Atatürk: Visionär - Revolutionär - Reformer (Doku, ARTE)

Dieses Thema im Forum "TV-Tipps" wurde erstellt von Bintje, 9 November 2018 um 18:45 Uhr.

  1. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Leider nur noch heute in der Mediathek abrufbar und dann als Wiederholung bei ARTE am Donnerstag, 22. November 2018, um 10.55 Uhr: Ein 52-minütiger Beitrag von 2017 über Atatürk, den "Vater" der modernen Türkei. Morgen, am 10. November, jährt sich sein Todestag.

    Weiteres sowie die Doku findet ihr hier:

    https://www.arte.tv/de/videos/06530...5SIxpXJFKda3Rw3bMgxy64sKvQgkMr7ICNCC1WfGPMOcY

    Gesehen habe ich sie leider noch nicht. Sie soll aber gut sein und nebenbei keineswegs unkritisch.
     
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  2. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Atatürk ist auch der Begründer des türkischen Nationalismus.
    Der Nationalstaat war damals, als große Teile Europas noch monarchisch regiert wurden, durchaus etwas sehr Modernes, nicht nur im osmanischen Reich. Die Nation an der Stelle von Gottesgnadentum. Doch der demokratische Gedanke war noch nicht wirklich entwickelt. Weder im prosperierenden Kontinental- oder Südeuropa, noch im Habsburger oder dem angrenzenden osmanischen Reich. Und so ganz hat die Demokratie immer noch nicht Fuß gefasst. Anders lassen sich die Zugewinne der extremen Rechten in Europa nicht erklären. Ich zähle die Türkei ausdrücklich mit zu Europa.
     
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  3. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Was, denke ich, die Grundsatzfrage ist. Unabhängig von Erdogan, und unabhängig davon, wann die EU fähig ist, weitere Staaten zu integrieren. Jenseits der Tagespolitik ist das eine beinahe dogmatische Frage. Natürlich die Frage, ob Atatürk die Weichen gelegt hat für eine Europäisierung der Türkei (lateinisches Alphabet! Was ja schlagartig viele Türken zu Analphabeten machte!), oder ob das letztlich ein Irrtum war.
     
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  4. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Jetzt habe ich die Doku gesehen. Was soll ich sagen? Prima fand ich, dass sie als Historiker u.a. Klaus Kreiser, İpek Çalışlar und İlber Ortaylı dafür gewonnen hatten. Ansonsten war sie kürzer als geglaubt und weniger detailreich als erhofft. Mag zugegeben dem Umstand geschuldet sein, dass ich die Bücher von Kreiser und Çalışlar gelesen habe und mir vor dem Hintergrund gewünscht hätte, dass der eine oder andere Aspekt noch vertieft worden wäre. Mir fehlten zum Beispiel die Istanbul-Prozesse gegen die Jungtürken, obwohl das bestimmt in irgendeinem Nebensatz erwähnt wurde, und die engen Verflechtungen des Deutschen Reichs mit deren Anführern hätte ich gern ausgiebiger und nicht nur schlaglichtartig beleuchtet gewusst (wegen der deutschen Mitschuld bezüglich der Armenier). Und was Latife Uşşaki betraf, Latife Hanim, wirkten sowohl die Darstellung als auch die Aussagen ihrer Biographin İpek Çalışlar auf mich seltsam flach. Ihre Rolle war zumindest laut der Biographie, für die Çalışlar extra Osmanisch gelernt hat, um alte Quellen auszuwerten, eindeutig stärker, als es in dem Film aufscheint.

    Aber vielleicht muss ich das Ganze einfach nur überschlafen und bei Gelegenheit nochmal anschauen, bevor ich das hier in so 'ner Schnell-Review abspule. In 52 Minuten kann man ja auch tatsächlich nicht so viel reinpacken. ; )

    Was nochmal sehr deutlich wurde: die stürmische Geschwindigkeit und Energie, mit der Atatürk die Türkei als Republik zusammengeschmiedet und von Grund auf verändert hat. Dass viele Menschen da nicht mithalten konnten und er selbst auch kein Heiliger war, ist zwar mehr oder minder bekannt, aber die jetzigen Entwicklungen in der Türkei nur daraus abzuleiten, dass er die Menschen mit dem Tempo seiner Reformen quasi überrollt hat, fand ich etwas gewagt. Zumindest so kam es bei mir an. Sicherlich spielt das auch eine Rolle, klar; die Interpretation liegt auf der Hand, wenn das historische Pendel zurückschwingt. Aber die Gründe für die jetzigen Entwicklungen fast 100 Jahre später noch bei Atatürk zu suchen und nicht bei denen, die seine Verdienste allzu gern vergessen machen würden, finde ich zu kurz gesprungen.
     
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  5. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Ich finde in diesem Zusammenhang Macronns These richtig, dass Patriotismus das Gegenteil von Nationalismus sei.
    Habermas sprach mal von Verfassungspatriotismus versus Nationalismus.
    Aber soweit war der Diskurs noch nicht zu Zeit Atatürks.
    Ich glaube, dass ich mit @beren schon mal darüber gesprochen habe, dass die CHP und vermutlich die anderen türkischen Parteien noch viel stärker, den Schritt zum Verfassungspatriotismus noch nicht vollendet haben.
    Durch die großen Verfassungsänderungen seit Erdogan, ist dieser Schritt ja nun auch verstellt.
    Aber vielleicht hat sich das neue Modell der Entsäkularisation ja auch schon überholt. Die neue Bedeutung der religiösen Rechten hat der türkischen Wirtschaft nämlich nicht gutgetan.
     
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  6. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Nein, das war er nicht, und bei etlichen Leuten ist das auch heute noch nicht der Fall. Trumps Miene, als Macron seine These ausführte, sprach Bände; er schaute so grimmig, als habe er auf eine Zitrone gebissen. Der Mann steht m.E. stellvertretend für die Renaissance des Nationalismus nicht nur in USA, sondern weltweit.
    In der Türkei war der Nationalismus sowieso nie verschwunden, im Gegenteil.

    Wer mag, kann die obige ZDF-Doku, die leider erst am 22.11. wieder gezeigt wird und bei ARTE nur sieben Tage in der Mediathek ist, mal mit einer aus Frankreich vergleichen:
    "Mustafa Kemal Atatürk - Die Geburt einer Republik".
    Viele werden sie vermutlich längst kennen, aber ich finde die andere Herangehensweise interessant.



    Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung beziehungsweise Erstausstrahlung im Jahre 2005 war der Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs unverändert in Kraft. Auf dieser Grundlage wurde Intellektuellen wie Hrant Dink und Orhan Pamuk wegen Beleidigung des Türkentums der Prozess gemacht. 2008 wurde der Paragraph geändert - was weithin als Liberalisierung verkauft oder interpretiert wurde - und der Begriff des "Türkentums" durch "türkische Nation" ersetzt. Da haben wir ihn wieder, den Begriff der Nation, auch wenn die eher schwammige Umschreibung des Türkentums nun deutlich konkreter gefasst war. Außerdem mussten Staatsanwälte ein Verfahren nach §301 danach vom Justizministerium in Ankara genehmigen lassen: Meines Erachtens angesichts der Verhältnisse gehupft wie gesprungen. Aber solche Verschiebungen oder Veränderungen sollte man vielleicht im Hinterkopf haben. ; )
     
    Zuletzt bearbeitet: 11 November 2018 um 20:52 Uhr
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  7. beren
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    Ich bin mal so frei:



    Geht auch ohne Mediathek.
     
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  8. postaci
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    Ich fand die Dokumentation auch sehr interessant. Insgesamt auch mit einer guten Balance zwischen positiven und negativen Aspekten. Ich habe es nicht so verstanden, dass die heutigen Verhältnisse durch Atatürks Poltik begründet sind, wahrscheinlich eher dadurch, dass die Poltiker nach ihm nicht dafür gesorgt haben, die gesamte Gesellschaft mitzuziehen.
     
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  9. Almancali
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    Almancali Well-Known Member

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    Die Türkei hat gerade in den letzten 1-2 Dekaden einen massiven Bevölkerungszuwachs erhalten. Alles was diese sehr jungen Menschen kannten war die konservative Regierung unter AKP und Erdogan. Viel Manipulation und Stimmenkauf in der unteren Bevölkerungsschicht. Einfache Indoktrination der selbigen Bevölkerungsschicht. Irgendwann kippte dann das Verhältnis zwischen konservative Türken vs. europäische Türken.
     
  10. beren
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    beren Well-Known Member

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