlossenen und wurde am nächsten Tag auf eine offene Station verlegt, wo ich solange bleiben sollte, bis eine Diagnose gestellt war. Die Diagnose lautete Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ich war erleichtert, dass ich endlich wusste, was mit mir los ist. Während der Therapie lernte R. endlich meine Eltern kennen und siehe da, sie verstanden sich blendend. R. war so oft bei mir, wie es seine Arbeitsstelle zuließ, besorgte mir Zigaretten, Lesestoff und versuchte ganz allgemein mir das Leben leichter zu machen. Ich lernte in der Therapie auch immer sofort auszusprechen, wenn mich was belastete. Und so sprach ich auch meine Mutter darauf an, ob es stimmte, dass ich ihr und meinem Stiefvater nur im Weg wäre und er mich nicht lieben würde. Meine Mutter war sehr verwundert und sagte mir: „ Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr Dein Vater Dich liebt. Egal was für Scheiße Du gebaut hast, wir haben Dich immer geliebt und Du warst uns niemals im Weg!“